Ein Gespräch über Guerilla und Friedensprozess in Kolumbien mit einer FARC-Kommandantin im Exil
Im folgenden veröffentlichen wir den ersten Teil eines Interviews, das Radio Résistance im Herbst 2025 mit Camarada Amanda Rios, die mit bürgerlichem Namen Lida Ortiz heißt, geführt hat.
Lida Ortiz war Teil der Guerilla der FARC-EP, den Fuerzas Armadas Revolucionarios de Colombia – Ejercito del Pueblo (übersetzt: Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – Volksarmee) und kämpfte gemeinsam mit ihren Genoss:innen für eine sozialistische Revolution in Kolumbien. In dem Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen als Guerillakämpferin und vom Friedensprozess ihrer Organisation, der dazu geführt hat, dass die FARC ab 2016 damit begann ihre Waffen niederzulegen.
Die FARC-EP führte diesen bewaffneten Kampf seit 1964. Die FARC hat Zeit ihrer Existenz eigentlich dauernd versucht Friedensgespräche zu führen. Auch hat sie während den 80er Jahren einen Versuch unternommen, auf dem parlamentarischen Weg Ergebnisse zu erzielen, was durch gewaltsame Repression verhindert wurde. Lange Zeit war die FARC eine der weltweit größten bewaffneten marxistisch-leninistischen Organisationen. Man kann davon ausgehen, dass bei Unterzeichnung der Friedensverträge 2016 bis zu 17 000 Kämpfer:innen Teil der FARC waren. Diese militärische Stärke ist mit einer der Gründe, warum die FARC seit eh und je Ziel massiver Gegenpropaganda war. Einer ehemaligen Guerillera, wie Lida Ortiz zuzuhören hilft uns, ein anderes Licht auf die Geschichte zu werfen.
Doch wer ist Lida Ortiz genau? Lida Ortiz war Kommandantin einer Guerillaeinheit. Wie die meisten ihrer Genoss:innen unterstützte sie die Friedensgespräche. Sie war nach über 10 Jahren im bewaffneten Kampf zur Überzeugung gekommen, dass dieser nicht die gewünschten Ziele ermöglichen würde. Als die FARC als Nachfolgeorganisation die legale Partei Comunes gegründet hatte, beteiligte sie sich in deren politischen Projekten. Wie sie uns im Interview ausführen wird, wurde sie allerdings zunehmend desillusioniert über deren Weg und insbesondere über die interne Debattenkultur. Schlussendlich trat sie aus der Partei aus. Sie wurde zum Ziel interner Anfeindungen und eine FARC-Dissidentenorganisation drohte damit, sie zu ermorden. Deswegen floh Lida Ortiz in die Schweiz, wo sie bis heute wohnhaft ist.
Hallo Amanda, vielen Dank dass du dir die Zeit genommen hast, dich mit uns zu treffen und deine Erfahrungen mit uns zu teilen. Könntest du dich zu Beginn kurz vorstellen?
Mein Name ist Lida Ortiz. In Kolumbien war ich Mitglied verschiedener Guerillagruppen der FARC-EP und trug dort den Namen Amanda Ríos. Deshalb nennen mich viele Menschen bis heute einfach Amanda.
Meine Arbeit innerhalb der FARC begann im Jahr 2000 – in einer Zeit, in der auch die paramilitärischen Gruppen in Kolumbien immer stärker wurden. Damals studierte ich an der Universidad del Valle in Cali, einer sehr renommierten Universität. Dort kam ich zum ersten Mal mit der FARC in Kontakt. Ich begann, ihre Camps zu besuchen, und tauchte Schritt für Schritt tiefer in diese Realität ein.
Die politische Situation damals war äußerst schwierig und von großer Unsicherheit geprägt. Es fanden zu dieser Zeit Friedensgespräche zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC statt, die sogenannten Gespräche von Caguán unter Präsident Andrés Pastrana. Anfangs weckten sie Hoffnungen, doch letztlich – wie so viele andere zuvor – wurden sie nicht aus einem wirklichen Willen zum Frieden heraus geführt. Vielmehr dienten sie vor allem dazu, die kolumbianische Armee militärisch zu stärken. Parallel dazu wuchs auch die Macht der paramilitärischen Gruppen.
