Krieg in Aleppo: Die, die Widerstand leisten, werden das letzte Wort haben

13. Januar 2026

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Gastbeitrag

Und wieder rattern die Gewehre in Syrien und die Mörsergranaten der neuen Übergangsregierung schlagen in den die mehrheitlich kurdischen Viertel Sheikh Maqsoud und Ashrafiye der Stadt Aleppo ein. Mit dem neuen Präsidenten al-Jolani wurde ein neues Kapitel des syrischen Bürgerkriegs aufgeschlagen. Nach fünf Tagen intensiver Kämpfe zehntausender Islamisten gegen wenige hundert Kämpfer:innen, die in den beiden Stadtteilen erbitterten Widerstand leisten, wird am Sonntag ein Waffenstillstand unterzeichnet. Sheikh Maqsoud und Ashrafiye sind in die Hände der Islamisten gefallen. Wir haben von der Internationalistischen Kommune, die im Nordosten Syriens einen Anlaufpunkt für Internationalist:innen aus aller Welt darstellt, einen Kommentar zu dem Widerstand in Aleppo erhalten. 

Ein Gastbeitrag der Internationalistischen Kommune in Rojava 


Es ist 4:30 morgens. Bei kaltem Wind und Nieselregen versammeln wir uns vor dem Gebäude des Volksrates der kleinen Stadt. Im Scheinwerferlicht der bereitstehenden Vans und Pick-ups herrscht eine Stimmung, die gleichermaßen angespannt und kämpferisch ist. Wir sind hier, um uns von den etwa 150 Menschen – Jugendlichen, Müttern, und Alten – zu verabschieden. Sie brechen nach Aleppo auf, um einen Korridor zwischen den Gebieten der Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens und den eingeschlossenen Stadtteilen Aleppos zu öffnen.

Seit Tagen belagern islamistische Banden unter Führung der “syrischen Übergangsregierung” und der Türkei die Stadtteile Sheikh Maqsoud und Ashrafiye. Die beiden Viertel, zusammen etwa halb so groß wie Berlin-Kreuzberg, sind das Zuhause von schätzungsweise 400.000 Menschen. Viele von ihnen stammen aus Afrin, das seit 2018 völkerrechtswidrig von der Türkei besetzt ist. Ilham Ahmed, Co-Vorsitzende des Außenbeziehungsbüros der Demokratischen Autonomen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens (DAANES), erklärte bereits am Mittwoch, dem 7. Januar: „Die syrische Übergangsregierung hat den Kurd:innen den Krieg erklärt.“


Die Angriffe begannen wenige Stunden, nachdem ein Treffen zwischen Israel und Syrien unter Vermittlung der USA stattgefunden hatte, bei dem beschlossen wurde einen direkten Kommunikationskanal einzurichten und von allen Seiten als positiv bewertet wurde. Sie folgen einem Muster, dass sich seit dem Sturz Assads beobachten lässt: Appeasement und Sicherheitsdeals nach außen und Krieg nach innen. Bereits im März griffen die Kräfte der von HTS dominierten syrischen Übergangsregierung und mit ihnen verbündete Milizen drusische Communitys in Suweida an. Im Juli wurden an der syrischen Küste mehr als 1.500 Alawit:innen ermordet.

Die Kalkulation der syrischen Übergangsregierung ist offensichtlich: Durch diese Angriffe soll die eigene Macht gefestigt werden. Tatsächlich jedoch zerstören sie die Grundlage für langfristige Stabilität und Frieden in Syrien. Schmutzige Deals und die Aufteilung des Landes in Einflusszonen äußerer Mächte treten an die Stelle einer demokratischen Lösung. Wahrscheinlich ist genau das gemeint, wenn es im kürzlich veröffentlichten Strategiepapier des Weißen Hauses heißt:

„Syrien bleibt ein potenzielles Problem, aber mit amerikanischer, arabischer, israelischer und türkischer Unterstützung könnte sich das Land stabilisieren und seinen rechtmäßigen Platz als integraler, positiver Akteur in der Region wieder einnehmen.“

Die Politik des US-Imperialismus und anderer Akteure der kapitalistischen Moderne haben also die Schrecken des Krieges erneut in jene Stadtteile getragen, die bereits 2013 Schauplatz eines historischen Widerstandes gegen die Banden der Al-Nusra Front (Vorläufer der jetzigen HTS, Anm. d. Redaktion) waren. Damals organisierte sich die Bevölkerung, insbesondere die Jugend, und wurde mit ihrem Widerstand zu einem Beispiel für die Strategie des Revolutionären Volkskrieges.

