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Im Mai hat die Kiezkommune Berlin-Wedding die Veranstaltungsreihe „Nein zum Krieg“ gestartet. Wir haben mit zwei der Organisator:innen, Noemi und Ernesto, gesprochen, wieso sie diese Reihe machen und was das mit ihrer Basisarbeit zu tun hat.

Wir freuen uns, dass ihr Zeit für dieses Interview hattet. Wollt ihr kurz euch und eure Arbeit vorstellen?

N: Ich bin seit etwa zwei Jahren dabei, ursprünglich wollte ich mich feministisch organisieren und bin so zur „Gruppe Ella Trebe“ gekommen, darüber bin ich quasi auch an die Basisarbeit gekommen und hab mich auch vermehrt in die Kiezkommune eingebracht. Wir arbeiten ja in mehreren Kommissionen, zu verschiedenen nachbarschaftlichen Themen bzw. Lebensbereichen der Arbeiterklasse: Bildung, Gesundheit, Geschichte, Gewalt gegen Frauen,Wohnen usw. Da ich selber auch im Kiez wohne, hatte ich natürlich viele Berührungspunkte mit den Alltagsproblemen, die es hier gibt und habe mich auf die kulturellen und sozialen Aspekte fokussiert.

E: Also bei mir gab es erst einmal eine theoretische Annäherung, ich hab irgendwann angefangen mich mit marxistischer Literatur auseinander zu setzen und kam zu einem kommunistischen Selbstverständnis. Es lag natürlich dann auf der Hand, dass ich mich dann auch praktisch einbringen wollte. Irgendwann kam ich auf den Laden und fand in den nachbarschaftlichen Projekten einen guten Ansatz. Es gibt ja einiges bei uns, so Nachhilfe-Angebote, offene Essensausgaben, Kiezspaziergänge, ein offenes feministisches Cafe & Mieter:innen Stammtische und eben auch verschiedene inhaltliche Veranstaltungen. Z.B hatten wir auch in den letzten Monaten eine Filmreihe gemacht in der wir die verschiedenen Themenbereiche zu denen wir arbeiteten vorstellten.

Ihr habt ja schon eine Filmreihe gemacht, in eurer aktuellen Veranstaltungsreihe zeigt ihr ja auch zwei Klassiker, Tarkovskys „Ivans Kindheit“ und „Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ . Wie kamt ihr auf diese Reihe?

N: Also es sind ja nicht nur Filme, es gibt auch eine Diskussionsveranstaltung und eine Lesung. Das Kriegsthema ist zurzeit sehr präsent, nicht nur medial sondern auch im Alltag der Menschen im Kiez. Wir kommen ja z.B bei der Essensausgabe oder bei unseren Kiezspaziergängen sehr direkt mit den Nachbar:innen ins Gespräch. Da wird uns viel über die Auswirkungen, die sich in den Preissteigerungen niederschlagen, gesprochen. Teilweise haben Menschen schon Probleme ihre Nahrungsmittel zu kaufen und viele kleine Läden, die eigentlich auch im Kiez verwurzelt sind, heben ihre Preise, weil es sonst einfach nicht klappt. Aber die Frage bleibt ja bestehen: Wie sollen es sich die Menschen noch leisten wenn es immer prekärer wird? Oft ist dann die Haltung wie bei der Bäckerin bei mir um die Ecke, die dann sagt: “NATO und Putin sind doch alle Scheiße.” Das können wir gut verstehen.

E: Ja vor allem auch seit den letzten Essensausgaben stellen wir uns auch auf Personen ein, die aus der Ukraine wegen dem Krieg fliehen mussten. Also es ist im Kiez schon präsent. Aber ich will auch auf einen anderen Aspekt eingehen. Wir haben die Reihe auch gemacht, weil wir eine Gegendarstellung wollen. Der gängige Diskurs in Deutschland und auch in einigen Teilen der Linken ist eine des Burgfriedens mit den eigenen Herrschenden. Nach dem Motto „Bist du nicht mit uns, dann bist du gegen uns“. Wir halten das für eine falsche Wahl und lassen uns da auch nicht reinzwängen. Trotzdem bestehen ja auch bei uns offene Fragen, wie eine antimilitaristische Praxis heute aussehen sollte. Klar haben wir einige Überlegungen dazu, aber wir denken, da muss aus einer linken und klassenbewussten Perspektive viel mehr gemacht werden. Die Reihe ist für uns ein Denkanstoß.

