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Im Folgenden veröffentlichen wir zwei Interviews mit Aktivist:innen der Studierendenbewegung im Iran. Nachdem die Internetverbindung durch das iranische Regime über mehrere Wochen komplett gekappt wurde, konnte Bahram Ghadimi vom Kollektiv ‘Andeesheh va Peykar’ (Gedanke und Kampf) am 31.01.2026 die beiden Interviews führen. Aus Sicherheitsgründen werden die Namen der Student:innen nicht genannt.​​


Trotz der Abschaltung des Internets und der flächendeckenden Repression sind Bilder des von den Sicherheitskräften verübten Massakers nach außen gelangt. Dennoch haben die Proteste nicht aufgehört, und man hat sogar Szenen von Freude und Solidarität auf den Straßen gesehen. Welche Gefühle empfindest du, wenn du auf die Straßen Teherans gehst?

Leider war es erst, als die Menschen wieder individuellen Zugang zum Internet erhielten und wir die Videos sahen, dass wir wirklich verstanden, was geschehen war. Die Wahrheit ist, dass keiner von uns das Ausmaß der Repression und des Massakers kannte, mit dem wir konfrontiert waren. Iran ist ein großes und vielfältiges Land, und bei den jüngsten Protesten schlossen sich viele Regionen des Landes an und wurden brutal unterdrückt. Aufgrund der Internetsperre waren sogar Telefonleitungen und SMS fast zwei Tage lang inaktiv. SMS-Dienste wurden erst nach etwa einer Woche oder zehn Tagen wiederhergestellt, Telefonanrufe nach zwei Tagen. Es ist eine erschütternde Tatsache, dass während der ersten zwei Stunden der Telefonsperre nicht einmal medizinische Notdienste oder die Polizei angerufen werden konnten; selbst die Notrufnummern waren außer Betrieb. Diese Bilder nachträglich zu sehen, war ein verheerender Schlag. Diese Szenen von Freude und Solidarität auf den Straßen erscheinen mir sehr selektiv. Persönlich habe ich das Gefühl, dass eine der größten Gefahren für die Zukunft dieser Proteste die übermäßige Konfrontation mit Leid ist. Seit das Internet zurückgekehrt ist – obwohl es in Wirklichkeit nie vollständig zurückkam – sind wir von einer totalen Abschaltung zu einer Situation übergegangen, in der mit enormen Schwierigkeiten nur ein sehr kleiner Prozentsatz der Bevölkerung, vielleicht weniger als 10 % Zugang hat, und dann auch nur instabil. Wir sahen kein einziges Video doppelt, wir hörten keinen einzigen Namen zweimal. Das Ausmaß des Leids, das Ausmaß der Tötungen, die vorhandenen Bilder sind wirklich unerträglich und löschen sich niemals aus dem menschlichen Gedächtnis. Deshalb kann ich nicht sagen, dass wir uns in einer emotional guten Situation befinden. Meiner Meinung nach ist eine der größten aktuellen Gefahren gerade das Trauma, der Schmerz und die Verringerung unserer Widerstandsfähigkeit

Der anfängliche Funke der Proteste war der wirtschaftliche Druck, die hohe Inflation und der Verfall des Wertes des Rial; doch sehr schnell sahen wir eine Radikalisierung der Forderungen und einen Übergang von wirtschaftlichen Forderungen zur vollständigen Ablehnung des Systems. Wie erklärst du diesen Prozess?

Es handelt sich weder um eine plötzliche Wende noch um eine spontane Politisierung. Zunächst waren es in Teheran die Händler des Basars, die den ersten Funken entzündeten – eine historisch zentrale Institution für die Islamische Republik und Teil ihres harten Kerns. Diese Proteste sind das direkte Ergebnis von einer Politik, die über Jahre hinweg den wirtschaftlichen Druck auf die stillsten und verarmtesten Sektoren abgewälzt hat. Mit der kontinuierlichen Abwertung des Rial und der Verschärfung der Sanktionen erreichte das Regime einen Punkt, an dem es nicht mehr den gesamten Druck auf die untersten Schichten abladen konnte. Obwohl die Sanktionen vor allem die Armen treffen und die Ungleichheit vergrößern, geht die systematische Plünderung der Ressourcen durch das Regime damit einher, dass Iran eine der höchsten Zahlen an Millionären in der Region aufweist. Schließlich griff das Regime zu neoliberalen Politiken wie der Abschaffung des bevorzugten Wechselkurses, der Erhöhung der Mehrwertsteuer und Haushaltskürzungen und weitete den Druck auf breitere Sektoren aus, einschließlich des Basars. Der rasche Anstieg des Dollarpreises war der Funke, doch die iranische Gesellschaft befand sich seit Jahren in einer Situation eines „Feuers unter der Asche“. Die angestaute Unzufriedenheit aufgrund von Armut, Repression, Hinrichtungen, Morden und religiöser Herrschaft hatte dem System bereits jede Legitimität entzogen. Der Aufstand „Frau, Leben, Freiheit“ nach der Ermordung von Jina Amini war ein weiteres Beispiel dieses wiederkehrenden Musters.

Welche Rolle spielt die Universität in diesem Kontext?

