Rojavas Krieg um die Existenz – Eine Zusammenfassung der Ereignisse

19. Januar 2026

Militärkonvois. Knattern zerschneidet die Stille der Nacht. Schreie unter dem dunklen Himmel, der die Leuchtspurmunition schluckt. Was sich seit über einem Jahr abgezeichnet hat und was man doch nicht so ganz wahrhaben wollte, bleibt auch mit einem neuen Morgen und einem neuen Aufwachen Gewissheit: Die Revolution im Nord-Osten Syriens steht zum jetzigen Zeitpunkt vor einer ungewissen Zukunft. Das, was in den vergangenen Tagen passiert ist, dürften die wenigsten erahnt haben. Und doch darf dies keinen Anlass für Resignation stiften. Trotz des angekündigten Waffenstillstandes hält der Krieg im Nordosten Syriens an allen Fronten an.


Eine vorsichtige Chronik der Ereignisse

Seit den Angriffen auf die kurdischen Stadtteile Eshrefiyeh und Sheikh Maqsoud vor zwei Wochen in Aleppo hat sich das politische Klima in Syrien deutlich verändert. Vorausgegangen waren den Angriffen Verhandlungen zwischen der syrischen Übergangsregierung, Israel und wahrscheinlich den USA in Paris am 6. Januar. Kurz darauf folgte die Kriegserklärung und es stellte sich heraus, dass die Verhandlungen, die zwischen der Selbstverwaltung und der Regierung Jolanis geführt wurden, von den Kräften, die im Hintergrund die Fäden ziehen, torpediert wurden.

Eine Reaktion auf die Angriffe auf die beiden Stadtteile blieb aus und die wenigen hundert Kämpferinnen, die dort nach dem Abzug der YPG und YPJ Einheiten im April (?) verblieben waren, leisteten erbitterten Widerstand. Damit wurde zeitgleich die Spekulationen darüber entkräftet, dass abermals, wie Ende 2024, ein Korridor zwischen der eroberten Landzunge von Deir Hafir bis nach Aleppo freigekämpft werden würde. Viel mehr dürfte nämlich die Möglichkeit überwogen haben, dass sich zumindest vorübergehend die zukünftigen Grenzen der Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens auf die natürliche Grenze des Euphrat-Flusses verlegen würde. Unmittelbar nach dem Fall Sheikh Maqsoud und Eshrefiyehs folgten die Ankündigungen der Jolani-Regierung auf den Fuß, nun auf Deir Hafir vorzustoßen. Nach mehreren Tagen gegenseitigen Beschusses und der Vereitelung von Durchbrüchen wurde am Freitag durch Druck der USA der Rückzug aus Deir Hafir und Maskana in Richtung der weiter östlich gelegenen Stadt Tabqa verkündet. An den Rückzug war ein Waffenstillstand zwischen der SDF und der Übergangsregierung geknüpft, jedoch dauerte es nicht lange, bis der Rückzug von Regimetruppen flankiert und unter Beschuss genommen wurde.

Am vergangenen Wochenende überholten sich dann die Ereignisse. Ziemlich schnell wurde ersichtlich, dass die Truppen der Übergangsregierung nicht stoppen würden und Ambitionen, nun die Städte Tabqa, südlich vom Assad Stausee und die etwas weiter östlich gelegene Millionenstadt Raqqa anzugreifen, wurden geäußert. Zeitgleich mit den Erklärungen begannen in beiden Städten Aktivitäten von bewaffneten, an des Regime gebundenen Zellen, deren Aufgabe es war, mit Angriffen im Inneren der Städte Chaos zu stiften und die Situation zu destabilisieren. Bis zum Samstagabend konnten die Angriffe erfolgreich bekämpft werden, während die Medien des Regimes bereits verkündigten beide Städte zu kontrollieren. Wurden bereits am Samstag, dem 17. Januar die ersten Vorstöße auf Raqqa durchgeführt und Stellungen der SDF über den Euphrat beschossen, so folgte am Sonntagmorgen der Generalangriff. Im Süden des Landes in Deir ez-Zor, einer Region, die erst 2019 endgültig vom IS befreit wurde und in der auch in den letzten Jahren Angriffe von Resten der Al Nusra Front, dem IS, iranischen Milizen oder dem ehemaligen Assad Regime zum Alltag gehörten, wurden große Teile der Region, mitsamt des größten Ölfeld des Landes, unter die Kontrolle von Damaskus-loyalen arabischen Stämmen gebracht.

Auch in Raqqa spitzte sich die Situation am Sonntag zunehmend zu, da neben den Angriffen von außen, arabische Stämme, die auch zuvor aktiver Teil der Selbstverwaltung waren, sich zu der Regierung Jolanis bekannten. Hinzu kam, dass ein militärisches Eingreifen der USA ausblieb, während die Regierungstruppen zu immer größeren Zahlen über den Euphrat übersetzten und aus Deir ez-Zor im Süden und Tabqa im Westen vorstießen.

