Gott will es – Vom heiligen Krieg der USA gegen den Iran

21. April 2026

Ein KI-generiertes Bild auf dem Truth Social Account von Donald Trump hat die vergangen Tage für Schlagzeilen gesorgt. Darauf war Donald Trump als Jesus zu sehen, oder wenn es nach Trump selbst geht „als Arzt“, der im roten Gewand einen Mann seine Hand auf die Stirn legt. Im Hintergrund die Freiheitsstatue, Kampfjets, eine betende Frau, US-Soldaten und wie sollte es auch anderes sein, eine wehende US-Flagge. Das Bild ist mittlerweile gelöscht, doch reiht es sich ein in eine Reihe von religiösen Bekundungen der kriegstreibenden US-Regierung.

Kolumne Das Imperium lebt von Jakob Helfrich


„Ich bete für deine Gnade und deinen Schutz über unsere Truppen und alle Männer und Frauen, die in unseren Streitkräften dienen. Und Vater, wir beten, dass du unserem Präsidenten weiterhin die Kraft gibst, die er benötigt, um unsere Nation zu führen, während wir zu einer Nation unter Gott zurückkehren.“ Dies erklärte der Gründungspastor der Christ Fellowship Megachurch, Tom Mullin, bei einem gemeinsamen Gebet im Weißen Haus. Am Schreibtisch von Donald Trump kamen am 5. März 2026 etwa 20 evangelikale Glaubensführer auf Einladung des Glaubensbüros des Weißen Hauses zusammen und beteten für den Sieg der USA im Krieg gegen den Iran. 

In den vergangenen Wochen mehrten sich vonseiten der US-Regierung religiöse Aussagen über den Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran. Neben der bereits geschwundenen Bezugnahme auf internationales Recht, der immer weniger gewordenen Beteuerung es würde um die Befreiung des iranischen Volkes gehen und der des Öfteren hervorgebrachten Lüge, man würde den Iran durch den Krieg von dem Bau der Atombombe abhalten – hier sei kurz angemerkt, dass die Internationale Atomenergiebehörde bereits Anfang März erklärte, dass es keine konkreten Hinweise auf ein Atomwaffen-Programm im Iran gebe –  ist die Bezugnahme zu einer göttlichen Berufung für den Krieg in den vergangenen Wochen immer stärker geworden. 

Nach Angaben der Military Religious Freedom Foundation (MRFF) sollen bei der NGO für die Trennung von Staat und Kirche innerhalb des Militärs in den letzten Wochen über 200 Beschwerden eingegangen sein. Diese drehen sich darum, dass Kommandanten innerhalb der US-Armee den Angriff auf den Iran immer wieder als einen größeren göttlichen Plan dargestellt haben sollen. Aus einer Beschwerde bei dem MRFF von einem Unteroffizier ging hervor, dass sein Kommandant seiner Kampfeinheit gesagt haben soll: „Präsident Trump wurde von Jesus gesalbt, um das Signalfeuer im Iran zu entzünden, um Armageddon zu verursachen und seine Rückkehr zur Erde zu markieren.“ Der US-Präsident soll also einem Plan Gottes im Krieg gegen den Iran folgen und damit eine Endzeitschlacht auslösen. Aber dazu später mehr.

Der Soldat wandte sich nach eigenen Angaben stellvertretend für seine 15 Kameraden an die MRFF. Die Beschwerdestelle meldete geradezu, von Beschwerden in den vergangenen Wochen „überflutet“ worden zu sein. Aus über 40 verschiedenen Einheiten und aus mindestens 30 Militärbasen sollen die Beschwerden gekommen sein. „Diese Anrufe haben eine verdammte Gemeinsamkeit; unsere Klienten berichten von der uneingeschränkten Euphorie ihrer Kommandeure darüber, wie dieser neue ‚biblisch sanktionierte‘ Krieg eindeutig das unbestreitbare Zeichen für das schnelle Herannahen der fundamentalistisch-christlichen ‚Endzeit‘ ist“, erklärt auch der MRFF-Präsident Mikey Weinstein. Dass diese Beschwerden von höheren Stellen ernst genommen werden, ist wohl äußerst unwahrscheinlich, wenn der US-Kriegsminister Pete Hegseth fast jede seiner Reden oder Instagram-Reels mit „God is good“ beendet und nicht ganz unbeteiligt an dem neuen Kurs innerhalb der US-Armee sein dürfte. 

