Am 3. Mai 2026, nach der Abreise der Politiker und ihres Gefolges, wird im Zuge der Feierlichkeiten des Cruz Parlante, religiös-zeremonielles Zentrum des fälschlich als „Kastenkrieg“ bezeichneten Aufstands der Maya máasewáal auf der Yucatán-Halbinsel, die almajt’aan-Erklärung verlesen. Das erste Mal geschah dies im Jahre 1850 und führte zur Gründung von Noj Kaaj Santa Cruz Xbáalam Naj. Bis 1901 verteidigten indigene Rebell:innen den Ort und das umliegende Territorium gegen die mexikanische Bundesarmee, dann zogen mithilfe militarisierter Eisenbahnprojekte die Truppen des Diktators Porfirio Díaz ins heutige Felipe Carrillo Puerto ein. Damit endete der „Guerra de Castas“ für die offizielle Geschichtsschreibung der Nationalstaaten und Universitäten, der durch Dauer („offizieller“ Beginn 1847) und Extension des betreffenden Gebiets zu den längsten und größten antikolonialen Widerständen des amerikanischen Kontinents zählt.
Auch die in Mexiko regierende und als „progressiv“ verstandene Morena-Partei betont heute die Bedeutung des Aufstands: Alte Museen an Schauplätzen vergangener Schlachten wurden seit 2018 erneuert (Tihosuco), alte Dschungelpfade der Guerilla und der Armee ausgebaut (Vigía Chico) und „nachhaltige“ Tourismusprojekte zum Lernen mit und über die rebellischen Gemeinden auf den Weg gebracht (Maya Ka’an). Ihr politisches Projekt aus nationaler Souveränität, Förderung der armen Bevölkerung und Wertschätzung der indigenen Lebensweise bezeichnet die Regierung als „Vierte Transformation“.
Sie ordnet sich damit historisch in die großen Umbrüche der mexikanischen Geschichte ein: Die erste Transformation meint den Unabhängigkeitskrieg 1810 bis 1821, die Zweite die Reformen des Benito Juárez 1859 bis 1860 und die Dritte die mexikanische Revolution von 1910 bis 1917.All diese Ereignisse erscheinen als Stationen auf den Schienen, die zur heutigen „Demokratie“ und dem heutigen „Wohlergehen“ in Mexiko führen. Mit dem Ende des „Kastenkrieges“ zählt ab 1902 auch das neue Bundesterritorium Quintana Roo zu diesem Nationalstaat. Das sich die Máasewáal im `großen Krieg´ gerade gegen diese Inkorporierung wehrten und die Autonomie ihres Territoriums verteidigten, bleibt unerwähnt, wenn die Vertreter*innen der „Vierten Transformation“ Museen, Straßen und Tourismusprojekte einweihen oder die Zeremonien des heiligen Cruz Parlante besuchen, berichtet Ángel Sulub vom Maya-Gemeinschaftszentrum U kúuchil k Ch’i’ibalo’on in Felipe Carrillo Puerto:
„Oft kommen die Politiker*innen der Regierung zu diesen Feierlichkeiten, und dann sprechen auch sie vom `Kastenkrieg´ als einem wichtigen historischen Moment für die Völker, doch nur als ein Schritt auf dem Weg zur großen Errungenschaft, die eben darin besteht, der Bundesstaat Quintana Roo zu sein, eine demokratische Regierung zu haben … Sie sprechen nicht von Autonomiegebieten, sie sprechen nicht von den wahren Gründen, aus denen unsere Großeltern zu den Waffen griffen, und sie sprechen natürlich nicht davon, dass sich unsere Großeltern nicht als Mexikaner oder Mexikanerinnen betrachteten, sondern als Teil eines Maya-Volkes, mit dem sie sich identifizierten und das sie in ihrer Autonomie anerkannten. Da wurde uns allmählich klar, dass die gesamte Geschichte unseres Volkes dazu benutzt wurde und wird, um das zu legitimieren, was die Regierungen taten und tun.“
Sulub und seine Genoss:innen wehren sich gegen das, was die Regierung in ihrem Territorium tut, wie einst ihre Groß- und Urgroßeltern im „Kastenkrieg“. An diesen erinnern sie sich anders als im jüngst mithilfe des mexikanischen Verteidigungsministeriums renovierten Museum im Stadtzentrum, gleich neben den zerstörten Überresten des alten Zuges des Generals Díaz – die damalige Militärkampagne gegen die Maya stütze sich vor allem auf Eisenbahnprojekte der Armee, die den Streitkräften den Weg durch den Wald bahnen und das gerodete Holz im selben Zuge für den Export an die befestigten Häfen der Küste transportieren konnten. Jede Form der indigenen Selbstverwaltung sollte beseitigt werden, heißt es in der von den Nachfahren der Rebell:innen verfassten „Deklaration zum Völkermord in Quintana Roo – die teilweise Zerstörung des rebellischen Maya-Volkes und der Erinnerung an die Autonomie“:
„Das Ziel der Integration [des Territoriums der Rebellinnen] in die mexikanische Nation wurde damals durch die Disziplinierung im Rahmen von Bildungsmissionen sowie durch neue Projekte in den Bereichen Kommunikation, Verkehr und Infrastruktur verfolgt. […] Es folgte das Aufzwingen der `mexikanischen Identität´ auf die Maya-Völker. Die territoriale Neuordnung war in vollem Gange.“
Veröffentlicht wurde die Erklärung im November 2022 als Gegen-Narrativ zu den offiziellen Feierlichkeiten anlässlich des 120-jährigen Bestehens des Bundesstaates Quintana Roo. In diesen erkennen die heute noch rebellischen Máasewáal innerhalb der „erfundenen Identität“ von Mexiko und Quintana Roo eine Vereinnahmung und Verfälschung der widerständigen Geschichte ihrer Ahnen, die vor allem darin besteht, dessen Aufstand als vergangen zu entleeren. Es ist dies, wie sich herausstellen soll, die größte Waffe, um die „territoriale Neuordnung“ im Jetzt weiter voranzutreiben.
