Scheiße, scheiße, scheiße

1. September 2020

Autor*in

Jane

Diese Kolumne heißt Anger Management und meist pöbele ich wütend vor mich hin, aber diesmal nimmt ein anderes Gefühl so sehr Raum ein, dass ich darüber schreiben will. Ich kann es nur beschreiben, denn bisher fand ich kein Wort, das dem entspricht.

Am Samstag, dem 29.08. hatte ich dieses Gefühl. Irgendwo zwischen Fassungslosigkeit, Ekel und Angst, irgendwas zwischen, stechend, juckend und piksend. Etwas das wie die Haut auf der Milch, die dir plötzlich triefend und schleimig aus dem Mund hängt und am Kinn klebt. Und sie ist aus Salpetersäure. DIE Demo in Berlin.

Es ist alles so kaputt. Ich will Springer beleidigen und enteignen, dem Chef des Verfassungsschutzes Inkompetenz vorwerfen, den Verfassungsschutz auflösen, will tausend Seiten darüber schreiben, was alles falsch läuft bei der Polizei. Wie kann es sein, dass jedes Schanzenfest personell und strategisch besser bearbeitet wird, als der größte Naziaufmarsch Deutschlands in diesem Jahrtausend? Ich will wissen, wie es sein kann, dass tausendfach Mütter Nachrichten voller Sorge an ihre Kinder schicken, mit der Bitte das Haus nicht zu verlassen, warum Freund*innen sich nicht mehr alleine raustrauen, warum niemad das Terror nennt, was da passiert.

3 vs. 9

Witzig, bitter witzig, oder einfach nur kurzsichtig, wie Shahak Shapira sinngemäß geschrieben hat, dass du mit hunderten den Reichstag stürmen kannst und dort nur drei Cops stehen, die kaum etwas machen, während ein Junge auf einem E-Roller, wie kurze Zeit vorher in Hamburg gefilmt, von neun Cops misshandelt wird. Aber er liegt falsch mit dem Vergleich der Vorfälle, wenn er außer Acht lässt, dass, wäre der Junge auf dem E-Roller blond gewesen, die Cops sich eventuell anders verhalten hätten und hätten ein paar hundert migrantische Teenager angekündigt, mit Waffengewalt den Reichstag zu stürmen, sich die Cops eventuell anders verhalten hätten. Seht ihr das Problem?

2020, wir sind bei Reichsflaggen vor dem Reichstag und die Rote Armee hilft diesmal nicht. Die Gedenkfeier für den rassistischen Massenmord in Hanau wurde aus Seuchenschutzgründen abgesagt, das wurde medial mit Verständnis hingenommen, weil Sicherheit geht nun mal vor. Die Gedenkfeier wurde so kurzfristig verboten, dass es juristisch keine realistische Möglichkeit gab zu intervenieren. Hier wird nicht getrauert, Ende.

Der Aufmarsch der rechten Masse sollte auch erst verboten werden. Aber wir wären nicht in Deutschland, würde man nicht, 75 Jahre nach der Shoah, über das Recht auf Demokratie für Faschist*innen debattieren. Die Veranstalter*innen bekamen genug Zeit gerichtlich gegen das Verbot vorzugehen, die Medien, insbesondere die Springer Presse, unterstützen das Vorhaben: Ein Verbot sei ein „inakzeptabler Angriff auf unsere Grundrechte“. Alle gaben sich Mühe diese Veranstaltung zu einem demokratischen Akt treuer Demokrat*innen zu frisieren. Der Chef des Verfassungsschutzes, Thomas Haldenwang erklärte im Vorfeld, dass die Demos gegen die Corona-Auflagen NICHT von Rechtsextremist*innen unterwandert sei. LMAO

Und dann kam die Demo. Familien mit Kindern, die Kleidung mit eindeutigen Codes der rechten Szene trugen (Kinder die später als Schutzschilde vor die Polizei geschoben wurden), Eso-Hippies, Völkische Ökos und andere Wissenschaftsverweigerer*innen tummelten sich zwischen Faschohools, Kadern rechter Organisationen: NPD, AFD, Identitäre aus dem In- und Ausland, Verschwörungsmystiker*innen. Es gab auch süddeutsche Polizeibeamte als Redner auf einer Bühne. Antisemit*innen, Reichsbürger*innen, Q-Anon und andere Sektenanhänger*innen, Neonazis, Rechtsextreme, unzählige Dokumentationen von Hitlergrüßen usw usf. Ja, das war eine „breite und bunte Mischung.“

Muss man differenzieren

Dieses zu Tode diffenzieren soll die bürgerliche Mitte zelebrieren, bis sie zu Staub wird. Ich habe noch nie so viele Reichsflaggen, noch nie so viele Faschos auf einmal gesehen. Sämtliche Expert*innen hatten vor diesem Szenario gewarnt. Die Polizei in Berlin war so schwach aufgestellt, ich hatte fast Mitleid, schließlich werden hier Leute von ihrem Arbeitgeber grausam verheizt, aber den Job wollten sie ja und dann erinner ich mich wieder daran, wie sich die Polizei während des G20 Gipfels verhalten hatte. Oder bei der Stürmung einer linken Kneipe vor ein paar Wochen oder einfach auf JEDER LINKEN DEMO. Ständig wird gegen links mit massivster Brachialgewalt gehandelt und Samstag gab es Unterbesetzung und Samt- statt Quarzsandhandschuhen. Wasserfereinsatz? Ich weiß es nicht. Ich habe eine Videoszene gesehen, wo Cops eine Person aggressiv aus einem Demoblock gefischt haben, aber das war bei einer linken Gegendemo. Das soll alles Zufall sein, oder bloße Unfähigkeit.

Vergleiche ich das Titelblatt der Bild, nach dem G20 Gipfel in Hamburg mit dem Titelblatt der Bild, nach den Vorkommnissen des Wochenendes in Berlin, lache ich laut vor mich hin. Das ist schon ein sehr irres Lachen, weil damals stand da irgendwas von RAF und ich dachte, ich sitze in einer Zeitmaschine. Heute erklärte die Bild die drei alleingelassenen Cops vorm Reichstag zu Helden. Keine öffentliche Fahndung der Übeltäter*innen mit schnittigen Überschriften auf dem Titelblatt. Sachbeschädigung und Eigentumsdelikte scheinen mehr zu stören, als rechter Terror vor dem Reichstag. Hat sich da eigentlich schon irgendwer gemeldet, um die Treppen zu putzen?

An diesem Wochenende hatten eine Menge sehr schlechter Menschen die Möglichkeit, sich sehr gut zu vernetzen und das rechte Selbstbewusstsein insgesamt wurde enorm gestärkt. Die Folgen des eklatanten Fehlverhaltens, seitens der Politik und der polizeilichen Führung wird die migrantisierte Bevölkerung tragen müssen. Es ist sehr kalt geworden in Deutschland und es wird noch kälter werden.

# Titelbild: PM Cheung

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