Die Anden – Bergbau, Agrarwirtschaft und gewerkschaftliche Kämpfe

7. Juni 2019

Unsere Autorin Eleonora Roldán Mendívil ist in Südamerika unterwegs, beobachtet die gesellschaftlichen Verhältnisse und spricht mit Menschen im Alltag über die ökonomischen und sozialen Probleme der Region, sowie über ihre verschiedenen Formen, Widerstand zu leisten. In den kommenden Wochen berichtet sie regelmäßig im Lower Class Magazine über ihre Eindrücke. Von der peruanischen Küstenstadt Trujillo hat sie bereits berichtet. Weiter geht es in den Anden von La Libertad, östlich von Trujillo.

Schwül war es die letzten Tage. Ein weiterer Genosse ist aus Lima dazu gekommen. Wir entscheiden uns gegen den Ratschlag meiner Familie abends nach Huamachuco, vier Autostunden östlich von Trujillo zu fahren. Ihre Sorge ist, dass der kurvige Weg die Anden hoch, abends gefährlicher ist. Dazu kommt, dass Muttertag ist und viele Fahrer*innen betrunken sein werden. Dunkelheit, ein hoher Alkoholpegel und die kurvigen Straßen der Anden scheinen eine riskante Mischung zu sein. Wir wagen es trotzdem; immerhin ist die Straße bis nach Huamachuco asphaltiert. Dank Reisekaugummis überstehe ich die Fahrt ganz gut. Der schnelle Höhenaufstieg löst bei vielen ein soroche genanntes Phänenomen aus; Übelkeit, Kopfschmerzen und Kurzatmigkeit.

Huamachuco wurde 1553 von spanischen Augustinern gegründet. Heute leben knapp 40.000 Menschen hier. Der Name leitet sich von der ansässigen vor-Quechua Kultur, den Huamachuco, ab. Ca. 30 Minuten mit dem Auto entfernt erstreckt sich über den gleichnamigen Berg auf 3595 m die archäologische Stätte Marcahuamachuco, welche ein ritueller und administrativer Ort der Huamachuco war. Die ältesten Bauten werden auf 500 bis 700 nach westlicher Zeitrechnung datiert. Marcahuamachuco war mindestens bis zum Ende des 15. Jahrhunderts von Quechuas bewohnt und wurde in den letzten Jahren langsam wieder restauriert. Das wenig bekannte und touristisch kaum besuchte Marcahuamachuco erstreckt sich über 5 km mit einer Breite von 400 bis 600 m über den gesamten Berg. Beim entlangstreifen durch die Ruine sind wir neben einem weißen Touristen allein. Die Luft ist kalt und frisch. Wir können problemlos überall reingehen und uns auf die alten Mauern setzen. Verschiedenste wilde Andenblumen wachsen zwischen den Ruinen. Am Horizont erstrecken sich majästetisch die Anden.

Wir verbringen insgesamt vier Tage in Huamachuco. Weiter berg abwärts sind die Thermalbädern von Yanazara, wo das Wasser erhitzt auf bis zu 40 Grad aus dem Berg geflossen kommen. Wenig weit davon entfernt befindet sich auf 3200 Meter die Sausacocha Lagune. Wir gehen den Berg an der Lagune hoch bis zu einer Felsenformation, die wegen ihrer Form la tortuga, die Schildkröte, genannt wird. Von hier aus kann man die sich über 172 Hektar erstreckende Lagune im gesamten Panaorama bestaunen.

Huamachuco ist eine Bergbauregion. Viele der Männer arbeiten in den umliegenden Minen. Aber hier fließt auch viel Kokageld. „Die Nachbarin hat ein vierstöckiges Haus. Dabei verkauft sie nur Milch und Pudding“ erzählt mir meine Cousine schmunzelnd. „Das Drogengeld ist hier überall. Aber es lohnt sich nicht. Früher oder später erwischen sie dich und dann? Wenn nicht die Polizei, dann die Drogenmafia. Was wird dann aus deinen Kindern?“.

Uns erstaunen die Kontraste. Wir sehe öfters Bäuerinnen in traditioneller Kleidung bei ihren Schafherden und ihrem kleinem Kind auf dem Rücken geschnallt, die beim Grasen der Tiere auf ihrem Smartphone spielen. Wirtschaftliche Rückständigkeit mischt sich hier mit kapitalistischer Moderne auf eine eigentümliche Weise.