Ihr habt euch ja entschieden, auf vier verschiedene Ereignisse des 20. Jahrhunderts zu schauen, wieso genau diese Auswahl?

N: Genau, wir zeigen ja den Film „Iwans Kindheit“, eine sowjetische Produktion zum Zweiten Weltkrieg, haben eine Diskussionsveranstaltung mit Genossen aus dem Iran, die zur Zeit des ersten Golfkriegs den Krieg boykottierten und Menschen zur Flucht verhalfen. Dann gibt es noch den Film „Dr.Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben“, der sich mit dem Thema Atomkrieg auseinandersetzt. Als letzte Veranstaltung ist dann die Lesung aus „Im Westen nichts neues“, der ja der Antikriegsroman schlechthin ist.

E: Auf den ersten Blick scheint es etwas zusammenhangslos, aber wir haben uns bewusst für vier Aspekte entschieden, die uns in den letzten Wochen viel begegnet sind und wo wir denken, dass ein Blick in die Geschichte sehr fruchtbar sein kann. Natürlich ist das nicht ein umfassender Blick und es ist auch keine Analyse der aktuellen Lage. Aber wir denken, dass gerade der Blick in die Geschichte viele Anknüpfungspunkte für uns heute liefern kann.

Gerade die moralistische Argumentation, der wir in Deutschland begegnen, halten wir für gefährlich. Es wird dann Geschichtsrevisionismus betrieben und gesagt, dass es der erste Krieg seit 45 in Europa sei. Als ob es kein Jugoslawien gegeben hätte. Oder es werden gezielt Begriffe wie Vernichtungskrieg und Genozid kultiviert. Dass im Jemen seit 8 Jahren bombardiert wird oder aktuell wieder kurdische und ezidische Gebiete von der Türkei angegriffen werden, spielt dann aber keine Rolle. Vor allem wird sich gesellschaftlich zu selten gefragt, wieso es keine Rolle spielt.

N: Um wieder zu deiner Frage zurück zu kommen. Den ersten Film zeigen wir zum Anlass des Jahrestags der Befreiung. Es gab die letzten Wochen ja vermehrt Anschläge auf sowjetische Denkmäler. Wir denken es ist eine gefährliche Entwicklung, wenn die Befreiung vom Faschismus mit russischem Nationalismus vermischt wird. Es sind genauso wenig „russische“ Denkmäler wie der Angriffskriegs Russlands „antifaschistisch“ ist. Das Gedenken an die 15 Völker der UdSSR und all jene Menschen, die ihr Leben für die Befreiung Europas vom Faschismus gaben, lässt sich für uns nicht nationalistisch vereinnahmen oder verklären.

Zu der Diskussionsveranstaltung in der zweiten Maiwoche: Es war uns wichtig, dass wir Fragen thematisieren können, die auch uns selbst beschäftigt haben. Sollte man sich auf die Seite einer Kriegspartei schlagen? Wie verhält es sich mit dem Recht auf Selbstverteidigung? Was heißt es, zu desertieren? Wir denken, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die in Situationen waren, die Analogien aufweisen, kann uns da voran bringen. Es ist nicht der erste Krieg in der Geschichte und es gibt eben auch Erfahrungen, auf die wir als Linke zurückgreifen sollten, anstatt aus dem Bauchgefühl zu agieren. Vor allem sich dabei auf Ereignisse in Europa zu beschränken und andere historische Erfahrungen zu ignorieren ist kurzsichtig.