Die Universität war historisch ein Raum der Pluralität und einer der wenigen Orte, die in allen sozialen Bewegungen Irans konstant präsent waren. Sie ist ein Ort, an dem Demokratie praktiziert wird, an dem Menschen aus unterschiedlichen Regionen, Klassen und politischen Sichtweisen zusammenleben. Das historische Gedächtnis an den 7. Dezember 1953, als nach dem Staatsstreich drei Studenten ermordet wurden, prägt ihre Identität bis heute. Die Universität hat es geschafft, falsche Dichotomien zu überwinden und Versuchen der Instrumentalisierung zu widerstehen. Aufgrund ihrer Vielfalt und ihres kollektiven Charakters nennen wir sie oft eine „kleine Republik“, einen Raum, in dem Formen kollektiver Entscheidungsfindung und demokratischer Beschlüsse erprobt werden.

Welche Parolen hört man heute auf den Straßen, und wie stehen sie in Beziehung zu „Frau, Leben, Freiheit“ ?

Heute hört man mit Nachdruck Parolen wie „Es lebe der Schah!“ oder „Dies ist die letzte Schlacht, die Pahlavis werden zurückkehren“, was einen Bruch mit 2022 markiert. Diese Parolen stammen aus anderen, älteren und stärker verarmten Sektoren. Innerhalb der Universität hingegen hallen weiterhin kraftvoll Parolen wie „Tod dem Unterdrücker, sei es Schah oder Führer“ und „Frau, Leben, Freiheit“. Dieser Bruch zwischen Straße und Universität erklärt sich durch die soziale Hoffnungslosigkeit und durch die Fähigkeit von Reza Pahlavi, diesen Zorn zu kapitalisieren – etwas, das ihm 2022 nicht gelang. Obwohl Umfragen zeigen, dass Monarchisten in der Minderheit sind, hat die Eliminierung oder das Zum-Schweigen-Bringen von Alternativen dazu geführt, dass seine Figur in den Parolen auftauchte, ohne dass dies das Nichtvorhandensein realer Alternativen bedeuten würde

Wie sieht die Repression gegen die studentische Bewegung aus?

Die Präsenz des Basij (Arm der Revolutionsgarden Anm.d.Red.), der Universitätsversammlungen infiltriert, physische Gewalt, Bildungsdiskriminierung, Suspendierungen, der Ausschluss von Studierenden, die Kündigung von Wohnheimplätzen, der Druck auf Familien und Vorladungen vom Sicherheitsdienst waren systematische Instrumente der Repression. Viele Studierende wurden als „Zeugen“ vorgeladen, um ihnen rechtliche Garantien zu entziehen, und anschließend an Geheimdienstorgane überstellt, wo sie Drohungen ausgesetzt waren. Die Repression an den Universitäten ist schwerwiegend, dennoch war Protest dort historisch weniger tödlich als auf der Straße, wo die Konfrontation direkt mit Schusswaffen erfolgt. Umso gravierender ist es, dass es in dieser Bewegung Studierende gibt, die innerhalb oder in der Umgebung der Universitäten getötet wurden.

Wie bewertest du die Verbindung zwischen Universität, Arbeitern und der Gesellschaft?

Streiks entstanden als Reaktion auf die Repression und die wirtschaftliche Krise, doch viele Sektoren vermieden eine breitere Beteiligung aus Angst, Reza Pahlavi und ein Umfeld mit autoritären, antifeministischen und antiethnischen Positionen zu stärken. Die Geschichte zeigt jedoch, dass ohne das Bündnis mit Arbeitern, Lehrkräften, Lastwagenfahrern und produktiven Sektoren ein struktureller Wandel nahezu unmöglich ist. Der Generalstreik bleibt eines der mächtigsten Instrumente, wie er es 1979 war. Das Regime hat es geschafft, die organisierte Arbeiterbewegung zu schwächen, was diese Artikulation erschwert, doch von der Universität aus ist es unerlässlich, Brücken zu bauen, den Dialog zu führen und Solidarität zu zeigen. Das Geschehen in Arak ist nur ein Beispiel für das vorhandene Potenzial.

Was können progressive Kräfte im Westen tun?

Viele Institutionen und Persönlichkeiten, die Palästina unterstützt haben, schwiegen angesichts der im Iran begangenen Verbrechen, was eine tiefe Enttäuschung ausgelöst hat. Die Islamische Republik hat die palästinensische Sache politisch instrumentalisiert, und eine vereinfachende Lesart nach dem Motto „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ hat dazu geführt, die Repression im Iran zu rechtfertigen oder zu ignorieren. Einige Stimmen wiederholten sogar die offizielle Rhetorik, die Demonstrant*innen als Terroristen darstellt. Progressive Kräfte müssen dieses Schweigen brechen, die aktuellen und historischen Verbrechen des Regimes anprangern und anerkennen, dass selbst links zu sein im Iran weiterhin kriminalisiert wird. Symbolische Maßnahmen wie internationale Haftbefehle könnten eine wichtige Wirkung entfalten. Darüber hinaus muss auf die Komplizenschaft von Unternehmen und internationalen Netzwerken hingewiesen werden, die mit dem repressiven Apparat des Regimes zusammenarbeiten.

Warum hältst du die mediale Konstruktion einer Alternative „von oben“ für gefährlich und würdest du sagen, dass den Protesten eine Führung fehlt?

