(Teil 1): Die Entwicklung der F-Skala zur Untersuchung des potentiell faschistischen Individuums
„Die Erfahrung aber und die Geschichte lehren, ist dieses, daß Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben.“ resümiert Hegel in seinen Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte über das Verhältnis der gegenwärtigen Praxis zur eigenen Vergangenheit. Das gilt nicht nur für jenen Teil der Gesellschaft, der sein Glück nun wieder in der Hingabe an die deutsche Volksgemeinschaft zu suchen scheint, sondern lässt sich auch an den Reaktionen der bürgerlichen Öffentlichkeit beobachten, die einmal mehr nicht verstehen kann, warum um alles in der Welt nun schon wieder der Faschismus um die Ecke kommt. Die AFD scheint plötzlich vom Himmel gefallen zu sein und bedroht nun unsere demokratische Gesellschaft, in der doch bisher im Groben und Ganzen immer alles gut lief. Monchi, der Sänger einer Punk-Band, erinnert die deutsche Bevölkerung daran, dass wir schließlich nicht in Bangladesch leben, während Friedrich Merz darüber sinniert, wie er die Menschen emotional besser mitnehmen könnte, wenn er ihren Lebensstandard dem von Bangladesch annähert. Insgeheim haben sich längst alle politischen Akteure darauf geeinigt, dass die Geflüchteten selbst das ursächliche „Problem“ sind und die Lösung scheint nun darin zu bestehen, die rassistischen Forderungen der AFD einfach selbst umzusetzen. Zwischen Olaf Scholz‘ Ankündigung im Jahr 2023, nun endlich im großen Stil abzuschieben, bis zum Wahlslogan der AFD – „Wir werden abschieben, bis die Startbahn glüht.“ -, der ihr zum Wahlsieg verhalf, passt kaum ein Blatt Papier. „Migration steuern, bevor es die Falschen tun.“ brachte die FDP diese Politik in ihrem Europawahlkampf 2024 sehr prägnant auf den Punkt, die kaum deutlicher machen könnte, dass die qualitative Differenz zwischen Faschismus und bürgerlicher Gesellschaft relativ ist – die Faschisierung ist ein Prozess. „Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch.“, heißt es dazu in einem Theaterstück von Bertolt Brecht. Die umfassendste Untersuchung zum sozialpsychologischen Schoß des Faschismus in der bürgerlichen Gesellschaft sind wohl die Studien zum autoritären Charakter, die als Reaktion auf den deutschen Nationalsozialismus in den USA durchgeführt wurden. Kein Weg führt an ihnen vorbei, wenn wir das sozialpsychologische Fundament unserer Gegenwart wirklich begreifen wollen.
Die Studien zum autoritären Charakter
Die Studien zum autoritären Charakter sind in ihrer Systematik ein Meisterwerk dialektischen Denkens, das einen bei der Lektüre verstehen lässt, was es bedeutet, einen Gegenstand analytisch zu erfassen, anstatt bei einer oberflächlichen Betrachtung zu verweilen. Sie heben sich in ihrer systematischen Ausarbeitung auch von den sonstigen Schriften Adornos zur Psychoanalyse ab, in denen er sonst oft recht eklektisch auf die Schriften Freuds Bezug nimmt. Das mag vor allem der Zusammenarbeit mit den drei weiteren Autoren der Studie geschuldet sein, deren Mitwirkung an der Studie in der heutigen Rezeption meist unter den Tisch fällt. Die Studien wurden unter der Leitung von Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson, R. Nevitt Sanford und Theodor W. Adorno in einem mehrstufigen Verfahren, das Fragebögen, empirische Erhebungen, ausführliche Interviews und psychoanalytische Deutungsverfahren miteinander verknüpfte, zwischen 1944 und 1949 in Kalifornien durchgeführt. Entgegen eines sehr weit verbreiteten Vorurteils gegenüber dem Konzept des „autoritären Charakters“ geht es in den Studien ebenso wenig wie bei Reich oder Fromm darum, das Bewusstsein der Individuen zum eigentlichen Motor der Geschichte zu erklären. Von einer solchen Psychologisierung grenzen sich die Autoren in der Einleitung unmissverständlich ab: „Man scheint sich heute wohl bewusst, dass es in erster Linie von der Situation der mächtigen ökonomischen Interessengemeinschaften abhängt, ob antidemokratische Propaganda hierzulande eine beherrschende Rolle spielen wird oder nicht, ob jene, mit Vorbedacht oder nicht, sich dieses Instrumentes bedienen, um ihre Machtstellung aufrechtzuerhalten.“ (Adorno et al.) Auch heute dient die Faschisierung der herrschenden Klasse dazu, ihre Interessen gegen einen Großteil der Bevölkerung durchzusetzen. Daran lässt die mächtige ökonomische Interessensgemeinschaft des Silicon Valley, verkörpert von Wahnsinnigen wie Elon Musk und Peter Thiel, nicht den geringsten Zweifel. Dass die Studien sich auf die Analyse der individuellen Psychologie beschränken, um zu erklären, wie der Faschismus zum Massenphänomen werden konnte, heißt nicht, dass die vorrangige Bedeutung der in der Geschichte wirkenden Kräfte geleugnet wird.
