Das Versagen bei den Ermittlungen in Fall des Attentäters vom Berliner Breitscheidplatz, die fortwährenden Drohungen gegen die Anwältin Seda Basay-Yildiz aus Polizeikreisen, die Erkenntnisse über die staatlichen Verwicklungen in den NSU, mysteriös sterbende Menschen in Einzelhaft. Viele Schrauben eines unabsehbar großen, gefährlichen Defektes eines maroden Apparates. Organisierte Rassist*innen und aktive Gegner*innen jedes Antifaschismus sitzen fest und geschützt in staatlichen Strukturen.
Eine mediale Verarbeitung dieser Vorfälle findet in Anbetracht der Schwere der Vorkommnisse zu wenig statt. Es gibt auch kaum öffentliches Interesse oder laute Rufe nach Aufklärung. Party-Skandale, Drogenhandel und Amtsmissbrauch, Eskalation bei Demonstrationen, eine Sektion des Ku-Klux-Klans, Kontakte zu Reichsbürgern Gewalt und noch mehr Gewalt – bei der deutschen Polizei nichts Ungewöhnliches. Und nichts führt zu einer großen Empörung. Wenn es um die Auseinandersetzung mit der Polizei geht, sind die meisten deutschen Demokrat*innen träge.
Oder feige. Oder beides.
Aber was auch erwarten von einer Gesellschaft, die in den vergangenen Jahrzehnten über Empörung (wenn es denn zu dieser reicht) in ihrer Widerstandskultur nur selten hinaus kam. Es bedarf im Grunde keiner besonders kritischen, oder gar subversiven Denkweise um derart eklatantes polizeiliches Fehlverhalten zu bemängeln. So demokratisch sind die selbsternannten Demokrat*innen nur einfach nicht. Zu ignorieren wie reformbedürftig der Apparat Polizei ist, wie fragil das Konstrukt der angeblichen Ordnung, bedarf einer geschulten Art des Wegsehens.
Das Dach der ach so liberalen Freiheit steht auf schon in ihrer Bausubstanz mangelhaften Säulen: Kollektive Stille – Grasballen rollen durch die Protestwüste Deutschland; und der mangelnden Erkenntnis, dass das Gewaltmonopol mehr als ein grundlegendes Problem hat.
„Der Gehorsam heuchelt Unterordnung, so wie die Angst vor der Polizei Anständigkeit heuchelt“, sagte George Bernard Shaw. Nur dass das Schweigen in all diesen Fällen extreme Unanständigkeit ist und die angebliche deutsche Mitte vermutlich keine Angst hat. Vielleicht spürt sie sich einfach nicht mehr.