Diese Paramilitärs bedrohten zahlreiche führende Aktivist:innen an den Universitäten, Gewerkschafter, Bauern und viele andere. Es war eine Zeit, in der Menschenrechte immer wieder verletzt wurden und Angst zum Alltag gehörte.
Dann wurde ein Genosse von uns an der Universität verhaftet. Später informierte er uns darüber, dass man ihm Fotos von uns auf dem Campus gezeigt hatte. Sie waren sehr an uns interessiert, weil wir zu diesem Zeitpunkt Anführer:innen der Studierendenbewegung waren. Er erzählte mir auch, dass sie ihn immer wieder nach mir gefragt hatten.
Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich bereits mit der FARC zusammen. Die Verhaftung machte mir deutlich, wie ernst die Situation geworden war. Ich sagte mir, dass es an der Zeit war, den Schritt zu wagen und mich der Guerilla vollständig anzuschließen. Auf diese Weise trat ich schließlich bei.

Du hast gesagt, dass du während dem Studium in Kontakt mit der FARC gekommen bist. Aber wie bist du politisch aktiv geworden?
Alles begann an der Universität. Dort hatten wir eine Studierendenbewegung aufgebaut, in der wir für die Rechte der Studierenden kämpften – zum Beispiel für eine gesicherte Verpflegung, für niedrigere Studiengebühren und für viele andere studentische Anliegen. Diese Bewegung wuchs mit der Zeit und knüpfte auch Verbindungen zu den Arbeitervierteln der Stadt. Auf diese Weise wurden wir bekannt. An der Universität galten wir bald als Referenz.
Auch die FARC begann sich für das zu interessieren, was wir taten. Eines Tages kontaktierte uns jemand von ihnen in der Cafeteria der Universität und schlug vor, ein Camp der FARC zu besuchen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich zwar klare revolutionäre Ideen, doch ich war keine Sympathisantin der FARC. In Kolumbien kursierten viele sehr negative Erzählungen über sie. Man sagte, sie seien reine Militaristen, dass sie nur militärisch handelten und keine wirklichen politischen Ziele hätten.
Nachdem wir Genoss:innen darüber diskutiert hatten, kamen wir zu dem Schluss: Lasst uns hingehen und selbst sehen, was dort passiert. Wenn es uns nicht gefällt, können wir jederzeit wieder gehen. Also gingen wir. Als wir ankamen und das Guerillalager betraten, war das für mich etwas Unglaubliches. Diese Erfahrung veränderte meine Sichtweise vollständig. Denn jenseits der politischen Rhetorik spürte man dort eine besondere Form der Verbundenheit – das was wir Revolutionär:innen als Genossenschaftlichkeit kennen.
In einem Guerillalager zu sein fühlte sich an wie Teil einer großen Familie zu sein: einer Familie, die durch die Prinzipien des Kampfes vereint ist, die zusammenarbeitet und alles für die Gemeinschaft tut. Das berührte mich sehr. Besonders beeindruckt hat mich auch die Selbstermächtigung der Frauen innerhalb der FARC. Es waren Frauen, die stolz darauf waren, Teil des bewaffneten Aufstands zu sein, Frauen in Führungspositionen, Frauen mit großer Verantwortung. Das gefiel mir sehr.
Ich war begeistert und beschloss, mit der FARC zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig kehrte ich immer wieder an die Universität zurück und setzte mein Studium fort. Ich ging regelmäßig ins Camp, kam aber jedes Mal wieder in die Stadt zurück. Doch als die politische Verfolgung immer intensiver wurde, kam ich zu einem klaren Entschluss: Jetzt trete ich in die Guerilla ein. Ich hatte ohnehin das Gefühl, dass mein Leben dem bewaffneten Aufstand gewidmet war. Also wagte ich den Schritt und trat bei.