E: „Dr.Seltsam“ ist ja recht bekannt. Es geht um den Kalten Krieg,um die Atombombe, es ist eine Satire auf die Absurdität und zugleich das unmessbare Grauen, welches damit einhergeht. Wir sind auf das Thema gekommen, als wir darauf aufmerksam wurden, wie der Vorsitzende der Heinrich Böll Stiftung in Kiew von nuklearen Angriffen auf Russland sprach. Der ganze Diskurs ist absurd aber es werden ja auch konkrete Schritte unternommen. Russland will seine Atomwaffen an die Westgrenzen verlegen, Polen bittet die USA dort Waffen in Stellung zu bringen. Es wird zugleich vor Panikmache gewarnt, aber auch normalisiert, über die Möglichkeit eines Atomkriegs zu fabulieren.

Unsere letzte Veranstaltung soll uns nochmal an das Grauen des ersten Weltkriegs erinnern, daran, dass jeden Tag junge Menschen aus Zwang oder Nationalismus sterben und dass ein kapitalistischer „Krieg bis zum Sieg“ für die einfachen Menschen immer eine Niederlage bedeutet. Dass das „Heilige Vaterland“ gerade hierzulande mit einer heiligen „westlichen Demokratie“ oder „Freien Welt“ ersetzt wird, die Kriegstreiberei der Herrschenden aber die gleiche bleibt.

Ihr habt ja angerissen, dass euch persönlich auch viele Fragen aufgekommen sind, welche waren denn diese?

N: Einiges haben wir ja aufgegriffen, aber klar, es stellen sich auch noch unzählige Fragen z.B auch aus feministischer Perspektive: Es gab es ja auch Fortschritte für queere Menschen in der Ukraine und jetzt sind sie auch nochmal auf anderen Ebenen von den Konsequenzen des Kriegs betroffen, also dass z.B trans Personen das Land nicht verlassen können oder wie geflüchtete Familien von Menschenhandel und sexualisierter Gewalt betroffen sind. Der Krieg ist komplex und dass suggeriert wird, es wäre ja ganz einfach, stimmt nicht. Die verschiedenen Faktoren von Wirtschaftsinteressen und Machtpolitik, der historischen Rolle vom Nationalismus bis zu z.b Rassismus an den Grenzen usw., spielen eben eine Rolle. Wir hoffen, mit unserer Reihe die Diskussion darum, wie antimilitaristische Politik in diesem Zusammenhang aussehen kann und vor allem wie sich eine solche Praxis im Kiez und mit der Nachbarschaft umsetzen lässt, anregen zu können.

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Ende April erschien die dritte Ausgabe der Weddinger Lokalzeitung “Plumpe”. Seit gut einem Jahr berichtet eine kleine Redaktion von lokalen Aktivist*innen über Initiativen und Aktionen, erzählt aber auch Geschichten über die eigensinnigen Bewohner*innen des Stadtteils im Nord-Westen Berlins. Wir sprachen mit zwei Redakteur*innen über Gegenöffentlichkeit im Stadtteil und motivierende Momente beim Aufbau einer linken Stadtteilzeitung.

In der neuesten Ausgabe beschäftigt ihr euch mit dem Thema „Frauen im Wedding“. Wie wählt ihr denn die Themen für eure Zeitung aus? Über welche Themen schreibt ihr regelmäßig?

Elli: In unserer allerersten Ausgabe vor einem Jahr haben wir geschrieben: „Wir wollen über die sozialen Kämpfe in unseren Kiezen berichten und die Nachbar*innen darüber informieren, was nebenan passiert.“ Das gilt immer noch. Wir nehmen uns vor, über aktuelle Themen im Wedding zu berichten.

Als die letzte Ausgabe entstanden ist, waren die Vorbereitungen für den Frauen*streik am 8. März sehr aktuell. Da wir auch selbst Aktionen im Wedding organisiert haben, haben wir beschlossen umfangreicher in der Zeitung darüber zu berichten.