Ein weiteres Missverständnis, das über lange Zeit vor allem in der antideutschen Rezeption kultiviert wurde, liegt in der Einengung des Untersuchungsgegenstandes der Studien auf die Frage des Antisemitismus. Das Forschungsinteresse gilt „dem potentiell faschistische[n] Individuum, ein Individuum, dessen Struktur es besonders empfänglich für antidemokratische Propaganda macht“ (Adorno et al.). Es geht in den Studien also nicht darum, lediglich jene Personen zu untersuchen, die offen antisemitische Positionen vertreten, sondern darum, die Aspekte der Charakterstruktur zu begreifen, die Individuen empfänglich für faschistische Positionen machen, die in einer feindseligen Haltung gegenüber allen Minderheiten ihren Ausdruck findet. Es geht um die Untersuchung des fremdenfeindlichen Subjekts, dessen Objekt über den Verlauf der Geschichte variabel ist. „Die Bereitschaft, feindselige Äußerungen gegenüber Minoritäten zu akzeptieren, kann sehr wohl als mehr oder weniger einheitlicher Zug angesehen werden.“ (Adorno et al.) Auch rassistische Ideologien haben einen Zeitkern. Da die Untersuchungen in den 40er Jahren durchgeführt wurden, nimmt der Antisemitismus natürlich eine zentrale Rolle in den Studien ein. Auch der Ort der Befragungen ist ein spezifischer. Da die Untersuchungen an einer US-amerikanischen Population durchgeführt wurden, ist die Frage des Antisemitismus eng mit der Frage nach der Aufnahme von Geflüchteten verknüpft. Die ablehnende Haltung gegenüber jüdischen Geflüchteten, die von vielen Beteiligten geäußert wurde, war dabei durchaus in Einklang mit der US-amerikanischen Einwanderungspolitik. Nach Angaben des US-Holocaust Memorial Museum wurde hunderttausenden jüdischen Menschen während des Nationalsozialismus die Einreise in die USA verweigert. Ein großer Teil von ihnen wurde später in deutschen Konzentrationslagern ermordet. „Migration steuern“ würden wir diese US-amerikanische Praxis heute wohl nennen.
Die Methode der Studie
Die Autoren der Studie gingen in ihren Untersuchungen davon aus, dass autoritäre Charakterzüge in der US-amerikanischen Gesellschaft, entsprechend dem Selbstverständnis einer freiheitlichen Gesellschaft, nur in den wenigsten Fällen durch ein offenes Bekenntnis zu faschistischen Positionen zum Ausdruck kommen. Der Raum dessen, was gesagt werden darf, wird durch das gesellschaftliche Klima abgesteckt, das in den USA der Nachkriegszeit ein anderes war als auf dem letzten Reichsparteitag in Deutschland. Es war daher davon auszugehen, dass die Teilnehmenden sich in ihren Aussagen entsprechend der gesellschaftlichen Konventionen selbst zensieren. Daher „waren spezielle Techniken erforderlich, um Oberflächenmeinungen, -attitüden und -wertvorstellungen beobachten zu können, um ideologische Trends offenzulegen, die nur in indirekten Manifestationen an die Oberfläche gelangen, die im Unbewussten wirkenden Charakterkräfte ans Licht zu bringen.“ (Adorno et al.) Um das „potentiell faschistische Individuum“ zu erfassen, wurde die psychoanalytische Deutung zum essentiellen Instrumentarium der Untersuchung. Dafür wurden zunächst Fragebögen entwickelt, die Antisemitismus, Ethnozentrismus, politisch-wirtschaftlichen Konservatismus erfassen sollten, um den Pool an geeigneten Personen für ausführliche Interviews einzugrenzen.