Tayabamba – eine Kleinstadt im Bergbauboom

Über Retamas fahren wir weiter nach Tayabamba. Zehn Stunden Autofahrt auf nicht asphaltierten Straßen. Den Berg hoch und auf der anderen Seite wieder runter. Und wieder hoch und wieder runter. Dabei gefühlt eine Million Kurven und ein etwas zu gehetzter Fahrer. Diesmal helfen sogar die Reisetabeletten kaum. Generell kauen die Menschen in der Region gegen soroche Kokablätter, chacchar la coca nennt sich das. Quechua, die imperiale Sprache der letzten Herrscherkultur vor der Spanischen Invasion, Unterwerfung und Kolonisierung der Region ab Mitte des 16. Jahrhunderts, ist in Teilen des Landes noch weit verbreitet. Zwischen Huamachuco und Tayabamba sprechen es jedoch nur wenige. Trotzdem haben in ganz Peru viele Wörter aus der Sprache Eingang in das lokale Spanisch gefunden. „Chacchar“ heißt auf Quechua kauen. Ich habe jedoch keine Kokablätter zur Hand und muss die Fahrt durch tiefes durchatmen überstehen. Hinzu kommen die plötzlichen klimatischen Veränderungen: desto höher wir auf den Berg fahren, auf die puna, wird es karger und schlagartig eiskalt. Sobald wir wieder runter fahren wird es langsam wärmer. Im Tal ist es tropisch. Hier wachsen vor allem Papayas und andere tropische Früchte. Innerhalb zwei Stunden geht man so vom Hochsommer zum tiefem Winter und wieder zurück.

Fünf Tage bleiben wir in Tayabamba. Mit knapp 15.000 Einwohner*innen ist Tayabamba wesentlich kleiner als Huamachuco. Und kälter. Wir sind nun Mitten in den Anden. In den letzten Jahren hat sich die Stadt wesentlich verändert: die Plaza de Armas, der zentrale Platz wurde ausgebaut und gestrichen, neue Pflanzen wurden gesetzt. Überall in der Stadt werden die Straßen asphaltiert. Ganze neue Bezirke sind in den letzten sieben Jahren entstanden. Die Häuser dort sind dreistöckig und nicht mehr aus Lehmziegeln. „Das ist das ganze Bergbaugeld“ erklärt mir meine Cousine Mary Fely Diáz Roldán, „in den letzten wenigen Jahren hat es einen Bergbauboom hier in der Region gegeben. Sie holen das ganze Gold aus den Bergen raus“. Es gibt die formellen großen Bergbauunternehmen, sowie kleine informelle Gruben, wo ganze Familien nach Gold suchen um der Armut zu entkommen. Auf dem Weg nach Tayabamba sehen wir mehrere dieser informellen Gruben, die ohne jegliche Sicherheitsstandards unter gefährlichen Umständen betrieben werden.

Der Bergbau löst regelmäßig heftige Proteste aus. 2012 war es vor allem die Region Cajamarca, nördlich von La Libertad, in welcher sich die Bevölkerung massenhaft gegen die Grundwasserverschmutzung durch den Goldabbau zur Wehr setzte. Die Minera Yanacocha, welche mehrheitlich der Newmont Mining Corporation aus den USA, dem zweitgrößte Goldproduzent der Welt und der peruanischen Compañía de Minas Buenaventura gehörte, an der aber auch mit einem kleinerem Anteil die Internationale Finanz-Corporation, Teil der Weltbankgruppe beteiligt war wollten das „Conga-Projekt“ umsetzen. Plan war zwei riesige Berggruben in Cajamarca und in Celendín zu bauen; eine davon sollte auf einer Lagune entstehen. Die lokale Bauernbevölkerung setze sich jedoch massiv zur Wehr. Der Tod dreier Protestierender führte mit Unterstützung und Aufmerksamkeit nationaler und internationaler Presse und Aktivist*innen zu einem neuen Kräfteverhältnis zugusten der lokalen Bevölkerung. Unter diesem massivem Druck musste die Minera Yanacocha schlussendlich zurückweichen und stellte nach mehreren juristischen Verfahren das Projekt komplett ein. Der von lokalen Anführer*innen wie Máxima Acuña Atalaya, Jaime Chaupe Lozano, Elías Abraham Chávez Rodríguez und Isidora Chaupe Acuña geführte Bauernwiderstand war ein enormer Erfolg im Klassenkampf der andienen peruanischen Bevölkerung. Internationale Aufmerksamkeit erhielt Máxima Acuña Atalaya zusätzlich 2016, als sie im Namen der gesamten widerständigen Bevölkerung mit dem Goldman Environmental Prize ausgezeichnet wurde und bei der Preiverleihung einen emotionalen Huayno vortrug.

