Der Berg kommt zur Prophetin – Die zapatistische „Reise für das Leben“ beginnt

31. Juli 2021

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Gastbeitrag

Im Sommer 2021 kommt eine Delegation der EZLN und anderer Gruppen nach Europa – über 150 Personen aus verschiedenen Organisationen. Die Gruppe Berg Fidel Solidarisch hat sich Gedanken über die Bedeutung dieser Reise gemacht.

Vor kurzer Zeit ist die Vorhut der „Reise für das Leben“ in Europa angekommen. Die Delegation – bestehend aus Zapatistas zusammen mit dem Nationalen Indigener Kongress (CNI) und der Gemeindefront zur Verteidigung von Land und Wasser (FDPTA) – wird dieses Jahr aus Mexiko nach Europa kommen, um die Kämpfe hier kennenzulernen, zu unterstützen und uns zuzuhören.

Dies ist eine große Chance um uns untereinander zu vernetzen, Gemeinsamkeiten in unserer politischen Praxis zu suchen und uns von unten zu organisieren – nicht nur in Vorbereitung auf den Besuch, sondern (vor allem auch) darüber hinaus. Seitdem die Zapatistas 1994 mit ihrem „Ya Basta!“ („Es reicht!“) an die Öffentlichkeit gegangen sind, haben sie immer wieder dazu aufgerufen, an den eigenen Orten solidarische und widerständige Strukturen aufzubauen und sich weltweit gegen Kapitalismus und Unterdrückung zu organisieren. Die zapatistische Bewegung ist dabei für viele von uns Inspiration, Hoffnungsquelle und ein Beispiel dafür, dass eine andere Welt möglich ist. Denn ihre basisdemokratische Gesellschaftsform verbindet alle Lebensbereiche zu einem „Kampf für das Leben“, in dem sie stets undogmatisch „fragend voranschreiten“.

Entsprechend sind die Zapatistas auch ein Bezugspunkt in den Diskussionen um Basisarbeit, die seit einigen Jahren verstärkt auch in der deutschsprachigen Linken geführt wird. Verstanden als eine politische Methode, mit der die alltäglichen Bedürfnisse und Unzufriedenheiten zum Ausgangspunkt für kollektiven Widerstand und politische Bewusstseinsbildung genommen werden. Somit soll in einem langfristigen Prozess von unten Gegenmacht zum Bestehenden entwickelt werden. In diesem Zuge haben sich in zahlreichen Städten innerhalb der BRD Basisinitiativen gegründet, um eine neue politische Praxis über Subkultur und Kampagnen hinaus zu entwickeln, zum Beispiel unter dem Namen der revolutionären Stadtteilarbeit. Als Berg Fidel Solidarisch haben wir uns ebenfalls auf diesen Weg begeben und den Aufbau einer Stadtteilinitiative begonnen. Dies markiert für uns einen Anfangspunkt im Aufbauprozess einer organisierten sozialen Bewegung. Damit meinen wir eine Organisierung von Basisinitiativen zu einer gemeinsamen Bewegung. Für das Ziel hier langfristig eine Gegenmacht von unten zu entwickeln und uns verbindlicher zu organisieren, können wir von den companer@s viel lernen.

Im Folgenden möchten wir nachvollziehbar machen, was wir von den Genoss:innen bereits gelernt haben und einige Grundsätze ihrer Praxis vorstellen. Daran anschließend wollen wir das Konzept der Revolutionären Stadtteilarbeit vorstellen und auch unsere Erfahrungen damit während der letzten zwei Jahre teilen. Abschließend widmen wir uns der Frage, was der Besuch der Zapatistas für uns bedeutet.

Wer sind die Zapatistas?

