Im Folgenden veröffentlichen wir den zweiten Teil des Interviews, das Radio Résistance im Herbst 2025 mit Camarada Amanda Rios, die mit bürgerlichem Namen Lida Ortiz heißt, geführt hat.
Lida Ortiz war Teil der Guerilla der FARC-EP, den Fuerzas Armadas Revolucionarios de Colombia – Ejercito del Pueblo (übersetzt: Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – Volksarmee) und kämpfte gemeinsam mit ihren Genoss:innen für eine sozialistische Revolution in Kolumbien. In dem Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen als Guerillakämpferin und vom Friedensprozess ihrer Organisation, der dazu geführt hat, dass die FARC ab 2016 damit begann ihre Waffen niederzulegen.
Den ersten Teil des Interviews findet ihr hier:
Ein Gespräch über Guerilla und Friedensprozess in Kolumbien mit einer FARC-Kommandantin im Exil
Nun wurde also ein Friedensabkommen geschlossen und die FARC hat die Waffen niedergelegt. Doch die Ziele, für die die FARC gekämpft hatte, sind nicht alle erreicht worden. Was ist also seit der Abgabe der Waffen die Strategie der FARC? Wie wird der Kampf weitergeführt?
Während die Verhandlungen noch liefen, konzentrierten wir uns auf einige wenige Gebiete, in die wir verschiedene Einheiten verlegt hatten. Dort widmeten wir uns nach dem Waffenstillstand der Bildung und bauten Beziehungen zur lokalen Bevölkerung auf. Wir hielten Versammlungen ab und organisierten Sportveranstaltungen – Dinge, die zuvor nicht möglich gewesen waren. All das bezeichnen wir als Friedenspädagogik.
Dann kehrten die Genossen aus Havanna zurück und erklärten uns die genauen Inhalte des Abkommens und deren Umsetzung. Auf diese Weise waren wir über den Stand der Dinge informiert. Es wurde uns jedoch stets gesagt, dass die Waffenabgabe schrittweise erfolgen würde, schließlich seien die Waffen unsere Garantie dafür, dass unser Kampf ernst genommen werde. Wir übergaben die Waffen an die UNO, damit sie in Container gepackt wurden – und das geschah auch. Doch nach wenigen Tagen wurden alle Waffen auf einmal abgeholt. Wir waren ziemlich überrascht. Es sollte doch schrittweise geschehen, es sollte Garantien geben. Uns wurde gesagt, dass es keine Waffenübergabe sei, sondern eine Waffenabgabe. Tatsächlich war es jedoch eine Waffenübergabe. Normalerweise läuft es so, dass die Guerillas ihre Waffen abgeben und die Regierung sie dann zerstört oder einschmilzt. Uns wurde versprochen, dass aus diesen Waffen große Denkmäler gebaut werden: eines in Havanna, eines in New York und eines in Kolumbien. Doch das blieb nur Geschwätz. Tatsächlich schmolzen sie die Waffen ein und machten daraus einen Gehweg. Das heißt, auf einer symbolischen Ebene: Sie schmolzen sie nicht nur ein, sie traten sie auch mit Füßen. Damit war es endgültig vorbei mit den Waffen der FARC. Symbolisch hatte das nichts mit dem zu tun, was vereinbart worden war und was uns in der Friedenspädagogik vermittelt worden war.
Am frustrierendsten war, dass die Regierung von Juan Manuel Santos weltweit Anerkennung dafür erhielt, dass sie den Frieden geschlossen hatte, obwohl sie sich kaum um die Umsetzung des Abkommens bemühte. Santos wurde bewundert, erhielt den Friedensnobelpreis, und das stärkte vor allem das Ego der Regierung. Sie verherrlichte sich selbst. Nach Santos kam mit Iván Duque eine Marionette von Álvaro Uribe, der seinerseits eine Marionette der Paramilitärs war, wieder an die Macht. Die extreme Rechte sagte offen, dass sie das Abkommen nicht umsetzen und zunichtemachen wolle.
