Die Zeiten sind finster. Laut aktuellen Prognosen der Sonntagsfrage setzt sich die AfD immer weiter als stärkste Kraft von den anderen Parteien ab und es gibt aktuell kein stichhaltiges Argument, das dagegenspricht, dass die AfD zeitnah auch im Bund die Regierung stellen wird. Gleichzeitig scheint die Strategie des völkischen Flügels um Götz Kubitschek aufgegangen zu sein, mit Björn Höcke auf lange Sicht die führende Rolle in der AfD zu übernehmen, auch wenn Weidel und Chrupalla noch eine Weile die nützlichen Idioten spielen werden. Und so kann ein Podcaster wie Ben Berndt mittlerweile durch ein Interview mit Höcke mit ein paar Millionen Klicks und viel Zuspruch für das tolle Gesprächsklima rechnen, wenn er über viereinhalb Stunden nicht in der Lage ist, einen kritischen Gedanken gegenüber Höcke zu formulieren. Der Klassenkampf von oben wird derweil weiter verschärft. Die Zeiten stehen auf Krieg und dafür muss jeder Euro eingespart werden. Solidarität war gestern, heute braucht es Härte und Aufopferungsbereitschaft. Das in dieser Woche beschlossene Reformpaket, das von der bürgerlichen Presse als wichtiger Schritt bejubelt wird, ist ein weiterer Angriff auf die arbeitende Klasse. Daher braucht es Sündenböcke, die für die Misere verantwortlich gemacht werden können. Die aktuellen Diskurse über Wohlstandsverwahrlosung bereiten das „Kältebad“ vor, das Götz Kubitschek zur Erziehung der verweichlichten Deutschen nach der Machtübernahme ankündigt. Und die AfD kann mit dem Versprechen werben, den Plan von Olaf Scholz, im großen Stil abzuschieben, endlich konsequent umzusetzen. Die Faschisierung des 21. Jahrhunderts ist kein Umsturz über Nacht, sondern ein sich vor unseren Augen vollziehender Prozess, der sich durch die AfD beschleunigen wird. Einmal mehr beweist sich, dass die bürgerliche Gesellschaft, die den autoritären Charakter unentwegt reproduziert, in Krisen auch die politische Kraft hervorbringt, die seinen Bedürfnissen am besten gerecht wird. Erich Fromms sozialpsychologisches Konzept des autoritären Charakters bleibt bis heute von großer Bedeutung, um die Faschisierungsprozesse unserer Zeit zu verstehen.
von Christoph Morich
Erich Fromm – von der Kritik zum Konformismus?
In den Kreisen, die sich in irgendeiner Form positiv auf die Kritische Theorie beziehen, ist der Ruf von Erich Fromm denkbar schlecht. Exemplarisch dafür steht die Folge des Podcast „Wohlstand für alle“ im letzten Jahr, in der die „Zerstörung von Erich Fromm“ proklamiert wird. Dafür wird ein einzelnes Buch von Fromm ausgewählt, völlig unsystematisch und weitestgehend beliebig interpretiert und ausgehend davon ein schlicht falsches Bild des Gesamtwerks von Erich Fromm gezeichnet, das nun „zerstört“ werden müsse. Das mag als Clickbait ganz pfiffig sein, eine sinnvolle Kritik an Fromms Spätwerk, die zweifelsohne notwendig ist, ist es sicherlich nicht. Dass sich andererseits Reaktionäre wie Nicholas Potter positiv auf Fromm beziehen und ihm damit noch einmal aufs Grab pinkeln, macht die Sache nicht besser. Der Ursprung der Entzweiung von Fromms Werk und der Kritischen Theorie liegt in dem Zerwürfnis zwischen Fromm und dem Institut für Sozialforschung am Ende der 30er Jahre. Aus dieser Zeit stammt auch der berühmte Brief von Adorno an Horkheimer, in dem er Fromm vorwirft, es sich mit dem Begriff der Autorität zu leicht zu machen und ihm dringend rät, Lenin zu lesen. Abgesehen davon, dass jedem Menschen dringend zu raten ist, Lenin zu lesen, hat Adornos Kritik an Fromm sicherlich Berechtigung. An Stellen, in denen Fromm die Entwicklung der Sowjetunion kritisiert, erweckt es oft den Eindruck, als sei der Kommunismus in erster Linie daran gescheitert, dass die Bolschewiki nicht menschlich genug geblieben sind. Eine Neigung zum Psychologismus lässt sich in vielen Schriften offensichtlich nicht leugnen. Und auch Fromms spätere Abkehr von der Triebtheorie ist nicht wirklich überzeugend. Dennoch schießt die Kritik Adornos über das Ziel hinaus, wenn sie Fromm mit anderen Neo-Freudianern in einen Topf wirft, und ihm vorhält, die Freudsche Theorie in ein weiteres Mittel zu verkehren, um die „seelischen Regungen dem gesellschaftlichen Status quo zu integrieren“ (Adorno) – auch wenn dieses Urteil für viele zutreffen mag, die sich bis heute auf ihn berufen.
