Vom Gewerkschafter zum Guerilla-Kommandanten – Ka Dayne’s Weg in die New Peoples Army

23. April 2026

Ka Daynes Weg in die Kommunistische Partei der Philippinen begann, als er sich gewerkschaftlich organisierte. Er arbeitete zu dieser Zeit als Vertragsarbeiter unter sehr schlechten Bedingungen. Im Interview erklärt uns Ka Dayne, wie er vom Arbeiteraktivisten zum Kommunisten wurde und warum er sich schlussendlich dazu entschloss, sich dem bewaffneten Kampf der New Peoples Army anzuschließen.

Ka Dayne, mit bürgerlichem Namen Sandy Broncano, und auch bekannt als Ka Tau oder Ka Ino ist am 2. August 2025 im Kampf gefallen. Er fiel an einem Tag, an dem seine Einheit erfolgreich ein Camp der reaktionären Armee angegriffen hatte. Später am Tag kam es zu einer erneuten Auseinandersetzung, bei der Sandy Broncano sein Leben verlor. Das Revolutionary Council of Trade Unions – auf Deutsch: Revolutionäres Konzil der Gewerkschaften – schrieb über ihr zum Märtyrer gewordenes Mitglied:

«Wir zollen dem Genossen Sandy Broncano, der bei den Menschen in Quezon als Ka Tau bekannt ist, höchsten Respekt. Er hat sich aus der schweren Ausbeutung als Vertragsarbeiter hochgearbeitet und viele Jahre lang als roter Kämpfer und Kommandant gedient. Lasst uns Lehren aus seinem Leben ziehen, das er ganz in den Dienst des Volkes gestellt hat.»

Das Interview wurde 2024 im Rahmen einer Delegation geführt und wurde uns vom Radio Résistance zur Verfügung gestellt.


Hallo Ka Dayne! Vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, unsere Fragen zu beantworten. Kannst du damit beginnen, dich vorzustellen?

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Meine Eltern waren Bauern aus der Mittelschicht. Nach der Grundschule bin ich in die Stadt gegangen, um Arbeit zu suchen. Damals war ich 19 Jahre alt. Ich fand Arbeit und war in zahlreichen verschiedenen Fabriken tätig. Ich habe dort viel über die Situation der Arbeiter:innen auf den Philippinen gelernt.

Es waren diese Ungerechtigkeiten, die ich dort gesehen habe, die mich dazu gebracht haben, mich einer Arbeiter:innenorganisation anzuschließen.

In was für Fabriken hast du gearbeitet?

Ich war Vertragsarbeiter und habe in vielen verschiedenen Fabriken gearbeitet. Die erste war eine Fabrik, in der Autoteile montiert wurden. Die zweite – wieder Autoteile. Die dritte war nochmal eine Fabrik für Autoteile, aber sie war spezialisiert auf das Nähen von Sitzbezügen. Auch danach arbeitete ich wieder für eine Fabrik, die Autoteile herstellte, diesmal Pedale. Später war ich in der Produktion von Gefriertruhen und Kühlboxen tätige, die aus Glasfaser hergestellt wurden. Ich arbeitete auch noch in weiteren Fabriken für Autoteile.

Du hast erwähnt, dass du während deiner Arbeit mit vielen Problemen konfrontiert warst. Was hattest du persönlich für Probleme auf der Arbeit? Und könntest du uns generell auch etwas darüber erzählen, mit welchen Problemen die Arbeiter:innenklasse auf den Philippinen zu kämpfen hat?

Das größte und prägendste Problem der Arbeiter:innen hier auf den Philippinen, insbesondere in Süd-Tagalog, ist die Vertragsarbeit. Bei der Vertragsarbeit arbeitet man normalerweise nur fünf Monate. Das heißt, der Vertrag, den man unterschreibt, gilt nur für fünf Monate – und danach läuft er aus. Dann muss man sich um einen neuen Job bewerben.

Im Moment wird ein neues System angewendet. Dort läuft es so, dass man, wenn man relativ fleißig ist, nach fünf Monaten doch nicht entlassen wird. Stattdessen muss man dann eine Vereinbarung unterschreiben, dass der aktuelle Vertrag beendet ist – und dann einen neuen Vertrag für weitere fünf Monate abschließen. Nach fünf Monaten wiederholt sich das Ganze von vorne!

