Alle Beiträge von lowerclassmag

Der Kampf geht weiter, Zeki Heval

Am 15. August ermordete die türkische Luftwaffe im Irak einen langjährigen Kämpfer der kurdischen Befreiungsbewegung. Schon sein Begräbnis zeigt: Man kann einen Revolutionär töten, aber nicht die Revolution.

In Gedenken an Şehid Zekî Şengalî

Als wir am 18. August 2018 in unsere Autos steigen, steht die Sonne am Himmel Rojavas noch niedrig. Die Straßen der nordostsyrischen Kleinstadt Derik sind belebt. Hunderte Menschen haben sich auf den Weg gemacht, um dem am 15. August 2018 von der Türkei Zekî Şengalî auf seinem Weg in die Şengal-Berge zu begleiten.

Unser erster Anlaufpunkt ist das Volkskrankenhaus in Derik. Bei unserer Ankunft warten bereits viele Menschen in der Krankenhauseinfahrt, um den Sarg zu begleiten. An den bunten Kleidern und Westen sehen wir hundertfach das Gesicht des Genossen Zekî. Mit der Parole „ Şehid namirin“ wird der Sarg aus dem Krankenhaus in einen Transporter verladen. Der Kampf geht weiter, Zeki Heval weiterlesen

Der Fremdkörper

Die Debatte um #MeTwo, bei der, angeregt durch die Debatte unter dem Hashtag Metoo, alle Arten und Formen von Rassismus diskutiert werden, hat mich zum Nachdenken gebracht. Natürlich könnte ich Tweets schreiben, die davon handeln, welche Formen von Alltagsrassismus ich in Deutschland erlebt habe, seitdem ich hier bin. Aber dann müsste ich erst einmal darüber nachdenken, warum ich überhaupt hier bin. Der Fremdkörper weiterlesen

»Ich bin in die Berge gegangen, um neu anzufangen«

Eine deutsche Internationalistin in der PKK. Interview mit Heval Delia

Auf seiner Reise nach Rojava traf LCM-Reporter Bernd Machielski die deutsche Internationalistin Delia, die sich vor einem Jahr der Arbeiterpartei-Kurdistans (PKK) angeschloßen hat. Ein Gespräch über ihre Beweggründe und die Linke in der BRD.

Du hast dich heute vor genau einem Jahr der Arbeiterpartei-Kurdistans (PKK) angeschlossen. Was war damals deine Motivation, diesen Schritt zu gehen?

Ich bin vor einem Jahr nach Rojava gegangen, dort an einer Bildung teilgenommen und mich im Anschluss relativ schnell entschieden, dass ich mehr von der Revolution sehen möchte. Für mich hat es damals nicht ausgereicht, in Rojava zu sein, mein Wissen einzubringen und zu lernen. Ich wollte lernen, wie die Partei entstanden ist. Die Frage ließ mich nicht los: „Wie konnte in Rojava der Boden für einen Neuaufbau der Gesellschaft, auf der Basis kommunaler Organisierung und Verwaltung entstehen?“ »Ich bin in die Berge gegangen, um neu anzufangen« weiterlesen

Die Revolution aufbauen, wo wir leben

Widerstand macht stark: Das kurdische Flüchtlingscamp Maxmur im System des Demokratischen Konföderalismus

Seit drei Wochen halten wir uns in Maxmur auf, einem kurdischen Flüchtlingscamp im Nordirak. Seit 1998 leben hier ca. 12.000 Menschen, seit 2005 verwalten sie sich nach dem System des Demokratischen Konföderalismus in Räten und Kommunen selbst. Viele der Menschen hier haben keinen Pass und damit keinen Status. Sie haben kaum Möglichkeiten, außerhalb des Camps Arbeit oder Anerkennung zu finden, die meisten haben eine Geschichte hinter sich, die an vielen Stellen unvorstellbar klingt und unerträglich grausam ist.

Auf der Flucht vor der türkischen Regierung, die Anfang der 1990er-Jahre ihre Dörfer nieder brannte und der Bevölkerung mit Vernichtung drohte, viele Menschen tötete, sind die Familien über sieben andere Camps vor 20 Jahren in Maxmur, einem damals kahlen Ort am Hang eines Berges in der Wüste, angekommen.

Und auch nach all der Zeit und aus der Ferne geht die Bedrohung durch den türkischen Staat weiter, 12 Kilometer entfernt halten Daesh-Kämpfer Dörfer und weder UN noch irakische Zentral- oder kurdische Autonomieregierung sind eine Unterstützung – eher im Gegenteil. Die Revolution aufbauen, wo wir leben weiterlesen

Die Illusion der linken Forschung

Im Zuge des neu aufkommenden Interesses an der Organisation linker Theorie und Praxis, rücken Themen möglicher Selbstorganisierungsprozesse, Stadtteilarbeit und Interventionsstrategien wieder in den Fokus linker Debattenbeiträge.
In diesem Kontext erschienen auch hier im LCM einige Artikel zur Situation und zu Perspektiven linker Akademiker*innen. Sowohl Zeitpunkt, Ort als auch den Gegenstand der Analysen halten wir für angebracht und wichtig. Es scheint tatsächlich der Fall zu sein, dass sich ein Großteil der Menschen, die sich in Nordwest-Europa als links, linksradikal (oder irgendein anderes Label) verstehen, in einem akademischen Milieu befinden oder es zu irgendeinem Zeitpunkt durchlaufen haben. Wie diese Personen aber mit ihrem Dasein in der Universität/Hochschule umgehen und welche Perspektiven sie jenseits ihres Studiums haben ist Bestandteil der vorhergehenden Debattenbeiträge und soll auch den Kern dieses Artikels bilden. Er ist im ersten Teil relativ abstrakt, leitet dann aber konkrete Schlussfolgerungen für linke Akademiker*innen her. Die Illusion der linken Forschung weiterlesen