In klinischen Interviews wurden später Teilnehmer:innen ausgewählt, die auf der Ethnozentrismus-Skala zu den 25 % mit den höchsten und den 25 % mit den niedrigsten Punktwerten gehörten. Diese Interviews wurden mit der Absicht durchgeführt, die Psychodynamik der Teilnehmenden mit stark ausgeprägten autoritären Charakterzügen genauer zu erfassen, die Teilnehmenden mit niedrigen Punktwerten galt daher als geeignetste Vergleichsgruppe. „Das Interview wurde so geführt, dass das erworbene Material Rückschlüsse auf die tieferen Schichten in der Charakterstruktur des Befragten erlaubte.“ (Adorno et al.) Im ideologischen Teil des Interviews sollten die Teilnehmenden dazu bewegt werden, sich möglichst spontan und im freien Gespräch zu Themen wie Politik, Religion, Minderheiten, Einkommen und Beruf zu äußern. Im klinisch-genetischen Teil des Interviews sollte dann genauere Informationen über die gegenwärtige Situation und die Vergangenheit der Teilnehmer:innen erfragt werden. Außerdem erhielten sie die Gelegenheit, sich in freier Darstellung über eigene Gefühle, Wünsche und Ängste, ihre Beziehungen zu Eltern und Mitmenschen sowie über Vorstellungen zur eigenen Kindheit und Umweltbedingungen zu äußern.
Die F-Skala
Aus den Fragebögen und den Interviews wurde schließlich die berühmte F-Skala als Instrument zur Messung des potentiell antidemokratischen Charakters entwickelt. Sie misst die Charakterstruktur, die den Ausprägungen auf der Antisemitismus-, Ethnozentrismus und politisch-wirtschaftlichen Konservatismus-Skala genetisch zugrunde liegt, also auf einer tieferliegenden Ebene der Charakterstruktur zu finden ist. Die Autoren betonen, „dass von einer Charakterstruktur nur insoweit gesprochen werden kann, als die Kohärenz der Skalensätze sich besser auf der Grundlage einer inneren Struktur als auf der äußerer Assoziation erklären lässt.“ (Adorno et al.). Unter Charakter wird dabei „eine mehr oder weniger beständige Organisation von Kräften im Individuum, die in den verschiedenen Situationen dessen Reaktionen und damit weitgehend das konsistente Verhalten – ob verbal oder physisch – bestimmen“ (Adorno et al.) verstanden. Die Charakterstruktur bildet sich in der Kindheit heraus und bleibt im Erwachsenenalter weitgehend resistent gegenüber Veränderungen.
Die F-Skala definiert sich durch insgesamt neun Variablen, mit denen „ein in der Charakterstruktur verborgener Trend“ (Adorno et al.) gemessen werden kann, die einen empirisch eindeutig nachweisbaren Zusammenhang mit der Übernahme antisemitischer, rassistischer und faschistischer Positionen aufweisen. Entsprechend der psychoanalytischen Theorie über die Bedeutung frühkindlicher Erfahrungen, werden diese Charakterzüge durch die familiäre Erziehung und die Erfahrungen mit wichtigen Bezugspersonen im Laufe der Entwicklung des Kindes erworben. Die Autoren knüpfen dabei an die Erkenntnisse der marxistischen Sozialpsychologie zur Familie als „Struktur- und Ideologiefabrik“ (Wilhelm Reich) bzw. „psychologische Agentur der Gesellschaft“ (Erich Fromm) an. Die patriarchale Familienstruktur ist die „Keimzelle des Faschismus“ (Max Horkheimer), in der die autoritären Charakterzüge heranreifen.
