Der Faschismus ist weltweit auf dem Vormarsch und die Gründe seines Erfolges bleiben der bürgerlichen Wissenschaft ein Buch mit sieben Siegeln. In den Reaktionen auf das Erstarken faschistischer Kräfte ist die eindeutige Tendenz zu beobachten, dass die moralische Empörung über Trump und die AfD sich meist nicht in eine begriffliche Kritik übersetzt, sondern in moralisierenden Appellen stecken bleibt. Diese Begriffslosigkeit führt auch dazu, dass die sich vor unseren Augen abspielende Faschisierung, die bereits unter den jetzt herrschenden Parteien in vollem Gange ist, fast vollständig ignoriert wird. Der Todesstreifen um die Grenzen Europas wird von Tag zu Tag weiter ausgebaut, das Asylrecht immer weiter ausgehöhlt und Politiker:innen verschiedenster Parteien machen heute offen Wahlkampf damit, dass sie „im großen Stil abschieben“ (Olaf Scholz) möchten. Die Gesellschaft wird heute in einem Tempo militarisiert, das vor wenigen Jahren noch undenkbar erschien, und für die sozialen Missstände, die damit einhergehen, werden die Ausländer, die Hilfsbedürftigen oder die mangelnde Opferbereitschaft der Arbeiter:innen verantwortlich gemacht. Aus ihrem rein instrumentellen Verhältnis zum Völkerrecht macht die herrschende Politik längst keinen Hehl mehr. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem es kroch.“ bemerkte einst Bertolt Brecht über die Gesellschaft nach dem Nationalsozialismus und jeder, der Friedrich Merz beim Reden zuhört, sollte wissen, was damit gemeint ist. In Deutschland steht die AfD voraussichtlich kurz vor ihrer ersten Regierungsbeteiligung. Dafür werden Weidel und Chrupalla wohl die nützlichen Idioten für den Dammbruch der CDU spielen. Im Hintergrund bringt sich aber längst der völkische Flügel um Björn Höcke und den Verleger Götz Kubitschek in Stellung. Das Exempel für den dann zu erwartenden staatlichen Umgang mit politischen Gegnern, wird schon heute u.a. an der Palästina-Bewegung statuiert. Soll der Antifaschismus eine Aussicht auf Erfolg haben, bedarf es einer Aufklärung über den Gegenstand, den es zu bekämpfen gilt. Der Faschismus darf nicht als das völlig andere zur bürgerlichen Gesellschaft etikettiert, sondern muss als das autoritäre Projekt der herrschenden Klasse in der ökonomischen Krise begriffen werden. Ein solches Projekt ist aber ohne ein entsprechendes sozialpsychologisches Fundament kaum denkbar.
Die Charakterstruktur der Menschen unter bürgerlich-kapitalistischen Verhältnissen, aus der der Faschismus erwachsen konnte, waren der Kern von Wilhelm Reichs marxistischen Schriften um die 30er Jahre. In der Überzeugung, „dass die politische Reaktion sich nicht mit Phrasen, sondern nur mit wirklichem Wissen“ schlagen lassen wird, veröffentlichte er im Jahr 1933 die „Massenpsychologie des Faschismus“, um „die Neigung des Kleinbürgers in der Verelendung rechtsradikal zu werden“, zu erklären.
Die Fragestellung der marxistischen Massenpsychologie
Den Ausgangspunkt für die Überlegungen in der „Massenpsychologie des Faschismus“ bildet für Reich die Erkenntnis, dass sich der Aufstieg des Faschismus mit den bisherigen marxistischen Kategorien nicht vollständig erklären lässt. Um diese Entwicklung durch die Methode des dialektischen Materialismus zu begreifen, bedarf es dessen Erweiterung um die Erkenntnisse einer „marxistischen Massenpsychologie“ (Reich).
Sie setzt „dort an, wo die unmittelbare sozialökonomische Erklärung versagt“ (Reich), indem sie die „Lücke“ (Reich) der materialistischen Gesellschaftsanalyse durch die Erkenntnisse der analytischen Psychologie zu schließen versucht. Nur so könne der „subjektive Faktor“ (Reich) der Geschichte wirklich analysiert werden. Denn das ökonomische Interesse der proletarischen Massen setzt sich nach Reich nicht unmittelbar in politisches Bewusstsein um. „Wäre das der Fall, die soziale Revolution wäre längst da.“ (Reich) Der „dialektisch-materialistischen Psychologie“ (Reich) kommt daher die Aufgabe zu, zu erklären, „warum die Mehrheit der Hungernden nicht stiehlt und die Mehrheit der Ausgebeuteten nicht streikt“ (Reich) und in Krisen den reaktionärsten Teilen der herrschenden Klasse auf den Leim geht.