Ende der Trockenzeit
Seit 2018 wird die in den Militärzügen des 19. und 20. Jahrhunderts manifestierte „kolonial-kapitalistische Neuordnung des Territoriums“ durch den sogenannten „Maya-Zug“ weiter vorangetrieben. Die verbundenen Eisenbahn- und Straßenverbindungen des „Tren Maya“ und des „Interozeanischen Korridors im Isthmus von Tehuantepec“ vernetzen eine ganze Reihe umstrittener Megaprojekte im Süden des Landes miteinander: Energie- und Industrieparks, Monokulturen, Massentierhaltungsanlagen oder Immobilien- und Tourismusprojekte bedrohen Ökosysteme, indigene Gemeinschaften und Geschichten weit über das Territorium der Maya máasewáal hinaus: Viele indigene Kollektive erklärten bereits 2024, als der scheidende Präsident López Obrador das Amt an seine Nachfolgerin Sheinbaum übergab, die heute sowohl den „Tren Maya“ wie den „Interozeanischen Korridor“ weiter vorantreibt:
„Unsere Pueblos haben sich stets um die Natur in diesen Gebieten gekümmert: die Dschungel, die Wälder, das Wasser, den Wind, das Meer. Diese Orte sind heilig und stärken unsere Spiritualität und unsere Lebensweise. Die Regierung behauptet unter dem Narrativ des Fortschritts´, dass sich nun eine Regierung endlich um den Südosten Mexikos kümmert´, dass wir uns jetzt `entwickeln´ werden, dass wir mit dem Maya-Zug und dem Interozeanischen Korridor aus der Armut herauskommen werden, aber wir protestieren, weil sie leider ihre Augen nur auf den Südosten gerichtet haben, um uns mit ihren Zügen, Gaspipelines, Hotels, Immobilienprojekten und Industrieparks auszuplündern und zu zerstören.“
Allein im Territorium des „Kastenkrieges“ führte der „Tren Maya“ in den vergangenen 8 Jahren zur Abholzung von mindestens 20 Millionen Bäumen und der Zerstörung von mit 15.000 Betonpfeilern durchlöcherten Cenotes (einzigartige Höhlensysteme, die in kilometerlangen unterirdischen Seen und Flüssen das Wasser der Region speichern und nährstoffreich in die Mangroven- und Korallenwelten der Küste transportieren). Diese Vernichtung führt durch die Umwandlung des Territoriums nicht nur zu einem Ökozid, sondern durch die Angriffe auf die Lebensweise der Maya máaswáal auch zu einem Ethnozid. Die im Centro Comunitario U kúuchil k Ch’i’ibalo’on organisierten Maya sehen Rebellion und Repression im „Kastenkrieg“ nicht getrennt von dieser aktuellen Entwicklung:
„Heute, mehr als ein Jahrhundert nach jener Eisenbahn aus der Zeit Porfirios, wird eine Bahn gebaut, die man `Maya´ genannt hat. Es bestehen historische und systemische Kontinuitäten zwischen den damaligen genozidalen Praktiken und der Logik der Enteignung und Ausbeutung von heute. Ähnlich wie damals ist dieser Zug für den militärischen Vormarsch und die territoriale Neuordnung konzipiert, verbunden mit der Logik der Auslöschung.“
Mit dieser Auslöschung ist nicht allein der physische Tod gemeint, erläutert Ángel: „Als wir die `Erklärung des Genozids in Quintana Roo´ verfassten, mit vielen Expert:innen, die sich mit dem Phänomen des Genozids beschäftigen, sprachen fast alle von ihnen von verschiedenen Phasen des Völkermords. Es gibt eine Phase, in der die Völker direkt ausgerottet werden – sei es mit Waffen oder durch andere Mittel–, aber es gibt auch andere Phasen, die subtiler sind, und da waren sich alle einig: Es gibt eine Phase, in der ein Ersetzen, ein Verdrängen der Erinnerung stattfindet. Das heißt, die Erinnerung des Volkes wird ausgelöscht, verändert oder durch etwas Neues ersetzt, durch eine Konstruktion, die in diesem Falle der Nationalstaat vornimmt.“
In dieser Konstruktion lässt sich der „Kastenkrieg“ als abgeschlossenes Kapitel innerhalb der „Vier Transformationen“ der „mexikanischen Geschichte“ verorten – mit Zeitbewusstheit aber hat dies wenig zu tun. Der „Kastenkrieg“ ist nicht abgeschlossen: Er begann nicht 1847, und er endete nicht 1901.