Wie war es, als du neu in die Guerilla eintratest? Könntest du uns ein bisschen mehr darüber erzählen, wie der Alltag in den Lagern aussah? Wie sehen die Tage aus? Wie sehen die Wochen aus? Wie wird die Arbeit verteilt?
Der Alltag im Guerillalager wurde durch eine klare interne Ordnung bestimmt. Jede Guerilla-Einheit hatte ihre eigenen Regeln. Normalerweise standen wir um zehn vor fünf am frühen Morgen auf. Je nachdem wie hoch die Gefahrenlage war, musste man manchmal schon um drei oder vier Uhr morgens aufstehen, um sich in die Schützengräben zu begeben und zu beobachten, ob sich der Feind näherte.
Danach tranken wir Kaffee, hörten Nachrichten und frühstückten gemeinsam. Nach dem Frühstück gab es die sogenannte Nachrichtenzusammenfassung. In diesem Raum konnte jede Person die Nachrichten teilen, die sie gehört hatte, danach wurden sie gemeinsam analysiert. Jemand übernahm die Leitung und moderierte die Diskussion. So konnten wir eine kollektive Einschätzung der aktuellen Situation erarbeiten. Auch das war Teil des täglichen Programms.
Der restliche Tag hing stark von den Umständen des Krieges ab. Wenn die Gefahrenlage hoch war, mussten wir aufbrechen, weil sich der Feind in der Nähe befand. Wenn es die Situation zuließ, fanden Bildungseinheiten statt. Wir studierten zum Beispiel die Statuten der FARC, analysierten die allgemeine politische Lage, beschäftigten uns mit dem Marxismus-Leninismus und mit anderen Themen. Manchmal lasen wir auch gemeinsam ein Buch.
Am Abend stand ein Bad auf dem Programm, danach das Abendessen. Um 20 Uhr gingen alle schlafen, und es herrschte absolute Stille. Nachts durfte kein Lärm gemacht werden, vor allem in den Bergen, wo man jedes Geräusch hört. Absolute Stille. So sah das Leben in einem Guerillalager aus.
Für mich war das nicht immer einfach. Ich hatte Philosophie und Geschichte an der Universität im Tal studiert, und als Philosophin – und als gute Studentin – stellte ich gern alles infrage. Ich suchte immer nach dem Grund der Dinge. Und genau diese Suche, dieses ständige Hinterfragen, hatte mich ja auch dazu gebracht, Revolutionärin zu werden.
Im Leben in der Guerilla war das jedoch schwieriger. Dort gibt es eine klare Hierarchie, eine militärische Struktur, der man folgen muss. Man erhält Befehle, die man ausführen muss, ohne nach dem Warum zu fragen. Natürlich gab es auch demokratische Räume, vor allem die Parteiversammlungen, in denen jede Person ihre Ideen und Vorschläge einbringen und diskutieren konnte. Doch das militärische Regime war sehr streng. Das war eines der Dinge, die mir am schwersten fielen. Mit der Zeit gewöhnte ich mich jedoch daran.
Wir sprechen hier vom Jahr 2002, dem Moment, in dem ich mich entschied, zu bleiben. Seit dem Jahr 2000 war ich immer wieder zwischen dem Camp und der Stadt hin- und hergereist. Aber 2002 ging ich – und kam nicht mehr zurück. Ich bin geblieben.
14 Jahre später kam es zum Friedensvertrag und der Entscheidung der FARC, die Waffen niederzulegen. Was ist in diesen 14 Jahren passiert? Was waren die Gründe, die die FARC dazu bewegte, die Waffen niederzulegen? Wie verliefen die Friedensverhandlungen?
Diese vierzehn Jahre waren sehr komplex – wie ich bereits angedeutet habe, als ich über die Friedensgespräche zwischen der FARC und der Regierung von Andrés Pastrana gesprochen habe. In dieser Zeit setzte die Regierung gemeinsam mit den USA den sogenannten Plan Colombia um. Als Teil dieses Plans wurde vor allem die Luftwaffe gestärkt, und die Bombardierungen nahmen massiv zu. Dadurch wurde der bewaffnete Kampf immer schwieriger. Viele Lager wurden bombardiert, und zahlreiche Genoss:innen in hohen Positionen wurden ermordet. Es war eine äußerst harte Zeit.
