Alle Beiträge von lowerclassmag

Argentiniens kämpfende Werftarbeiter*innen

Argentinien: Inmitten neoliberaler Angriffe auf die Arbeiter*innenklasse zeigt sich auch, dass der gut organisierte Widerstand siegreich sein kann.

Die Rio Santiago Werft nahe der Hauptstadt Buenos Aires besitzt eine lange Kampftradition. In den 1990er-Jahren, als viele Betriebe unter dem neoliberalen Präsidenten Carlos Menem privatisiert wurden, hielt diese Werft stand und ist bis heute ein staatlicher Betrieb. Die zutiefst arbeiter*innenfeindliche Politik von Menem entlud sich Anfang der 2000er Jahre. Das wirtschaftliche Desaster führte im Dezember 2001 zu einem landesweitem Aufstand mit 28 Toten, der Zusammenbruch des Staates nahe war. Argentiniens kämpfende Werftarbeiter*innen weiterlesen

Tal der Militanten

Die seit über einem Jahrzehnt andauernde NO-TAV-Bewegung gegen den Bau einer Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke durch das norditalienische Susa-Tal ist ein Lehrstück für revolutionäre Linke.

Die Septembersonne scheint zwischen den am Horizont sichtbaren Bergspitzen auf die steil ins Tal abfallenden Felswände. Ein Hund kratzt sich am Ohr, im Schatten eines Baumes genießt ein alter Mann seine Zigarette und auf Bierbänken sitzen vierzig, vielleicht fünfzig Menschen zusammen. Junge, alte und die dazwischen. Sie essen hausgemachten Käse, Pasta und Weißbrot, trinken Rotwein oder Wasser und tratschen. Man spricht über eine rare Schmetterlingsart, die vor kurzem im Susa-Tal entdeckt wurde. Und natürlich über das Schandmal des Tales: Die Baustelle zur Errichtung einer Schnellzugstrecke zwischen dem französischen Lyon und dem nahegelegenen Turin.

Im Tal zwischen Susa und Venaus will keiner den Treno ad Alta Velocità, TAV. Und mit Ausdauer und Entschlossenheit stemmt sich die Bevölkerung zusammen mit militanten Linken seit mehr als einem Jahrzehnt gegen die Realisierung des milliardenschweren Bauvorhabens. Dabei geht es nicht nur um den Kampf gegen die Zerstörung der intakten Natur des Tales sowie die drastischen Eingriffe in den Lebensalltag der Anwohner durch das Milliardenprojekt. Von Anfang an spielte auch die Frage nach der demokratischen Legitimation eine Rolle: Ein Projekt für den Profit weniger, gehasst von der lokalen Bevölkerung, wird dennoch durch eine korrupte Regierung vorangetrieben.

Fabrikkämpfe und autonome Militante

Der NO-TAV-Kampf weist dabei viele Besonderheiten auf, die für eine revolutionäre Linke, die verankert sein will in Alltagskämpfen weit über die Region hinaus interessant sein können. „Die Bewegung ist insofern beispielhaft“, erklärt Francesco vom Turiner Sozialen Zentrum „Askatasuna“, „als es dem Staat nie gelungen ist, die verschiedenen Teile der Bewegung zu spalten, etwa entlang der Gewaltfrage.“ Dabei ist ihre Zusammensetzung äußerst divers: Von zuvor unpolitischen Dorfbewohnern über Umweltaktivisten über gläubige Christen und autonome Jugendliche bis zu ehemaligen Kadern aus dem bewaffneten Kampf der 1970er-Jahre. Tal der Militanten weiterlesen

Die Kurden – Eine Leseprobe

Heute erscheint das neue Buch von Kerem Schamberger und Michael MeyenDie Kurden. Ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion“ Diese kleine Leseprobe aus dem zweiten Kapitel gibt einen ersten Eindruck in das wirklich lesenswerte Werk der beiden Autoren.