Konventionalismus, Anti-Intrazeption, Stereotypie und Aberglaube
Die Weltwahrnehmung des autoritären Charakters ist einfach, der des Kleinkindes verwandt. Er verfügt nur über eine gering ausgebildete Instanz des Gewissens, die in der Lage wäre, nach ausdifferenzierten internen Normen die Realität zu prüfen und ein kritisches Verhältnis zur eigenen Umwelt zu entwickeln. Stattdessen klammert er sich an die konventionellen Normen der Gesellschaft, denen er sich bedingungslos anpasst. Wer davon abweicht, ist ihm verdächtig. „[D]ie am stärksten Angepassten hegen demzufolge die stärksten Vorurteile“ (Adorno et al.) Das ist insbesondere „charakteristisch für den Mittelstand“ (Adorno et al.). Die Beschäftigung mit dem eigenen Gefühlsleben, Emotionen, Phantasien und Sehnsüchten lehnt er ab, da sie die starren Kategorien seiner Wahrnehmung der Welt gefährden könnten. „Daher mag er ‚Neugier‘ nicht, will er nicht wissen, was die Menschen fühlen und denken und lehnt er unnötiges ‚Geschwätz‘ ab.“ (Adorno et al.) Alles Menschliche wird entwertet. In der Forderung, „im großen Stil abschieben“ (Olaf Scholz) zu wollen, wird die Verdinglichung alles Menschlichen zur Manövriermasse deutlich, die für den autoritären Charakter typisch ist. Die AFD und die „bürgerliche Mitte“ streiten derzeit nur noch über die Quantitäten ihrer Remigrationsphantasien, nicht über eine qualitative Differenz in der Frage, wie das zwischenmenschliche Zusammenleben nach moralischen Maßstäben zu organisieren sei. Die mangelnde Fähigkeit, über das eigene Innenleben zu reflektieren, wird oft durch einen Hang zu Stereotypie und Aberglauben kompensiert. „Stereotypie ist eine Form von Beschränktheit besonders in psychologischen und sozialen Fragen.“ (Adorno et al.) Was nicht in dieses Schema passt, muss aus dem Innenleben verdrängt werden und wird oftmals in die Außenwelt projiziert. Im Aberglauben entsteht so „eine Quelle der bizarren Vorstellungen zum Verhalten der anderen und zur Ableitung von Ereignissen aus Naturgegebenheiten.“ (Adorno et al.) Auch heute erfahren äußerst bizarre Vorstellungen von Religion weltweit ein sehr beängstigendes Comeback.
Sexualität, Destruktivität und Zynismus, Projektivität
In den Ergebnissen der Studien wurde deutlich, dass der autoritäre Charakter sich übermäßig mit bestimmten Fragen der Sexualität beschäftigte. Die Variable wird von den Autoren als ich-fremde Sexualität verstanden, die im Prinzip das Gegenteil eines aufgeklärten Verhältnisses zu Sexualität darstellt. „In dem starken Trieb, Übertreter des Sexualkodex zu züchtigen (Homosexuelle, Sittlichkeitsverbrecher) kann sich eine allgemeine Strafsucht äußern, die auf der Identifikation mit Autoritäten der Eigengruppe basiert, die aber auch darauf schließen lässt, dass die eigenen sexuellen Triebe des Individuums unterdrückt werden und in Gefahr sind, seiner Kontrolle zu entgleiten.“ (Adorno et al.)
Die heutige Obsession der Rechten mit den angeblichen Perversionen der queeren Community spricht Bände bezüglich der Aktualität dieses Syndroms. Die Unterdrückung der eigenen Triebbefriedigung führt entsprechend der psychoanalytischen Theorie zu starken aggressiven Impulsen. Diese führen einerseits zu einem zynischen Verhältnis zur Welt, durch die sich der autoritäre Charakter einer gewissen Verantwortung für die Konsequenzen seines Handelns entledigt. Andererseits ist diese Aggression der Ursprung der Destruktivität des menschlichen Handelns, deren Weg unter der autoritären Herrschaft bereitet wird. Was unterdrückt werden muss, wird projiziert. Die Projektion ist „ein Mittel, Es-Triebe ich-fremd zu halten, und kann als Zeichen der Unzulänglichkeit des Ichs betrachtet werden, seine Funktionen zu erfüllen.“ Sie ist der Ursprung jeder genozidalen Politik.