Weil die iranische Geschichte zeigt, dass die Auferlegung der Zukunft der Gesellschaft von oben in die Katastrophe führt. Die Revolution von 1979 begann mit einer Pluralität von Forderungen und endete in einer religiösen Diktatur. Die Universität verteidigt die Auffassung, dass jede Alternative von unten entstehen muss, aus der Gesellschaft heraus, durch reale Kämpfe und kollektive Prozesse, und nicht von außen durch Medien oder einzelne Figuren aufgezwungen werden darf.

Es gibt reale Führungen mit politischer und sozialer Erfahrung, aber sie sind kollektiv, nicht eine einzelne Figur. Die Universität kann ein zentraler Raum sein, um horizontale Politik zu praktizieren, Demokratie zu erlernen, kritischen Diskurs zu produzieren und als Brücke zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren zu fungieren.

Was sind die nächsten Schritte der Studierendenbewegung?

Der erste Schritt ist, auf der Wiedereröffnung der Universitäten zu bestehen, die heute aus Angst des Regimes geschlossen sind. Der Boykott virtueller Prüfungen ist eine Form des Widerstands und des Erinnerns. Nach der Wiedereröffnung werden die universitären Proteste weitergehen. Der Moment ist jedoch komplex: Die Repression hat die Gesellschaft erschöpft und traumatisiert. Der nächste Weg erfordert eine Kombination von Strategien: Reorganisation und Fürsorge für die eigenen Kräfte, Widerstand in vielfältigen Formen jenseits der Straße, Aufbau koordinierter Streiks, Ausarbeitung einer klaren Vision für die Zukunft Irans und die Stärkung einer authentischen internationalen Solidarität zwischen Völkern und Bewegungen. Die Universität steht wie immer in der ersten Reihe: als Raum des Widerstands, der Ideen und der Hoffnung. Selbst wenn sie geschlossen wird, selbst wenn es Verhaftungen oder Internetabschaltungen gibt, geht der Kampf für einen freien, demokratischen und gerechten Iran weiter.

Anker Danke für das Interview!

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Im Folgenden veröffentlichen wir zwei Interviews mit Aktivist:innen der Studierendenbewegung im Iran. Nachdem die Internetverbindung durch das iranische Regime über mehrere Wochen komplett gekappt wurde, konnte Bahram Ghadimi vom Kollektiv ‘Andeesheh va Peykar’ (Gedanke und Kampf) am 31.01.2026 die beiden Interviews führen. Aus Sicherheitsgründen werden die Namen der Student:innen nicht genannt.


Kannst du uns die aktuelle Situation an den Universitäten kurz beschreiben?

Die Universitäten, besonders die in der Stadt Teheran, sind seit der Versammlung am 29. Dezember praktisch geschlossen. Nach dieser Protestaktion haben die meisten — man könnte sagen fast alle — Universitäten geschlossen, und der Unterricht wurde auf virtuelle Formate umgestellt. Nur Master- und Doktorats-Studierende durften noch vor Ort anwesend sein.
Nach den Protesten am 8. und 9. Januar und der massiven Einschränkungen des Internets hat sich diese Situation noch verschärft: Die Schlafsäle wurden geräumt, die Prüfungen wurden verschoben, und einige Universitäten führten die Abschlussprüfungen sogar virtuell durch. Nachdem das Internet teilweise geöffnet wurde, verbreiteten sich die Nachrichten über den Mord an Studierenden rasch, obwohl wir auch während des Informationsausfalls Nachrichten per Telefon erhielten.


Der aktuelle Zustand ist folgender: An den Universitäten in Teheran und Shahid Beheshti wurde bekannt gegeben, dass Bachelor-Studierende nicht mehr auf den Campus dürfen. Einige Universitäten wie Teheran, Allameh und Sharif führen noch Abschlussprüfungen vor Ort durch. Von den anderen Universitäten haben wir keine genauen Informationen. Es gibt Gerüchte, dass das zweite Semester dieses Jahr virtualisiert werden könnte.
Die Situation der Studierenden ist eine Mischung aus Verwirrung, Trauer und der Unmöglichkeit, sich kollektiv zu versammeln. Die Schlafsäle wurden vor etwa zwei Wochen wieder geöffnet, aber offenbar hauptsächlich für Postgraduierten-Studierende. Derzeit gibt es eine Kampagne, um zu verhindern, dass das zweite Semester virtuell abgehalten wird; zusammen mit den Trauerfeiern und Zeremonien zu Ehren der ermordeten Studierenden ist dies eines der wichtigsten Themen an den Universitäten.

In den Medien außerhalb des Irans wurden viele Videos von Protesten verbreitet, welche die Unterstützung der Bevölkerung für den Sohn des ehemaligen Schahs zeigen. Später stellte sich heraus, dass sie teilweise manipuliert waren, um den Eindruck zu erwecken, dass die Mehrheit der iranischen Bevölkerung die Rückkehr der Monarchie wünscht. Wir haben selbst Universitätsdemonstration zugunsten der Monarchie im Iran gesehen. Wie erklärst du das?

