„I’m busy at the moment will write in the evening” schreibt mir mein Genosse aus Tirana als ich ihn nach einem Lagebericht frage. Dazu schickt er ein Foto von brennenden Barrikaden und einer Straße, in der mehr Pflastersteine herumfliegen als Merz Haare auf dem Kopf hat. Ich schaue aufs Foto und denke mir, das könnte genauso gut Lyon, Marseille, Brüssel oder Madrid sein. In Europa brennt es also wieder an verschiedenen Stellen. Doch was ist da in Albanien los?
Um mehr Einblicke zu bekommen, frage ich Sokol aus Tirana. Sokol Hazizi ist 43 Jahre alt und arbeitet seit über 20 Jahren als Architekt. Der Genozid in Gaza brachte ihn dazu, sich den Protesten anzuschließen und sich zu organisieren. Erst für ein Ende des Krieges in Gaza und die Befreiung Palästinas und nach und nach auch darüber hinaus: „Ich hab angefangen mich auch stärker für unsere Innenpolitik zu interessieren, denn durch diesen Konflikt bekam ich irgendwie einen umfassenderen Blick auf die Welt und darauf, wie alles miteinander verbunden ist.“
Nun ist er seit Tag Eins Teil der aktuellen Proteste.
Danke Sokol, für die Möglichkeit für das Interview. Hier in Deutschland berichten die Medien fast ausschließlich von „brutaler Gewalt auf den Straßen Albaniens“. Kannst du uns einen kurzen Überblick darüber geben, was dort derzeit tatsächlich vor sich geht?
Es ist brutal, es ist sehr schlimm. Es ist beängstigend, das mit anzusehen. Jetzt begann es so richtig am 13. Oktober. Ich sah, wie die Steine vor mir durch die Luft flogen. Und sofort setzte die Polizei Wasserwerfer, Tränengas und Pfefferspray ein.
Und dann diese schiere Gewalt – mit Schlagstöcken und Tritten gegen die Jugendlichen, bis sie auf den Boden liegen. Es ist Gewalt in jeder Form. Und was mir im Vergleich zu anderen Ausschreitungen, die ich in Europa gesehen habe, am meisten auffällt, ist, wie unprofessionell das Ganze ablief. Es war chaotisch, die Polizei war sehr unorganisiert und ging sehr brutal gegen die Jugendlichen vor. Und dann, nach dem Ende der ersten Zusammenstöße war die Polizei dann überall auf den Straßen präsent.
Ein Problem ist auch die Zivilpolizei, da ihre Handlungen nicht nachvollziehbar sind. Sie tragen keine Dienstmarken. Sie geben nicht bekannt, zu welcher Einheit sie gehören. Sie greifen einfach zu, oder fordern die Menschen auf, sich zu zerstreuen, und fangen dann an, sie zu schlagen.
Und es geht nicht nur um Gewalt, sondern auch um Einschüchterung, Was sie jetzt schon tun, ist im Grunde eine Ausgangssperre, es ist keine offizielle Ausgangssperre, aber man weiß: Wenn man nachts rausgeht, werden Polizisten oder Beamte in Zivil einen aufspüren, verprügeln, wahrscheinlich zur Polizeiwache bringen, und dort bleibt man dann mindestens über Nacht. Das sind keine Dinge, die ich mir ausdenke. Das sind Berichte, vor allem von Jugendlichen.
Und auch im vermeintlich kleinem: Als ich mein Kind in den Kindergarten brachte und auf dem Rückweg nach Hause war, sah ich vor dem Partizani-Gymnasium dutzende Polizisten, die dafür sorgen sollten, dass die Schüler das Gebäude nicht verlassen konnten, um sich den Protesten anzuschließen. Und das war so gegen neun Uhr morgens. Aber ich glaube, das kam den Jugendlichen zugute, denn sie sahen die dort postierten Polizisten und gingen daraufhin direkt zur Demonstration auf den Hauptplatz.
Wer ist da denn eigentlich auf der Straẞe? Wer steht hinter den Flamingo Protesten?
