Iran: Ein Klassenkampf, der nicht ignoriert werden darf

17. Januar 2026

Immer mehr Menschen schauen dieser Tage in den Iran. Seit Ende Dezember letzten Jahres wachsen die Proteste gegen das Mullah-Regime stetig an. Nach anfänglichen Beschwichtigungen seitens des Regimes wurde den Protestierenden nun der Krieg erklärt. Videos zeugen von Kugelgarben aus Maschinengewehren der iranischen Revolutionsgarden, die in den Menschenmassen niedergehen. Die Schätzungen der Ermordeten gehen auseinander, die in London ansässige Plattform „Iran International“ spricht gar von 12.000 Toten. Zeitgleich wächst die Möglichkeit einer staatlichen Intervention immer weiter an und der Sohn des 1979 gestürzten Schahs, Reza Pahlavi, scheint in Stellung für einen Regimechange gebracht zu werden. Im Folgenden veröffentlichen wir eine Analyse von Sia Sareer zu den aktuellen Geschehnissen.

Sia Sareer ist ein Autor und Aktivist aus dem Iran, der in Deutschland lebt. In seinen Texten beschäftigt er sich mit der politischen Ökonomie des Irans und der Region unter historischen Gesichtspunkten. Er untersucht vor allem Klassenkämpfe, deren Organisationen sowie den kreativen Alltagswiderstand.


Über die Widersprüche und Potenziale des Aufstands

Schon wieder Iran, schon wieder Protestwellen. Für viele Beobachterinnen und Beobachter im Westen erscheinen diese Ereignisse wie ein endloser Kreislauf aus Unruhe, Repression und scheinbarer Rückkehr zur Normalität. Doch dieser Blick ist trügerisch. Der Iran ist nicht einfach ein autoritärer Staat, der gelegentlich von kulturellen oder politischen Protesten erschüttert wird. Der Iran ist eine Klassengesellschaft, deren innere Widersprüche sich seit Jahrzehnten zuspitzen und die heute an einem historischen Kipppunkt steht.

Über Jahrzehnte hinweg haben westliche Medien versucht, Iran entweder vollständig zu ignorieren oder auf ein eindimensionales Bild zu reduzieren. In den 1980er- und 1990er-Jahren dominierte die Vorstellung eines rückständigen religiösen Landes, beherrscht von irrationalen Geistlichen und unterdrückt durch starre moralische Regeln. Dieses Bild war bequem. Es erlaubte, die sozialen und ökonomischen Dynamiken im Inneren des Landes auszublenden und Iran als kulturelle Ausnahme zu behandeln, nicht als Teil der globalen kapitalistischen Ordnung.

Das iranische Volk, ein äußerst diverses Gefüge aus Klassen, Ethnien, Regionen und politischen Traditionen, hat dieses Bild immer wieder infrage gestellt. Doch auch dieser Widerstand wurde systematisch missverstanden oder bewusst falsch interpretiert. Proteste galten entweder als Ausdruck einer urbanen Mittelschicht, die nach liberaler Demokratie strebt, oder als spontane Reaktionen auf wirtschaftliche Fehlentscheidungen wie steigende Energiepreise. Was dabei konsequent ausgeblendet wurde, ist der strukturelle Klassenkampf, der diese Proteste antreibt.

Selbst viele linke Medien im Westen haben versagt, diesen Zusammenhang zu erkennen. Sie reproduzierten das Narrativ eines angeblich antiimperialistischen Regimes und übersahen dabei, dass die Islamische Republik längst Teil einer spezifischen neoliberalen Ordnung ist. Einer Ordnung, die zwar rhetorisch gegen den Westen auftritt, materiell jedoch eine brutale kapitalistische Logik verfolgt.