In seinen frühen Schriften hat Erich Fromm den methodischen Ort der Psychoanalyse innerhalb der Gesellschaftstheorie klar bestimmt. Es ergebe sich „aus der Verwendung der Psychoanalyse innerhalb des historischen Materialismus eine Verfeinerung der Methode, eine Erweiterung der Kenntnis der im gesellschaftlichen Prozess wirksamen Kräfte, eine noch größere Sicherheit sowohl im Verständnis historischer Abläufe als auch in der Prognose künftigen gesellschaftlichen Geschehens, und speziell das vollkommene Verständnis der Produktion der Ideologien“ (Fromm). Die Psychoanalyse soll den historischen Materialismus an einer bestimmten Stelle erweitern, nicht ihn ersetzen. Und obwohl einige Stellen durchaus Raum für vielfältige Interpretationen lassen, wich Fromm nie von der grundlegenden Einsicht ab, dass der Ursprung neurotischen Leidens in den materiellen Verhältnissen liegt. Das hob er in der Auseinandersetzung mit Herbert Marcuse über das Verhältnis von Marxismus und Psychoanalyse in den 50er Jahren immer wieder hervor. Allerdings blieb der Gegenstand seiner Analyse die Psychologie der Menschen und seine Schriften entspringen in erster Linie dem Blickwinkel des Therapeuten, nicht dem des Theoretikers der Gesellschaft. Fromms Werk ist in erster Linie der Psychoanalyse, und nicht wie im Fall von Marcuse und Adorno der „Philosophie der Psychoanalyse“ (Marcuse) gewidmet. Seine theoretischen Schriften schöpfen aus der Empirie seiner therapeutischen Arbeit und nicht nur, um besser mit seinem Leben klarzukommen, lohnt es sich mit ihnen zu beschäftigen. Anders als Wolfgang M. Schmitt und Ole Nymoen suggerieren, wird sicherlich niemand dümmer, wenn er ein Buch von Erich Fromm in die Hand nimmt. Und jede materialistische Kritik des Faschismus verliert an Substanz, wenn sie die Einsichten der frühen Schriften Fromms ignoriert.
Die Familie als psychologische Agentur der Gesellschaft
In seinen Schriften, wie etwa dem sozialpsychologischen Teil der ‚Studien zu Autorität und Familie‘ des Instituts für Sozialforschung, gibt Erich Fromm seiner theoretischen Arbeit eine programmatische Ausrichtung. Wie Wilhelm Reich betrachtet auch er die Psychoanalyse im Wesentlichen als eine materialistische Wissenschaft, deren Erkenntnisse in den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Menschen wurzelten. „Sie hat als Motor menschlichen Verhaltens Triebregungen und Bedürfnisse nachgewiesen, die von den physiologisch verankerten, selbst nicht unmittelbar beobachtbaren ‚Trieben‘ gespeist werden.“ (Fromm) So gehe Freud in seiner Individualpsychologie immer schon vom vergesellschafteten Wesen aus, das den Einflüssen der Umwelt unterliegt. Dabei verkenne er jedoch, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst nicht naturwüchsig, sondern – wie durch den historischen Materialismus nachgewiesen – durch die Produktionsverhältnisse einer Epoche bestimmt werden. Freuds „Verabsolutierung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft“ (Fromm) müsse überwunden werden, um den historisch-spezifischen Einfluss der sozialökonomischen Verhältnisse einer Epoche auf das Individuum zu begreifen. Der marxistischen Sozialpsychologie komme die Aufgabe zu, den „Weg von der ökonomischen Bedingung durch Kopf und Herz des Menschen hindurch zum ideologischen Resultat“ (Fromm) zu rekonstruieren. Die Familie spielt für diesen Weg eine wesentliche Rolle.