Das ist nicht ganz korrekt. Zumindest an einer Universität, der Universität Amir Kabir (ehemals Polytechnikum), wurden Parolen wie „Es lebe der Schah!“ skandiert. Die massenhafte Verbreitung von Videos versuchte zu zeigen, dass alle Universitäten die Pahlavis unterstützten, und viele dieser Videos waren gefälscht – wie im Fall der Universität Sharif, bei dem der Ton manipuliert wurde. Es wäre aber falsch zu behaupten, dass es keinerlei Unterstützung für die Pahlavis gegeben hätte.
An Universitäten wie in Shiraz, Isfahan, Ferdowsi in Mashhad und auch an der Universität Amir Kabir wurden Parolen zugunsten der Pahlavis laut. Im Fall von Amir Kabir kann ich aus einer direkten Quelle bestätigen, dass diese Parolen weit verbreitet waren. Gleichzeitig distanzierten sich viele Universitäten klar von der Monarchie, insbesondere die Universitäten in Teheran und Shahid Beheshti, an denen weithin antimonarchistische Parolen gerufen wurden.


Die tatsächliche Situation ist folgende: weder die monarchistische Unterstützung ist so stark, wie es die Monarchisten versuchen darzustellen, noch ist es wahr, dass es überhaupt keine Unterstützung gibt. Die demokratische und linke Strömung bleibt ein wichtiger Faktor an den Universitäten, aber die Monarchie ist zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten innerhalb dieser Bewegung geworden.
Warum hörte man also diese Slogans an den Universitäten? Obwohl eine umfassende Analyse schwierig ist, nenne ich einige zentrale Punkte: Die tiefe Zermürbung und die enorme Wut gegen die Islamische Republik und die Bereitschaft, sie um jeden Preis zu stürzen; das Fehlen starker demokratischer und linker Strömungen, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Universitäten und die Hoffnungslosigkeit hinsichtlich der Möglichkeit, dass die revolutionäre Bewegung ohne eine klare Führung siegen könnte.

Es gibt die Wahrnehmung, dass, keine linke Partei oder Organisation eine breite soziale Basis im Iran hat. Ist es korrekt, dass die Linke keine Rolle in dieser Bewegung spielt?

Diese Aussage kann nicht ganz als richtig angesehen werden. Bis 2022 existierten linke Netzwerke in Form von Gewerkschaftsverbänden, studentischen Räten, Arbeitergewerkschaften, feministischen Kollektiven und Lehrergewerkschaften. Es gab sogar Versuche, diese Netzwerke mit stärkerem Bezug zueinander zu organisieren. Während des Jina-Aufstandes 2022 spielte das Netzwerk der gewerkschaftlichen Studentenaktivistinnen und linken Studierenden eine führende Rolle und war ein wichtiger Schwerpunkt dieses Aufstandes. Nach der Repression der Proteste von 2022 kollabierten diese Netzwerke: Die Medien hörten auf zu arbeiten, viele studentische Gruppen verschwanden, die akademischen Räte und Vereinigungen wurden stark eingeschränkt, und schließlich zerfiel das breite linke Studentinnen-Netzwerk.
Derzeit muss die Linke, zumindest an den Universitäten, als eine Gruppe von linken Einzelpersonen verstanden werden. Ähnlich ist es außerhalb der Universität. Es existiert heute keine zusammenhängend organisierte Strömung mehr; es gibt nur noch einige Gruppen und begrenzte Medien. Die Präsenz der Linken in diesen Protesten war nicht unbedeutend, aber aufgrund der Zerstreuung, der fehlenden Organisierung und der aggressiven Angriffe der Anhänger der Pahlavis ist sie weitgehend zu einer individuellen Präsenz geworden.

Wie sieht aus mit der allgemeinen studentischen Beteiligung bei diesem Aufstand aus?

Die studentische Beteiligung war sehr groß. Selbst Studierende, die nicht an den Protesten von 2022 teilgenommen hatten, waren auf den Straßen präsent. Die Zahl der Toten und der Festgenommenen zeigt das, ebenso wie die direkten Zeugnisse von Studierenden. Diese Teilnahme fand jedoch nicht in Form einer organisierten Studentenbewegung statt. In den meisten Fällen nahmen die Studierenden auf individueller Basis oder in kleinen Gruppen von drei oder vier Personen teil, nicht als strukturierte Studentenbewegung.

Angesichts all dieser Belastungen, was hält dich noch aufrecht und was bedeutet Hoffnung für dich heute?

Es mag seltsam erscheinen, aber was mich auf den Beinen hält, ist die Hoffnung auf die kollektive Vernunft und eine Zukunft, in der wir frei leben können, ohne Ketten und ohne Herrschaftsverhältnisse. Die Hoffnung, dass diese Zukunft möglich ist und dass wir sogar in den letzten dunklen Jahren diese Hoffnung in unserem kollektiven Leben, an der Universität und mit unseren Genoss*innen erfahren haben. Die Hoffnung, dass die iranische Gesellschaft, trotz der autoritären Versuche, die Stimme des Fortschritts und des Bewusstseins zum Schweigen zu bringen, schließlich ihre Stimme wiederfinden wird, wie 2022 und vorher, und wieder die Lieder des Lebens singen wird.

Danke, dass du trotz aller Risiken dieses Interview mit uns geführt hast!

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Seit über 20 Jahren ist der Revolutionäre Volkskrieg die Strategie der Kurdischen Freiheitsbewegung. Wesenskern ist das Zusammenspiel gesellschaftlicher Organisationen mit ihren militärischen Selbstverteidigungseinheiten.

