Wann sind Frauen schützenswert?

9. November 2020

Autor*in

Jane

Die linke Twitter-Community kennt Jane.

Jane ist eine Internet-Persona, legendär für Ihre Fronts, immer mit dem Finger bei der *richtigen* Person in der Wunde. Der Zeit-Feuilletonist Lars Weisbrod schrieb einmal:
Jane ist der Volker Pispers der Generation Tinder“. Aber wo ist der Diss?
Jane ist keine Politikerin, Jane ist kein Hippie, ja ok, vielleicht ist Jane Satire.
Wütende Satire. Jane legt keinen Wert auf Formalie und die sogenannte Seriosität. Sie ist provokant, sie derailed, sie macht all das, was ungern gesehen wird bei Frauen: sie ist konfrontativ, direkt, sie widerspricht, ist aufmüpfig, dominant bis autoritär. Oft legt sie bloß durch ihre Süffisanz bei ihren Kontrahenten frei, was viel größer ist, als eine anonyme Beleidigung oder eine Bedrohung. Das zerbrechliche Ego hinter dem, meist männlichen, Account-User. Das traurige Kind in dem hasserfüllten Erwachsenen. Ist das dieser Troll-Feminismus? Jane ist die kanakische Gottmutter der Vernunft von Pushlinetwitter, nicht jeder weiß das. Naja. Das muss man alles nicht gut finden, aber so ist es nun mal.

Hi, ich bin Jane.

Lasst uns endlich über etwas reden das die Welt bewegt: Männer. Hetero-Cis-Männer.

Die Konsequenzen daraus, im Internet regelmäßig nach rechts verirrten oder anderweitig problematischen Menschen (meist Männer) zu ärgern, sind auch, abgesehen von üblen Bedrohungen und Beleidigungen, dass mein Account gesperrt wird. Ob aus der radikal faschistoiden oder der neoliberalen Ecke, ob engstirnige Mitte, ob Journalismus oder Politik, mit wem auch immer ich mich worüber auch immer streite, irgendwann kommt eine Mail, dass ein Tweet gemeldet wurde oder mein Account gesperrt ist. Das ist ok, mit Petzen deal ich schon seit der Grundschule.

Jede Person, die im Internet linke Positionen publiziert, hat schon endlos zähe, sich im Kreis drehende Sinnlos-Diskussionen geführt, häufig dieselben, immer die Gleichen. Darüber hinaus wird fast jede linke oder feministische Person auch Hassmails bekommen haben, vielleicht sogar Shitstorms erlebt, Bedrohungen erlebt – schlimmstenfalls bis ins reale Leben. Das gehört wohl dazu.

Was ist los?

Ich schlendere durch die Instagram-Stories und stoße auf ein Video, wo jemand sich über das Instagram-Profil ‚welcometokreuzberg‘ echauffiert. Es ginge nicht klar, dass man im Namen von Kreuzberg behaupte, Kreuzberg sei antifaschistisch. Er diskreditierte die Black Lives Matter Bewegung und bezweifelte, dass der Mord an George Floyd überhaupt rassistisch motiviert war. Die Behauptungen und Erklärungen wirkten auf mich absurd und gleichzeitig so herablassend, dass ich das Bedürfnis hatte, die Möglichkeit und mein Recht zu nutzen, das zu kommentieren.

Schnell war klar, dass der Berliner Podcast-Host B.lash der Echauffeur war und ich las weiter in seinen Kommentaren. Zum Beispiel davon, dass der „Onkel B den Saftladen clean halten…“ will, soll oder muss, OK. Stadtteile von Antifaschismus säubern. Ok, ok.

Hey Belash wann kommt Telegramgruppe?“

B.lash hat viel gerappt und produziert, bevor er Podcaster und Streamer wurde, ich finde das ok als Karriere. Ich weiß gar nicht, ob er selbst als Sozialarbeiter unterwegs war, aber weil wir im ähnlichen Alter sind, weiß ich wie lange B.lash schon *dabei* ist, dass er zum Kreuzberger HipHop-Inventar gehört. Er wird weitläufig akzeptiert, manchmal kritisch gesehen, aber er hat nun mal diesen Status von *lange dabei* und in der HipHop-Szene hat das irgendeinen Wert, der in Respekt gemessen wird.

