Post-Diktatur und Klassenkämpfe – Santiago de Chile und Valparaíso

13. August 2019

Unsere Autorin Eleonora Roldán Mendívil war in Südamerika unterwegs. Ihre Erfahrungen hat sie in einem politischen Reisetagebuch für euch aufgeschrieben. Aus der peruanischen Küstenstadt Trujillo, den Anden von La Libertad, der Regenwaldregion Perus, über die Kämpfen von arbeitenden Frauen in Lima, von der Ausstellung Yuyanapaq im Museum der Nation in Lima und von der Grenzstadt Tacna, sowie von den Kämpfen der Bildungsarbeiter*innen und Bergleute im nordchilenischen Antofagasta hat sie bereits berichtet. Weiter geht es in der Hauptstadt Santiago de CHile und der Hafenstadt Valparaíso.

Nach Santiago fahren wir 17 Stunden mit dem Bus – mal sehen wir das Meer, mal sehen wir nur Wüste. Am Mapocho-Fluss gelegen, erstreckt sich die Millionenmetropole über 837 km². 1541 wurde die Stadt vom spanischem Kolonisator Pedro de Valdivia auf Mapuche-Siedlungen, welche sich in dieser Region unter Quetschua-Kontrolle befanden, gegründet.

Wegen des Streiks der Lehrer*innen finden, während wir in Santiago sind, viele Demonstrationen statt. Ein cazerolazo, bei dem sich Hunderte draußen mit Kochtöpfen sammeln, auf die dann eingeschlagen wird, wurde von Schüler*innen in Solidarität mit den Lehrer*innen organisiert.

Auch die 17-jährige Colomba Ugarte unterstützt den Streik ihrer Lehrer*innen. „Wir gehen von Klasse zu Klasse und versuchen, andere Schülis von der Notwendigkeit des Widerstandes gegen diese Regierung und diese Art der Politik zu überzeugen. Aber leicht ist es nicht. Die Leute in meinem Alter sind leider sehr apolitisch.“ Trotzdem lässt sich Colomba nicht entmutigen. Sie ist Teil eines Kollektivs names Cordón Estudiantil Peñalolen, an welchem sich Schüler*innen aus verschiedenen Schulen im Bezirk Peñalolen eigenständig organiseren. Auch zum cazerolazo haben sie aufgerufen.

Linke Strömungen

Wir gehen mit Benja, einem Genossen der PTR durch den gentrifizierten Teil der Innenstadt. „Die PTR ist Teil der Trotzkistischen Fraktion zum Wiederaufbau der Vierten Internationalen. Wir sind hier in Chile in den 1990er-Jahren entstanden. Heute sind wir vor allem innerhalb der Jugend eine immer wichtigere Kraft. Wir kämpfen dafür, Arbeiter als eigenständige Kraft zu organisieren. Gegen die Gewerkschaftsbürokratie und für die Verbindung verschiedener Kämpfe unserer Klasse in unterschiedlichen Sektoren. Wir tun dies, da wir uns nur auf uns selbst als Arbeiter stützen können, um eine Revolution vorzubereiten und eine kommunistische Gesellschaft zu erreichen.“

Der 32-Jährige Ökonom erklärt bei einem Kaffee viel über die chilenische Geschichte und die verschiedenen Fraktionen der Linken des Landes. Wir treffen auch Genoss*innen anderer linker und anarchistischer Gruppen, die in Nachbarschafts-Initiativen und feministischen Kämpfen aktiv sind. Das große Problem analysieren alle gleich – der voranscheitende Neoliberalismus in Chile. Auch im Ziel sind sich alle einig: der Umsturz der kapitalistischen Gesellschaft, samt ihrem Staat, muss her.

Lösungsvorschläge aber haben sie unterschiedliche. Einige mit reformistischen Strategien – ähnlich wie die Linkspartei in Deutschland -, andere mit linksradikalen Alternativen in Rahmen von Häuserbesetzungen und direkten Konfrontationen mit der Polizei. Kommunist*innen wiederum setzen traditionell auf die Macht der Arbeiter*innenklasse, um soziale Verbesserungen zu erzielen. Aber mit welcher Strategie man sich an welche Teile der Klasse genau wendet, ist unter Maoist*innen, Trotzkist*innen usw. umstritten. Auch die Frage, ob man zuerst auf den Kampf gegen den Imperialismus – wie in maoistischen Strömungen – oder auf die Zentralität der Arbeiter*innenklasse – wie in trotzkistischen Strömungen – setzt, wird unterschiedlich beantwortet. Mal arbeiten sie zusammen; mal bekämpfen sie einander.

Über das Erinnern

Chile ist teuer; fast so teuer wie Deutschland. Nur, dass der Mindestlohn weniger als die Hälfte des Mindestlohnes in der Bundesrepublik beträgt. Wir müssen auf die Preise achten und gehen auch mehr zu Fuß. Im Museo de la Memoria y de los Derechos Humanos, dem Museum des Gedenkens und der Menschenrechte, wird einem der 11. September 1973 und die fast 20 Jahre anhaltende Diktatur bildlich und bewegend präsentiert. Wir hören Überlebenden-Zeugnisse und sehen uns die Bilder von traumatisierten Kindern von Verhafteten, Gefolterten und Verschwundenen an. Wir lernen, dass die traditionelle cueca, ein chilenischer Paartanz, als cueca sola von den zurückgebliebenden Partner*innen und Familienangehörigen allein getanzt wurde. Dies symbolisierte die Abwesenheit der Verschwundenen und Ermordeten.