Unter der Regierung von Gustavo Petro wurden seit kurzem einige Schritte unternommen, um das Vereinbarte zumindest teilweise umzusetzen. Aber der Weg blieb sehr kompliziert und steinig. Ich habe keine exakten Zahlen, aber fast 500 Unterzeichner:innen des Abkommens wurden bereits ermordet. Das ist eine sehr hohe Zahl. In Kolumbien herrschte weiterhin massive politische Verfolgung. Obwohl wir eine alternative Regierung haben, liegt die tatsächliche Macht weiterhin bei denselben Personen, die das Land historisch kontrollierten: die Eigentümer der Wirtschaftsverbände und Großgrundbesitzer. Sie setzen auf den Krieg, weil er für sie ein großes Geschäft ist. So werden weiterhin Unterzeichner:innen und Führungspersonen sozialer Bewegungen getötet.
Ein weiterer Mangel des Friedensabkommens besteh darin, dass es keine klaren Garantien für diejenigen gibt, die Guerillakämpfer:innen waren und den Übergang ins zivile Leben vollziehen wollten. Man musste sich das vorstellen: Wir hatten unser ganzes Leben dem sozialen Kampf gewidmet. Alles, was wir gemacht hatten, diente dem Volk und war Teil eines kollektiven Prozesses. Nun unterzeichneten wir ein Friedensabkommen – und alle sollten gehen und ihr Leben so gestalten, wie sie konnten, nachdem sie fünf, zehn, zwanzig oder sogar dreißig Jahre in der Guerilla verbracht hatten. Die Menschen einfach so in den gnadenlosen Kampf des Kapitalismus zu schicken, wo jeder auf sich allein gestellt ist, war brutal. Einer der Fehler des Abkommens war also, dass es keine konkreten Garantien für die Wiedereingliederung gab – für den Übergang vom Guerillakampf ins zivile Leben. Das war sehr schwierig.
In der FARC hatten wir nie ein Gehalt bekommen. Es gibt ein sehr schönes Lied eines FARC-Sängers, das besagt, dass uns nicht persönlicher Gewinn motiviert, sondern der revolutionäre Kampf selbst. Doch das bedeutet nicht, dass es für diejenigen, die die Waffen niederlegten, keine Garantien geben sollte. Solche Garantien gab es aber nicht wirklich. Was es gab, war eine Kooperative, die heute Ecomun heißt. Sie ist zuständig für alles, was mit der umfassenden Wiedereingliederung zu tun hat. Zum Beispiel werden durch sie Projekte organisiert, die den ehemaligen FARC-Mitgliedern eine Möglichkeit boten, etwas Kollektives fortzuführen, damit sie nicht einfach dem Gesetz des Stärkeren ausgeliefert waren. Wir kamen ja aus einem Kollektiv. So gab es auch die Möglichkeit, sich an dem Ort, wo man lebte, zusammenzuschließen, auch gemeinsam mit der Familie.
Zusätzlich gibt es den sogenannten Nationalen Rat für Wiedereingliederung, der sich gemeinsam mit der Regierung um Fragen der Wiedereingliederungspolitik kümmert. Leider gab es sehr unterschiedliche Sichtweisen in der Führung der FARC, insbesondere nach der Unterzeichnung des Abkommens. Es gab Streit darüber, wer für welches Thema zuständig war. Wir merkten, dass das Thema Wiedereingliederung nicht demokratisch verhandelt wurde, anders als wir es uns vorgestellt hatten. Einige ehemaligen Anführer verstanden nicht, dass sie keine Kommandanten mehr waren. Sie konnten keine Befehle mehr erteilen, und das führte zu Debatten innerhalb der Partei nach der Unterzeichnung.