Die Fesselung des Bewusstseins an die bestehende Ordnung wurde bereits von Marx in der „Deutschen Ideologie“ als Ausdruck materiellen Verhältnisse verstanden: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.“ (Marx) Ausgehend von der materialistischen Gesellschaftsauffassung, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, ergeben sich für Reich zwei offene Fragen: „erstens, wie das geschieht, was dabei „im Menschenkopfe“ vorgeht, zweitens wie das so entstandene Bewusstsein auf den ökonomischen Prozess zurückwirkt“. Die marxistische Massenpsychologie ist vor die Fragen gestellt, wie sich die bestehende Gesellschaft in der psychischen Struktur verankert und wie die ideologische Verarbeitung der gesellschaftlichen Widersprüche „im Menschenkopfe“ den Verlauf der Geschichte beeinflusst. Ihr kommt die Aufgabe zu, die „Struktur und die Dynamik der Ideologie“ (Reich) zu erfassen. Die Frage des Bewusstseins gewinnt in Krisen an Bedeutung. Ob die heutige Militarisierung der Gesellschaft, mit der die Verarmung der breiten Masse einhergeht, zur Herausbildung einer sozialistischen Friedensbewegung führt oder von den Deutschen einmal mehr dadurch gelöst wird, dass man faschistische Kräfte an die Macht wählt, für die dann dank der Wehrpflicht schon das Menschenmaterial für das nächste militärische Abenteuer bereitsteht, wird den Verlauf der Geschichte in unser aller Leben bestimmen. Die Bedeutung einer marxistischen Massenpsychologie, wie sie von Reich begründet wurde, kann daher heute kaum überschätzt werden.
Objektive und subjektive Funktion der Ideologie
Um die Bedeutung einer Ideologie für den Verlauf der Geschichte zu begreifen, müsse man nach Reich zwischen ihrer objektiven und ihrer subjektiven Funktion unterscheiden. Die objektive Funktion der nationalsozialistischen Ideologie müsse als das Interesse der herrschenden Klasse auf der Basis der ökonomischen Verhältnisse begriffen werden. „So haben die faschistische Rassetheorie und die nationalistische Ideologie überhaupt eine konkrete Beziehung zu den imperialistischen Zielen einer führenden Schichte, die Schwierigkeiten wirtschaftlicher Natur zu lösen versucht.“ (Reich) Ähnlich wie Dimitroff, der 1935 vom Faschismus als „terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ spricht, versteht ihn Reich als „seinen objektiven Zielen und seinem Wesen nach [den] extremste[n] Vertreter der politischen und wirtschaftlichen Reaktion“. Hinter dem Faschismus steht das objektive Interesse der herrschenden Klasse, die Akkumulation von Kapital auch in Krisenzeiten politisch abzusichern, insbesondere gegen die drohende Gefahr des Sozialismus. Und bei aller parteiübergreifender Feindschaft des US-Imperialismus gegenüber Ideen einer menschlicheren Gesellschaft, nimmt der antisozialistische Kampf durch die Entführung Maduros und das Aushungern Kubas heute unter Trump eine besonders offensive Form an.
Doch die subjektive Funktion der faschistischen Ideologie bleibt nach Reich in den „vulgärmarxistischen“ Analysen im Dunkeln. Die Tatsache, dass der Nationalsozialismus den Interessen der herrschenden Klasse in Deutschland diente, erklärt noch nicht, warum ein Großteil der Deutschen dem antisemitischen Wahn verfiel und später – wie Moishe Postone betont – selbst dann die Vernichtungspolitik in den Konzentrationslagern fortsetzte, als die Niederlage Deutschlands im 2. Weltkrieg bereits absehbar war.