„Seehofer steht nicht für Humanität“

Diana Henniges ist Gründungsmitglied und Vereinsvorstand von „Moabit Hilft e.V.“, einer 2013 gegründeten, gemeinnützigen Bürgerinitiative, die sich für Geflüchtete einsetzt. Sie organisieren Bewerbungstrainings und Deutschunterricht, bereiten auf Amtstermine vor und sind laut, wenn es darum geht, die Rechte Geflüchteter zu verteidigen. Seit 2015 hilft Moabit Hilft e.V. auch direkt auf dem Gelände des Landesamts für Gesundheit und Soziales (LaGeSo).
„Seehofer steht nicht für Humanität“ weiterlesen

Trauben und Bomben

Internationalist*innen auf dem Weg nach Rojava: Ein Zwischenstopp im Kandilgebirge, wo der Luftkrieg der Türkei gegen die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) tobt.

Anfang Juli sind wir – einige Internationalist*innen aus Deutschland – nach Nordsyrien aufgebrochen. Unsere Reise nach Rojava verzögerte sich allerdings, wie das häufig üblich ist, auf unbestimmte Zeit, da der Grenzübergang aus dem Nordirak schwieriger war als erwartet. Anstatt im Hotel zu versauern und das Leben frustrierter Tourist*innen, zwischen Klimaanlage und Coca-Cola zu fristen, entschieden wir, an einer Aktion der Jugend von Basur (Südkurdistan) in den Kandilbergen teilzunehmen. Seit dem faktischen Einmarsch der Türkei in den Nordirak und der kontinuierliche Bombardierung der grenznahen Gebirgsregionen, die als »Hauptquartier« der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gelten, durch die türkische Luftwaffe ist der Widerstand der Zivilbevölkerung in Basur stärker geworden. Trauben und Bomben weiterlesen

„Wir wollen hier weder israelische Besatzung noch Hamas“

In einem Dorf im Westjordanland diskutieren palästinensische und israelische Linke gemeinsam mit Internationalist*innen aus Europa und Kurdistan über Perspektiven des Widerstandes

Auf den Äckern von Farkha tummeln sich Menschen aus verschiedenen Ländern, aus Portugal, aus Italien, Kurdistan und Deutschland. Die Internationalist*innen schwitzen, sie sind dabei Steinmauern zu bauen, damit die Gartenterrassen nicht abrutschen. Farkha, das ist ein kleiner Ort in der Nähe von Ramallah, der De-FactoHauptstadt des Westjordanlandes in Palästina. Einer Region die seit Jahrzehnten umkämpft ist und die immer stärker von israelischen Siedlungen, Militärzonen und Grenzanlagen zerrissen wird. Vom höchsten Punkt in Farkha aus reicht der Blick bis zu den Silhouetten der Wolkenkratzer von Tel Aviv. Davor erstrecken sich weitläufige Hügelketten. Es ist eine idyllische Landschaft, hier ein Dorf, dort ein Olivenhain. Doch es ist auch ein zerrissenes Land, von den Dächern von Farkha aus sieht man auch die Lichter von den Landstraßen, die sich durch das Westjordanland schlängeln. Viele von ihnen dürfen von Palästinensern nicht benutzt werden, sondern nur von den jüdisch-israelischen Siedlern. „Wir wollen hier weder israelische Besatzung noch Hamas“ weiterlesen

Du bist kein Deutscher und wirst nie einer sein

Die Debatte um Mesut Özil dreht sich um mehr als den Diktatoren-Faible eines Fußballers: Sie zerbricht die Illusion, dass wir Migrant*innen hier irgendwann und irgendwie doch „dazugehören“ können.

In den letzten Tagen scheint die bundesdeutsche Öffentlichkeit nichts so sehr zu beschäftigen wie die Özil-Affäre. Ist es Rassismus oder hat Özil Deutschland verraten? Haben wir sein Herz gebrochen oder kann der Junge sich nicht benehmen? Mesut, 1988 in Gelsenkirchen geboren, erfolgreicher deutscher Fußballspieler und „wir waren Weltmeister“ – 2014 in Brasilien; die gute alte Zeit, in der zu dem besagten „wir“ neben Jürgen und Detlef auch Ali und Mustafa irgendwie gehören sollten, so zumindest die recht optimistische – um nicht zu sagen, heuchlerische – liberale Interpretation des WM-Kaders, in dem Mesut, Sami, Miroslav und Jérôme mit Matthias, Philipp und Thomas Seite an Seite standen. Du bist kein Deutscher und wirst nie einer sein weiterlesen

Die globale Perspektive

Ohne Klassenanalyse und Antimilitarismus geht‘s nicht: Zur Debatte um Flucht/Migration (Teil 2/2)

Beginnen wir mit der guten Nachricht: Seit Jahren gibt es einen mobilisierbaren Teil der sogenannten Zivilgesellschaft, der gegen die Drangsalierung von Geflüchteten auf die Straße geht. Von der »Willkommenskultur«-Phase 2015 bis zu den aktuellen #Seebrücke-Demonstrationen haben sich Hunderttausende auf der Straße und in sozialen Medien für einen humaneren Umgang mit Refugees ausgesprochen. Im Hinblick auf das Tempo, mit dem sich die politische Landschaft der Bundesrepublik nach rechts bewegt, ist das nicht nix. Die globale Perspektive weiterlesen