Aus der FARC entstand nach dem Friedensabkommen eine politische Partei, die Comunes heißt, die mit viel Elan politisch mitwirken wollte. Doch als wir begannen, stellten wir fest, dass die Entscheidungen von einem kleinen Kern getroffen wurden. Eigentlich hätte es viel Raum für Mitwirkung gegeben, doch die Führung nutzte dies nicht und entschied alles selbst. Auch die Mittel aus dem Abkommen blieben in den Händen einiger weniger ehemaliger Führungspersonen. Mit dieser Vorgehensweise konnten wir uns nicht mehr identifizieren.
Ich war zu diesem Zeitpunkt in der erweiterten Führung von Comunes. Auf dem ersten Gründungskongress wurde ich in das Consejo Nacional de los Comunes (Nationaler Rat der Gemeingüter) gewählt und war dort Teil einiger wichtiger Debatten. Weil ich die Entscheidungen der zentralen Führung infrage stellte, begann mich diese leider mit anderen Augen zu sehen. Sie bezeichneten mich nun als jemanden, der von der politischen Linie abwich und andere Ziele verfolgte. So begann ein interner Krieg gegen mich, begleitet von Anschuldigungen, die keinerlei Grundlage hatten. Es wurden Gerüchte verbreitet, wonach ich mit einer der bewaffneten Gruppen von FARC-Dissidenten zusammenarbeiten würde. Das führte dazu, dass mich eine dieser Dissidentengruppen zum militärischen Ziel erklärte – mit besonders schmerzhaften Konsequenz für mich. Ich wusste nun, dass ich ins Exil gehen musste.
Viele andere Genoss:innen wurden ebenfalls stigmatisiert, einige wurden ermordet, andere verließen das Land oder tauchten unter. Viele andere wiederum, organisierten sich in der Kooperative Ecomun, und entzogen sich teilweise auch der Verwaltung der Partei. Unter großer Anstrengungen haben sie Projekte aufgebaut, die ihnen die Wiedereingliederung in die Gesellschaft ermöglichen: Fahrradwerkstätten, Kaffeeanbau, Textilproduktion, Viehzucht und vieles mehr in verschiedenen Bereichen. Diese Initiativen werden Tag für Tag von ehemaligen Kämpfer:innen umgesetzt, und wir von außen unterstützten sie nach Möglichkeit. Schließlich waren es immer schon die Basismitglieder der Bewegung gewesen, die durch ihren Einsatz den Frieden zu einer realistischen Perspektive in Kolumbien gemacht haben!
Kann man also sagen, dass eines der größten Probleme auch darin liegt, dass mit dem Friedensabkommen die kollektiven Strukturen der FARC zerstört wurde und die ehemaligen Kämpfer:innen zunehmend individualisiert wurden?
Ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf den Punkt der Waffenabgabe zurückkommen. Uns wurde damals gesagt, dass es sich nicht um eine klassische Waffenabgabe handele, sondern um ein anderes Modell, ein Modell des Dialogs. Uns wurde versichert, dass es keine Demobilisierung geben würde. Aber tatsächlich gab es eine solche.
Was ich damit meine: Wir hatten eigentlich eine kollektive Struktur, nach bestimmten Prinzipien organisiert, mit einem starken Zusammenhalt. Doch als das Abkommen geschlossen wurde, mussten plötzlich alle für sich selbst entscheiden, was sie mit ihrem Leben anfangen wollten. Die kollektiven Strukturen wurden aufgelöst. Eigentlich war im Friedensabkommen festgelegt, dass die Führung der Partei, das Sekretariat, für die allgemeine Wiedereingliederung zuständig sei. Doch in der Praxis war das nicht der Fall. Es gab also eine Demobilisierung, weil viele Guerilleros und Guerilleras sich in gewisser Weise von ihrer Führung, von der Bewegung im Allgemeinen, verlassen fühlten. Jeder suchte nach individuellen Möglichkeiten, um zu überleben, und das Kollektiv zerbrach.