„Die kurdische Frage, von Duisburg aus gesehen“

Geschichte als Geografie

Vorher ist etwas zu Kurdistan zu sagen, zu einem Wort, das nach

Staat klingt (Afghanistan! Turkmenistan!) und doch nie für einen
Staat stand und auch die Geografen eher zu verwirren scheint.
Die Landkarten jedenfalls, die Google auswirft, sehen alle irgendwie
verschieden aus. Mal gibt es ein Stück Mittelmeer-Küste und
mal nicht, mal ist etwas mehr von der Türkei weg und mal etwas
weniger. Karl May ließ seine Helden Kara Ben Nemsi und Hadschi
Halef Omar »durchs wilde Kurdistan« reisen und mit den Jesiden
gegen die Türken kämpfen, aber das gehört eher in die Kategorie
Dinosaurier und magisches Baumhaus. Sicher ist: Eine »Region
oder Landschaft« mit dem Namen Kurdistan gibt es seit etwa eintausend Jahren. Die Perser hatten eine Provinz, die so hieß, und
die Osmanen auch.
Die Kurden – Eine Leseprobe weiterlesen

Mein Freund Mahir

In Gedenken an Mahir Serhat, ermordet am 15. August 2018 durch die Luftwaffe der Türkei

Irgendwann vor einigen Wochen wird eine Delegation von türkischen Anzug- und Uniformträgern auf eine Delegation von amerikanischen Anzug- und Uniformträgern getroffen sein. Man wird verhandelt haben. Es wird Dissens in einigen Fragen, Übereinstimmungen in einigen anderen zwischen den Vertretern der beiden Nato-Staaten gegeben haben. Die türkische Seite wird einiges gefordert haben, die amerikanische einiges gegeben, um die angeknacksten Beziehungen am Laufen zu halten. Eine der zahllosen Geheimdienstagenturen Washingtons wird dann die Koordinaten geliefert haben. Irgendwo in Ankara wird man die Koordinaten weitergeleitet haben an die Luftwaffe. Die USA, die den irakischen Luftraum kontrollieren, werden vor dem Abfliegen der Drohnen und Jets informiert worden sein. Mein Freund Mahir weiterlesen

»Teilweise werden sogar verfeindete Seiten beliefert«

Rheinmetall ist ein Aushängeschild der deutschen Waffenindustrie. Rund um den Antikriegstag am 1. September wollen Antimilitarist*innen den Konzern an seinem Sitz im niedersächsischen Unterlüß besuchen. Ein Gespräch mit den Organisator*innen.

Ihr ruft rund um den Antikriegstag am 1. November dazu auf, ins niedersächsische Unterlüß zu kommen. Dort hat der Waffenkonzern Rheinmetall seinen Sitz. Was werft ihr dem Unternehmen vor?

Rheinmetall und alle anderen Waffenproduzenten profitieren mit ihrem Geschäft von Krieg und Zerstörung in aller Welt. Und schlimmer noch, mit ihren Waffenverkäufen werden Konflikte angestachelt. Es werden Möglichkeiten geschaffen, Interessen mit Waffengewalt durchzusetzen und Menschen zu unterdrücken. Denn Waffen sind zum Töten da und in Kriegen sind Zivilist*innen die größten Leidtragenden und Opfer. Bei Waffenexporten gibt es keine Moral und keine Regeln.

Die wenigen Gesetze, die in Deutschland existieren, werden von Unternehmen wie Rheinmetall durch Tochterfirmen im Ausland – zum Beispiel auf Sardinien oder in Südafrika – umgangen. So exportieren sie munter in Krisenländer und Kriegsgebiete. Teilweise werden sogar verfeindete Seiten beliefert. »Teilweise werden sogar verfeindete Seiten beliefert« weiterlesen

Alles andere als harmlos

Wer in dieser Gesellschaft nicht irgendwann mal ausrastet, der ist nicht normal. Diese Abwandlung eines alten Spontispruchs hat heute mehr denn je Gültigkeit. Wer aber ausrastet, über den kommt der Polizeistaat. Mit zunehmender Härte und Brutalität. In Norddeutschland sind jetzt innerhalb von drei Tagen zwei offensichtlich psychisch kranke Menschen ums Leben gebracht worden – nach dem Einsatz von Pfefferspray durch Polizeibeamte. Auch wenn denen juristisch und vielleicht sogar persönlich nicht viel vorzuwerfen ist – hier lässt sich ein anderer Satz, aus einem anderen Fall bekannt, zitieren: Das war Mord! Alles andere als harmlos weiterlesen

