Der Weg, der weitergeht

29. Januar 2026

Bahram Ghadimi ist im Iran geboren. Als Junge, musste er ins Exil, nach Deutschland. Bahram verarbeitet in seinen Texten die Erfahrung, tausende Kilometer entfernt der eigenen Heimat aufwachsen zu müssen, doch zu spüren, was dort passiert –​​​​​​​ und bedeutet das auch, im Widerspruch mit sich selbst und der aufkommenden Zerrissenheit zwischen heute und gestern zu sein. 


Ich stehe in einer ruhigen Ecke. Die Menschenmenge trägt schwarze Trauerkleidung. Vorne trägt eine Gruppe von Menschen, die offenbar Angestellte eines Bestattungsunternehmens sind, einen seltsamen Sarg auf den Schultern. Ich erinnere mich, dass in Deutschland Särge nicht wie im Iran auf den Schultern getragen werden. Aber dieses Mal ist es anders. Der Sarg hat nicht die übliche Größe. Er ist lang und schmal. Ich frage die Person neben mir: „Ist es nicht seltsam, dass der Sarg so schmal ist?“


Ruhig antwortet sie mir: „Wissen Sie das nicht? Sie begraben nur die Hälfte von ihm. Die andere Hälfte blieb in seiner Heimat, am 5. Januar vor vielen Jahren. Man sagt, er habe nur seine Erinnerungen mitgebracht.“
Die Passanten schauen den Mann neben mir überrascht an. Eine Frau sagt zu ihrer Freundin: „Mit wem redet er denn? Er ist doch ganz allein.“ Die Freundin antwortet: „Mach dir keine Sorgen, er hat bestimmt Kopfhörer auf und telefoniert.“


Da wird mir klar, dass ich tot bin. Und ich bin nur hier, um an meiner eigenen Beerdigung teilzunehmen. Das heißt, meine Seele ist anwesend, aber nicht mein Körper. Wie konnte ich dann mit dem Mann neben mir sprechen?  Um sicherzugehen, schaue ich auf meine Silhouette. Plötzlich stelle ich fest, dass die rechte Hälfte meines Körpers nicht mehr da ist. Heißt das, dass ich nur mit der linken Hälfte meines Wesens entkommen bin? Und nun wird diese linke Hälfte begraben werden.


Heute hat der Wetterdienst gemeldet, dass die Temperaturen mindestens noch zwei Wochen lang über null bleiben werden. Das bedeutet, dass es keine Anzeichen für Schnee oder klirrende Kälte gibt. An dem Tag, an dem meine andere Hälfte zurückblieb, war das noch anders. Ich hatte einen Schafsfellmantel mitgebracht, das einzige Kleidungsstück, das mich warm hielt. Obwohl mich alle in den Nahverkehrszügen schief ansahen, bemerkte niemand, dass nur eine Hälfte von mir da war. Damals konnte diese fehlende Hälfte durch die Neuheit der Umgebung und das Zusammenleben mit den anderen Freunden ausgeglichen werden.

Jetzt, wo es keine Neuheit und keine Freunde mehr gibt, besonders bei dieser traurigen Beerdigungszeremonie, bei der es weder Musik noch Tanz gibt, ist die Abwesenheit dieser anderen Hälfte noch stärker zu spüren. 
Ich senke den Kopf und löse mich, wie es bei Geistern üblich ist, in „Nichts“ auf, in der Hoffnung, vielleicht wieder an einem Strand in Baku zu sitzen, aufs Meer zu blicken, mein einziges Knie zu umarmen und die Karte auf meinem Handy zu öffnen, um meiner Genossin, die ebenfalls allein mit ihrer Hälfte ist, zu sagen: „Schau mal! Es sind nur dreihundert Kilometer.“ Ja, meine andere Hälfte blieb nur dreihundert Kilometer entfernt, an der Südküste des Kaspischen Meeres.

Werde ich melancholisch?


Ein dünner Winter-Sonnenstrahl bahnt sich mühsam seinen Weg durch die Wolken und zerreißt das Grau des Himmels. Ich denke, dass dies der Spalt zwischen Gegenwart und Sehnsucht ist. Ich denke darüber nach, dass genau vierzig Jahre vergangen sind. Vierzig Jahre, die nur diese Hälfte von mir erlebt hat. Die andere Hälfte blieb in der Kindheit zurück. Mit diesen Erinnerungen, mit diesen unreifen Erfahrungen.
Diese Hälfte versteckte sich nie hinter irgendwelchen Versprechungen: weder hinter dem Paradies jener Welt noch hinter dem Versprechen von gerecht verteiltem Brot in dieser Welt. Sie machte sich immer an die Arbeit. Die Erfahrungen waren sowohl bitter als auch süß. Aber vor allem unternahm sie Schritte, Schritte, die unternommen werden mussten. Im Laufe der Jahre entstand aus jeder Gewissheit eine neue Frage, und aus jeder Frage ein weiterer Schritt auf der Suche nach einer Antwort. Auch wenn es nicht wenige Fehler gab, gab es auch nicht wenige Erfolge. So bleiben weder Schmerz noch Reue.
Wie wunderbar ist es, den Duft der frisch erblühten Blume des Tages einzuatmen! 
Wie wunderbar ist es, den Weg zu genießen, der weitergeht …!

Bahram Ghadimi
Dezember 2025