Das erneute Aufflammen des syrischen Bürgerkriegs, der Sturz des Assad Regimes und die Angriffe auf die Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien haben die Karten in der Region Ende letzten Jahres gänzlich neu gemischt. Nach der Besetzung der Stadt Minbics durch islamistische und von der Türkei unterstützte Milizen verlagerten sich die Verteidigungslinien der SDF an drei Knotenpunkten entlang des Euphrat Flusses. Der mittlerweile wohl bekannteste ist der Tişrîn-Staudamm, zu dem seit Anfang Januar die Menschen Nord- und Ostsyriens fahren, um auf den Krieg aufmerksam zu machen, eine Zerstörung des Dammes zu verhindern und ihren Kräften, den SDF, den Rücken zu stärken. Bei den Protesten sind durch Bombardierungen und Kamikazedrohnen 24 Menschen getötet worden und hunderte wurden verletzt. Die militärische Front konnte aber gehalten werden und der Krieg schwappte somit nicht in die restlichen Regionen der Selbstverwaltung. Dr. Akif ist seit Anfang der Proteste auf dem Staudamm und nimmt seinen Platz im revolutionären Volkskrieg ein. Wir hatten die Möglichkeit vor Ort mit ihm über seine Erlebnisse zu sprechen.


Lower Class Magazine: Kannst du dich unserer Leserschaft einmal kurz vorstellen?
Dr Akif

Ich bin Dr. Akif und Mitglied der Ärztegewerkschaft Nordostsyrien. Nach der Intervention von HTS (Haiʾat Taḥrīr aš-Šām ‚Komitee zur Befreiung der Levante bzw. auch Organisation zur Befreiung Syriens) gegen das Assad Regime haben die Angriffe des türkischen Staats und der sogenannten Syrischen Nationalen Armee auf Nordostsyrien begonnen. Der Krieg verlagerte sich schließlich an und auf den Tişrîn Damm. Die Menschen Nordostsyriens haben daraufhin beschlossen für ihr Land und ihren Damm einzustehen. Für uns als Ärzte Nordostsyriens war klar, dass wir unser Volk dabei unterstützen wollten. Von da an sind wir in Gruppen von jeweils 15 Personen zum Damm gefahren.

LCM: Was hast du gemacht, bevor du zum Damm gekommen bist? Wie waren deine Erfahrungen im Gesundheitswesen inmitten einer Revolution?

Wenn im Nordosten Syriens ein Kind während der Revolution geboren wurde, ist es heute 12-13 Jahre alt. Unsere Kinder haben bereits große Erfahrungen gemacht, da sie 11 Jahre in Syrien verbracht haben, wo ständig Krieg herrschte. Ich selbst habe in vielen Konflikten meinen Platz eingenommen, wie in der Schlacht um Raqqa, um Kobanê und bei der Befreiung Minbics. Man könnte sagen, dass wir unser gesamtes Leben im Krieg verbracht haben. Das war für Mütter, Kinder, ja für alle eine Erfahrung, bei der wir viele schmerzhafte Dinge durchlebt haben.

LCM: Wie war die medizinische Situation auf dem Damm?

Unser eigentlicher Plan war es gewöhnliche Krankheiten zu behandeln, es war ja auch Winter. Nachdem wir hier angekommen sind, waren wir jedoch mit allen möglichen anderen Dingen konfrontiert. Tatsächlich ist der Krieg, der seit zwei Monaten am Staudamm herrscht, sowohl vom türkischen Staat als auch von den mit ihm verbundenen Sölnerbanden geführt worden, ein Krieg, bei dem menschliche Moral keinen Wert hat. Warum sage ich das? Denn gemäß des Völkerrechts darf ein Ort, an dem sich Zivilisten aufhalten, niemals angegriffen werden.

Als Ärzte haben wir zunächst Medikamente für Krankheiten wie Diabetes oder Grippe mitgebracht. Als wir aber hierher kamen, wurden durch die Türkei Aufklärungsflugzeuge und Selbstmorddrohnen eingesetzt, durch die Menschen getötet wurden. Bei dem ersten Angriff sind soweit ich mich erinnere in etwa 100 Zivilisten verletzt worden. Als Mitarbeiter des Gesundheitswesens standen wir vor großen Schwierigkeiten. Wie sollten wir die Verletzten behandeln; Erste Hilfe leisten und sie in die Stadt zur Behandlung bringen?

Es fehlte an medizinischer Versorgung und der türkische Staat erlaubte uns nicht, auch nur einen einzigen Zivilisten mit dem Krankenwagen abzutransportieren. Der erste Gefallene aus dem Gesundheitsbereich war Kurdo. Der türkische Staat hatte gegen 1 Uhr nachts ein Haus bombadiert. Kurdo ist im Krankenwagen dort hingefahren, um die Verletzten ins Krankenhaus zu bringen. Der türkische Staat hat diesen Krankenwagen bombadiert und Kurdo ist gefallen. Bei einem anderen Angriff sind unsere Mitarbeiter Omer und Mahir gefallen.

LCM: Kannst du uns noch einmal die Bedeutung der zivilen Proteste auf dem Damm erläutern?