Heute sind es vor allem die Kooperativen, die den Zusammenhalt der Gemeinschaft aufrechterhalten. Sie ermöglichen es den Menschen sich um ein produktives Projekt herum zu organisieren und weiterhin Pläne für die Zukunft zu entwickeln. Das ist jedoch nicht einfach, denn oft bleiben die wirtschaftlichen Aspekte im Vordergrund, während der politische Teil in den Hintergrund tritt. Weil bewaffnete Akteure, Paramilitärs, in den Gebieten präsent sind, haben die Menschen außerdem Angst, ihre Meinung frei zu äußern. Oft müssen sie ihre politische Arbeit heimlich machen, ohne dass die bewaffneten Gruppen davon erfahren. Das ist sehr schwierig. In einer Kooperative in Caloto wurden etwa zehn Menschen ermordet – und es gibt noch mehr solcher Fälle. Auch in der Kooperative, von der ich Teil war, als der Friedensprozess begann, wurden viele Genoss:innen durch Paramilitärs ermordet.
Es hat also eine Demobilisierung gegeben und das, was unser Kollektiv zusammengehalten hatte, ist zu einem Teil zerbrochen. Aber ich glaube, dass es auch heute noch eine revolutionäre Basis gibt, die zumindest einige der Personen, die in den Kooperativen tätig sind, miteinander verbindet. Alles, was in diesem langen Kampf an Erfahrungen gemacht wurde, lebt in ihr weiter. Diese Basis ist nicht immer sichtbar, aber sie kann der Grundstein für einen zukünftigen Wandel im Land werden. Solche Prozesse sind zyklisch. Erst kam das Friedensabkommen, dann der Rückschlag und nun schließlich gibt es Raum für eine Erneuerung – auch von dem, für was die FARC gekämpft hat.
Was klar ist, ist, dass es viele wertvolle und ernsthafte Genoss:innen gibt, die sich weiterhin für den Frieden einsetzen. Ich glaube, dass sich aus dieser Basis in Zukunft wichtige Kader herausbilden könnten, die für unser Land kämpfen werden.
Du hast bereits zuvor davon gesprochen, dass es ehemalige FARC-Kämpfer:innen gibt, die weiterhin bewaffnet kämpfen. Neben diesen gibt es ja auch noch andere Organisationen, wie die ELN und die EPL, die ebenfalls den bewaffneten Aufstand praktizieren. Wie ist der aktuelle Stand der bewaffneten Organisationen in Kolumbien?
Kolumbien war über Jahrzehnte hinweg ein zentraler Schauplatz sowohl des bewaffneten als auch des unbewaffneten Widerstands. Im Bereich des bewaffneten Kampfes existierten verschiedene aufständische Organisationen wie die FARC, die ELN, die EPL, M-19 und weitere. Einige dieser Organisationen bestehen bis heute, etwa die ELN. Daneben gibt es bewaffnete Gruppen, denen ehemalige Mitglieder der inzwischen aufgelösten FARC angehören. Diese werden gemeinhin als Dissidenten bezeichnet. Einige dieser Gruppen verwenden weiterhin den Namen FARC, obwohl es keinerlei politische oder historische Kontinuität mit dem bewaffneten Kampf der ursprünglichen FARC gibt.
Das Tragische daran ist, dass sich diese Gruppen aus Personen zusammensetzen, die sich nicht mehr als Teil von einem politischen Kampf weiterentwickeln konnten. Ihr Handeln ist nicht mehr von einem revolutionären Projekt bestimmt, sondern vom bloßen Überleben. Sie schließen sich beliebigen bewaffneten Strukturen an – unabhängig davon, ob diese revolutionär oder konterrevolutionär sind. Gleichzeitig gibt es Akteure, die sich rhetorisch weiterhin auf einen revolutionären Diskurs berufen und auf frühere Dokumente der FARC zurückgreifen, während sie in der Praxis Communitys angreifen, wichtige Personen aus den sozialen Bewegungen ermorden und diejenigen, die das Friedensabkommen unterzeichnet haben, töten. Diese Widersprüche verzerren das historische Bild der FARC stark.