Mit Raqqa, Tabqa und Deir ez-Zor sind Gebiete gefallen, die unter größten Opfern zwischen 2016 und 2019 vom Islamischen Staat befreit wurden. In diesen Gebieten, die sich nur teilweise auch durch die eigene Bevölkerung vom Islamischen Staat befreit haben, wurde den Menschen die Möglichkeit der politischen Teilhabe an der Demokratischen Selbstverwaltung geboten. Mit Fug und Recht kann man davon sprechen, dass die Mehrheit der größten arabischen Stämme die Selbstverwaltung unterstützte und darin ihre politische Repräsentanz hatten. Was sich jedoch mit dem Sturz des Assad-Regimes geändert hatte war, dass mit der Präsidentschaft Jolanis nun eine neue Option für diejenigen auf dem Tisch lag, welche die Opposition zu Assad an die Seite der Selbstverwaltung führte. Bereits bei dem Angriff der islamistischen Syrischen Nationalarmee (SNA), die Teil der syrischen Armee ist, im Dezember 2024, wurde die opportunistische Haltung einiger Mitglieder des Militärrats von Minbic dadurch klar, dass sie während des Angriffs zur SNA überliefen, und Zugänge in die Stadt für die Islamisten öffneten und somit die Verteidigungslinien kollabieren ließen. Kurze Zeit später folgten Bilder eines unterirdischen Militärkrankenhauses, dessen Position von Überläufern verraten wurde und in dem die Kämpfer:innen des Militärrats von Minbic zu Dutzenden hingerichtet wurden.

An einer ganz anderen Front tobt gerade auch der Krieg, nämlich der um die Deutungshoheit und Informationen. Seit den Angriffen auf Aleppo werden den SDF am laufenden Bande Massaker an Zivilist:innen unterstellt. Während der fünf Tage andauernden Belagerung der Stadtteile Sheikh Maqsoud und Eshrefiyeh hieß es durchgängig, dass alle Verteidiger bereits geflohen wären oder die Waffen gestreckt hätten. Sender, wie das in Qatar ansässige Al Jazeera, waren sich nicht zu schade, Lügen von nie geschehenen zivilen Massakern der SDF, sowie Falschmeldungen über den Verlauf der Kämpfe herauszugeben, um damit direkt die Moral der Verteidiger:innen anzugreifen.

Den ganzen Sonntag über dauern die Gefechte über die gesamte Frontlinie an. Der Süden von Deir ez-Zor ist mittlerweile komplett in die Kontrolle aufsässiger Stämme und der Regierungstruppen übergegangen. In dieser Situation wurde bereits am frühen Nachmittag von Kanälen der syrischen Übergangsregierung verlautbart, dass ein Abkommen mit der Führung der SDF geschlossen wurde und die Vereinbarungen wurden über die Kanäle der syrischen Übergangsregierung verbreitet. Ein direktes Gespräch zwischen al-Jolani und dem Generalkommandanten der SDF, Mazlum Abdi, habe es zwar nicht gegeben, dafür aber ein Telefonat. Um 21:30 deutscher Zeit wurde dann das Statement Mazlum Abdis ausgestrahlt, der bekräftigte, dass ein Abkommen geschlossen und ein Rückzug aus Der ez-Zor und Raqqa befehligt wurde, die Kämpfe aber unvermittelt in aller Härte weitergehen und zahlreiche Falschdarstellungen über das Abkommen kursieren würden.

Am Montag, dem 19. Januar solle es, so Abdi, zu einem Treffen mit al-Jolani kommen, nach dem ausführlicher über das Abkommen berichtet werden soll. An dieser Stelle werden wir keine Prognosen vornehmen, weil es dafür schlichtweg zu früh ist. Was stattdessen klar ist, ist, dass die Kämpfe mit aller Härte fortgeführt werden und an den Orten, die von den Truppen der neuen Machtaber genommen werden, es unter Garantie zu Kriegsverbrechen, Verschleppungen und zu systematischen Morden an Kurd:innen kommen wird. Ebenso klar ist die internationale Dimension, die dieser Angriff in sich trägt, da er den Stempel internationaler Mächte wie den USA und Israel trägt und ebenso durch die Türkei vorangetrieben wurde.

Doch sollten wir jetzt von Verrat sprechen?
Klar ist, dass vorausgegangene Bündnisse immer nur taktischer Natur waren und zu den Zeitpunkten, an denen sich ein besserer Deal für die Hegemonialmächte anboten, dieser zum Leidwesen der Menschen gewählt wird, wie bei den türkischen Invasionen 2018 und 2019. Am Ende ist es doch immer die gleiche Logik. Der altbekannte Spruch „No Friends but the Mountans“ gilt auch heute wieder. Egal ob USA, Israel, Türkei – die Jihadisten sind immer die bessere, die beliebtere Option. Dafür werden das Projekt der Selbstverwaltung, die Friedliche Koexistenz der Völker und die demokratische Vision für Syrien sofort fallen gelassen.

Der Widerstand ist alles andere als gebrochen. Gleichzeitig müssen wir feststellen, dass sich beim Kampf der gerade geführt wird, um einen grundsätzlich existenziellen Kampf für all diejenigen handelt, welche keinen Platz im neuen Syrien unter dem Islamisten Jolani finden. Diejenigen die seit Jahren eine Selbtverwaltung verteidigen, ganz gleich welcher Feind gegenüberstand. Auf die Gewissheit dass Rojava weiterhin verteidigt wird, lässt sich auch hier in Europla anschließen. Unlängst haben Kampagen wie RiseUp4Rojava Aufrufe gestartet die Revolution von Rojava auch in Europa und Deutschland zu verteidigen. Dies sollte bei allen Unklarheiten und Unsicherheiten für alle Sozialist:innen und Internationalist:innen keine Frage sein. 

Foto: ANFDeutsch