Als die Entscheidung fiel, eine Mahnwache auf dem Damm abzuhalten, kamen die Menschen aus allen Kantonen Nord- und Ostsyriens. Dem türkischen Staat war es egal, ob er Alte, Kinder oder Frauen trifft. Viele der Getöteten waren neben gewöhnlichen ZivilistInnen auch JournalistInnen. Durch seine Aufklärungsdrohnen hat der türkische Staat die Situation genau im Blick. Während die Menschen bei einer Mahnwache tanzten, wurden mehrere Bomben in die Mitte des Tanzkreises abgeworfen. Im türkischen Fernsehen wird sogar davon gesprochen, dass sie durch ihre Aufklärungsdrohnen sogar unsere Schuhgrößen erkennen können. Was möchten sie uns damit sagen? Wie können sie dann nicht wissen, dass an dem bombardierten Ort 60-70 Menschen getanzt haben?

Diese Phase dauert inzwischen mehr als zwei Monate. So viele großartige Menschen, darunter auch über 70 jährige, die Presse und sogar unsere internationalen FreundInnen sind zum Staudamm gekommen, um den Widerstand des Volkes zu unterstützen. Unsere internationalen Freunde wurden sogar verletzt und ihre Geschichten gingen viral.

Wenn man jetzt die Straße zwischen der Stadt Tabqa und dem Damm befährt, dann sieht man dort lauter Krankenwägen, die liegen geblieben sind. Die Türkei gibt an dass in Krankenwägen Waffen transportiert werden, aber alle wissen, dass es sich bei unseren Krankenwägen lediglich um ausgebaute Kleintransporter handelt, bei denen der Innenraum kaum groß genug ist, um darin Menschen zu behandeln. Ich erinnere mich besonders an eine Nacht. Etwa 120 Verwundete konnten den Damm über 48 Stunden nicht verlassen. Einige hatten Granatsplitter in der Brust, im Bauch oder hatten aufrund der Schrapnelle Beinbrüche erlitten. Wir haben es geschafft, die Verwundeten mit unseren wenigen Mitteln auf den Beinen zu halten. Von ihnen sind etwa 5-6 Menschen den Märtyrertod gestorben. Wenn wir diese Menschen früher hätten abtransportieren können, wären sie gerettet worden.

LCM: Mit welchen Verletzungen habt ihr es am meisten zu tun gehabt?

Die Verletzungen betrafen hauptsächlich Bauch, Brustkorb und Kopf. Erst vor Kurzem ist der Reporter Egîd bei einem gezielten Drohnenschlag auf dem Damm gefallen. Er wurde am Kopf getroffen. Auch der Reporter Nazim und die Reporterin Cihan wurden auf die gleiche Weise verletzt und sind gefallen. Als erstes versuchen wir natürlich die Blutungen zu stoppen. Wenn wir können, dann versuchen wir die Ursache für die Blutung zu behandeln. Wir tun alles was in unserer Macht steht, damit es keine Gefallenen gibt.

Wie ihr wisst, waren unsere Möglichkeiten bereits zuvor durch das Embargo gegen Syrien und Rojava eingeschränkt. In der letzten Zeit wurde dieses Embargo noch verschärft. Auf dem Damm konnten wir bei starken Blutungen nicht einmal eine Bluttransfusion geben. Beispielsweise ist der bekannte Künstler Bave Teyar deswegen gefallen. Wenn es die Möglichkeit einer Bluttransfusion gegeben hätte, dann hätten wir sein Leben trotz der Wunden im Bauch- und Brustbereich retten können. Eben deshalb braucht der Gesundheitsbereich in Nord- und Ostsyrien Unterstützung, sei dies durch technische Expertise oder durch ausgebildete ÄrztInnen und KrankenpflegerInnen. Unser Gesundheitspersonal ist sehr begrenzt. Manchmal gibt es die Technik, aber dann niemanden der weiß wie sie benutzt wird. Manchmal sind zwar Ärzte da, die im Umgang damit geschult sind, aber die Technik fehlt. Im Bezug auf den Gesundheitsbereich ist es daher unser Aufruf an alle SozialistInnen und alle Organisationen uns zu unterstützen.

LCM: Trotz der harten Umstände und der wenigen Möglichkeiten arbeitest du hier fast von Anfang an. Woher nimmst du die Kraft dafür?

Unsere Stärke beziehen wir aus unserem Volk. Als unser Volk beschloss für sein Land und seinen Staudamm einzutreten, beschlossen auch wir als Ärzte im Nordosten Syriens, dem Volk zur Seite zu stehen. Der zweimonatige Widerstand am Staudamm, der Ausdruck unserer Strategie des revolutionären Volkskriegs ist, hat uns enorm gestärkt. Unsere MitarbeiterInnen, ÄrztInnen und Krankenschwestern haben ihre ganze Kraft aus dem Widerstand des Volkes bezogen. Wir greifen nur ein, wenn es Verletzungen gibt, unser Volk aber ist 24 Stunden am Tag auf den Beinen. Trotz der vielen Angriffe weichen sie nicht zurück. Sie wollten an der Seite ihrer KämpferInnen und ihres Staudamms stehen. Das hat unsere Moral enorm gestärkt. Auch wir als Mitarbeiter im Gesundheitswesen sind Mitglieder dieser Gesellschaft und können uns nicht von ihr abschotten.

Im Namen der Ärzte- und Pflegegewerkschaft gratulieren wir allen ArbeiterInnen des Gesundheitswesens für ihren Beitrag. 