Der ehemalige Fox-Moderator hat selbst ein Buch geschrieben mit dem Titel „Amerikanischer Kreuzzug“, in dem er seinem Kulturkampf innerhalb der US-Armee Vorschub leistete. Auch seine Tätowierungen lassen unschwer darauf schließen, dass Hegseth ein Anhänger des christlichen Nationalismus ist. Die ideologische Richtung, aus der ein Großteil von Trumps Basis kommen dürfte. Hegseth hat das Jerusalem-Kreuz sowie den Schlachtruf „Deus Vult –​​​​​​​ Gott will es“ tätowiert. Beides Erkennungszeichen von einem der beiden päpstlichen Ritterorden, die in der Tradition der Kreuzzüge gegen sog. „Ungläubigen“ stehen. Das Wort „Ungläubiger“ hat sich Hegseth gleich selbst auf Arabisch tätowieren lassen. Unschwer als Provokation zu verstehen.

Die ideologische Basis für die göttliche Berufung zum Krieg gegen den Iran dürfte also von der obersten Ebene ausgehen. Mit der neuen Rhetorik der US-Regierung hat man sich vollständig von internationalen Übereinkünften abgewendet. Man ist selbst der Souveräne, der über richtig und falsch entscheidet. Das hat nicht zuletzt Donald Trump bei einem Interview mit der New York Times klargestellt, in dem er erklärte: „Ich brauche kein internationales Recht. (…) Mein eigener Sinn für Moral. Mein eigener Verstand. Das ist das Einzige, was mich stoppen kann.“  Nicht, dass der Regelbruch vom internationalen Recht etwas Neues für die USA wäre, aber der Regelbruch mit stolzer Ansage und unter Gottes Segen ist dann doch eine neuere Erscheinung. 

Die US-Regierung nutzt Erzählungen des christlichen Nationalismus, gepaart mit einer rechten zionistischen Ideologie, um die Heimatfront auf den Krieg gegen den Iran einzustimmen und um jegliche Kriegsverbrechen durch eine göttliche Bestimmung zu legitimieren. Den USA geht es dabei um nichts Geringeres, als gegen den Verlust ihrer Welthegemonie anzukämpfen. Mit allen Mitteln versucht das Imperium, das letzte Kapitel seiner Welthegemonie möglichst lange hinauszuzögern.

Der Iran ist dabei eines der letzten Glieder einer Kette, die der US-Hegemonie und der regionalen Vorherrschaft Israels im Nahen und Mittleren Osten im Wege steht. Mit dem Beginn des Genozids in Gaza und dem Versuch der Ausschaltung der Hamas, über den Krieg gegen die Hisbollah im Libanon, den Sturz des Assad-Regimes in Syrien und die Schwächung des Ansarollah (Huthis) im Jemen, ist nun der Iran dran. Den Kopf der sogenannten „Achse des Widerstands“ wollen Israel und die USA gemeinsam ausschalten. Dabei dürfte der Fakt, dass durch die Bekämpfung des Irans auch der Einfluss Russlands und Chinas in der Region zurückgedrängt wird, kein kleiner Faktor im Interesse der USA und Israels sein. Der Iran ist mit seiner Mitgliedschaft bei den BRICS-Staaten und der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, ein wichtiger Partner in Bündnissen aus der Staatengemeinschaft rund um China und Russland. Zudem haben Iran und der Hauptrivale der USA, China, 2021 ein Kooperationsabkommen für die kommenden 25 Jahre beschlossen. Es dürfte wohl ein schmerzhafter Schlag werden, sollten Russland und China einen ihrer wichtigsten Partner in der Region verlieren.