Ja das ist eine ganz schön gute Frage, denn das Flamingo als Symbol ist hier nicht bewusst entstanden. Der Flamingo war zwar ein Symbol, das schon in der Anfangszeit aufkam – ein Symbol, das den Kampf für die Natur und den Kampf für den Erhalt von Schutzgebieten verkörpert, nämlich das Gebiet Vjosa-Narta, in dem das Kushner-Resort gebaut werden soll. Dort sind ja unter anderem die Flamingos akut bedroht. Nach und nach hielt jemand in der Menge ein Schild hoch, auf dem „Flamingo-Revolution“ stand und es scheint, als hätten alle diesen Gedanken aufgegriffen. Seitdem dreht sich alles immer wieder um Flamingos, und ein Teil von uns ist dabei geblieben, weil es so schön war, was der Flamingo repräsentiert: die Farben, die Verletzlichkeit des Vogels, aber gleichzeitig auch die Eleganz und die Hartnäckigkeit eben dieses Vogels. Und ja, wir sind bei diesem Symbol geblieben.
Ich würde auch sagen, dass ich Teil der Bewegung bin. Aber es ist nicht so, dass „Die Flamingos“ eine feste Gruppe ist. Unsere einzige Überzeugung war, dass diese Regierung weg muss. Sie hat genug angerichtet, sie hat genug ruiniert, und es ist Zeit für einen großen Wandel. Und ich kann dir sagen: Obwohl ich selbst links stehe, waren viele der Menschen dort rechts oder unpolitisch; es waren Menschen verschiedener Religionen und aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen Albaniens.
Aber eines kann ich mit Sicherheit sagen: Die „Flamingos“ repräsentierten den gebildeten Teil der Protestbewegung. All diese Menschen hatten also einen Hochschulabschluss, sei es in den Geisteswissenschaften, den Naturwissenschaften oder im Ingenieurwesen – und ja, das war es vor allem, was uns zusammenhielt. Der Diskurs fand also, sagen wir mal, auf diesem höheren Bildungsniveau statt.
Ich glaube nicht, dass man die „Flamingos“ als linke Bewegung bezeichnen könnte. Auch wenn man ihre Aktivitäten vielleicht als links orientiert beschreiben könnte, aber als radikal links? Nein, nein.
Die Ursprünge waren ja die Proteste bezüglich des Naturschutzgebiets, in den Zeitungen hier lese ich nun, dass es um einen Regierungswechsel geht. Stimmt das, oder steckt mittlerweile mehr hinter den Protesten?
Diese Frage ist sehr interessant, denn schon früh hatten wir ein Treffen, bei dem es um das Symbol der Flamingos ging – was es darstellen soll und wie wir unsere Geschichte gestalten sollten. Und im Grunde kam in diesem Treffen heraus, dass wir zwar das Symbol der Flamingos beibehalten werden, weil es ein sehr starkes Symbol ist und mittlerweile weltweit Resonanz gefunden hat – überall wird darüber gesprochen –, aber der Kampf, den wir begonnen haben, ist mittlerweile größer als nur das Resort im Vjosa-Nart-Schutzgebiet, denn dieser Kampf hat viele andere Probleme geweckt, die in den Menschen schlummerten. So forderte plötzlich die gesamte Gruppe der Demonstranten im Zentrum nicht mehr nur die Aufhebung des Gesetzes 21-24 (Das Gesetz, welches die Bebauung des Naturschutzgebietes erlaubt, zugunsten der Großinvestoren Anm d. Red.), sondern sie stellten eine sehr direkte Forderung: den Rücktritt der Regierung, den Rücktritt des Ministerpräsidenten, die Auflösung des Parlaments und die Einberufung von Neuwahlen, allerdings die Forderung nach Neuwahlen nur unter einem neuen Wahlgesetz – von dem viele in Albanien glauben, dass es ein manipuliertes Wahlgesetz ist, weil es lediglich die beiden Parteien, die nun schon seit 36 Jahren an der Macht sind, im Parlament hält und im Grunde niemand anderem den Zugang erlaubt, da die Hürde für eine kleine Partei im Parlament zu hoch ist.
Mittlerweile ist der Punkt gekommen, wo der Kampf weitaus größere Ausmaße annimmt als ursprünglich.
Die Bilder, die im Internet kursieren, könnten genauso gut aus Frankreich, Spanien oder Italien stammen. Siehst du einen Zusammenhang zu anderen Protesten, die gerade stattfinden?