Heute gibt es bewaffnete Gruppen, die sich FARC nennen, obwohl sie aus Drogenhändlern und Gewalttätern bestehen und Kinder rekrutieren. Für zukünftige Generationen entsteht so der Eindruck, dass dies die FARC gewesen sei. In Wirklichkeit aber war die ursprüngliche FARC Teil eines völlig anderen historischen und politischen Zusammenhangs. Eine besondere Gruppe, die sich auf die FARC bezieht, ist die sogenannte Segunda Marquetalia. Sie entstand nach dem Friedensabkommen. Ihr Ursprung hängt eng mit dem bekannten FARC-Führer Jesús Santrich zusammen. Ihm wurde von der kolumbianischen Staatsanwaltschaft unter Néstor Humberto Martínez gemeinsam mit der CIA und der DEA eine gezielte Falle gestellt. Ziel war es, Santrich in einen angeblichen Drogendeal zu verwickeln, um seine Auslieferung an die USA zu ermöglichen. Die DEA stellte dafür sogar Geld und Kokain zur Verfügung und filmte ein inszeniertes Treffen. In den Aufnahmen ist jedoch klar zu erkennen, dass Santrich sich nicht zum Drogenhandel äußerte.
Santrich nahm an dem Treffen teil, weil ihn der Cousin eines anderen FARC-Kommandanten eingeladen hatte. Diese Person hatte keinen politischen Hintergrund und wurde dafür bezahlt, Santrich zu belasten. Trotzdem wurde Santrich verhaftet und inhaftiert, damit er ausgeliefert werden konnte. Da es aber keine Beweise gab, kam er schließlich frei. Der politische Schaden war jedoch bereits entstanden. Santrich erklärte, er wolle lieber in Kolumbien sterben, als in die USA ausgeliefert zu werden. Gemeinsam mit einem anderen ehemaligen Kommandanten, Iván Márquez, gründete er die neue Guerilla der Segunda Marquetalia.
Auch diese Gruppe ist nicht mit der alten FARC gleichzusetzen. Unter den heutigen Bedingungen kann es auch keine direkte Fortsetzung geben. Es handelt sich um eine kleine Gruppe, die ständig ums Überleben kämpft. Ihr gegenüber steht eine Armee, die umfassend in Aufstandsbekämpfung ausgebildet wurde, unter anderem an der Escuela de las Américas. Gleichzeitig befindet sich die Segunda Marquetalia im Konflikt mit einer anderen bewaffneten Gruppe, die ebenfalls den Namen FARC benutzt und mit den USA zusammengearbeitet hat, um Jesús Santrich 2021 in Venezuela zu ermorden. Die Situation ist extrem unübersichtlich. Daneben existiert weiterhin die ELN mit bekannten Führungspersonen und einer klaren Struktur. Insgesamt lassen sich die heutigen bewaffneten Gruppen nicht mehr mit denen von vor zehn oder fünfzehn Jahren vergleichen. Meiner Ansicht nach hat der Kapitalismus alles korrumpiert. Mittlerweile ist der Krieg heute selbst ein Geschäft geworden und das trifft leider auch auf den Befreiungskrieg zu. Die Territorien in Kolumbien sind stark umkämpft, weil neben lokalen bewaffneten Gruppen auch internationale Drogenkartelle, wie zum Beispiel mexikanische Organisationen und die venezolanische Gruppe Tren de Aragua aktiv sind.