Wie schon Engels in „Der Ursprung der Familie“ sieht Fromm in den Untersuchungen von Johann Jakob Bachofen zu mutterrechtlichen Gesellschaften einen weiteren Beleg für die historische Veränderbarkeit der Gesellschaft und ihrer Institutionen. Demnach ist die patriarchale Familie keine naturwüchsige Ordnung, sondern wie das Privateigentum das Produkt einer bestimmten historischen Epoche in der Geschichte der Menschheit, die sich von den Strukturen der mutterrechtlichen Gesellschaften grundlegend unterscheidet und eine spezifische Charakterstruktur erzeugt. Die Sexualunterdrückung spielt für diese Epoche eine entscheidende Rolle. Die Erkenntnisse Freuds über die innerfamiliären Konflikte müssten daher entsprechend der Erkenntnisse des historischen Materialismus kontextualisiert werden. Die Familie erfüllt als „psychologische Agentur der Gesellschaft“ (Fromm) die Funktion, die gesellschaftlich erwünschte seelische Struktur der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung zu erzeugen. Dabei gründet „die Autorität des Familienvaters selbst […] zuletzt in der Autoritätsstruktur der Gesamtgesellschaft. Der Familienvater ist zwar dem Kind gegenüber (zeitlich gesehen) der erste Vermittler der gesellschaftlichen Autorität, ist aber (inhaltlich gesehen) nicht ihr Vorbild, sondern ihr Abbild“ (Fromm). Die frühkindlichen Konflikte wurzeln nach Fromm daher weniger in der Natur als in den gesellschaftlichen Verhältnissen, die über die Familie mit dem Triebleben der Kinder vermittelt werden.
Angst, Verdrängung und Ich-Schwäche
Das Ich bildet sich nach Freud in der Bewältigung der aus dem Es stammenden Triebe und den Ansprüchen der Außenwelt heraus. Die ursprüngliche Autorität wichtiger Erziehungspersonen, in der patriarchalen Familie insbesondere die des Vaters, wird nach Freud durch das Über-Ich als Instanz des Gewissens verinnerlicht. Der cop in your head eröffnet seine Wache und bestraft nonkonformes Verhalten fortan mit Schuldgefühlen. Triebregungen und Bedürfnisse, die den Geboten des Über-Ichs widersprechen, müssen daher verdrängt werden. Die „Über-Ich oder Autoritätsangst“ (Fromm) wirkt dabei so stark, dass tabuisierte Impulse durch Verdrängung erledigt werden, noch bevor sie bewusst werden. So stieß Freud in seiner Arbeit immer wieder auf die verdrängten sexuellen Wünsche, v.a. seiner weiblichen Patientinnen, die dem gesellschaftlichen Tabu der Zeit unterlagen. Um diese Verdrängung aufrechtzuerhalten, muss dauerhaft Energie gebunden werden. Das Ich „bezahlt gleichsam die Bundesgenossenschaft von Autorität und Über-Ich mit der Preisgabe seiner Selbstständigkeit und dem Verzicht auf seine Souveränität“ (Fromm). Die Stärke des Ichs, das neben „Vernunft und Besonnenheit“ (Freud) auch die „Fähigkeit zum aktiv planenden, die Umwelt verändernden Handeln“ (Fromm) in sich trägt, wird durch die Umwelt bedingt.
Je mehr das Kind in seiner Ich-Entwicklung von Ängsten begleitet wird, desto mehr wird es in seiner Entfaltung und einer aktiven Beziehung zur Umwelt gehemmt. „Stellt eine aktive und rationale Lebenspraxis die positive Bedingung der Ich-Entwicklung dar, so ist das Fehlen von Angst die negative. Das Ich bedarf, solange es noch schwach ist, eines gewissen Maßes von Angstfreiheit, um sich entwickeln zu können.“ (Fromm) Wenn das Kind lernt, die äußere Umwelt nicht angstbesetzt zu erleben, sondern sie planvoll und vernünftig zu gestalten, ist es später in der Lage, die eigenen Triebe und Bedürfnisse durch ein erstarktes Ich zu leiten anstatt zu verdrängen. Wenn es hingegen zur permanenten Unterdrückung der eigenen Triebbedürfnisse durch Autoritäten gezwungen wird, bleibt das Ich schwach und passiv, um nicht mit der Umwelt in Konflikt zu geraten. „Je mehr das schwache Ich von Angst bedroht ist, desto gehemmter ist es in seiner Entwicklung.“ (Fromm) Hierin liegt der psychodynamische Ursprung der Neurose und des autoritären Charakters.