Das Hauptproblem dabei ist, dass Vertragsarbeiter:innen niemals als festangestellte Mitarbeiter:innen anerkannt werden. Aus diesem Grund haben sie ein sehr geringes Gehalt. Wenn du Vertragsarbeiter bist, erhältst du auch nach zehn Jahren in der Fabrik immer noch den Mindestlohn. Dein Gehalt steigt nie.

Das zweite Problem ist, dass Vertragsarbeiter:innen keine Sozialleistungen erhalten. Es werden zwar Sozialversicherungsbeiträge vom Lohn abgezogen, genau wie bei festangestellten Mitarbeiter:innen. Zum Beispiel für SSS (Sozialversicherungssystem), PhilHealth (Krankenversicherung) oder den Pag-IBIG Fund (ein staatliches Sparprogramm). Aber im Unterschied zu den Festangestellten bekommen sie nie etwas zurück.

Das dritte Problem ist, dass Vertragsarbeiter:innen das Recht verwehrt wird, einer Gewerkschaft beizutreten oder eine zu gründen. Dieses Recht haben nur festangestellte Mitarbeiter:innen. Weil sie weder einer Gewerkschaft beitreten, noch eine Eigene gründen dürfen, haben sie auch kein Recht, für ihren Lohn, ihren Arbeitsplatz, die Sprache, die sie bei der Arbeit sprechen können, oder eine Festanstellung zu kämpfen.

Du hast zuvor die niedrigen Löhne erwähnt – wie viel hast du verdient, als du in den verschiedenen Fabriken gearbeitet hast?

Als ich ein Arbeiter war, erhielt ich 315 Pesos für 8 Stunden.

Das sind etwa fünf US-Dollar. Du hast vorher erzählt, dass du einer Massenorganisation für Arbeiter:innen beigetreten bist. Warum hast du dich dazu entschlossen? Und wie muss man sich so einen Beitritt genau vorstellen?

Also für mich war es jetzt nicht ein neues Erwachen oder so. Schon als ich ein Kind war und noch auf dem Land gelebt hatte, war ich bereits in der Jugendbewegung organisiert. Aber das war nichts Dauerhaftes. Die Organisation löste sich auf und ich verlor den Kontakt. Ich ging dann aufs College und erst nachdem ich wegen der Arbeit nach Manila ging wurde ich wieder politisch aktiv.

Als Arbeiter wurde ich von meinen Genossen rekrutiert, die mich aufgrund meiner Situation als Vertragsarbeiter ansprachen. Ein Kollege lud mich zu einer Bildungsveranstaltung ein. Sie täuschten mich, denn sie versprachen mir eigentlich gemeinsam etwas in der Freizeit zu unternehmen. Ich wusste nicht, dass sie mich zum Studieren eingeladen hatten! Als ich dann dort ankam, fand ich eine Bildungsveranstaltung vor. Diese Bildungseinheit nennt sich in unserer Bewegung KTPMU (Genuine Militant Patriotic Unionism). Von da an begann ich mich weiterzubilden.​​​​​​​

Nun begann ich die Situation der Arbeiter:innen zu verstehen. Ich informierte mich auch über ihre Rechte. Ich begann, mich zu engagieren und nahm an verschiedenen Aktionen der Arbeiter:innenbewegung teil. Mir wurde langsam klar, dass die Arbeiter:innen sich zuallererst organisieren müssen, um für ihre Löhne, Arbeitsplätze und Rechte zu kämpfen und diese zu verteidigen.

Je besser ich die Situation verstand, desto klarer wurde mir, dass ein Arbeiter sich nicht nur mit wirtschaftlichen Forderungen zufriedengeben sollte, sondern für die Revolution, also für die gesamte Arbeiterklasse kämpfen sollte. Ich begann zu verstehen, dass die Arbeiter:innenklasse diejenige Klasse in der philippinischen Gesellschaft ist, die die Revolution anführen muss. Deswegen muss sie auch ihren Widerstand ausweiten und sich nicht nur auf die Fabriken beschränken. Denn damit die Arbeiter:innen der Philippinen von der kapitalistischen Unterdrückung befreit werden können, müssen sie aufgrund der halbkolonialen und halb feudalen Verhältnisse des Landes zuerst die Bauern und andere unterdrückte Bevölkerungsgruppen befreien.
Als ich das verstanden hatte, war ich entschlossen, die Stadt zu verlassen und hier aufs Land zu kommen, und mich dem bewaffneten Kampf anzuschließen.