Der AfD-Pegida-Polizei-Komplex

Viele Staatsgläubige sind entsetzt, dass ein LKA-Mitarbeiter bei einer PEGIDA-Demo mitläuft und Journalisten beschimpft. Er ist nicht irgendein LKA-Mitarbeiter, sondern soll laut MDR-Recherchen Buchprüfer bei Ermittlungen in schweren Straftaten sein. Damit habe er Zugriff auf das polizeiliche Erfassungssystem, in dem alle Ermittlungsvorgänge eingespeist werden. Damit nicht genug: Er soll auch Zugriff auf das Zentrale Ausländerregister haben. Der AfD-Pegida-Polizei-Komplex weiterlesen

Der Kampf geht weiter, Zeki Heval

Am 15. August ermordete die türkische Luftwaffe im Irak einen langjährigen Kämpfer der kurdischen Befreiungsbewegung. Schon sein Begräbnis zeigt: Man kann einen Revolutionär töten, aber nicht die Revolution.

In Gedenken an Şehid Zekî Şengalî

Als wir am 18. August 2018 in unsere Autos steigen, steht die Sonne am Himmel Rojavas noch niedrig. Die Straßen der nordostsyrischen Kleinstadt Derik sind belebt. Hunderte Menschen haben sich auf den Weg gemacht, um dem am 15. August 2018 von der Türkei Zekî Şengalî auf seinem Weg in die Şengal-Berge zu begleiten.

Unser erster Anlaufpunkt ist das Volkskrankenhaus in Derik. Bei unserer Ankunft warten bereits viele Menschen in der Krankenhauseinfahrt, um den Sarg zu begleiten. An den bunten Kleidern und Westen sehen wir hundertfach das Gesicht des Genossen Zekî. Mit der Parole „ Şehid namirin“ wird der Sarg aus dem Krankenhaus in einen Transporter verladen. Der Kampf geht weiter, Zeki Heval weiterlesen

Der Fremdkörper

Die Debatte um #MeTwo, bei der, angeregt durch die Debatte unter dem Hashtag Metoo, alle Arten und Formen von Rassismus diskutiert werden, hat mich zum Nachdenken gebracht. Natürlich könnte ich Tweets schreiben, die davon handeln, welche Formen von Alltagsrassismus ich in Deutschland erlebt habe, seitdem ich hier bin. Aber dann müsste ich erst einmal darüber nachdenken, warum ich überhaupt hier bin. Der Fremdkörper weiterlesen

»Ich bin in die Berge gegangen, um neu anzufangen«

Eine deutsche Internationalistin in der PKK. Interview mit Heval Delia

Auf seiner Reise nach Rojava traf LCM-Reporter Bernd Machielski die deutsche Internationalistin Delia, die sich vor einem Jahr der Arbeiterpartei-Kurdistans (PKK) angeschloßen hat. Ein Gespräch über ihre Beweggründe und die Linke in der BRD.

Du hast dich heute vor genau einem Jahr der Arbeiterpartei-Kurdistans (PKK) angeschlossen. Was war damals deine Motivation, diesen Schritt zu gehen?

Ich bin vor einem Jahr nach Rojava gegangen, dort an einer Bildung teilgenommen und mich im Anschluss relativ schnell entschieden, dass ich mehr von der Revolution sehen möchte. Für mich hat es damals nicht ausgereicht, in Rojava zu sein, mein Wissen einzubringen und zu lernen. Ich wollte lernen, wie die Partei entstanden ist. Die Frage ließ mich nicht los: „Wie konnte in Rojava der Boden für einen Neuaufbau der Gesellschaft, auf der Basis kommunaler Organisierung und Verwaltung entstehen?“ »Ich bin in die Berge gegangen, um neu anzufangen« weiterlesen