Währenddessen versuchen die USA ihren Hegemon in der Region weiter aufzubauen und auch territorial auszuweiten. In den vergangenen Jahren haben christlich zionistische Lobbyorganisationen wie die Christians United for Israel (CUFI) Millionen Dollar in Lobbyarbeit im US-Kongress gesteckt, um Sanktionen gegen den Iran zu verhängen und die Errichtung eines Großisraels weiter voranzubringen. CUFI ist nach eigenen Angaben mit über 10 Millionen Mitgliedern die größte zionistische Organisation in den Vereinigten Staaten von Amerika. Unter den Mitgliedern befindet sich dabei kein Geringerer als der Kriegsminister der USA selbst. CUFI soll nach eigenen Angaben bereits 2011 an mehr als 75 Universitäten eigene Standorte gegründet haben und an mehr als 225 Campus präsent sein. Die Organisation hat demnach keinen geringen Einfluss in der akademischen wie auch politischen Landschaft der USA. 

Zudem soll CUFI daran mitgewirkt haben, dass die US-amerikanische Botschaft 2018 von Tel Aviv nach Jerusalem verlegt wurde und finanziert selbst den illegalen Siedlungsbau im Westjordanland. Sie ist somit ein aktiver Unterstützer der Ausweitung der Grenzen Israels bei gleichzeitiger Besatzung Palästinas. 

Diese verbreiten den Glauben, dass die Gründung des Staates Israels 1948 ein entscheidendes Ereignis in der Endzeit ist. Alle Jüd:innen müssten nach Israel zurückkehren, damit es zur Endzeitschlacht, zum Armageddon kommen kann. Bei dem Armageddon wird die Nation, die versucht habe den israelischen Staat auszulöschen von Jesus Christus auf dem Ölberg zurückgeschlagen. Daraufhin wird das Tausendjährige Reich entstehen, in dem Jesus Christus die Weltherrschaft übernimmt. So die Geschichte.

Als die Nation die versucht den israelischen Staat zu brechen, wird von zionistischen Christen immer wieder der Iran erkannt und gilt derzeit als Legitimationsgrundlage für den Krieg gegen den Iran. Bereits 2020 erklärte die persönliche Pastorin von Trump und Religionsbeauftragte im Weißen Haus, dass seine kommende Amtszeit der Wille Jesus Christus sein werde. Dieser stellte sich dann aber erst vier Jahre später ein, die Wahl 2020 verlor Trump.

Einige christliche Zionisten vertreten zudem die Überzeugung, dass Juden erst zum Christentum konvertieren müssten, bevor Jesus Christus zurückkehre und das Tausendjährige Reich beginnen könne. Eine antisemitische Erzählung, die erst einmal widersprüchlich scheint, jedoch unter christlichen Zionisten weit verbreitet ist. So sollen von dem Gründer der CUFI, John Hagee, mehrere Anspielungen bekannt sein, nach welchen der Holocaust ein Teil Gottes Plan gewesen sei um die Juden nach Israel zurückzuführen. 

Inwieweit Donald Trump und seine Gefolgschaft im Weißen Haus tatsächlich selbst an diese Auslegungen der Offenbarung des Johannes glauben und im Armageddon die Offenbarung und die Wiederkehr Jesus Christus sehen, gilt es zu bezweifeln. Sie dürfte zunächst als ideologische Grundlage für ihre materiellen sowie politischen Interessen, im Inneren wie im Äußeren der Vereinigten Staaten liegen.

Der dem CUFI nahestehende und des Kindesmissbrauchs angeklagte evangelikale Pastor Greg Laurie, erklärte kurz nach Beginn des Angriffskriegs gegen den Iran: „Dass sich in den vergangenen Tagen eine große Koalition aus dem Norden – einschließlich Persien, dem heutigen Iran – gegen Israel erheben wird.“ Greg Laurie, der an der Amtseinführung von Donald Trump 2017 teilnahm, erklärte immer wieder sich für die Ankunft des Herrn bereitzuhalten. Bevor dies jedoch eintreten werde, wird Israel zunehmend isoliert werden und eine große Nation namens „Magog“ in den Krieg eintreten. „Viele Wissenschaftler glauben, dass Magog ein Hinweis auf das heutige Russland ist. Ich stimme dieser Ansicht zu“, erklärte Laurie.