Es ist lustig, dass du das erwähnst, denn erst gestern habe ich ein Video gesehen, und zuerst dachte ich, es wäre irgendeine Hauptstraße in Frankreich oder so. Und als ich es mir später ein zweites Mal ansah, wurde mir klar, dass es unsere Hauptstraße hier in Tirana war. Also ja, da gibt es wohl ein Muster.
Es ist etwas im Gange, das miteinander verbunden ist. Ich glaube, das ist so etwas wie eine globale Reaktion auf diese Art von Regierung, die sich mittlerweile in der westlichen Welt ausbreitet. Plötzlich also, während dieser zweiten Amtszeit von Trump, beobachten wir in der gesamten westlichen Welt – die auch als „freie Welt“ bezeichnet wird, was, gelinde gesagt, ziemlich ironisch ist – eine Verschiebung hin zum Autoritarismus.
Und ja, genauso ist es hier, aber auch in Spanien, Italien, Frankreich und auch in Deutschland. Und in Indien sogar in noch größerem Ausmaß. Und nun hören wir auch Berichte aus Lateinamerika.
Wir befinden uns an einem Punkt, an dem Politik nicht mehr nur lokal ist. Aufgrund der Globalisierung haben wir eine globalisierte politische Landschaft. Und auch die Reaktion darauf ist globalisiert, denn unsere Studierenden hier haben Gleichaltrige in anderen Ländern, sie kommunizieren miteinander und tauschen Erfahrungen aus. Ich denke also, dass sich auch der Kampf in gewisser Weise weiter globalisiert. Und man darf nicht vergessen, dass die albanische Diaspora dabei eine große Rolle spielt. Wir informieren uns entweder im Internet oder wir nehmen diesen Einfluss über die Diaspora auf. Denn jedes Mal, wenn sie mit uns kommunizieren, erzählen sie uns, was in Frankreich, in Spanien und in Deutschland vor sich geht, wie die Menschen reagieren und wie die Interaktion zwischen der Bevölkerung und der Regierung dort aussieht. Ja, man könnte also sagen, dass wir in gewisser Weise in dieser Sache beeinflusst werden.
Aber ich würde sagen, dass dies auch ein wechselseitiger Einfluss ist. Denn als die Flamingo-Proteste begannen, gab es in Italien Aktionen, bei denen auf die Flamingoproteste Bezug genommen wurde und ein großer Teil eines Schutzgebiets auf Sardinien gerettet werden sollte.
Und jetzt gibt es ein weiteres Beispiel in Apulien, Ostuni (Italien). Die Menschen dort beziehen sich auch auf die Bewegung hier. Ja, man könnte also sagen, dass wir die Bewegungen, die in Italien stattgefunden haben, gewissermaßen beeinflusst haben.
Das unterstreicht also die Tatsache, dass alles miteinander verbunden ist, ob wir es wollen oder nicht. Denn diese Globalisierung der Politik, diese Globalisierung der Informationen, hat Auswirkungen in allen Ländern.
Wie schätzt du die Perspektiven für diese Proteste ein? Werden sie noch größer, noch breiter werden oder wird die Regierung noch brutalere Maßnahmen ergreifen?
Werden diese Proteste größer werden? Ich meine, sie sind größer geworden. Wir haben 135 Tage lang friedlich protestiert. Dann gab es vereinzelte Zusammenstöße mit der Polizei, wenn sich Menschen rund um das Parlamentsgebäude versammelten, während dort Gesetze verabschiedet wurden, die wir als Volk ablehnten, und dennoch wurden sie weiterverabschiedet. Sie haben nichts anderes getan, als die Bewegung zu verspotten, den Protest zu verspotten und uns im Grunde ihre Wahlzettel unter die Nase zu reiben, die viel Wut in der Bevölkerung ausgelöst hat. Der Grund, warum es am 13. Oktober zu einem militanten Protest kam, ist also, dass sich die Lage schon seit geraumer Zeit zugespitzt hat – diese 135 Tage in Folge, was den längsten Protest in der Geschichte Albaniens darstellt.
Ich meine es ist die größte Protestbewegung, die es je in Albanien gegeben hat. Sie ist größer als in den 90er Jahren, größer als 1997. Und die Art und Weise, wie die Regierung darauf reagiert, passt meiner Meinung nach ganz gut zu Edi Rama, denn er hört auf keine Argumente außer auf seine eigenen. Er ist überzeugt, dass er der Auserwählte ist, dass er diese Mission hat, die er vorantreiben muss: Er redet ständig vom EU-Beitritt, und die Leute fragen immer: Aber zu welchem Preis? Und es scheint, dass der Preis höher ist, als wir ihn uns leisten können, und man kann nicht alles, was man tut, mit unserem EU-Beitritt rechtfertigen.