Machtdenken und „Kraftmeierei“, Autoritäre Unterwürfigkeit, Autoritäre Aggression
Die vereinfachte Wahrnehmung der Welt erfolgt für den autoritären Charakter anhand des Prinzips der Macht. „Nach unten treten, nach oben buckeln“ ist die geläufige Charakterisierung seines Verhältnisses zu seinen Mitmenschen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind für ihn durch einen permanenten Kampf um Macht gekennzeichnet und werden „unter Kategorien wie stark – schwach, überlegen – unterlegen, Führer – Gefolgschaft, ‚Hammer und Amboß‘“ (Adorno et al.) betrachtet. So wie er die Macht verehrt, verachtet er die Schwäche. Sein Ich ist bis ins Erwachsenenalter schwach geblieben. Entsprechend den eigenen Erfahrungen mit züchtigenden Erziehungspersonen findet er in Führern und anderen Autoritäten die Möglichkeit, dieses Beziehungsmuster zu wiederholen. So wie einst dem Herrn Papa, kann er sich im Erwachsenenalter daran machen, nun Volk und Führer zu dienen. Die masochistische Unterwerfung wird durch den Sadismus gegenüber den Schwächeren kompensiert. Hierbei geht es, wie die Autoren der Studie betonen, nicht bloß um eine oberflächliche „Suche nach dem Sündenbock“, sondern um eine tieferliegende Dynamik in der Charakterstruktur. „[D]er Theorie der Verdrängung zufolge muss der Autoritäre seine Aggression aus innerer Notwendigkeit gegen die Fremdgruppe richten.“ (Adorno et al.) Da diese Dynamik in der Regel unbewusst bleibt, wird sie durch die moralisch verkümmerte Instanz des Gewissens oberflächlich rationalisiert. „Hat das Individuum erst einmal die Überzeugung gewonnen, dass es Menschen gibt, die bestraft werden sollten, hat es eine Bahn gefunden, in die es seine tiefsten aggressiven Triebe leiten und sich dennoch für durchaus moralisch halten kann.“ (Adorno et al.) Darin besteht der funktionale Charakter der Projektion. Die Deutschen töteten demnach in den Konzentrationslagern keine Unschuldigen, sondern die „Brunnenvergifter“ und „Volksschädlinge“. Soldaten töten in Kriegen keine Kinder, sondern „zukünftige Terroristen“. Die in Deutschland lebenden Afghanen wurden innerhalb weniger Jahre von den zu schützenden Opfern des Taliban-Regimes zu potentiellen „Messermördern“. Die eigenen Aggressionen werden rationalisiert, indem sie auf die Opfer projiziert werden. Die Täter imaginieren sich als die wahren Opfer.
Die Bedeutung der Potenzialität für die innere Dynamik der Faschisierung
Die Erkenntnisse, die sich aus den Studien zum autoritären Charakter ergeben, lassen sich in ihrer Bedeutung für eine Analyse der Faschisierung unserer Zeit kaum überschätzen. In Reaktion auf den Wahlsieg der AFD fanden auf Social Media verschiedene Statistiken Verbreitung, die darauf hinwiesen, dass ein Großteil der Deutschen bis heute nicht die AFD gewählt hat und damit immer noch zum „guten“ Teil der Gesellschaft gehören würde. Abgesehen von dieser recht willkürlichen Bestimmung des „guten“ Teils der Gesellschaft, sollte – und das scheint eine der zentralen Erkenntnisse der Studien zum autoritären Charakter – weniger Anlass zur Beruhigung geben, als wir es uns heute wünschen. Die Verbreitung autoritärer Charakterstrukturen lässt sich weder umfassend daran bemessen, wie viele Menschen eine faschistische Partei wählen, noch daran, wie viele Menschen offen rassistischen Positionen zustimmen. In den Studien zum autoritären Charakter geht es darum, mittels der F-Skala das „potentiell faschistische Individuum“ ausfindig zu machen, also jene Menschen, die in der Zukunft leicht dazu bereit wären, faschistische und rassistische Positionen zu vertreten, wenn aufgrund eines geänderten politischen Klimas kein eigener Nachteil daraus mehr zu befürchten ist. Nur unter bestimmten politischen Bedingungen finden die autoritären Charakterzüge ihren Ausdruck in offen rassistischen Positionen. Auf unsere Zeit übertragen geht es also nicht nur um den bekennenden Neonazi des 3. Wegs, sondern um eine autoritäre Charakterstruktur, die auch heute in der „bürgerlichen Mitte“ weit verbreitet sein dürfte, deren Schoß, um mit Brecht zu sprechen, täglich fruchtbarer wird.