Bis heute gelten hunderte Menschen als vermisst. Die Diktatur forderte mindestens 4000 Leben. Eine Million Chilen*innen wanderten aus politischen Gründen aus. Viele von ihnen kamen auch nach Deutschland, wo sich in der gesamten Bundesrepublik sowie in der DDR Chile-Solidaritätskomitees gründeten.

Was das Museum verschweigt, ist die Vorgeschichte des Coups. Es erzählt nicht von den Plänen der USA, aus Chile ein Musterkind des radikalen Neoliberalismus – durch die Schock-Strategie, wie Naomi Klein es in ihrem Bestseller von 2007 auf den Punkt bringt – zu machen. Es erzählt nicht von der Ausbildung chilenischer Ökonomen an der University of Chicago, welche von 1956 bis 1970 die marktliberale Doktrinen von Friedrich August von Hayek und Milton Friedman lernten, um so in Chile die Dominanz freier Märkte, sowie ungehemmte Privatisierungs- und Deregulierungsmaßnahmen durchzusetzen. Die enge Zusammenarbeit des US-Militärs mit den Verantwortlichen des Staatsstreiches wird ebenfalls nicht erwähnt. In einem Meer von persönlichen Leidensgeschichten wird moralisch gemahnt. Erklärt wird jedoch wenig.

Ab 1990 heißt es im Museum und in den chilenischen Geschichtsbüchern, wurde die Demokratie wieder eingeführt. Dass dies eine vom Regime gelenkte „Demokratisierung“ mit fundamentalen Zugeständnisse für die Politiker*innen und Beamten der Diktatur war, wird ebenfalls verschwiegen. Teile der Zugeständnisse waren die Immunität vor Strafverfolgung gegenüber dem Ex-Diktator Pinochet sowie die Aufnahme in ein „demokratisches System“ der gesamten Riege von Verbrecher*innen – Militärs, Kapitalist*innen und Politiker*innen. „Bis heute sind die meisten dieser Faschos an der Macht“, erklärt mir ein Genosse beim Mittagessen. Er ist Aktivist der Palästina-Solidaritätsbewegung, die in Chile so breit ist wie in keinem anderem Land außerhalb Palästinas.

„Es hat sich kaum etwas verändert. Du kannst dem Mörder deines Vaters, dem Vergewaltiger deiner Mutter jeden Tag beim Einkaufen über den Weg laufen. Das nennen sie ‚Demokratie‘. Es ist wirklich eine Schande!“ Über ihn und andere Paläsitna-Solidaritätsaktivist*innen erfahren wir, dass in Chile 500 000 Chilen*innen palästinensicher Herkunft leben. Die größte Gemeinschaft diasporischer Palästinenser*innen außerhalb Westasiens weltweit. Die meisten ihrer Familien, fast ausschießlich Christ*innen, sind um die Jahrhundertwende aus vier palästinensischen Orten, Bethlehem, Beit Jala, Beit Sahour und Beit Safafa über Valparaíso nach Chile emigriert. „Auch deswegen ist der Palästina-Aktivismus in Chile so stark“, erklärt er uns, während er seine Kuffiyah umbindet.

Der Hafen: Valparaíso

Von der 5-Millonen-Metropole reisen wir weiter westlich ins nahe gelegene Valparaíso. Die Hafenstadt ist vor allem für ihre bunt angestrichenen Häuschen entlang von Berghängen bekannt. Viele wichtige Persönlichkeiten, wie Pablo Neruda, hatten hier ein Häuschen, um es sich gut gehen zu lassen. Mit 900.000 Einwohner*innen ist Valparaíso recht überschaubar. Vor allem die Hafenarbeiter*innen machen immer wieder mit Streiks auf ihre schäbigen Arbeitsbedingungen aufmerksam. Als wir dort sind, ist es jedoch der Streik der Lehrer*innen der alle bewegt. #YoApoyoElParoDocente (IchUnterstützeDenLehrkräfteStreik) lesen wir oft in weißer Schrift hinten auf Autofenster.

Valparaíso ist außerdem eine Graffiti- und StreetArt-Stadt. Überall treffen wir auf kunstvoll gestaltete Wandbilder. Teilweise viele Meter hoch und breit. Schon in Antofagasta und Santiago sind uns die Wandbilder aufgefallen – so schöne und aufwändig gestaltete wie in Valparaíso haben wir jedoch in den beiden Städten nicht gesehen. Die Wandgemälde sind sehr ästhetisch und manchmal sogar mit weiteren Materialien, wie Keramik und Spiegeln, verziert, jedoch fast durchweg unpolitisch fällt uns auf. Hier und da liest man mal eine Forderung. In einem Land, in dem der fortlaufende Genozid und der Landraub an indigenen Bevölkerungen, wie den Mapuche und den Aymara, voranschreitet, ist allein das Malen indigener Protagonist*innen eine Form des Widerstandes. Gesichter indigener Menschen, sowie verschiedene Symbole ihrer Widerstandskämpfe erkennen wir hier schon öfters wieder.

Nach einigen Tagen im kalten Valparaíso geht es für uns über die verschneite cordillera rüber nach Argentinien.

# Eleonora Roldán Mendívil

# Titelbild: Die Fassade eines Hauses in Valparaíso, Eleonora Roldán Mendívil

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