Seitdem sind Sheikh Maqsoud und Ashrafiye nach dem Vorbild Rojavas organisiert: Entscheidungen werden im lokalen Volksrat getroffen, die Sicherheit in den Nachbarschaften wird durch die internen Sicherheitskräfte (Asayish) gewährleistet. In allen Institutionen ist das Ko-Vorsitzenden-System gelebte Praxis. Frauen spielen dabei eine zentrale Rolle, sowohl im gesellschaftlichen Leben als auch in der Verteidigung der Viertel. Die Frauenrevolution hat hier wie anderswo zu tiefgreifenden Transformationen geführt. Sie macht deutlich, dass wir als Sozialist:innen die Frage der Frauenbefreiung nicht auf ein abstraktes „nach der Revolution“ verschieben können, wenn wir erfolgreich sein wollen.

Während der Nieselregen zunimmt, durchbricht ein Lied, angestimmt von einer Internationalistin aus Deutschland, die kurze Stille unserer Runde. Es folgen Slogans, die von der gegenüberliegenden Straßenseite widerhallen: „Lang lebe der Widerstand in Aleppo! Lang lebe der Widerstand in Sheikh Maqsoud und Ashrafiye!“

Ein älterer Mann trägt eine Wolldecke bei sich. In sanftem Ton sagt er: „Falls es kalt wird.“ Er habe aus dem Widerstand in Tishreen gelernt, wo er gemeinsam mit Hunderten über Wochen den Kampf an der Front mit zivilem Protest unterstützt hatte.

Nach einer innigen Verabschiedung setzt sich der rund 30 Fahrzeuge umfassende Konvoi in Bewegung. Kurz nachdem sie in Deir Hafr den letzten Checkpoint unter der Kontrolle der SDF (Syrische Demokratische Kräfte, Armee der Demokratischen Autonomen Selbstverwaltung Nordostsyriens, Anm. d. Redaktion) hinter sich gelassen haben und eine Mahnwache für die Öffnung eines humanitären Korridors durchgeführt haben, verkündet das Pressezentrum der SDF einen Waffenstillstand in Aleppo. Was dem vorausgegangen ist, sind Ereignisse die sich nur schwer in ihrer Tiefe begreifen lassen.

Fünf Tage lang leisteten die Bevölkerung von Sheikh Maqsoud und Ashrafiye Schulter an Schulter mit ein paar Hundert leicht bewaffneten Kämpfer:innen Widerstand gegen vier Divisionen der syrischen Regierung – inklusive türkischer Drohnen- und Geheimdienstunterstützung. Trotz der geringen Chancen, die Stadtteile halten zu können, trafen die Menschen eine bewusste Entscheidung. Der Volksrat trat zusammen, diskutierte und verkündete, die Stadt nicht zu verlassen und Widerstand zu leisten.

Die Asayish folgten dem Beschluss der Bevölkerung. Ihr Kommandant Ziyad Helebe betonte, dass sie bereit sind, die Menschen bis zum letzten Atemzug zu verteidigen.
„Wir werden in Sheikh Maqsoud bis zum Sieg oder bis zum Märtyrertod ausharren. Wir werden niemals kapitulieren.“

Dies waren seine letzten Worte an das kurdische Volk.

Allen Beteiligten war bewusst, dass sie nicht nur 2 Stadtteile, sondern ganz Nord- & Ostsyrien und die Revolution in Rojava verteidigen. Denn die Angriffe werden sich wahrscheinlich bald auf die Fronten in Deir Hafr, Tishreen und Deir Ez Zor ausweiten. Der Krieg mit dem erklärten Ziel der Liquidierung der Revolution hat längst begonnen. Um ihn zu verhindern, rufen Kampagnen wie Riseup4Rojava und Women Defend Rojava zu sofortigen Aktionen auf.

Fest steht: Die Werte, für die die mutigen Kämpfer:innen und all jene Menschen stehen, die sich in Aleppo gegen das Aufgeben entschieden haben, werden das letzte Wort behalten – wenn wir dieses Wort in die Welt tragen.

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