Also ja, ich denke die Demonstranten sind entschlossen, bestehen auf ihren Forderungen und versuchen jede erdenkliche Form des Protests, um gehört zu werden.
Und das wird keine leichte Aufgabe werden. Es ist nun der siebte Tag (Stand 19.10.) militanter Proteste, und ich befürchte, dass die Polizei langsam erschöpft ist und etwas tun wird, das noch mehr Gewalt auslöst. Und ich hoffe, ich hoffe wirklich, dass das nicht passiert.
Aber die Menschen scheinen jeden Tag mehr zu erwachen. Zuerst waren es die Studenten, am zweiten Tag schlossen sich die Gymnasiasten an, und am dritten und vierten Tag kamen ihre Eltern hinzu. Man sieht also, dass sich so etwas wie ein Ritual entwickelt hat: Jeden Tag vor den Zusammenstößen, wenn sich beide Seiten vor dem Bildungsministerium aufstellen, treten ältere Menschen vor die Bereitschaftspolizei, sprechen mit ihnen und versuchen, sie zur Vernunft zu bringen. Das sind sehr emotionale Gespräche, und wir haben gesehen, wie viele Polizisten bei diesen Reden zu Tränen gerührt waren, aber danach geht es wie gewohnt weiter mit der Gewalt. Und jeden Tag wird es schlimmer.
Edi Rama klingt immer mehr wie ein Diktator, und es scheint diese große Kluft zwischen ihm und seiner Macht einerseits und dem Volk andererseits zu geben. Und es scheint, als würde er diese Macht als selbstverständlich ansehen, und die Menschen seien nur dazu da, seine Pläne zu durchkreuzen. Also ja, ich glaube, es wird erst noch hässlich werden, bevor es besser wird.
Was möchtest du unseren Lesern noch mitteilen?
Ich möchte Ihren Lesern folgende Botschaft mitgeben: Die meisten Albaner freuen sich wirklich sehr auf den Beitritt zur Europäischen Union. Und der Grund für diese Freude über den Beitritt zur Europäischen Union ist, dass die meisten Albaner bereits im Ausland in Europa waren – in Italien, in Frankreich oder wo auch immer.
Wir wissen, wie es ist, in Europa zu leben, ein Teil Europas zu sein. Wir kennen die Vorteile, die uns die Mitgliedschaft in der Europäischen Union bieten könnte. Aber was gerade passiert, ist, dass uns hier ein sehr schlechter Deal angeboten wird. EU-Kommissarin von der Leyen kam vor ein paar Wochen hierher – ich würde sagen, mitten in der heißesten Phase der friedlichen Proteste, und sie hatte die Dreistigkeit, eine Pressekonferenz mit unserem Ministerpräsidenten Edi Rama abzuhalten, bei der sie die Umsetzung von den Reformen lobte, gegen die die Bevölkerung auf der Straße ist. Und uns wird suggeriert, dass dieses Abkommen für uns sei.
So wollen wir nicht in die Europäische Union aufgenommen werden. Diese Deals müssten mit der albanischen Bevölkerung getroffen werden. Doch es fühlt sich so an, als würde Rama hinter verschlossenen Türen Absprachen mit Europa treffen. Im Grunde gewährt er ihnen Gefälligkeiten, nur um Albanien irgendwie auf die europäische Landkarte zu bringen – unter einer seltsamen Bedingung. Es wurde tatsächlich darüber gesprochen, dass wir vielleicht in die Europäische Union aufgenommen werden, aber unter einer besonderen Bedingung, nicht als Vollmitglied und so weiter. Also ja wir werden gern unsere EU-Mitgliedschaft opfern, damit unsere Stimmen hier in Albanien Gehör finden und es Veränderung gibt. Denn was dieser Diktator da treibt, entspricht doch nicht dem europäischen Geist, oder? Oder ist das die europäische Art? Wenn das die europäische Art ist, dann ist sie nichts für uns. Dann könnt ihr sie behalten und Rama gleich mitnehmen. Wir wollen hier echte Demokratie.