„Nur dann, wenn die Struktur einer Führerpersönlichkeit mit massenindividuellen Strukturen breiter Kreise zusammenklingt, kann ein ‚Führer‘ Geschichte machen.“ (Reich) Indem er eine Funktion in der psychischen Struktur seiner Anhänger erfüllte, die Hitler an die Macht wählten und ihm bis Auschwitz die Treue hielten, konnte der Nationalsozialismus zur materiellen Gewalt werden. Auf dem historisch-ökonomischen Boden der bürgerlichen Gesellschaft erwachsen, bot die nationalsozialistische Ideologie ihren Anhängern eine scheinbare Lösung ihrer inneren Konflikte und verankerte sich so in der psychischen Struktur der breiten Masse. So stand der Nationalsozialismus objektiv im Dienst „der Angst der Großbourgeoisie vor dem Bolschewismus in der Phase des drohenden Zusammenbruchs“ (Reich), subjektiv aber fühlte sich jeder Nationalsozialist „in seiner psychischen Abhängigkeit als ‚kleiner Hitler‘“ (Reich). Auch in Hitler selbst fielen objektive und subjektive Funktion der Ideologie auseinander: „Hitler ist nur objektiv ein Volksbetrüger, indem er die Herrschaft des Großkapitals verschärft; subjektiv ist er ein ehrlich überzeugter Fanatiker des deutschen Imperialismus, dem ein objektiv begründeter Riesenerfolg den Ausbruch der Geisteskrankheit erspart hat, die er in sich trägt.“ Indem die nationalsozialistische Ideologie an die bestehende psychische Struktur der Massen anklang und sie in ihrem Sinne veränderte, schuf sie das sozialpsychologische Fundament dafür, Hitlers latente Geisteskrankheit in den manifesten Wahn aller Deutschen zu kanalisieren.
Das Kleinbürgertum als „Kerntruppe des Hakenkreuzes“
Anhand der Analysen der Wahlen vor der Machtübernahme der NSDAP lässt sich zeigen, dass der Nationalsozialismus in seinem Wesen eine Bewegung des Kleinbürgertums war. So trat 1933 „der Mittelstand auf die politische Bühne und [hielt] den revolutionären Untergang des kapitalistischen Systems auf“ (Reich). Zwar diente der Nationalsozialismus objektiv den Interessen des Großkapitals, aber „ohne das Versprechen, den Kampf gegen das Großkapital aufzunehmen, hätte Hitler die Mittelstandsschichten nie gewonnen“ (Reich). Das Kleinbürgertum ist nach Reich durch die Stellung im Produktionsprozess, die Stellung im kapitalistischen Staatsapparat und die besondere familiäre Situation bestimmt. Ökonomisch droht es durch die Konkurrenz mit dem Großkapital permanent ins Proletariat abzurutschen – diese Tendenz wird durch die Plattformökonomien wie Amazon heute noch einmal deutlich verstärkt. Da die Klasse der Kleinbürger untereinander in ökonomischer Konkurrenz steht, ist sie zu einer Solidarisierung nicht fähig und wird gezwungen, die Verarbeitung der Krise ideologisch zu kompensieren. In der Analyse der psychologischen Struktur des Beamten und des Feldwebels entwickelt Reich die für das Kleinbürgertum typische Charakterstruktur im kapitalistischen Staat, die später die Grundlage der berühmten F-Skala in den „Studien zum autoritären Charakter“ um Adorno bildete. „Das soziale Bewusstsein des Beamten ist nicht gekennzeichnet durch das Bewusstsein der Schicksalsgemeinschaft mit seinen Arbeitskollegen, sondern durch die Stellung zur staatlichen Obrigkeit und zur „Nation“.“ (Reich) Der Beamte ist wie der Mittelstand in seiner gesellschaftlichen Zwischenposition gefangen. „Nach oben Untergebener ist er nach unten Vertreter dieser Obrigkeit und genießt als solcher eine besondere moralische (nicht materielle) Schutzstellung. Die restlose Ausbildung dieses massenpsychologischen Typs finden wir in den Feldwebeln der verschiedenen Armeen.“ (Reich)
Hört man sich heute die Inhalte aus Schnellroda an, wo der Verleger Götz Kubitschek die völkische Bewegung um seinen Verlag als „Vorfeldorganisation der AfD“ sammelt, wird der kleinbürgerliche Charakter der heutigen Rechten deutlich. Von objektiven ökonomischen Bewegungsgesetzen möchte man dort nichts wissen. Stattdessen fordert Kubitschek die Deutschen durch ein „Kältebad“ zu Fleiß und Härte erziehen, um dann den „Globalisten“ mit kleinen Handwerkbetrieben und Bauernhöfchen voller stählerner Germanen den „deutschen Standpunkt“ (Kubitschek) klarzumachen.