Am 13. April 2026 erinnerten Nachfahren indigener Rebell:innen an die letzte große Schlacht im „Kastenkrieg“ – sie fand lange nach dem in der Historiografie festgelegten Ende des Krieges statt, im Jahre 1933. Noch zu diesem Zeitpunkt stellte sich ein Kontingent von Maya-Soldaten unter Führung von Evaristo Sulub der mexikanischen Armee entgegen, auch, nachdem die Bundesregierung für Teile des Waldes Konzessionen zur wirtschaftlichen Ausbeutung an nationale und internationale Firmen vergeben hatte. Nach der bewaffneten Auseinandersetzung flohen die Maya nach Tixcacal Guardia – ein letzter Rückzugsort der Guerilla, nachdem Noj Kaaj Santa Cruz 1901 eingenommen worden war. Ángel Sulub, Urenkel des Evaristo, erklärt:
„Viele der Älteren sagen, dass der Krieg nie endete – nicht 1901 und auch nicht 1933 […] Sie sprechen nicht vom Kastenkrieg´, sondern von Noj Ba’atetambal´ – der großen Auseinandersetzung´, vom großen Krieg´. Und diesen großen Kampf, und sie meinen den `Geist des großen Kampfes´, den sehen sie als etwas an, das schon mit der Kolonialisierung begann, mit der Ankunft der Spanier, eine Geschichte des Widerstands also, die verschiedene Phasen durchlaufen hat. Don Aniceto, ein Großvater, Teil unseres Gemeindezentrums, erzählt, dass 1933, nach der Niederschlagung und Vertreibung der Maya in Dzulá, die dritte Phase dieses Kampfes begann – und in dieser Phase verortet er auch uns, das heißt, die Gegenwart, unseren Widerstand.“
Dieser richtet sich, wie 1527, 1901 oder 1933 auch heute gegen Militarisierung, Abholzung des Waldes und Angriffe auf die Autonomie im Territorium der Máasewáal. Dass dieser Widerstand nach 500 Jahren weitergeführt wird, liegt an lebendiger Erinnerung, die es ermöglicht, in der Jetztzeit gemeinsam mit den Rebell:innen des „Kastenkrieges“ zu kämpfen. Gerade deshalb wird diese memoria viva wird angegriffen, durch Museen und Militär, die eine Bewusstlosigkeit der Zeit verfolgen, in der jene „alten“ Aufstände als „abgeschlossen“ gewürdigt, aber vom gegenwärtigen Kampf abgeschnitten werden – wie durch einen weiten Ozean. Doch als Gestrandete auf der Insel des Jetzt wären wir einsam.2 Wo wir das sind, müssen wir vielleicht das große Schwimmen auf uns nehmen, nicht nur in Südmexiko. In Europa tauchen dann vielleicht die Widerstände und das Wissen der rebellischen Bäuer:innen auf, die es jederzeit gab – vor 5000 und 500 Jahren – und heute.
Foto 1: Die „Conmemoración“ an die Schlacht von Dzulá im April 2026. Nachfahren der Kastenkrieger*innen halten eine historische Fotografie des Evaristo Sulub „13. April 1933 – Verteidigung der Maya máasewáal gegen die mexikanische Invasionsarmee in der Gemeinde Dzulá – in Erinnerung an unsere Großväter und Großmütter“ und den aktuellen Report „Widerstand gegen die Megaprojekte des Kapitals im Territorium des Süd-Südostens – Tren Maya und Interozeanischer Korridor“ in die Kamera. Quelle: Centro Comunitario U kúuchil k Ch’i’ibalo’on
Foto 2: Eine Protestkarawane gegen den „Tren Maya“ zieht an den zerstören Überresten des alten Militärzugs des Diktators Porfirio Díaz im Stadtzentrum von Felipe Carrillo Puerto vorbei.Quelle: El Sur Resiste
Dem Artikel liegt eine Interview-Reihe zugrunde, die zwischen dem 1 und 4. Mai 2026 zwischen Mexiko-Stadt und Felipe Carrillo Puerto (einst Chan Santa Cruz) geführt worden ist. Die Daten markieren die Tage zeremonieller Aktivitäten des Cruz Parlante, dem religiösen Zentrum der Rebell*innen im sogenannten „Kastenkrieg“. ↩︎
Frei nach: Marcia Bjornerud: Zeitbewusstheit. Geologisches Denken und wie es helfen könnte, die Welt zu retten, Berlin 2022, S. 190. ↩︎