In vielen dieser Regionen ist der Staat kaum präsent. Es gibt keine ausreichende militärische Präsenz, aber auch keine Schulen, Krankenhäuser oder soziale Absicherung. In diesem Machtvakuum kontrollieren bewaffnete Gruppen das Leben der Menschen. Der Anbau von Koka und der Kokainhandel sind ihre wichtigste Einnahmequelle. Das Kokain wird vor allem in die USA und andere Länder exportiert. Dieser Umstand macht einen revolutionären bewaffneten Kampf heute nahezu unmöglich. Auch wenn es innerhalb der Guerilla noch Menschen gibt, die ehrlich an revolutionäre Prinzipien glauben, denke ich, dass es heute keine realen Bedingungen mehr für einen bewaffneten Aufstand gibt. Die Situation ist zu chaotisch, und der Drogenhandel hat die bewaffneten Gruppen tief korrumpiert. Besonders Gruppen, die sich heute FARC oder FARC-EP nennen, töten wichtige Personen aus den sozialen Bewegungen und greifen ganze Communitys an.
Deshalb halte ich den bewaffneten Kampf heute nicht mehr für den richtigen Weg. Stattdessen sollten bewaffnete Gruppen den Dialog suchen und Friedensabkommen anstreben, die echte Garantien bieten und zu sozialen Verbesserungen führen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die von Gustavo Petro angestoßenen Veränderungen zu unterstützen. Auch wenn er nicht die gesamte Macht im Land hat, ist er stark in der Bevölkerung verankert. Ich bin überzeugt, dass wir uns in einem entscheidenden historischen Moment befinden. Anstatt sich in ländlichen Camps zu isolieren, sollten bewaffnete Gruppen diese Gelegenheit nutzen, um sich politisch zu engagieren und ihren Einfluss auf zivilem Weg geltend zu machen. Leider kommt es weiterhin zu Kämpfen zwischen verschiedenen Gruppen, und die Zivilbevölkerung leidet am meisten darunter. Die Zahl der Toten steigt weiter.
Wie hat sich denn die Situation seit dem Amtsantritt von Gustavo Petro verändert? Petro war ja früher selber mit der Guerillabewegung M19 assoziiert. Was ist sein politischer Hintergrund? Ist unter seiner Regierung eine Verbesserung im Umgang mit den ehemaligen FARC-Mitgliedern oder generell den bewaffneten Strukturen bemerkbar?
Die Regierung von Gustavo Petro ist auch ein Ergebnis der tiefgreifenden sozialen Veränderungen, die Kolumbien in den letzten Jahren erlebt hat. Diese Entwicklungen stehen in engem Zusammenhang mit dem Friedensabkommen. Das Abkommen hat vielen Menschen die Augen geöffnet und gezeigt, wie hart die Realität im Land tatsächlich ist. Es wurde deutlich, dass diese Situation nicht das Ergebnis des Krieges der FARC gegen den Staat war, sondern dass die herrschenden Klassen die Hauptverantwortung tragen. Gleichzeitig verliert die extreme Rechte immer mehr an Legitimität. Ihr wahres Gesicht wird zunehmend sichtbar. Ihr sogenannter „schmutziger Krieg“ ist gut dokumentiert. Es gibt zahlreiche Untersuchungen zu Massakern, zu den sogenannten Falsos Positivos und zum systematischen Krieg, den staatliche und paramilitärische Strukturen gegen die eigene Bevölkerung geführt haben.
Ein weiterer Wendepunkt war der große soziale Aufstand im Jahr 2021. Vor allem Jugendliche aus armen Stadtvierteln, den Barrios, trugen diese Proteste. Sie gingen auf die Straße, blockierten Verkehrswege, kochten gemeinsam, organisierten sich selbst und forderten ein Ende der Polizeigewalt. Besonders im Fokus stand die ESMAD, eine Spezialeinheit der Polizei, die auf die Niederschlagung sozialer Proteste in Städten spezialisiert ist. Auslöser des Aufstands war eine Steuerreform der damaligen Regierung Duque. Diese Reform hätte vor allem die breite Bevölkerung belastet, während Reiche und große Unternehmen von Steuererleichterungen profitiert hätten. Die Steuerlast sollte also auf die Armen abgewälzt werden. Viele Menschen hatten genug, und so kam es zu massiven sozialen Unruhen. Neben der Steuerfrage wurden auch weitere politische Forderungen laut, darunter die Abschaffung der ESMAD und grundlegende soziale Reformen.