Dann kam die Wiederwahl von Álvaro Uribe, einem bekannten Paramilitär. Uribe war es, der den Paramilitarismus in Kolumbien systematisch vorangetrieben hatte. Heute muss er sich in Kolumbien für viele Verbrechen verantworten, darunter die Ermordung von Jugendlichen, die auf der Straße festgenommen wurden, denen man Guerillakleidung anzog und die anschließend ermordet wurden. Die Täter erhielten dafür Prämien oder Sonderurlaub, weil sie angeblich Guerilleros getötet hatten. Dieses Verbrechen ist als der sogenannte Falsos-Positivos-Skandal bekannt. Auch das war eine extrem gewalttätige Zeit in Kolumbien.
Doch auch innerhalb der Guerilla war diese Phase sehr hart. Wir mussten uns daran gewöhnen, ständig in Bewegung zu sein. Manchmal kamen wir an einem Tag in einem Lager an, nur um es am nächsten Morgen bereits wieder verlassen zu müssen. Wir lebten dauerhaft unter extrem schwierigen Bedingungen. Gleichzeitig wurde immer deutlicher, dass sich der Krieg in die Länge zog und immer mehr Opfer forderte – Opfer, die uns schmerzten: unsere Genoss:innen, aber auch Zivilist:innen. Es war ein Krieg ohne Ende, ein Krieg, den weder der kolumbianische Staat noch die FARC gewinnen konnten.
Seit ihrer Gründung im Jahr 1964 hatte die FARC stets die Fahne des Friedens hochgehalten. Leider stellte sich der kolumbianische Staat immer wieder auf die Seite des Krieges. Der Kampf der FARC war nicht entstanden, weil einige Menschen eines Tages beschlossen hatten, zu den Waffen zu greifen. Er gründete auf dem historischen Widerstand von Bauern, Indigenen und Afrokolumbianer:innen, die sich angesichts der vielen Ungerechtigkeiten in unserem Land zusammengeschlossen hatten. Der Wunsch nach Frieden war also immer da.
Bereits 1984 gab es erste Friedensgespräche mit der Regierung von Belisario Betancur. Frieden war immer einer der zentralen Grundsätze unserer politischen Position. Und man muss auch sagen: Obwohl wir Revolutionär:innen waren, ging es uns nicht um eine vollständige revolutionäre Umgestaltung Kolumbiens, sondern um eine Demokratisierung des Landes. Unser Ziel war, dass es nicht mehr notwendig sein sollte, zu den Waffen zu greifen, um Politik zu machen. Denn in Kolumbien wurde jeder, der anders dachte, physisch ausgelöscht – und genau das machte Politik ohne Waffen unmöglich.
Aus den Erfahrungen der Gespräche von 1984 entstand ein sehr bedeutender Vorschlag: die Unión Patriótica. Sie sollte eine politische Partei sein, die als breite Bewegung funktionierte und viele Menschen sowie politische Führungspersönlichkeiten vereinte, die an eine demokratische Transformation und an politische Teilhabe glaubten. Doch diese Alternative wurde physisch vernichtet. Heute zählen wir mehr als 6.000 Ermordete und Verschwundene aus dieser Zeit. Unter den ermordeten befanden sich auch die Präsidentschaftskandidaten Jaime Pardo Leal und Bernardo Jaramillo.
Trotz all dessen konnte die Unión Patriótica einige Sitze in Rathäusern und im Kongress der Republik gewinnen. Doch diese Episode ist eine der blutigsten in der Geschichte Kolumbiens – geprägt von Staatsterrorismus und politischer Verfolgung.