Der autoritäre Charakter
Unter ‚Charakter‘ versteht Fromm weniger das typische manifeste Verhalten, sondern „die Struktur derjenigen Impulse, Ängste und Haltungen, die zum großen Teil selbst unbewusst, das für den Menschen typische manifeste Verhalten bedingen“. Er entwickelt sich im Sinne einer dauerhaften Anpassung der Triebstruktur an bestimmte gesellschaftliche Bedingungen. Der autoritäre Charakter verfügt nur über ein schwaches Ich. Er hat gelernt, seine Triebbedürfnisse durch Gehorsam zu befriedigen und beginnt, die Unterwerfung unter Autoritäten dementsprechend lustvoll zu erleben. „Wo dieser Charakter Macht spürt, muss er sie beinahe automatisch verehren und lieben.“ (Fromm) Der Grad der Bewusstheit über diese Lust an der Unterwerfung kann dabei selbst bei einzelnen Personen in unterschiedlichen Situationen stark variieren. So betonen Kubitschek und Höcke immer wieder, dass sie gegen ihren Willen in die Politik gezwungen worden seien, um die Deutschen vor dem Volkstod zu bewahren. In seinem Plausch bei Ben ungescripted wird Höcke dann aber doch unfreiwillig ehrlich: „Als Kind hatte ich schon das Gefühl in mir, etwas Größerem dienen zu wollen.“ Kubitschek wäre am liebsten Soldat geblieben.
Aus einer „Furcht vor der Freiheit“ (Fromm) entwickelt der autoritäre Charakter einen Wunsch nach masochistischer Unterwerfung, die ihm durch die Erfüllung von Pflicht einen Schutz vor den eigenen Ängsten bietet. Entsagung und Gehorsam werden zu den Maximen des eigenen Handelns. Die „Liebe zu Deutschland“, was auch immer das sein soll, dient dann als Rationalisierung des eigenen Handelns. Schon vor Fromms Zeiten fand dieser Charaktertyp seinen literarischen Ausdruck in Heinrich Manns „Der Untertan“.
Die tatsächlichen Eigenschaften des potenziellen Autoritätsträgers, dem sich der autoritäre Charakter unterwirft, sind für dessen Führerrolle nicht unbedingt entscheidend. Wie Charlie Chaplins Film „Der große Diktator“ zeigt, wurde auch Hitler außerhalb Deutschlands – ähnlich wie heute Donald Trump – als ein ziemlicher Clown wahrgenommen. Für die Gefolgschaft aber geht es darum, ihren Führer mit den größtenteils unbewussten Eigenschaften ihres Über-Ichs zu bekleiden. Für die Anhänger der MAGA-Bewegung ist Trump kein seniler Krimineller mit einer schweren Persönlichkeitsstörung, sondern der starke Vater, der Zuhause aufräumt und dem Land wieder zu alter Größe verhilft. Zentral ist neben der masochistischen Unterwerfung dabei eine „narzisstische Ersatzbefriedigung“ (Fromm), die durch die Hingabe eine höhere Macht wie die eigene Nation erreicht wird. „Je höher der Einzelne die Macht und den Glanz der Gewalt einschätzt, an der er partizipiert, desto größer ist seine Befriedigung.“ (Fromm) Die Versagungen, die Menschen in einem ökonomischen System erleiden müssen, das auf nackter Konkurrenz basiert und sie durch die Produktivkraftentwicklung zunehmend überflüssig werden lässt, schafft insbesondere in Krisen den Nährboden für den Wunsch, durch die Partizipation am Glanz der Nation die erlittenen Erniedrigungen kompensieren zu können. Noch mehr als America soll das eigene Leben endlich einmal Great gemacht werden.
Die masochistische Unterwerfung unter eine höhere Macht wird nach Fromm immer von der sadistischen Haltung gegenüber den Schwächeren begleitet. So wie der autoritäre Charakter nach oben buckelt, tritt er gleichzeitig nach unten. „Ebenso automatisch wie Macht in ihm Furcht und, wenn auch ambivalente, Liebe erweckt, erweckt Hilflosigkeit in ihm Verachtung und Hass.“ (Fromm) Die Erniedrigung, die der Einzelne über sich ergehen lassen muss, um mit den Obrigkeiten nicht in Konflikt zu geraten, wird durch die Aggression gegen Schwächere erträglich. „Die sadistischen Circenses mussten immer eine umso größere Rolle spielen, je knapper das Brot war und je mehr die reale Hilflosigkeit der Menschen zu einer Verstärkung der sado-masochistischen Charakterstruktur führte.“ (Fromm) Daher ist die ökonomische Krise der psychosoziale Nährboden des Faschismus. Die Politik gegen die arbeitende Klasse wird auch heute von Tiraden über illegale Geflüchtete und Sozialschmarotzer begleitet, die den eigentlichen Grund für den Niedergang der Gesellschaft darstellen würden. Sollen die Menschen nach oben buckeln, müssen sie die Gelegenheit bekommen, nach unten zu treten. Und so muss ein Kanzler, der nun die Krankschreibung an Tag 1 einführt, auch das Feindbild der Ausländer mitliefern, wegen denen die Deutschen keine Arzttermine mehr bekommen. Die Strategie scheint heute einmal mehr aufzugehen. So wird in Deutschland wieder über die Möglichkeit diskutiert, den Sozialhilfesatz unter das Existenzminimum zu drücken und Boomer führen einen Krieg in den Kommentarspalten des Internets, um queeren Menschen ihre Identität abzusprechen oder Geflüchteten den Tod im Mittelmeer zu wünschen. Dieselbe psychologische Dynamik wurde in vielen psychoanalytischen Fallbeispielen beobachtet, in denen Kindern anfingen, Tiere zu quälen, um die durch ihre Eltern erlittene Gewalt zu kompensieren.