Ökonomischer Erfolg wird zu einer Frage des Charakters, das Schwache wird verachtet. Da man meint, durch das deutsche Bewusstsein, das ökonomische Sein lenken zu können, „spielt der Begriff der Ehre und der Pflicht im Kleinbürgertum eine so entscheidende Rolle“ (Reich). Da Kubitschek & Co aber durch noch so viele „Kältebäder“ nicht die objektiven Bewegungsgesetze des globalisierten Kapitalismus im 21. Jahrhundert ausschalten können, die die Monopolisierung des Kapitals weiter vorantreiben werden, droht die Gefahr, dass sie – einmal an die Macht gekommen – dieses Scheitern noch wahnhafter kompensieren müssen. Doch nach unten zu treten und nach oben zu buckeln, ist kein Alleinstellungsmerkmal der faschistischen Ideologie, sondern bereits heute die Richtschnur bürgerlicher Politik, in der das sozialpsychologische Fundament des Faschismus heranwächst. Nach jeder verlorenen Wahl, beschließt die SPD von Neuem, jetzt Politik für die „hart arbeitende Mitte“ zu machen, was dann in erster Linie heißt, das Leben unterhalb der Mitte noch unerträglicher zu machen. Die sozialpsychologische „Verbürgerlichung des Proletariats“ (Reich), die sich die Interessen der herrschenden Klasse zu eigen macht, hat in den 100 Jahren nach Reichs Schrift eindeutig zugenommen. Die Sozialdemokratie leistet – heute natürlich mit einer ausdifferenzierten linksliberalen Gefolgschaft – dafür in ihrer Funktion, „als objektive Stütze des Kapitalismus, Illusionen zu verbreiten“ (Reich) seit 1914 weiterhin ganze Arbeit.
Patriarchale Familie, Führer und nationaler Narzissmus
In der patriarchalen Familienstruktur liegt der „Schlüssel zum gefühlsmäßigen Unterbau“ (Reich) des autoritären Charakters. „Der autoritäre Staat hat als seinen Vertreter in jeder Familie den Vater, wodurch sie sein wertvollstes Machtinstrument wird.“ (Reich) Der Vater repräsentiert in der patriarchalen Familie die strenge Autorität, die sich die übrige Familie unterwirft. Er muss seine Autorität nicht begründen, sondern kann sich dank des Einflusses der Kirche – deren verheerender Einfluss in der menschlichen Geschichte durch Reich immer wieder hervorgehoben wird – durch sein Genital auf seine natürliche Autorität berufen. Reich betont, „dass die sexuellen Hemmungen und Schwächungen, die die wichtigsten Voraussetzungen des Bestehens der bürgerlichen Familie bilden und die wesentlichsten Grundlagen der Strukturbildung des kleinbürgerlichen Menschen sind, ausschlaggebend mithilfe der religiösen Angst durchgesetzt werden, die sich derart mit sexuellem Schuldgefühl erfüllt und gefühlsmäßig tief verankert.“ Die Bedeutung der sexuellen Unterdrückung in der Herausbildung der patriarchalen Familie aus der matriarchalen Gesellschaft – die sich beim ersten Lesen nicht unbedingt intuitiv erschließt – hat Reich in seinem Buch „Der Einbruch der Sexualmoral“ ausführlich beschrieben. Einmal etabliert, reproduziert die patriarchale Familie als „Struktur- und Ideologiefabrik“ (Reich) die autoritäre Charakterstruktur, indem sie in den Söhnen „neben der untertänigen Stellung zur Autorität gleichzeitig eine starke Identifizierung mit dem Vater, die später zur gefühlsbetonten Identifizierung mit jeder Obrigkeit wird“ erzeugt. Die Identifizierung mit dem Führer erfolgt daher weniger nach rationalen Maßstäben, sondern auf einer emotionalen Ebene, die frühe Kindheitsbindungen reaktiviert. Entsprechend erfolglos blieben die Versuche in den USA, Trump dadurch zu diskreditieren, dass man seit 10 Jahren jeden Tag von Neuem nachweist, dass er sehr dumm ist und seine Aussagen nur in den seltensten Fällen einen wirklichen Sinn ergeben.