Die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ markierte in diesem Kontext einen qualitativen Bruch. Sie war nicht nur eine Reaktion auf staatliche Gewalt gegen Frauen, sondern Ausdruck einer tiefen gesellschaftlichen Erschütterung. Im Unterschied zu früheren Bewegungen, etwa der Grünen Bewegung von 2009, die stark auf politische Reformen und Wahlprozesse fokussiert war, oder den Novemberprotesten von 2019, die sich unmittelbar an wirtschaftlichen Maßnahmen entzündeten, gelang es dieser Bewegung, sich in den sozialen Strukturen der Gesellschaft zu verankern.

Frauen, Arbeiterinnen und Arbeiter, ethnische Minderheiten, Lehrerinnen, Rentner und Bewohner marginalisierter Städte traten sichtbar auf. Die Bewegung machte deutlich, dass Unterdrückung im Iran nicht nur kulturell oder politisch, sondern vor allem ökonomisch organisiert ist. In ihr verdichteten sich jahrzehntelange Erfahrungen von Ausbeutung, Enteignung und sozialer Unsicherheit.

Die Härte, mit der das Regime auf diese Bewegung reagierte, erklärt sich aus seiner ökonomischen Verfasstheit. Entgegen seiner eigenen Ideologie ist die Islamische Republik kein Gegenmodell zum Kapitalismus. Seit den 1990er-Jahren wurde im Iran eine neoliberale Umstrukturierung durchgesetzt, beginnend unter der Regierung von Akbar Hashemi Rafsandschani. Privatisierung öffentlicher Ressourcen, Abbau von Subventionen, Schwächung sozialer Sicherungssysteme und die Verlagerung wirtschaftlicher Macht in private und halbstaatliche Netzwerke prägten diese Phase.

Die Profiteure westlicher Sanktionen

Diese Politik traf die unteren Klassen unmittelbar. Bereits 1994 kam es zu Aufständen in Maschhad und Islamshahr, ausgelöst durch einen Streik von Minibusfahrern. Dass der Staat auf einen Arbeiterstreik mit militärischer Gewalt reagierte, war kein Ausnahmefall, sondern Ausdruck eines grundlegenden Verhältnisses: Klassenkampf wird im Iran von oben kriminalisiert und militärisch beantwortet.

Alle nachfolgenden Regierungen, ob reformorientiert oder populistisch, setzten diesen neoliberalen Kurs fort. Mit der Präsidentschaft Mahmud Ahmadinedschads nahm das System jedoch eine neue, noch destruktivere Form an. Die Revolutionsgarden drangen massiv in wirtschaftliche Schlüsselbereiche ein, während internationale Sanktionen eine Schmuggel- und Rentenökonomie begünstigten.

In dieser Ökonomie verband sich die Nähe zu Machtstrukturen und Organisationen mit privilegiertem Zugang zu Geld, Kapital und Devisen, was eng mit dem Sanktionsregime zusammenhing. Da Iran unter US-Sanktionen kaum Öl offiziell verkaufen konnte, entsandte der Staat regime­nahe Akteure – unter anderem Söhne und enge Verwandte von Generälen oder Klerikern, in Länder wie die Türkei, oder andere Nachbarstaaten, wo iranisches Öl privat verkauft wurde. Die Erlöse flossen anschließend als Dollar in den Iran zurück. Diese Öl-Oligarchen profitierten direkt von den Sanktionen und positionierten sich daher politisch gegen jede Verbesserung der internationalen Beziehungen Irans.

Auch Banken spielten eine zentrale Rolle. Seit 2005 wurden innerhalb weniger als zwei Jahren über 15 Finanzinstitute und Banken gegründet, die enge Verbindungen zu Machtstrukturen der Revolutionsgarden, Kleriker oder reformistischen Eliten hatten. Diese Banken konnten zinsfrei und unbegrenzt Geld von der Zentralbank leihen, ohne es zurückzuzahlen. Die so entstandenen Oligarchien errichteten über Netzwerke der sogenannten „Achse des Widerstands“ Finanzstrukturen in Nachbarländern. Halb-soziale Organisationen wie der „Sandoogh-e Moaleman“ oder die gesetzliche Sozialversicherung wurden innerhalb weniger Jahrzehnte von diesen Oligarchien ausgeplündert. In dieser Phase entstand eine neue oligarchische Klasse, die sich aus Informationsrenten (Zugang zu geheimen Informationen in Bezug auf politische Entscheidungen) und wirtschaftlichen Privilegien speiste.