Die Erklärungen und Erzählungen aus dem christlichen Zionismus bereiten in den USA seit Jahrzehnten ein politisches Klima vor, dass die strategischen Gegner der USA, Russland und China, als Gegner einer Endzeitschlacht vor dem Tausendjährigen Reich inszeniert. Massentauglich wurde diese Idee erstmals unter der Zeit von Ronald Reagan, der ebenfalls in den 80er Jahren den Einmarsch in Afghanistan mit einem amerikanischen Kreuzzug verglich, mit dem Buch „The Late Great Planet Earth“ von Hal Lindsey. Das Buch wurde alleine in den USA über 35 Millionen Mal verkauft und verbreitet den Glauben an die Wiederkunft Jesus Christus nach der Endzeitschlacht. Lindsey prognostizierte zudem eine sowjetische Invasion in Israel, den Krieg von Gog und Magog. Dies sind Erzählungen die sich bis heute durchziehen, wenn ein evangelikaler Pastor wie Larie vor Magog in der Gestalt Russlands warnt. Es ist die perfekte Vorlage um jegliche Legitimation für die totale Eskalation gegen den Feind im Osten zu legen. 

Aber auch nach innen dienen die Erzählungen eines baldigen Armageddons und den Glauben an die Erlösung durch Jesus Christus, als Disziplinierung und Vorbereitung auf einen tiefgreifenden politischen Wandel in den USA. Dieser zeichnete sich bereits in der ersten Amtszeit von Donald Trump ab und wurde in der Zeit bis zu seiner zweiten Amtszeit noch einmal intensiviert. War für viele Trump unter der Regierung Bidens etwas in Vergessenheit geraten, gab dies eine perfekte Vorbereitungsmöglichkeit für die MAGA-Bewegung. Bis zur zweiten Amtszeit Trumps arbeitet die unter Reagans Amtszeit gegründete Heritage Foundation, ein rechter Think-Tank der konservativen Bewegung in den USA, das „Project 2025“ aus. Ein detaillierter Übergangsplan wie durch die Zeit von Donald Trump das Leben sowie die Regierung in den USA dauerhaft umgestaltet werden können, hin zu einer immer weiteren Zentralisation der exekutiven Macht.

Der Plan sieht vor bspw. die Mittel des Justizministeriums zu kürzen, die Ersetzung von zehntausenden von Bundesbeamten im öffentlichen Dienst durch ausgewählte Personen sowie eine massive Verschärfung der Migrationspolitik. Nach dem „Project 2025 Tracker“ wurden bis Februar 2026 bereits 51 % der gesetzten Ziele durch die US-Regierung erfüllt.

Eine solche Ordnung lässt sich nur bei gleichzeitiger Manifestation der Institution der Kleinfamilie aufrechterhalten und somit für den kapitalistischen Produktionsprozess notwendigen Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. Die Frau nimmt dabei die Rolle der unbezahlten Reproduktionskraft ein, während der Mann Arbeiten geht. Diese bildet das Fundament, auf der erst eine kapitalistisch ausgerichtete Ordnung aufrechterhalten werden kann. Der christliche Glaube an die Kleinfamilie und den ewigen Bund der Ehe spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die Disziplinierung der Gesellschaft erfolgt durch nichts besser, als der eigene Glaube an diese naturgegeben Ordnung. Dies hat auch die Heritage Foundation erkannt und legte in ihrer Anfang Januar veröffentlichten 250-Jahre Strategie, den Fokus auf „Saving America by Saving the Family: A Foundation for the Next 250 Years.“

Die USA befinden sich in einem Überlebenskampf um ihre Hegemonie. Diesen Kampf führen sie auf militärischer Ebene wie auch auf kultureller Ebene. Die US-Aggressionen Anfang des Jahres in Venezuela, in Kuba, im Iran oder auch gegen Grönland sind Ausdruck dieses militärischen Kampfes der ideologisch immer weiter mit einer göttlichen Berufung begründet wird und den Weg in eine theologisch legitimierte Autokratie ebnet.

Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:StJohnsAshfield_StainedGlass_GoodShepherd_Portrait_cropped.jpg