Die emotionale Identifikation mit Führer und Nation erfolgt, wie schon von Freud in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ beschrieben, weitgehend unbewusst. „Wir werden auch keinem Faschisten, der von der überragenden Wertigkeit seines Germanentums narzisstisch überzeugt ist, mit Argumenten beikommen, schon deshalb nicht, weil er nicht mit Argumenten, sondern mit gefühlsmäßigen Wertungen operiert.“ (Reich) Das sprechen auch die heutigen Rechten immer wieder offen aus, wenn sie ihre unmenschliche Politik mit der „Liebe zu Deutschland“ begründen. „Diese Identifizierungsneigung des kleinbürgerlichen Menschen ist die psychologische Grundlage seines nationalen Narzissmus, d.h. seines der ‚Größe der Nation‘ entliehenen Selbstgefühls.“ (Reich) Der nationale Narzissmus erfüllt die Funktion, die Schwäche des eigenen Ichs zu kompensieren. „Die Vorstellung von Heimat und Nation sind in ihrem subjektiv-gefühlsmäßigen Kern Vorstellungen von Mutter und Familie“ (Reich), durch die der seine Härte zur Schau stellende Nazi die mangelnde Liebe in der wirklichen Familie zu kompensieren versucht. Unfähig sich ohne Autorität in der Welt zurechtzufinden, wird der Führer als neue Vaterinstanz eingesetzt. Je weniger sich die Menschen über die Schwäche ihres eigenen Ichs bewusst sind, „desto stärker prägt sich die Identifizierung mit dem Führer aus“ (Reich), die es erlaubt, sich selbst wie ein „kleiner Hitler“ (Reich) zu fühlen.
Die Rassetheorie und die Mystik des Nationalsozialismus
Aus sexueller Verdrängung und Unbewusstheit flüchtet sich das nationalsozialistische Individuum in Mystik. Die Rassetheorie ist dabei nach Reich „die theoretische Achse des deutschen Faschismus“. Das gesamte Wirtschaftsprogramm diene im Verständnis der Nazis einzig der Höherzüchtung der germanischen Rasse und ihres Schutzes vor Rassenvermischung. Die Nazis meinen an die Erkenntnisse Darwins über die Evolution anzuknüpfen, wenn sie die menschliche Geschichte als Kampf verschiedener Rassen und den Antisemitismus als Notwendigkeit zur „Reinhaltung der Rasse und des Blutes“ der Deutschen begreifen. Objektiv liefern sie dadurch „die theoretische Verschleierung der imperialistischen Funktion der faschistischen Ideologie“ (Reich). Die „nicht-arischen“ Rassen dienten nach 1933 dem deutschen Kapital als Menschenmaterial, während sie für Masse der Nazis zum Gegenstand der eigenen Projektionen und Aggressionen wurden. Der Rassismus ist in der Neuen Rechten durch die Abkehr vom Begriff der Rasse natürlich nicht verschwunden. „Das vornehme Wort ‚Kultur‘ tritt anstelle des verpönten Ausdrucks ‚Rasse‘, bleibt aber bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch“ (Adorno). Die Mystik des Nationalsozialismus lebt in der metaphysischen Idee des „deutschen Volkes“ und seiner tausendjährigen Geschichte fort, in der Auschwitz dann ganz salopp zum „Fliegenschiss“ (Alexander Gauland) erklärt wird.