Korruption wurde nicht zur Abweichung, sondern zur Grundlage der Ökonomie. Die Interessen dieser Ordnung entfernten sich immer weiter von denen der Gesellschaft, insbesondere der Arbeiterklasse.

Die Novemberproteste 2019 waren die logische Folge dieser Entwicklung. Innerhalb weniger Tage tötete der Staat Hunderte Demonstrierende und kappte landesweit das Internet. Für viele Menschen war dies ein Wendepunkt. In echten Klassenkonflikten, so wurde deutlich, stehen alle Institutionen des Systems geschlossen gegen die Bevölkerung. Seitdem hat sich ein großer Teil der Gesellschaft politisch vom Staat getrennt.

Vom Basar zum Volksaufstand

Vor diesem Hintergrund muss auch die aktuelle Protestwelle verstanden werden, insbesondere die Rolle des Basars. Der Basar ist keine neutrale ökonomische Institution, sondern eine historische politische Kraft. Er spielte eine zentrale Rolle in der konstitutionellen Revolution (1905–1911), unterstützte später die Geistlichkeit und galt nach 1979 über Jahrzehnte als ökonomische Säule der Islamischen Republik.

Der Basar mit seinen eigenen Netzwerken in Großstädten wie Tabriz, Isfahan, Maschhad und Schiras spielte eine wichtige Rolle während der Revolution, einerseits durch Generalstreiks, andererseits durch finanzielle Unterstützung der Revolution. So wurde der Aufenthalt Ayatollah Khomeinis in Paris von einem bekannten Basari finanziert. Auch nach der Revolution war der Basar mit der politischen Partei „Motalefeh Islami“ ein wichtiger Akteur, dessen antisozialistischer Einfluss maßgeblich zur neoliberalen Wende des Systems im 1990er beitrug.

Doch diese Allianz ist zerbrochen. In den letzten zehn Jahren wurde der Basar zunehmend marginalisiert. Banken, Holdings und militärische Wirtschaftsnetzwerke verdrängten ihn. Währungsabwertung, Sanktionen und wirtschaftliche Instabilität führten zu massiven Verlusten. Der Basar, einst Profiteur der Ordnung, wurde selbst zu ihrem Opfer.

Dass die aktuellen Proteste im Basar begannen, ist daher kein Zufall. Es markiert einen Bruch innerhalb der herrschenden Struktur. Einerseits bleibt der Basar ein zentraler Ort der Warenverteilung im ganzen Land, andererseits profitiert er immer weniger von Korruption und Sanktionen, da er direkt von der Kaufkraft der Bevölkerung abhängt. Zwar ist der patriarchale Charakter des Basars unübersehbar, und monarchistische Parolen sorgten zunächst für Verunsicherung. Doch politische Bewegungen sind widersprüchlich. Wie Michel Foucault betont, ist Politik kein lineares Programm, sondern ein Ereignis, ein Moment der Möglichkeit.

In der zweiten Woche der Proteste schlossen sich breitere Teile der Gesellschaft an. Die geografische und klassenmäßige Vielfalt der Proteste zeigt, dass es sich nicht um ein isoliertes Phänomen handelt, sondern um eine gesellschaftliche Zuspitzung. Trotz der lauten Präsenz monarchistischer und rechter Stimmen in sozialen Medien bleibt der Kern der Bewegung sozial und Klassen-basiert.

