Afghanistan: Militaristische Wahlkampf- und Presseshow

28. August 2021

„Kabul: KSK-Helden retten Münchener Familie aus Taliban-Hölle“, titelte Bild am 23. August. Für das Boulevard- und Hetzblatt aus dem Hause Springer ist die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan ein wahres Geschenk. Endlich kann sie wieder das tun, was sie am liebsten tut: eine Art Kriegsberichterstattung im Landser-Stil aufziehen und die Soldat*innen der Bundeswehr Tag für Tag als Helden bejubeln – auch das in faschistische Netzwerke verstrickte Kommando Spezialkräfte (KSK). Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner harfte unter der Überschrift „Unsere Soldaten, unsere Helden“: „Es gibt wenig in Deutschland, auf das wir stolz sein können. Auf euch Soldaten in Kabul bin ich stolz. Ihr rettet Leben und setzt euer eigenes Leben dafür ein. So viele Medaillen gibt es nicht, die ich euch verleihen möchte.“

Das ist halt Bild, könnte man diese durchgeknallte Heldenprosa abtun. Aber es sind auch andere bürgerliche Medien, die die Gelegenheit nutzen, um die Bundeswehr und ihre Verbündeten in Afghanistan aus der Schusslinie zu nehmen. Die Zustände am Flughafen von Kabul, die schlimme Lage der noch im Lande verbliebenen „Ortskräfte“ und die Evakuierungsaktionen der westlichen Allianz werden genutzt, um die Militärs von jeder Verantwortung für die von Anfang an verfehlte Besetzung Afghanistans reinzuwaschen. Nicht nur in Boulevardmedien werden uns Soldaten plötzlich als barmherzige Samariter präsentiert. Berichte zum Thema wurden zuletzt allenthalben mit Fotos von Soldaten bebildert, die Babys oder Kleinkinder im Arm halten. Bei Twitter sorgte das Foto eines norwegischen Soldaten, der einen schlafenden Säugling auf dem Schoß hat, für Furore.

Man kann das einen gelungenen PR-Coup nennen. Irgendwie erscheint manches in der momentanen Medieninszenierung wie eine moderne Version der Dolchstoßlegende, mit der es der Obersten Heeresleitung des Deutschen Reiches nach dem 1918 verlorenen Ersten Weltkrieg gelang, die Schuld auf andere abzuwälzen. „Unsere Soldaten“ kehren „im Felde unbesiegt“ nach Hause zurück, an der Katastrophe sind allein die unfähigen Politiker*innen in der Heimat schuld. Ganz so wird das heute natürlich nicht mehr formuliert. Heute sagt man: Die Bundeswehr hat einen „guten Job“ gemacht. Sie müsse jetzt in Kabul ausbaden, dass die Bundesregierung das Ausfliegen der Ortskräfte behindert und verzögert hat.

Als bemitleidens- und unterstützenswert werden uns Soldat*innen von den Medien derzeit auch in vielen Beiträgen über psychische Probleme der „Veteranen“ präsentiert. Sogar die Ärztezeitung griff das Thema auf, befragte einen Psychiater und Psychotherapeut, der als Oberstarzt der Reserve zweimal in Afghanistan im Einsatz war. Im Vorspann zu dem Interview heißt es, die aktuellen Bilder von der Machtübernahme der Taliban ließen „bei manchem alte Traumata wieder aufleben“. Es stelle sich auch „die Sinnfrage: War alles umsonst? Der Einsatz, die Lebensgefahr, in die man sich begeben hat, das alles für nichts?“ Im Deutschlandfunk barmte ein Soldat, der siebenmal am Hindukusch im Einsatz war: „Dieser Einsatz war umsonst, unsere Toten waren umsonst. Unser Engagement der letzten 20 Jahre war damit sinnlos. Umsonst in dem Sinne, dass ich nicht erkennen kann, dass die Ziele, die wir uns gesetzt hatten – Stabilität und Sicherheit reinzubringen – erreicht wurden.“