Ich habe mir nie seinen Content gegeben und sehe ihn als Lokalphänomen. Über die Jahre habe ich nur selten und beiläufig von seiner *Entwicklung* gehört – aber er war grade frisch auf meinem Radar, weil Staiger ihn in seinem Bunker-Talk hatte. Den Talk habe ich nicht ganz gesehen, weil B.lash in den ersten Minuten für mich so unerträgliches gegenüber Homosexuellen äußerte und ich so etwas ungern Platz in meinem Kopf einräume.

Aber zurück in die Kommentare darunter. (Drukos) „Hey B.lash wann kommt Telegrammgruppe?“

Nach meinem ersten Kommentar begann ein Dialog mit einem anderen User aus der Onkel B.-Community, wo ich sehr ungenau und überspitzt, die angeblichen Standpunkte von B.lash, flapsig aufzählte. Da kam dann Onkel B. dazu, der sich über meine Ungenauigkeit empörte, es folgte ein Austausch. Wenn wir in Beef Einheiten messen, würde ich sagen: rare bis medium.

Er nannte mich ein paar Mal SJW-Janette und ich wurde von ihm eingeladen in einen seiner Streams zu kommen und mich face-to-face mit ihm zu streiten. Abgesehen davon, dass sein Stream weder ein neutraler, noch sicherer Ort für mich ist, habe ich auch deutlich gemacht dass Onkel B. ein paar hundert Stunden seiner Standpunkte ja bereits online hat und ich kein Interesse an seiner Überzeugungsarbeit habe. Ich bin kompromisslos gegen seine Meinung und habe auch kein Bock darüber zu diskutieren, Punkt. Ich schlug Onkel B. vor, im echten Leben ganz analog wie in den Neunzigern zu daten und er darf dann nochmal genau erklären was sein Problem mit Antifaschismus ist, wenn ich ihm rhetorische Figuren wie Slippery Rope, Whataboutims oder Strohmänner erklären darf. Mittlerweile kann ich keines meiner Kommentare unter dem Video mehr sehen.

Verständlicherweise hat Onkel B. mich dann geblockt. Für mich war das Ding damit durch, ich hätte nicht mehr über ihn geschrieben, ich hätte vermutlich nie wieder an ihn gedacht. (Von einer „tagelangen Hetzkampagne“, also etwas Geplantem, dass über diese paar Drukos und zwei Stories hinausgeht, zu sprechen, wirkt auf mich paranoid). Am nächsten Morgen bekam ich eine Mail von einem User aus meiner Community – ein Link zu einem Ausschnitt aus einem Twitch Stream.

CONTENT WARNING: RAPE, MURDER

B.lash saß da also in seinem Stream und erzählte was Frauen wie mir, „in diesem Fall einer SJW-Janette“, passieren könnte, wenn sie sich so im Internet verhalte.

Er meint mich, Jane. Er sagt nicht, dass ER mir das antun will, er spricht von einem ‚Anderen‘. Er erzählt mit glühenden Augen eine zornzerfressene Phantasie von Unterdrückung, sexualisierter Gewalt und Auslöschung. Frauenverachtend, menschenverachtend, furchteinflößend.

Er beschreibt sehr detailliert, wie jemand herausfinden könnte, wo ich lebe, mich an die Wand drängt, mich vergewaltigt und mich mit einem Messer tötet. Das Video sowie die Transkription liegen mir vor. Ich habe einen kleinen Ausschnitt davon bei meinem Instragram gepostet mit der Caption: „Komplett normale Reaktion auf gestern“

Der Beitrag ging viral, wurde gemeldet und ich musste ihn löschen.

Metaebene.

ICH habe nie öffentlich behauptet, dass B.lash gesagt hat, er will mich vergewaltigen. Aber in einem Kommentar unter einem Statement vom Ficko Magazin auf Instagram steht, wie einer das für eine interessante Idee hält und fragt ob sich Freiwillige finden? Ich sage, dass das öffentliche Ausformulieren solch einer Fantasie hochgradig problematisch und gefährlich ist, und das auf vielen Ebenen. Und dabei sei die justiziable gar nicht in Betracht gezogen.

Es ist beschämend, dass nun ein semantisches Ringen um Hypothesen und Erzählpersonen veranstaltet wird. Als ginge es darum.

Das ist meiner Meinung nach nur eine Ablenkung, von dem eigentlichen Problem. Jetzt diskutieren wir die Glaubwürdigkeit von Jane und anderen, die die Warnung/Drohung und Vergewaltigungslegitimierung darin sehen und nicht über die Ekelhaftigkeit des Videos.

Ist das schon Täter-Opfer-Umkehr?