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Nach den erneuten wilden Streiks beim Lieferdienst Gorillas Anfang Oktober, folgte eine Welle der Entlassungen. Diese werden mittlerweile größtenteils als widerrechtlich angesehen. Über diese illegalen Kündigungen, die schlechte Einstellung der Unternehmensführung gegenüber ihren Arbeiter:innen, sowie die Notwendigkeit zur Organisierung und die Frage nach der Legalität wilder Streiks in Deutschland haben wir uns mit Felix unterhalten.

Hallo. Kannst du dich kurz vorstellen?

Mein Name ist Felix. Ich wurde unrechtmäßig von Gorillas entlassen und habe im Schöneberger Warehouse gearbeitet, das ist eines der Lager, in denen wir gestreikt haben. Und ich bin auch im Gorillas Workers Collective.

Seit wann bist du Teil davon? 

Ähm, seit April.

Seitdem ist eine Menge passiert, es gab neue Streiks, erst kürzlich.

Ja, wir scherzen, dass dies die dritte Welle ist.

Kannst du uns etwas mehr darüber erzählen, was momentan bei Gorillas passiert?

Bei den letzten Streiks hat das Unternehmen seine eigene Darstellung der Ereignisse veröffentlicht und im Grunde genommen davon gesprochen, dass die streikenden Arbeitnehmer:innen „nicht glücklich“ seien. Dabei bedienen sie sich der immer gleichen Sprache, die in solchen Start ups verwendet wird. Und uns wurde versucht uns Angst zu machen. Einige der streikenden Arbeiter:innen wurden entlassen, andere nicht. Es ist verwirrend, wenn nicht alle Arbeiter:innen, die entlassen wurden, gestreikt haben. Einige von ihnen waren sogar krankgeschrieben. Und andere Kolleg:innen, die gestreikt haben, wurden wiederum nicht entlassen oder illegal gekündigt. Gorillas macht weiter wie bisher und versucht, bei den anstehenden Betriebsratswahlen in den Wahlvorstand einzugreifen. Einige Arbeiter:innen, die wieder eingestellt wurden, mussten dafür sozusagen vor dem Unternehmen in die Knie gehen.

Was ist die Strategie des Workers Collective oder, sagen wir, der organisierten Arbeiter:innen im Allgemeinen, um sich gegen die Maßnahmen des Unternehmens oder auch gegen diese Narrative zu wehren?

Das Kollektiv hat die Aktionen unterstützt und es gab Leute, die Teil des Kollektivs waren, die auch gestreikt haben, aber ich würde eher über die Strategie der Arbeiter:innen in diesen Warehouses reden. Ich kann über Schöneberg und ein bisschen auch das Warehouse im Bergmannkiez sprechen. Wir müssen die Verbindung zu diesen Arbeiter:innen aufrechterhalten, auch wenn einige von ihnen das Unternehmen verlassen haben. Ich meine, viele Leute haben jetzt Angst, (illegal) entlassen zu werden, deshalb ist es ein bisschen schwieriger, sich zu organisieren. Ich denke, es gibt einen Punkt, an dem die Angst in gewisser Weise auch die Wut darüber überwiegt, dass das Unternehmen eine Reihe von Kolleg:innen gefeuert hat. Es gab auch Forderungen innerhalb der Streiks. Bei Gesprächen mit der Geschäftsführung wurde gesagt, dass diese bald erfüllt werden würden. Aber wir haben immer gesagt, dass das falsche Versprechungen sind. Gorillas hat monatelang Dinge versprochen. Seit dem letzten Streik und seit den Streiks davor. Sie haben uns Dinge versprochen, die nicht eingetroffen sind, stattdessen ist es nur noch schlimmer geworden. 

Inwiefern schlimmer?

Es ging unter anderem um die Qualität der Fahrräder und der Rucksäcke. Die Arbeiter:innen bekommen durch das Gewicht der Taschen chronische Rückenschmerzen. Die Manager haben uns – neben anderen Versprechungen – auch gesagt, dass wir bald neue Fahrräder bekommen und dass diese angeblich nur für die Lagerhäuser bestimmt sind. Es ist schon zu diversen Unfällen gekommen: Die Fahrräder gehen kaputt oder funktionieren nicht, so dass die Arbeiter:innen gefährdet sind. Und ich spreche aus der Sicht eines Riders. Diese Dinger kommen in das Warehouse und funktionieren nicht, dadurch passieren immer wieder Unfälle und es wird trotzdem nichts für die Sicherheit der Arbeiter:innen getan. 
Auch verschiedene Dinge bei der Schichtplanung, die sich ändern sollten, sind immer noch nicht umgesetzt.

Im Grunde wurden also keine eurer Forderungen erfüllt.

Nein. 

Du hast eben bereits über illegale Kündigungen gesprochen. Kannst du uns erklären, warum diese aus deiner Sicht illegal sind?