In diesem Kontext ist die Regierung Petro zu verstehen. Sie ist das Ergebnis dieser gesellschaftlichen Umbrüche. Die extreme Rechte ist politisch stark angeschlagen, auch wenn sie weiterhin Anhänger hat und in manchen Fällen noch immer Stimmen mit Geld beeinflusst. Gustavo Petro spielte schon lange vor seiner Präsidentschaft eine wichtige Rolle in der politischen Landschaft. Besonders während seiner Zeit im Senat führte er zentrale Debatten gegen Álvaro Uribe und kritisierte immer wieder dessen Verbindungen zu paramilitärischen Gruppen.
Petro stammt aus der Bewegung M-19. Diese war zwar eine Rebellengruppe, aber keine sozialistische Organisation. Sie war stark von den Ideen Simón Bolívars geprägt und verstand den politischen Kampf nicht nur national, sondern als Teil eines größeren lateinamerikanischen Projekts, des Patria Grande. Ein zentrales Anliegen dieser Bewegung war es, patriotische Werte wieder sichtbar zu machen. In Kolumbien war nämlich für lange Zeit das Fach Geschichte aus den Schulen gestrichen worden, was zu einem großen Verlust an historischem Bewusstsein führte.
Als Präsident hat Petro wichtige Reformen angestoßen. Diese zielen darauf ab, mehr soziale Sicherheit für Arbeiter:innen, ältere Menschen und Studierende zu schaffen. Es handelt sich dabei nicht um revolutionäre Veränderungen, sondern um notwendige Reformen. Kolumbien leidet aufgrund seiner Geschichte unter extremer sozialer Ungleichheit. Deshalb müssen Veränderungen schrittweise erfolgen. Genau darin liegt heute eine der größten Herausforderungen. Es geht darum, wie das politische Projekt des sozialen Wandels fortgeführt werden kann, insbesondere im Hinblick auf kommende Wahlen. Ziel ist es, die begonnenen Reformen zu vertiefen und dauerhaft abzusichern.
Gleichzeitig muss auch Kritik geäußert werden. Die Regierung Petro hat in der Friedenspolitik einen schweren Fehler gemacht. Der größte Fehler lag in der Wahl des ersten Friedensbeauftragten, Danilo Santos. Sein Ansatz des „vollständigen Friedens“ war zu ambitioniert. Er wollte gleichzeitig mit allen Akteuren verhandeln: mit Guerillas, paramilitärischen Gruppen und Drogenkartellen. Am Ende blieb dieses Projekt ohne konkrete Ergebnisse. Besonders problematisch war der Fokus auf Gespräche mit den sogenannten FARC-Dissidenten. Diese nutzten den Dialog vor allem dazu, sich territorial auszubreiten und militärisch zu stärken. Zudem gingen sie deutlich aggressiver gegen die Regierung Petro vor als zuvor gegen die Regierung Duque. In der Frage des Friedens kam die Regierung daher kaum voran. Trotzdem genießt die Regierung in der Bevölkerung viel Unterstützung, vor allem wegen der sozialen Reformen. Diese werden von vielen Menschen als dringend notwendig angesehen und positiv bewertet.
Ihr habt sicher bereits mitbekommen, dass es sehr viele Vorurteile und kaum Informationen über den bewaffneten Kampf gibt. Es gibt kaum Informationen und wenn es welche gibt, dann stammen diese aus Hollywoodfilmen oder aus den bürgerlichen Medien. Was willst du den Menschen hier in Europa mitteilen?
Ich denke, es ist wichtig, nicht nur die komplizierte Situation in Kolumbien zu verstehen, sondern auch zu erkennen, dass das Land ständig zwischen zwei Extremen schwankt: Zwischen Krieg und Frieden, zwischen der Möglichkeit tiefgreifender sozialer Veränderungen und den Kräften, die alles daransetzen, genau diese Veränderungen zu verhindern.