In „Mythus des 20. Jahrhunderts“ hat einer der Chefideologen des Nationalsozialismus Alfred Rosenberg der „Angst und Scheu vor der sinnlichen körperlichen Sexualität“ (Reich) einen theoretischen Ausdruck verliehen. Diese Mystik dürfe nach Reich nicht einfach verlacht werden, sondern müsse aus dem zugrundeliegenden materiellen Gehalt erklärt werden, der dem Unbewussten entspringt. Schließlich ist der Nazi in seinem kollektiven Wahn genauso ehrlich von der Überlegenheit seines Volkes überzeugt, wie der psychiatrische Patient in seinem individuellen Wahn keinen Zweifel hat, aus der Steckdose von der CIA abgehört zu werden. Der Ursprung der nationalsozialistischen Mystik muss daher nach Reich wie die Neurose auf die verdrängten sexualökonomischen Energieprozessen der Individuen zurückgeführt werden. „Die Weltanschauung von der ‚Seele‘ und ihrer ‚Reinheit‘ ist die Weltanschauung der Asexualität, der ‚sexuellen Reinheit‘, also im Grunde eine Erscheinung der durch die patriarchalische und privatwirtschaftliche Gesellschaft bedingten Sexualverdrängung und Sexualscheu.“ (Reich) In der „faschistische[n] Ideologie von der ‚kinderreichen Familie‘“ (Reich) wird die Familie zu einem Projekt für das Wohl des deutschen Volkes, das durch den arischen Nachwuchs seine Reinheit bewahrt. „Daher verstärkt das Kapital immer in Zeiten der Krise seine Propaganda für Sittlichkeit und Festigung der Ehe und Familie. Bildet doch die Familie die Brücke von der elenden ökonomischen Lage der Kleinbourgeoisie zur reaktionären Ideologie.“ (Reich) Der Kampf gegen die niedrige Geburtenrate, schulische Sexualaufklärung und den „Gender-Wahn“ sind auch heute wesentliche Agitationsfelder des rechten Kulturkampfes.
Sozialismus oder Barbarei
Die „Massenpsychologie des Faschismus“ hat wie jede Theorie der Gesellschaft einen historisch-spezifischen Zeitkern und lässt sich nicht einfach als eine Analyse des heutigen Faschismus lesen. Dennoch ist Reichs Verknüpfung von marxistischer Theorie und Psychoanalyse in der Massenpsychologie eine wichtige Quelle, aus der wir in der Analyse des heutigen Faschismus schöpfen können, unabhängig davon, ob man mit allen – teils sehr gewagt wirkenden – Thesen, die Reichs gesamtes Werk prägen, übereinstimmt. Reich selbst hob den prozesshaften Charakter seiner Arbeiten immer wieder hervor und pochte nicht auf der Unumstößlichkeit seiner Thesen. „Und man erledige die nationalsozialistische Kulturfront nicht mit Schlagworten, sondern mit Wissen, Irrtümer sind möglich und korrigierbar, aber wissenschaftliche Borniertheit ist konterrevolutionär.“ (Reich) Mit den immergleichen Phrasen und moralisierenden Appellen wird sich die Neue Rechte nicht aufhalten lassen. Denn natürlich sind Höcke, Kubitschek und Konsorten schlechte Menschen, doch dass sie dumm wären, kann man ihnen sicherlich nicht vorwerfen. Soll der antifaschistische Kampf eine Chance auf Erfolg haben, darf „Faschismus“ nicht einfach eine Zuschreibung für unliebsame politische Gegner bleiben, sondern muss als ein gesellschaftliches Phänomen mit der Methode des dialektischen Materialismus begriffen werden.Er ist nicht das völlig andere, sondern geht in der Krise aus der bürgerlichen-kapitalistischen Gesellschaft hervor. Max Horkheimers Losung, dass wer vom Kapitalismus nicht redet, auch vom Faschismus schweigen solle, gilt sowohl für die ökonomischen, als auch für die sozialpsychologischen Verhältnisse. Und nicht nur auf der gesellschaftlichen, sondern auch auf der sozialpsychologischen Ebene, ist der Prozess der Faschisierung in vollem Gange. Die soziale Kälte und die Affirmation von Härte nehmen merklich zu. Die menschenverachtenden Aussagen über Abschiebungen, mit denen unsere Politiker:innen heute lächelnd Wahlkampf machen, wären vor zehn Jahren noch als zutiefst menschenverachtend wahrgenommen worden. Die Militarisierung der Gesellschaft wird die sozialpsychologische Verrohung weiter vorantreiben. Und auch wenn sich die Faschisierung bereits vollzieht, wird sie mit der Machtübernahme der AfD noch einmal eine neue Qualität gewinnen. Mit begriffslosem Moralismus wird ihr nicht beizukommen sein. Es bleibt bei der Frage „Sozialismus oder Barbarei?“. Solange es aber den proletarischen Kräften nicht gelingt sich zu organisieren, wird die „Rebellion des Mittelstandes“ (Reich) in der Reaktion auf die Krise den Ton angeben. Daher bleibt es von großer Bedeutung, die Massenpsychologie des Faschismus zu verstehen. Denn der Weg aus der Mystik bleibt die Aufklärung.
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