Die FARC war immer offen für den Dialog. Doch keine Regierung war bereit, sich wirklich darauf einzulassen. Erst die Regierung von Juan Manuel Santos änderte diese Haltung, als er erklärte: „Ich werde Frieden schaffen.“ Vielleicht spielte dabei auch sein Interesse am Friedensnobelpreis eine Rolle… Aber natürlich war die FARC zu Gesprächen bereit. Unser Anführer, der Genosse Alfonso Cano, begann Verhandlungen mit Juan Manuel Santos. Doch dann unternahm die Regierung eine hinterlistige Aktion. Mitten in den Gesprächen führte sie eine Militäroperation durch, bei der Alfonso Cano aufgespürt und ermordet wurde. Ihr müsst euch vorstellen, dass es sich dabei auch nicht um einen gleichberechtigten Kampf handelte! Als er umgebracht wurde, war Alfonso Cano bereits geschwächt gewesen, er hatte seine Brille verloren und konnte kaum noch sehen.
Trotz dieser Intrige kam die Führung der FARC zu dem Entschluss, die Gespräche fortzusetzen. Eine Gruppe von Kadern wurde ausgewählt, um nach Havanna, Kuba, zu reisen, wo die Verhandlungen stattfanden. Die FARC hatte eigentlich den Wunsch geäußert, die Gespräche in Kolumbien zu führen, doch die Regierung lehnte das ab.
In Havanna begann man, an zentralen Punkten zu arbeiten, ausgehend von rund hundert Minimalforderungen zu unterschiedlichen Themen. Diese Forderungen waren aus einem breiten Beteiligungsprozess entstanden. Viele Menschen aus sozialen und politischen Organisationen Kolumbiens reisten nach Havanna, um ihre Vorschläge einzubringen. Auch internationale Stimmen beteiligten sich daran. So entstand eine Vielzahl sehr wertvoller Vorschläge.
Am Ende wurde der Prozess abgeschlossen und ein Friedensabkommen unterzeichnet. Zwar wurden nicht alle Vorschläge übernommen, doch ehrlich gesagt hatte die FARC beim Abschluss des Abkommens das Gefühl, dass ein Großteil der zentralen Punkte berücksichtigt worden war. Der Krieg in Kolumbien war extrem kompliziert, ohne Gewinner, und hätte sich noch viele Jahre mit weiteren Toten und Opfern hinziehen können. In diesem Kontext wurde von der Führung der FARC die Entscheidung getroffen, das Friedensabkommen zu unterschreiben.
Leider entschied Präsident Santos – obwohl er die verfassungsmäßige Befugnis gehabt hätte, das Abkommen zu ratifizieren –, es der Bevölkerung zur Abstimmung vorzulegen. Die Kolumbianer:innen sollten entscheiden, ob das Abkommen umgesetzt wird oder nicht. Doch Santos führte nicht einmal eine Kampagne für ein Ja! Stattdessen ließ er der extremen Rechten des Landes freien Raum, um eine äußerst destruktive Kampagne gegen das Abkommen zu führen.
Sie verdrehten die Inhalte des Abkommens und instrumentalisierten religiöse Gefühle innerhalb der christlichen Bevölkerung, insbesondere deren konservative Haltungen. Sie behaupteten, das Abkommen wolle die Kirchen abschaffen. Außerdem war das Abkommen international für seine Maßnahmen zur Geschlechtergerechtigkeit gelobt worden – was die Rechten nutzten, um zu behaupten, das Land werde künftig von Homosexuellen regiert.
Am Ende gewann bei der Volksabstimmung das Nein. Das Friedensabkommen wurde abgelehnt. Für das Land war das ein tragisches Ereignis. Es hatte große Hoffnungen auf Frieden gegeben, und viele Menschen waren schockiert darüber, dass Kolumbien Nein zum Frieden gesagt hatte. Daraufhin organisierten junge Menschen aus Universitäten und Schulen Protestcamps und Demonstrationen mit einer klaren Botschaft: Ja zum Frieden. Diese starke gesellschaftliche Bewegung führte schließlich dazu, dass eine Neuverhandlung des Abkommens durchgesetzt wurde. Denn man kann nicht einfach Nein zum Frieden sagen.
Könntest du noch einmal kurz ausführen, was genau die Punkte waren, die das Abkommen umfasste und ob sich diese nun bei diesen Neuverhandlungen veränderten?