Björn: Allerdings ist uns auch wichtig, einen Blick über den Bezirk hinaus zu werfen. Wir wollen Kämpfe und Themen verbinden. Das geht oftmals schon im Stadtteil, aber eben nicht immer. Manche Themen können halt nicht nur so kleinteilig diskutiert werden. So ist unsere internationale Seite entstanden. Da haben wir eine kleine Reportage. Beim letzten mal war das leicht, weil der Frauenkampftag überall auf der Welt begangen wird. Davor haben wir aus Italien und Griechenland berichtet.

Elli: Wir wollen aber auch nicht nur über Probleme schreiben. Uns geht es auch um neue Perspektiven und Vorschläge. Dazu befragen wir aber nicht nur gestandene Initiativen. Wir wollen auch individuelle Meinungen. In der letzten Ausgabe gab es zum Beispiel ein Interview mit einer Friseurin aus dem Kiez. Solche persönlichen Geschichten sind auch total wichtig und machen beim Schreiben auch einfach Spaß.

Ihr sagt, dass ihr viel über die Gestaltung und das Ziel der Zeitung gesprochen habt, dass ihr keine der unzähligen Antifa-Stadtteilbroschüren sein wollt, die es immer mal wieder zum Mitnehmen in linken Kneipen gibt. Was seit ihr dann?

Elli: Das ist provokant gefragt. Wir sind natürlich Antifaschist*innen, stehen auch dazu und ich denke das spiegelt sich auch im Grundton unserer Zeitung wieder. Aber du hast recht, wir verzichten auf all zu offensive Symbolik und unsere Themen sind wesentlich breiter.

Björn: Wir wollen ja auch, dass die Zeitung regelmäßig erscheint. Da brauchen wir auch einfach mehr Themen als die hiesige AfD-Fraktion. Dasselbe gilt übrigens auch für das Thema Miete und Verdrängung. Es sind halt nicht die einzigen Kämpfe, die hier tagtäglich geführt werden.

Elli: Wenn Müll das große Thema im Bezirk ist, dann schreib ich über Müll. Ich bin da schmerzbefreit.

Was sind eure bisherigen Erfahrungen mit der Zeitung? Kommt die Zeitung gut an?

Björn: Bisher sind die Erfahrungen sehr positiv. Aber es zeigt sich auch, dass so eine Zeitung eher langfristig wirkt. Besonders die Interviews haben eine gute Wirkung, weil das sehr persönlich ist. Am Ende geht es uns ja um zwei Sachen. Zum einen diese persönlichen Beziehungen im Kiez zu stärken oder aufzubauen, die tagtäglich in einer neoliberalen, kapitalistisch organisierten Stadt zerstört werden. Zum anderen aber auch allen zu zeigen: Du bist nicht allein mit deinen Problemen. Demütigungen vom Jobcenter, Verdrängung, Rassismus oder Sexismus sind nichts, was wir hinnehmen müssen und es gibt viele im Kiez, die sich dagegen zur Wehr setzen.

Elli: Ich hab noch eine kleine Anekdote am Rande. Wir verteilen die Zeitung ja auch in den unzähligen Eckkneipen im Bezirk. Da hast du mit unserem Namen auch meistens direkt ein Gesprächsthema und kommst gar nicht mehr raus aus dem Laden.

Was sind eure nächsten Pläne mit der Zeitung? Wollt ihr expandieren?

Björn: Tatsächlich tauschen wir uns gerade mit Genoss*innen in anderen Stadtteilen aus, die ähnliche Projekte starten wollen. Das freut uns natürlich sehr, denn die Idee ist wirklich denkbar simpel. Aber gerade steht die Aufgabe an, die aktuelle Ausgabe unter die Leute zu bringen. Dass ist immer eine ganze Menge Arbeit. Außerdem haben wir schon die nächsten heißen Storys an denen wir dran sind. Ihr könnt also gespannt sein.

Interview: Hubert Maulhofer

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