Widerstand der Lehrer*innen

Solch massive Widerstand mit internationalem Ausmaß kennt man hier in La Libertad nicht. Aber doch organisiert sich immer wieder der Klassenkampf von unten in unterschiedlichsten Sektoren.

Mary Fely ist Gewerkschafterin. Aktuell ist sie als Sekretärin für Finanzen für den Regionalverband der Einheitsgewerkschaft von Bildungsarbeitern (SUTE) tätig. Sie ist 41 Jahre alt, alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern und hat ihre wichtigste Kampferfahrung 2017 während des mehrmonatigem landesweiten Lehrer*innenstreiks (wir berichteten) gemacht. „Zusammengefasst haben wir beim Arbeitskampf 2017 eine Lohnerhöhung von 700 Soles erkämpft. Bis 2017 haben wir als Lehrer 1300 Soles monatlich verdient. Seit März 2019 verdienen wir 2000 Soles“. Ein Euro sind 3,7 Nuevos Soles Peruanos, macht also eine Lohnerhöhung ab März 2019 von 185 Euro. Ein großer Sprung, wenn auch die Staffelung sehr spät kam. „Wir haben auch eine sukzessive Lohnerhöhung erkämpft: ab Dezember 2019 werden wir 100 Soles mehr verdienen und ab 2020 wird unser Lohn 2200 Soles betragen. Ab 2022 wird unser monatlicher Lohn 4500 Soles sein“. Alles dies war nur möglich, weil eine kämpferische Basis von Lehrer*innen in Großstädten und Provinzen den sozialpartnerschaftlichen Klassenfrieden der bis dahin landesweit tonangebenden Lehrergewerkschaft SUTEP in Frage stellten und öffentlich die Gewerkschaftsführung mit ihren eigenen demokratisch gewählten Delegierten herausforderten. „Außerdem war die breite Unterstützung von Eltern und Schülern besonders wichtig um diesen Kampf zu gewinnen“.

Traditionell gelten Lehrer*innen als zentrale Autoritäten in ihren Gemeinschaften – vor allem auf dem Land. Durch tägliche geduldige Arbeit haben es 2017 tausende Lehrer*innen geschafft wesentliche Unterstützung in verschiedensten sozialen Sektoren zu sichern und damit die Regierung in Bedrängnis zu bringen. „Aber das heißt natürlich nicht, dass nun alles ok ist in der Schule. Die Bildungsqualität ist wirklich niedrig und die Lehrerausbildung bildet nicht wirklich Pädagogen aus. Hier hängt viel von dem individuellem Willen der einzelnen Lehrer ab, zum Beispiel eigenes Material für die Schüler zu erstellen. Vor allem seitdem das Fach Philosophie in der Sekundarstufe abgeschafft wurde. Deswegen sind wir vom SUTE sehr froh, dass viele venezolanische Lehrer hier in die Region gekommen sind. Die Venezolaner haben ein sehr hohes Bildungsniveau und sind wirklich gute Pädagogen und Kollegen. Alle venezolanischen Kollegen haben sich auch direkt in unsere Gewerkschaft eingetragen und nehmen an den Fortbildungen gleichberechtigt teil. Wir sind ihnen sehr dankbar“.

Von hier zur Regenwaldregion sind es nur noch knapp 9 Stunden auf der alten Landstraße. Eine neue, welche Tayabamba mit der nächstgelegenen wichtigen Regenwald-Stadt, Tocache, in weniger als 5 Stunden verbindet, wurde zwar gebaut, aber el cerro se bajó, der Berg ist runter gekommen, was so viel heißt wie, dass Teile der Straße verschüttet und noch nicht frei geräumt wurden. Über die alte Straße machen wir uns auf dem Weg zur Regenwaldregion. „Vamos a Tocache“, wie ein altes Lied aus den 80ern sagt.

# Eleonora Roldán Mendívil

# Titelbild: Blick von Tayabamba auf Cruzpata, Eleonora Roldán Mendívil

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