Das Friedensabkommen umfasst mehrere zentrale Punkte. Der erste Punkt betrifft die umfassende Agrarreform – sie hat direkten Bezug auf die Wurzeln des Konflikts in Kolumbien. Das Land liegt stark in den Händen von Großgrundbesitzern, während indigene, bäuerliche und afrokolumbianische Gemeinschaften gewaltsam vertrieben werden, häufig durch Paramilitärs, die sich das Land aneignen wollen. Die Agrarreform ist also ein zentraler Schritt, um die Ursachen des Konflikts zu bekämpfen.
Der zweite Punkt betrifft die politische Teilhabe. Es geht darum, dass Menschen Politik machen können, ohne ermordet zu werden. Das Abkommen garantiert politische und demokratische Teilhabe, nicht nur für die Bevölkerung insgesamt, sondern auch für jene aus der FARC, die den Schritt zur Unterzeichnung des Friedensabkommens gehen.
Der dritte Punkt regelt, wo sich die Einheiten der FARC aufhalten können, bis für sie der Übergang ins zivile Leben möglich ist. Das ist relativ genau festgelegt.
Der vierte Punkt behandelt die Drogenpolitik. Historisch wurden vor allem die schwächsten Glieder der Drogenkette verfolgt: die Bauern, die die Kulturen anbauen, und die Konsumenten. Nun geht es darum, Wege zu finden, wie die Bauern ihre Anbaukulturen schrittweise umstellen können, ohne dass diese gewaltsam zerstört oder mit Glyphosat besprüht werden. Dieser Punkt bietet also eine andere Herangehensweise als der traditionelle, harte Kurs gegen Drogen.
Der fünfte Punkt ist das Thema der Opfer – das Kernstück des Abkommens. Hier geht es um Anerkennung und Gerechtigkeit für die Opfer des Konflikts, aber auch um die Übergangsjustiz. Ein eigens eingerichtetes Sondergericht für den Frieden beurteilt die im Rahmen des Konflikts begangenen Verbrechen.
Dank der starken Bewegung der Jugendlichen, die sich für den Frieden einsetzen, gelang es, das Abkommen neu zu verhandeln, auch gegen die extrem rechte Opposition, die es ursprünglich verhindern wollte. Doch leider wurden dabei viele Punkte stark abgeschwächt. Die Frage der Geschlechtergerechtigkeit wurde stark eingeschränkt, damit das Abkommen überhaupt zustande kam.
Auch die Übergangsjustiz wurde verändert. Es gab Menschen, die den Konflikt finanziert hatten – jene mit Geld, die Paramilitärs oder Söldner befehligten, die der Armee Massaker anordneten. Nach den neuen Verhandlungen waren diese Personen nicht mehr verpflichtet, sich dem Sondergericht für den Frieden zu stellen. So verlor dieses Gericht einen großen Teil seiner ursprünglichen Bedeutung. Übrig blieb im Grunde nur ein Gericht, das die FARC verurteilte, nicht aber alle Beteiligten des Konflikts.
Einige Militärs entschieden sich freiwillig für das Sondergericht, aber nur, weil es für sie vorteilhaft war. Auch einige Paramilitärs baten darum, dort verurteilt zu werden. Doch es bestand keine Verpflichtung. Das schadete dem Friedensabkommen enorm, denn es war notwendig, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden und dass das Land die Wahrheit darüber erfahren würde, was alles passiert war. Stattdessen wurde immer wieder die große Lüge verbreitet, dass die FARC lediglich eine terroristische Bedrohung gewesen sei, ohne politische oder soziale Ursachen für ihren Kampf. So wurden die FARC als eine Bande von Banditen dargestellt.
Gleichzeitig kamen die großen Politiker, die Präsidenten, die Kongressabgeordneten und die wirtschaftlichen Eliten, die das Land regierten, weitgehend ungeschoren davon. Sie führten einen schmutzigen Krieg gegen das Volk – und wurden nie dafür verantwortlich gemacht. Das bleibt eine der größten Schwächen dieses Friedensabkommens.
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