Auf der Seite der Menschen, die täglich für ein besseres Leben kämpfen, gibt es viele unterschiedliche Gruppen und soziale Organisationen. Sie kommen aus verschiedenen Bereichen und haben unterschiedliche Perspektiven. Dazu gehören bäuerliche und landwirtschaftliche Organisationen ebenso wie indigene Gemeinschaften und afrokolumbianische Bevölkerungsgruppen, die jeden Tag darum kämpfen, ihre Kultur, ihre Territorien und ihre Traditionen zu bewahren. Auch die Unterzeichner:innen des Friedensabkommens leisten wichtige Arbeit, insbesondere durch Projekte zur Wiedereingliederung und durch gemeinschaftliche Produktionsprojekte. Aus meiner Sicht ist es entscheidend, diese Prozesse solidarisch zu begleiten. Das bedeutet zum einen, die weiterhin stattfindenden Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien sichtbar zu machen und anzuprangern. Zum anderen geht es ganz konkret darum, Organisationen und Kooperativen zu unterstützen, die mit sehr begrenzten Mitteln arbeiten, oft ums Überleben kämpfen und dennoch aktiv zum Frieden im Land beitragen.
Das Wissen und die Erfahrungen derjenigen, die früher im bewaffneten Kampf standen, sind dabei sehr wertvoll. Diese Erfahrungen können als wichtige Lehren dienen und Friedensprozesse nicht nur in Kolumbien, sondern auch in anderen Teilen der Welt unterstützen. Aus ehemaligen Kämpfer:innen können so aktive Verteidiger:innen des Friedens werden. In Kolumbien gibt es viele engagierte Genoss:innen, die über großes Wissen und wichtige Lebenserfahrungen verfügen. Deshalb halte ich es für zentral, die Beziehungen zwischen diesen Menschen und Organisationen in Europa zu stärken. So können gemeinsame Projekte weiterentwickelt und bekannter gemacht werden. Ein Teil dieser Arbeit findet heute über das Internet statt, wenn auch noch in begrenztem Umfang.
Wir selbst haben hier in Europa eine Gemeinschaft aufgebaut. Sie besteht aus Migrant:innen, politisch Verfolgten im Exil und vor allem aus Kolumbianer:innen, steht aber auch in engem Austausch mit europäischen Organisationen. Von hier aus beschäftigen wir uns mit der Situation in Kolumbien und unterstützen Initiativen, die sich für Frieden, Wiedereingliederung und die Stärkung bäuerlicher Kämpfe einsetzen. Diese Organisation trägt den Namen Ven Seremos.
Ein weiteres Ziel unserer Arbeit ist es, internationale Kämpfe miteinander zu verbinden und ihnen gemeinsam mehr Gewicht zu verleihen. Gleichzeitig wollen wir der Politik der Rechten entgegentreten, die in vielen Ländern auf dem Vormarsch ist und zunehmend versucht, die Rechte von Migrant:innen und Exilant:innen einzuschränken. Wir sind überzeugt, dass internationale Vernetzung dafür ein entscheidendes Mittel ist. Kürzlich haben wir ein internationales Treffen für die Freiheit von Simón Trinidad organisiert, einem Genossen, der seit 22 Jahren in den Vereinigten Staaten inhaftiert ist. Er lebt dort unter extrem harten Bedingungen, weitgehend isoliert und nahezu ohne menschlichen Kontakt, was einer Form psychischer Folter gleichkommt. Es ist erschütternd, dass solche Zustände selbst nach einem Friedensabkommen noch existieren.
Dieses Treffen hat gezeigt, dass es in Europa großes Interesse und eine starke Bereitschaft gibt, sowohl den Fall Simón Trinidad als auch den Friedensprozess in Kolumbien zu unterstützen. Deshalb werden wir unsere Arbeit fortsetzen und die Beziehungen zu anderen Organisationen hier in Europa weiter ausbauen. Vielen Dank.
Vielen Dank für das Gespräch!