Sie sind illegal, weil viele von uns, mich eingeschlossen, nur Anrufe bekommen haben. Und technisch gesehen ist man erst entlassen, wenn man eine schriftliche Kündigung erhält. So lange kann man weiter arbeiten. Aber viele von uns haben diesen Anruf bekommen und dann wurden im Grunde alle unsere Schichten aus der App gelöscht, die wir benutzen, um uns ein- und auszutragen oder um zu wissen, wann unsere nächsten Schichten sind. Außerdem gab es verschiedene Dinge in den Kündigungen selbst, die nicht korrekt waren – sei es, dass sie nicht richtig unterschrieben oder Namen falsch geschrieben waren. 
Ich denke aber, das ist nicht unbedingt die Antwort auf deine Frage. Es gibt auch eine Menge Diskussionen, ob wilde Streiks legal oder illegal sind. Aber es ist eigentlich eine Grauzone. Es ist nicht legal, denn es gibt kein Gesetz darüber. Aber es ist auch nicht illegal. In Deutschland hat man das Recht zu streiken, wenn eine Gewerkschaft zum Streik aufruft. Aber im EU-Recht heißt es, dass die Arbeitnehmer:innen auch ein Streikrecht haben, wenn das nicht der Fall ist. Es geht also auch um die Frage, ob man das deutsche Recht dem EU-Recht unter- oder überordnet. 
Deshalb bereiten einige Arbeiter:innen wie ich Gerichtsprozesse vor, um wilde Streiks in Deutschland zu legalisieren. Wir wollen das bis vor den Europäischen Gerichtshof bringen. 

Wir haben gerade über die rechtlichen Strategien gesprochen, um mit diesen Kündigungen umzugehen. Was sind die politischen Strategien?

Es gibt Wut und Frustration und es gibt auch diese Angst, die ich schon angesprochen hatte. Wir sprechen über prekäre Arbeitnehmer:innen. Nicht nur wegen des Jobs an sich, sondern auch, weil viele von ihnen Angst haben, ihn zu verlieren. Sie müssen für ihre eigene Unterkunft und Verpflegung aufkommen und manchmal auch noch Geld nach Hause schicken. Und vielleicht ist der Job bei Gorillas nicht ihr Einziger. Auch die Beziehungen der Menschen zu Leuten in Machtpositionen sind verschieden, weil wir aus unterschiedlichen Verhältnissen kommen. Man kann die Leute nicht dazu zwingen, zu streiken oder weiter zu streiken, aber es gibt immer noch die Möglichkeit, sich zu organisieren. So läuft das immer. Es gibt Streiks und dann werden die Probleme nicht gelöst. Deshalb ist es so wichtig, dass die Beschäftigten zusammenhalten und sich weiter organisieren. Auch wenn es auf einer kleineren Ebene ist als das, was Anfang Oktober in meinem Warehouse passiert ist. 
Aber mit dem kommenden Winter und wenn sich die Arbeitsbedingungen nicht ändern, wird sich das fortsetzen und wiederholen, und die Beschäftigten organisieren sich immer mehr, wie man sehen kann. Vor zwei Wochen wurden mindestens vier Warehouses zu verschiedenen Zeiten bestreikt. Es breitet sich aus. 

Danke, dass du dir die Zeit genommen hast!

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Während sich die Gilets Jaunes in Frankreich seit vier Monaten jeden Samstag die Straße nehmen und die Regierung in eine Krise gestürzt haben, war die Bewegung in Belgien zwar heftig, aber nur kurz. Nach starken Mobilisierungen ab dem 30. November, dauerte sie noch bis ins neue Jahr im kleineren Maßstab an. Sascha Donati vom Revolutionärem Aufbau Schweiz hat im Januar ein Interview mit einem Genossen der Roten Hilfe International aus Brüssel zu seinen Erfahrungen mit der Bewegung geführt. Dabei sprachen sie über die allgemeine Situation in Belgien, faschistische Mobilisierungen, Polizeirepression und eine revolutionäre Perspektive auf die Gilets Jaunes.

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Nicolás ist Student und militanter Anarchist in Paris. Seit dem 8. Dezember nimmt er an den Protesten der »Gilets Jaunes« teil und ist über Unterstützungsgruppen aktiv an der Mobilisierung der Universitäten beteiligt.

Online findet man eine Liste von 42 Forderungen der »Gilets Jaunes«. Gefordert werden unter anderem eine Erhöhung des Mindestlohns, der Rücktritt von Präsident Emanuel Macron und die Wiedereinführung der Vermögenssteuer »ISF«, welche Macron zu Beginn seiner Amtszeit außer Kraft setzte. Die »Gilets Jaunes« sind eine breite Massenbewegung. Wer spricht für die Bewegung und wie ist sie organisiert?

Die sogenannten Rädelsführer sind schwierig zu definieren: viele von ihnen wurden von den »Gilets Jaunes« denunziert, da sie keine Mandate hatten um für die Bewegung zu sprechen, andere weil sie extrem rechts sind. Es gibt keine politische Koordinierung auf nationaler Ebene. Die Demonstrationen werden über die sozialen Medien, vor allem Facebook, angekündigt. Dort finden sich je nachdem wo man sucht verschiedenste soziale Forderungen. Allerdings gibt es durch die Heterogenität der Bewegung auch Forderungen die kritisch zu betrachten sind – einige sind pro Migration zum Beispiel, andere aber auch rassistisch. (mehr …)

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Nicolás ist Student und militanter Anarchist in Paris. Seit dem 8. Dezember nimmt er an den Protesten der »Gilets Jaunes« […]

Im Folgenden veröffentlichen wir zwei Interviews mit Aktivist:innen der Studierendenbewegung im Iran. Nachdem die Internetverbindung durch das iranische Regime über […]

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Seit über 20 Jahren ist der Revolutionäre Volkskrieg die Strategie der Kurdischen Freiheitsbewegung. Wesenskern ist das Zusammenspiel gesellschaftlicher Organisationen mit […]