Ging es nicht um Machtgesten und Einschüchterung?

Die Essenz ist wohl: Du kannst als Frau im Internet unangenehm sein, aber dann wundere dich nicht, wenn du heimgesucht wirst. Das ist dieselbe Energie wie „selbst Schuld, wenn dein Rock so kurz war“.

B.lash hat sich bereits mehrfach zu den Vorfällen positioniert. (TV Strassensound-Interview mit seinem Homie Davud -Incoming)

Es sieht sich als das Opfer einer bösen Hetz-Kampagne, was ein Grund für seine Aussagen darstellen soll, ein Klassiker auch: er beteuert jetzt natürlich, sich schon seit Jahren gegen Gewalt an Kindern und Frauen einzusetzen. Er erwägt gerichtliche Schritte wegen Rufmordes gegen uns.

OK kool.

Wer Frauen schützen will, wirft sie seiner Community zum Fraß vor?

Eine weitere Genossin, über die er ein ganzes IG Video gemacht hat, inklusive Verlinkung ihres Accounts, und ich, waren nun im Rampenlicht seiner Fans und bekamen von 60 bis 100 verschiedenen Accounts die niederträchtigsten Hassnachrichten. Uns wurde das Übelste gewünscht, die beschriebene Szene wurde uns mehrfach angedroht, unsere Familien wurden beleidigt, bekamen sogar Dickpics, sowie Rassismus. Zwei Tage lang.
 Solchen Geistes Kinder sind also seine Fans. Wir haben das schnell öffentlich gemacht und B.lash, der alte Frauenfreund, bedankte sich in seiner Story bei seiner Community für den Support.

Ich möchte hier anmerken, dass kaum ein Mensch, der sich je ernsthaft mit sexualisierter Gewalt und deren Opfern befasst, solch eine grafische Erzählung ohne mindestens eine Content Warnung vorweg wiedergeben würde. Wenn überhaupt. Allein aus Respekt vor Opfern. Es erschließt sich mir auch kein bisschen, weshalb es notwendig ist, so detailgenau die körperliche Entwürdigung einer Frau vor einer Community, die überwiegend cis-männlich zwischen 20 und 40 Jahren alt ist, darzustellen. Sein Gefolge regt sich in den Kommentaren über abgefilmte Trigger-Warnungen auf und macht sich über sie lustig.

Des Weiteren ist die Verantwortung des Streamers den Habitus seiner Community zu schulen. Ein Mensch, der sich ernsthaft gegen Mobbing und für den Schutz von Frauen interessieren würde, hätte nur dazu aufgerufen sich entsprechend zu verhalten, (statt gleichzeitig die betreffenden Frauen ihrem gewalttätigen Mob zum Fraß vorzuwerfen.)

Oder sind Frauen nur dann schützenswert, solange sie keine Kritik üben?

Über HipHop, über Rapper, über fragile Männlichkeit.

Es geht mir gar nicht um B.lash, hier gehts darum, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen. Der Name ist beliebig austauschbar und wir werden noch genug Jungs in der Szene finden, denen es nicht nur an Empathie fehlt.

Ein wütender Mann schrieb mir. Kein Wort des Bedauerns oder Frage nach meinem Befinden, für ihn war am schlimmsten, dass IHR, WIR, ICH diesen HipHop so in den Dreck ziehen.

Ich ziehe keinen HipHop in den Dreck, das machen seine Protagonisten schon ganz allein.

HipHop hat ein Sexismus-Problem, ein Problem mit Homo- und Queerhass, ein Problem mit Antisemitismus und in Deutschland auch eines mit antischwarzem Rassismus.

Kombiniert mit toxischer Männlichkeit gibt es mehr als nur eine fragwürdige Schnittstelle mit dem aktuellen faschistoiden Weltdiskurs. Das fehlende Klassenbewusstsein und die apolitische Grundhaltung der meisten in der Community sind Symptome einer verfehlten „Stimme der Unterdrückten“. Da wird ganz viel beobachtet, was alles schlimm ist auf der Welt, aber Analyse, Ursachenforschung unter dem Aspekt des ökonomischen Materialismus, findet nicht statt. Das endet ganz natürlich nur in einem neoliberalen Unheil, in dem Frauen selbstverständlich unterdrückt werden.