Wir werden später auf deine Zeit in der NPA eingehen. Bevor wir das tun, möchten wir gerne noch eine Frage zum Verhältnis der Kommunistischen Partei und den Massenorganisationen stellen. Könntest du uns erklären, welche Rolle die CPP genau in den Massenorganisationen hat? Kommuniziert die CPP offen, dass sie in bestimmten Massenorganisationen aktiv ist? Ist das für neue Mitglieder von Anfang an klar?

In Massenorganisationen für Arbeiter:innen wird zunächst nicht gesagt, dass diese eigentlich von der Kommunistischen Partei geführt werden. Als ich zum Beispiel organisiert wurde, wurde das nicht gesagt, und die Führung durch die CPP war für mich auch noch nicht offensichtlich. Das hat auch seine Gründe. Denn als Erstes ist es notwendig, die Arbeiter:innen zu mobilisieren und zu organisieren. Erst danach werden die Arbeiter:innen, die bereits ein fortschrittliches Bewusstsein haben, in die Untergrundorganisationen der NDFP, der Nationalen Demokratischen Front der Philippinen, aufgenommen. Eine solche ist auch die RCTU (Revolutionary Council of the Trade Unions – Revolutionäres Konzil der Gewerkschaften), das ist die Untergrundorganisation der Arbeiter:innen. Dort werden die Mitglieder mit der Kommunistischen Partei bekannt gemacht und es wird ihnen klargemacht, dass diese den Kampf der Arbeiter:innen anführt. In den meisten Massenorganisationen für Arbeiter:innen ist jemand aus dem Revolutionary Council of the Trade Unions aktiv, der auch Mitglied der CPP und der NPA ist.

Bist du auch der RCTU beigetreten?

Ja. Nachdem ich als organisierter Arbeiter zunehmend wichtigere Aufgaben übernahm und ein fortschrittliches Bewusstsein entwickelte, wurde ich in die revolutionäre Untergrundbewegung, die RCTU, rekrutiert. Dort wurde ich in die Kommunistische Partei der Philippinen eingeführt und lernte den bewaffneten Kampf kennen.

Könntest du uns einen Eindruck von der Größe der RCTU im Vergleich zu den Massenorganisationen vermitteln?

Nein, das kann ich nicht beantworten, denn da handelt es sich um taktische Informationen. Aber soviel kann ich sagen: Die RCTU ist in der Arbeiter:innenbewegung verwurzelt. In jeder Gewerkschaft gibt es einen Kern von RCTU-Mitgliedern, der wiederum von der Kommunistischen Partei angeführt wird.

Warum muss die RCTU im Untergrund agieren?

Sie ist im Untergrund, weil sie von der Regierung, die den Interessen der herrschenden Klasse dient, für illegal erklärt wurde. Das Ziel der RCTU ist es, das gesamte gesellschaftliche System zu verändern, und das ist etwas, was die herrschende Klasse nicht will. Deshalb muss sie im Untergrund aktiv sein. Wenn sie es nicht ist, wird der Feind ihre Mitglieder identifizieren und sie verhaften.

Ein sehr wichtiges Instrument in der Massenarbeit ist SICA (Social Investigation Class Analysis, soziale Untersuchung und Klassenanalyse). Könntest du uns an einem Beispiel erklären, wie SICA funktioniert?