Für solche Äußerungen gibt es aus linker Sicht eigentlich nur eine Antwort: Wer den Beteuerungen geglaubt hat, dem Westen sei es mit dem Einsatz in Afghanistan ums Brunnen bohren, die Rechte der dort lebenden Frauen und den Aufbau eines demokratischen Staates – Nation building, wie man das heute nennt – gegangen, der ist einfach nur grenzenlos naiv. Oder noch drastischer formuliert: So blöd kann doch heute eigentlich keiner und keine mehr sein, zu glauben, bei den Kriegen und militärischen Interventionen des von den USA angeführten kapitalistischen Westens gehe es im Kern um Menschenrechte und „unsere Werte“. Natürlich geht es – zuletzt etwa im Kosovo, im Irak, in Libyen und Syrien – immer nur um geostrategische und wirtschaftliche Vorteile, um Rohstoffe, um Profit- und Machtzuwachs für den militärisch-industriellen Komplex.

Darum gibt es nicht den geringsten Grund, angesichts der Situation in Kabul die Bundeswehr oder Soldaten anderer Staaten zu bejubeln. Das Militär und die Verengung auf das Militärische sind Teil, wenn nicht Kern des Problems. Es gibt auch keinen Grund, der Bundeswehr dafür zu danken, dass sie Ortskräfte und ihre Angehörigen ausfliegt, selbst wenn das richtig und wichtig ist. Die deutsche Bundesregierung und ihre Behörden, das schließt die Bundeswehr ein, gehören zu denen, die für die Katastrophe am Hindukusch verantwortlich sind. Wenn sie jetzt Afghanen helfen, die für deutsche Stellen in den vergangenen Jahren gearbeitet haben oder noch arbeiten, ist das nur recht und billig.

Dass das Bundesinnenministerium und andere Ministerien wochenlang mit bürokratischen Tricks eine schnelle und unkomplizierte Ausreise der Ortskräfte behindert haben, ist natürlich ein Skandal. Er bestätigt aber nur aufs Neue den bodenlosen Zynismus bürgerlicher Politiker hierzulande. So hat Innenminister Horst Seehofer (CSU) auch diesmal wieder gezeigt, wie er wirklich tickt, und damit unfreiwillig seine Charakterisierung in diesem Beitrag voll und ganz bestätigt.

Auch der CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet und andere CDU-Politiker wie der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl haben in den vergangenen Tagen gezeigt, wes Geistes Kind sie sind. Keine 24 Stunden nachdem die Taliban in Kabul einmarschiert waren, diktierten sie der Presse schon – jeweils nur leicht variiert – den Satz in die Blöcke, mit dem die Reaktion in diesem Land am liebsten die Bevölkerung in Angst versetzt: „2015 darf sich nicht wiederholen.“ Auch die AfD argumentierte übrigens so. Ob die CDU mit einer solchen Angstkampagne im Bundestagswahlkampf noch das Ruder herumreißen kann, sei dahin gestellt. Eine Aussage, wie sich das Thema Afghanistan, das die Themen Corona und Hochwasserkatastrophe ansatzlos aus den Schlagzeilen verdrängt hat, auf die Wahl am 26. September auswirkt, lässt sich nicht zuverlässig treffen.

Feststellen lässt sich dagegen, dass wir in sehr unruhigen Zeiten leben. Wenn die Wähler*innen demnächst wirklich begreifen, dass Angela Merkel nicht mehr zur Wahl steht und endgültig die Brücke verlässt, sind alle möglichen Reaktionen und Konstellationen vorstellbar. Denn „Mutti“ hat es immer meisterhaft verstanden, eine Zuverlässigkeit und Kontinuität zu simulieren, die es in dieser spätkapitalistischen Endzeit tatsächlich gar nicht geben kann. Wohin die Menschen sich flüchten, wenn sie anfangen, das zu ahnen, ist völlig offen.

#Titelbild: Bundeswehr/Marc Tessensohn

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