Von Afrika Bambaataa über Westcoast und Wu-Tang bis zur Newschool: Kindesmissbrauch und Vergewaltigungen waren immer schon ein Thema. Ich habe fast 15 Jahre lang aktiv in der HipHop-Szene gewirkt und wenn ich mir eines Umstandes sicher sein kann, dann, dass mindestens die Rap- und Grafittiszene bis obenhin voller sexistischer Akteure sind, mit wenigen Ausnahmen. Natürlich sehen die Herren selbst das alles ganz anders. Der normalisierte Zustand ist unterirdisch – aber natürlich reden wir lieber romantisch über die Elemente und Kultur. Hängengeblieben, wer nicht sehen will, dass HipHop heute – nicht nur aber vor allem – Moneyculture ist.

„Frauen haben keine Ahnung von Rap“ schreibt mir ein blonder Junge, Jahrgang 1997.

Hänge ich eigentlich in einer Zeitschleife fest? Welcher Kultur soll ich hinterherheulen? Dessen Fans mir seit zwanzig Jahren völlig normalisiert den gleichen herabwürdigen Müll über mich als Frau erzählen? Ist das protofaschistische Ausgrenzung? Was hatte dieser Junge für Vorbilder? Haben seine Vorbilder Mütter, Schwestern, Partnerinnen oder Töchter?

Ein paar Zeilen noch an die Mutigen, die fremde Frauen im Internet belästigen und die das alles als Anlass sahen, ihrem Frauenhass mal freien Lauf zu lassen: Ich weiß, dass der patriarchale Kapitalismus nicht nur Frauen unterdrückt und ihr auch in einer Welt aufwachst, die euch limitiert. Ich ahne, was euch das gibt, mir solche Mails zu schreiben und es tut mir leid, dass ihr so vergiftet seid. Ich wünsche euch aufrichtig einen Menschen in eurem Leben der euch bedingungslos liebt und hilft, den Hass in euch zu bekämpfen.

Und weil es mir wichtig ist:

Jede Dritte Frau (Dunkelziffer offen) hat in ihrem Leben bereits mindestens eine Erfahrung mit sexualisierter Gewalt gemacht. Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von einem Mann ermordet. Nicht jede pädophile Person begeht Straftaten und nicht jeder Akt von sexualisierter Gewalt an Kindern wird von Pädophilen begangen. Der weit überwiegende Anteil der Täter sind hetero sexuelle Cis-Männer, am häufigsten sind die Täter im näheren, privaten Umfeld der Opfer zu finden. Es ist zum Beispiel der Vater, der Bruder, der Onkel.

Wer also Frauen und Kinder schützen will, sollte sich bei solchen Fakten weniger auf ominöse satanische Pädophilen-Ringe konzentrieren als auf die hegemoniale, zerstörerische Männlichkeit, die diese Gesellschaft dominiert. Und weil ich mit Statistik anfing: von drei Männern in deinem Umfeld ist wahrscheinlich mindestens einer ein Täter.

Am besten fängt Mann aber immer bei sich selbst an, reflektiert seine Privilegien als Mann, seinen eigenen gesellschaftlich indoktrinierten, inhärenten Sexismus, seine Fragilität und seine Komplexe und dann darf er gern von uns lernen und Allianz von uns werden, im Kampf gegen die Unterdrückung.

„Das gekränkte Ego des Mannes ist wohl das gefährlichste Monster auf Erden“

Jane.

#Titelbild: Public Domain
(Ljudmila Pawlitschenko im Schützengraben, 1942)

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5 Kommentare

    Pascal Nastasi 10. November 2020 - 3:15

    Das ist mit einer der besten Beiträge die ich je zu dem Thema gelesen habe. Liebe und Respekt geht raus.

    Josi 10. November 2020 - 16:08

    DANKE. So ein guter Text.

    MicDrop 12. November 2020 - 21:35

    genau so !

    Auchfrau 14. November 2020 - 0:40

    Starker Artikel! Der überbordende Sexismus in der Hiphop und Graffiti Szene ist etwas was mich auch sehr beschäftigt. Gefährlich weil Hiphop vor allen Dingen untern Teenagern wieder sehr beliebt geworden ist.

    Götz 15. November 2020 - 21:36

    “Hänge ich eigentlich in einer Zeitschleife fest?”
    Weitergedacht: Könnte ich das schaffen, in einer Zeitschleife festzuhängen? So ein Funktelefon im Keller liegenlassen? Am Rechner nur noch Selbstausgesuchtes lesen? Hass nur noch zur Kenntnis nehmen, wenn er auf Armeslänge vor mir steht? Das Thema der nächsten Diskussion selbst wählen? Auf Street Credibility – mit Verlaub – scheißen?