Immer wenn wir uns daran machen, ein Organisierungsprojekt aufzubauen, wenden wir SICA an. Beim Organisieren von Arbeiter:innen ist sie die Grundlage für eine tiefgreifende Form der Organisierung.In einer Fabrik zum Beispiel, kann die Organisierung zu Beginn nicht offen passieren. Denn wenn sie offen und ohne ausgearbeiteten Plan passiert, kann es gut sein, dass sie im Sande verlauft. Der Kapitalist würde es mitbekommen und alle beteiligten Arbeiter:innen entlassen und die Organisierungsversuche sofort zerschlagen. Deswegen muss man heimlich beginnen. Durch SICA können wir die Hintergründe der Arbeiter in Erfahrung bringen. Sind sie vertrauenswürdig oder nicht? Haben sie Verwandte, die Teil des reaktionären Militärs sind? Sind sie familiär mit dem Verwaltungspersonal der Fabrik verbandelt? Das versuchen wir zuerst über die Arbeiter:innen herauszufinden.
Es ist ein langsamer, schrittweiser Prozess. Man muss die Arbeiter:innen langsam kennenlernen. Schritt für Schritt organisieren wir sie, bis wir etwa 75% der Belegschaft dabei haben. Dann kann man die Gewerkschaft offiziell registrieren lassen. Im Falle von Vertragsarbeiter:innen gründen wir einen Verein, denn wie ich zuvor bereits erwähnt habe, dürfen diese ja keine Gewerkschaft gründen. Egal, ob Gewerkschaft oder Verein: Wenn der Kapitalist etwas von der Organisierung mitbekommt, ist die Stärke der Arbeiter:innen bereits organisiert und damit intakt. Deshalb ist SICA so wichtig.

SICA wird auch verwendet, um ein besseres Bild über die Kapitalisten zu machen. Wenn wir damit beginnen, Arbeiter:innen zu organisieren, müssen wir nämlich auch die finanzielle Situation der Kapitalisten ermitteln. Dann können wir die Arbeitsbedingungen und Löhne der Arbeiter:innen in ein Verhältnis zu den Preisen der verkauften Waren und den Gewinne der Kapitalisten setzen. Das hilft die politische Ökonomie in einer Fabrik zu verstehen. Das ist auch Teil unserer Strategie, die Arbeiter:innen zu mobilisieren und zu organisieren. Ausserdem verwenden wir SICA auch, wenn wir in Gewerkschaften in Tarifverhandlungen gehen. Wir können das Wissen, das wir durch SICA gewonnen haben, nutzen, um bessere Ergebnisse für die Arbeiter:innen zu erzielen.

Gut, dann kommen wir nun zu deiner aktuellen politischen Praxis. Heute bist du aktives Mitglied der NPA und hast den Rang eines Kommandanten. Wie bist du zu dieser Position gekommen? Und was war dein unvergesslichster Moment in der NPA?

Ein wichtiger Grund dafür, dass du Kommandant wirst, ist deine Entschlossenheit revolutionäre Arbeit zu leisten. Zweitens solltest du diszipliniert sein und die Regeln der NPA respektieren. Auch Erfahrung und Dienstzeit spielen eine Rolle. Die Ernennung zum Kommandanten in der New People’s Army wird von der obersten Führungsebene beschlossen und es ist nicht etwas, das man sich erarbeiten kann. Man wird als Kommandant nicht von seinen Genoss:innen in einer Abstimmung gewählt.

Was war mein unvergesslichster Moment … Meine Frau und ich sind beide Teil der NPA. Wir kämpfen gemeinsam gegen den Feind, um unser Land zu befreien. Einmal waren wir sogar zusammen in einem Feuergefecht. Das ist wahrscheinlich mein unvergesslichster Moment.

Vielen Dank dass du dir für uns Zeit genommen hast. Wir kommen nun bereits zur letzten Frage. Das Interview richtet sich hauptsächlich an ein Publikum in den kapitalistischen Metropolen. Hast dueine Botschaft für die revolutionäre Bewegung dort?

An die Genossinnen und Genossen im Globalen Norden, die als Teil derselben revolutionären Bewegung kämpfen, möchte ich folgende Botschaft richten: Wir als Mitglieder der New People’s Army freuen uns sehr über die Anerkennung die ihr uns gebt und darüber, dass wir nicht die Einzigen sind, die für den Sturz des Imperialismus kämpfen. Dass ihr jetzt als Delegation hier seid, gibt uns Kraft. Es lebe die internationale Solidarität.


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