Die Passivität überwinden
Das wesentliche Merkmal des „autoritären Charakters“ besteht darin, die Anforderungen der Umwelt passiv zu ertragen und sein Glück in der Unterwerfung unter eine höhere Macht zu suchen. In ganz Europa sind derzeit faschistische Kräfte im Aufwind, die mit einem solchen Glücksversprechen für sich werben. Die Zeiten sind finster. Konnte Clara Zetkin bei der Eröffnung des Reichstags als Alterspräsidentin im August 1932 noch an die Arbeiter:innenbewegung appellieren, in der Hoffnung, dass diese den Faschismus doch noch abwenden könne, scheint eine solche Hoffnung gegenwärtig illusionär. Zetkins Warnung vor dem Opportunismus liest sich heute wie die bittere Erzählung des letzten Jahrhunderts: „Die Politik des „kleineren Übels“ stärkte das Machtbewusstsein der reaktionären Gewalten und sollte und soll noch das größte aller Übel erzeugen, die Massen an Passivität zu gewöhnen.“ Der Erfolg der Gewöhnung der Massen an die Passivität wird in den gegenwärtigen Diskursen deutlich. Die ökonomische Realität erscheint als Naturgewalt, an die „wir“ uns anzupassen haben. „Wir“ können uns unseren Lebensstil nicht mehr leisten. Und wer den Weg des „kleineren Übels“ – die Unterstützung von Aufrüstung und sozialem Kahlschlag – jetzt nicht mitgeht, trägt die Schuld für den Erfolg der AfD.
Hier wird die Parallele zwischen Autoritätsstruktur der Gesellschaft und kindlicher Autoritätserfahrung deutlich. Die Gebote der Mächtigeren müssen sich nicht durch vernünftige Gründe ausweisen, sondern werden als Sachzwänge präsentiert, an die sich der Einzelne anpassen muss, weil sonst die Strafe drohe. Die Vernunft tritt in den Dienst der Rationalisierung. Die Krankschreibung ab Tag 1 ist eine politische Entscheidung, die SPD und CDU treffen mussten, weil die Fehltage der Deutschen zu hoch waren und „wir“ nur so konkurrenzfähig bleiben können. Der Zusammenhang zwischen wachsender Armut auf der einen und Militarisierung, Vermögen der Bonzen und Steuergeschenken für Konzerne auf der anderen Seite soll bestmöglich aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt werden. Wie Clara Zetkin prophezeite, verhindert die Politik des „kleineren Übels“ eine potenziell faschistische Bewegung nicht, sondern trägt – aktuell sehr offensichtlich – aktiv zu ihrer Entstehung bei. Soll dieser Trend gestoppt werden, müssen die Massen ihre Passivität überwinden. Was für das Kind die Stärkung des Ichs ist, ist für das Proletariat der Klassenkampf. Das „Wir“ der Arbeiter:innen ist ihre Klasse, nicht das nationale Kollektiv. Dieses „Wir“ muss gestärkt, das bürgerliche „Über-Ich“ geschwächt werden. Weder Erziehung noch die Einrichtung der Gesellschaft unterliegen den Gesetzen der Natur, sondern denen der herrschenden Klasse. Der Kampf gegen den autoritären Charakter hat in erster Linie dann Aussicht auf Erfolg, wenn wir uns darüber bewusst werden, dass sich unser Leben, auch auf der gesellschaftlichen Ebene, planvoll und vernünftig gestalten lässt. In den Worten Erich Fromms: „Sich dem Schicksal fügen, ist der Heroismus des Masochisten, das Schicksal ändern, der des Revolutionärs.“
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