Der Migrant ist parteiübergreifend als Feindbild markiert und die wesentlichen Forderungen der AFD wurden in die eigenen Programme übernommen. Ulrich Siegmund stellt derweil offen zur Debatte, ob die Unvereinbarkeitsbeschlüsse der AFD mit irgendwelchen Neonazi-Gruppierungen wirklich noch zeitgemäß sind. Martin Sellners Buch zur „Remigration“ ist ganz bewusst als „Vorschlag“ formuliert, der durchaus Türen offenlässt, die eigene Politik zu brutalisieren, falls es mit der „freiwilligen Rückkehr“ und den Abschiebungen der „Asylanten“ und sonstigen Nicht-Deutschen in die „Musterstadt“ in Nordafrika, die er gerne bauen würde, überraschenderweise Komplikationen geben sollte. Die von Götz Kubitschek vorgegebene Taktik der „Provokation“, die darin besteht, den Raum des Sagbaren ständig zu erweitern, geht auf, weil sie in Teilen der Charakterstruktur der Bevölkerung Anklang findet, die durch die dauerhafte Propaganda über kriminelle Ausländer seitens der Massenmedien in den letzten Jahren täglich genährt wird. Die Potenzialität birgt die Gefahr einer inneren Dynamik der Eskalation, die auf beiden Seiten der Brandmauer in vollem Gange zu sein scheint. Dank der Politik der herrschenden Parteien der „Zeitenwende“ wird die AFD im Falle ihres Erfolgs nicht nur einen vollkommen militarisierten Staatsapparat, sondern auch eine zwangsrekrutierte Jugend und eine ideologisch kriegstüchtig indoktrinierte Bevölkerung vorfinden, die für die damit einhergehende Verarmung die Ausländer verantwortlich machen soll. In einer moralischen Niedertracht, die ihresgleichen sucht, befeuert die herrschende Klasse unter dem Deckmantel des Kampfes gegen Antisemitismus den antimuslimischen Rassismus, der der AFD zu ihren Wahlsiegen verhilft. Die öffentlichen Reaktionen auf den Wahlsieg der Linken in Berlin, von der Vorsitzenden der Grünen bis zu Ulf Poschardt, sprechen Bände über die geistige Verrohung des Bürgertums. Der Kampf gegen den Faschismus verläuft nicht entlang der „Brandmauer“, sondern entlang der realen politischen Fragen unserer Zeit, letztendlich an der Frage, ob wir unser Zusammenleben nach Maßstäben von Moral und Vernunft oder denen von Konkurrenz, Ausschluss und Gewalt organisieren wollen. Sozialismus oder Barbarei. Die Erkenntnisse der Sozialpsychologie gilt es für diese Kämpfe fruchtbar zu machen, denn entschieden werden sie letztendlich in den Schulen, Fabriken und auf der Straße und das machten Wilhelm Reich, Erich Fromm und Theodor W. Adorno immer wieder deutlich: nicht auf der Couch.
Weitere Texte von Christoph Morich:
Wilhelm Reich: Die materielle Gewalt der Ideologie – Warum der Sozialismus so schwer zu machen ist
Erich Fromm: Der autoritäre Charakter – Nach unten treten, nach oben buckeln