Man darf nicht vergessen, dass die großen Demonstrationen zu Beginn nicht in Teheran, sondern in Abdanan, Malekshahi und Ilam (den ärmsten Städten Irans) stattfanden. Heute hört man jedoch kaum noch von diesen Teilen der Proteste, da sie brutal unterdrückt wurden.

An diesem Punkt tritt die internationale Dimension offen zutage. Iran befindet sich heute zwischen zwei neoliberalen Fronten. Auf der einen Seite steht ein brutales, korruptes Regime, das bereit ist, seine eigene Bevölkerung massenhaft zu töten, um seine ökonomischen und militärischen Interessen zu sichern. Auf der anderen Seite stehen Akteure wie Donald Trump, Benjamin Netanjahu und royalistische Kräfte, die Iran nicht als Gesellschaft, sondern als geopolitisches Spielfeld betrachten.

Trumps Politik der maximalen Sanktionen hat nicht das Regime geschwächt, sondern die unteren Klassen verarmt und die Schmuggelökonomie der Revolutionsgarden sowie reformistischer Eliten gestärkt. Netanjahus militärische Eskalationsstrategie verfolgt nicht die Befreiung der iranischen Bevölkerung, sondern regionale Machtinteressen. Beide tragen dazu bei, die Gesellschaft in einen Zustand permanenter Unsicherheit zu versetzen und progressive, Klassen-basierte Bewegungen zu ersticken.

Die Gefahr der imperialistischen Intervention

Ein Krieg gegen Iran, offen oder verdeckt, würde nicht das Regime stürzen, sondern die Region weiter militarisieren und die Repression verschärfen. In diesem Szenario verlieren die unteren Klassen immer. Deshalb ist die Vorstellung, äußere Intervention könne Befreiung bringen, nicht nur naiv, sondern gefährlich.

Die Iranerinnen und Iraner gehen heute auf die Straße, obwohl sie zwischen diesen Fronten zerrieben zu werden drohen. Sie riskieren ihr Leben, um selbst über ihre Zukunft zu entscheiden. Doch internationale Solidarität bleibt weitgehend aus oder wird durch geopolitische Interessen ersetzt.

Während die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ zahlreiche Solidaritätsdemonstrationen in westlichen Ländern auslöste und zur Sichtbarmachung der Proteste beitrug, blieb diese Solidarität weitgehend symbolisch. Die aktuelle Lage ist jedoch äußerst ernst und düster. Einerseits planen die USA und vermutlich auch Israel weitere Angriffe auf Iran, die verheerende Folgen hätten. Solidarität muss daher an erster Stelle gegen die Militarisierung der Region gerichtet sein. Auch die Sanktionen haben bisher vor allem der Bevölkerung geschadet, nicht der Regierung und ihren Oligarchen, von denen viele unbehelligt in Europa, Kanada und den USA leben.

Darüber hinaus müssen linke Gruppen, Gewerkschaften und linke Parteien Solidarität mit iranischen Gewerkschaften und den ärmeren Klassen zeigen und aktiv darüber in ihren Medien berichten. Während Royalisten, Rechtsradikale oder Liberale lautstark über die Proteste sprechen und sie nach ihren Interessen interpretieren, bleiben die langjährigen Kämpfe iranischer Gewerkschaften wie der Busfahrer*innen-Gewerkschaft, der Haft-Tappeh-Gewerkschaft, des Schriftstellerverbands oder der Lehrerverbände weitgehend in westlichten Medien unsichtbar. Dies ermöglicht es der rechten iranischen Diaspora, die Lage ideologisch für weitere militärische Eskalationen vorzubereiten.

Es geht nicht mehr um Interpretation. Es geht um Veränderung. Wer den Klassenkampf ernst nimmt, muss sich klar positionieren. Solidarität mit der iranischen Bevölkerung bedeutet, sich sowohl gegen das Regime als auch gegen imperialistische Kriegsstrategien zu stellen. Alles andere ist Verrat an denjenigen, die heute im Iran kämpfen.

Foto: ANF Deutsch