Aber zunächst: Wer sind die Zapatistas? Die zapatistische Bewegung besteht vor allem aus indigenen Menschen und Kleinbäuer:innen im Bundesstaat Chiapas in Südmexiko, die sich gegen Kapitalismus, Patriarchat, Naturzerstörung und Kolonialismus stellen. Weltweit bekannt geworden sind die Zapatistas am 1. Januar 1994, als sie sich zum Aufstand der Würde „für Land und Freiheit“ und gegen den sie unterdrückenden und ausbeutenden mexikanischen Staat erhoben. 1996 hatten die mexikanische Regierung und die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) die Abkommen von San Andrés unterzeichnet, welche indigene Selbstverwaltung und Anerkennung indigener Rechte garantieren sollten. Aber bis heute hat keine der Regierungen die Verträge umgesetzt, sodass die Zapatistas den Kontakt zur Regierung abgebrochen haben. Den Autonomiebestrebungen der Bewegung setzt die Regierung daraufhin bis heute einen „Krieg niederer Intensität“ mit verschiedenen Mitteln der Aufstandsbekämpfung entgegen, die unter anderem Vertreibungen, Einschüchterungen, Bestechungen oder Desinformation bedeuten.

Seitdem errichten die Zapatistas in ihren autonomen Gebieten basisdemokratische Selbstverwaltungsstrukturen mit „Räten der guten Regierung“, eigenen Schulen, Kliniken, Medien und vielem mehr. Sie verfolgen das Ziel eine Welt zu schaffen, in der viele Welten Platz haben. Das bedeutet, dass sie mit einer undogmatischen Haltung in Austausch mit anderen kämpfenden Menschen treten, dabei aber nicht die Erwartung haben, dass alle genauso leben und kämpfen wie sie selbst.

Trotz Repressionen kämpfen die Zapatistas weiter und haben sogar 2019 ihr Einflussgebiet erheblich vergrößert, als sie die Zahl ihrer autonomen Verwaltungszentren („caracoles“) mehr als verdoppelten und ihr Gebiet auf vier neue autonome Landkreise ausdehnten. Gleichzeitig laden die Zapatistas immer wieder international alle widerständigen, linken Menschen zu großen Treffen ein, um sich zu vernetzen und gegenseitig voneinander zu lernen. Wichtig ist ihnen dabei, einen aktiven Internationalismus zu kultivieren, das heißt, dass wir nicht nur Solidaritätsarbeit für die Zapatistas leisten, sondern auch selber kämpfen und Alternativen an unseren Orten aufbauen müssen. Der Kampf für eine andere Welt ist ein gemeinsamer Kampf, der global stattfinden muss – dabei stets angepasst an die eigenen Bedingungen und Territorien. Nun ist der nächste große Schritt in ihrer internationalistischen Zusammenarbeit gekommen – nicht Menschen aus aller Welt kommen zu ihnen, sondern die Zapatistas machen sich auf, die Welt zu bereisen!

Die Zapatistas verfügen heute, nach über 35 Jahren des Kampfes, über beeindruckende Selbstverwaltungsstrukturen. Die zivilen Institutionen der politischen Selbstverwaltung sind dabei rätedemokratisch organisiert und garantieren den basisdemokratischen Anspruch der Bewegung. So können kleinere Entscheidungen dezentral auf der lokalen Ebene getroffen werden, während für größere Entscheidungen auf höherer Ebene Delegierte zusammenkommen. Diese Delegierten sind jedoch keine Berufspolitiker:innen, sondern mit imperativen Mandaten den Entscheidungen der Basis verpflichtet. Die Mandatsträger:innen erhalten zudem auch keine Privilegien und rotieren regelmäßig, damit sich keine Machtpositionen entwickeln.

Wenn auf regionaler Ebene andere Ideen formuliert werden als zuvor auf der lokalen Ebene, muss der Vorschlag wieder zurückgetragen werden und dort Zustimmung finden, bevor er umgesetzt werden kann. Wenn man sich in Süd-Mexiko in die autonomen Landkreise der Zapatistas begibt, weisen Schilder auf dieses Prinzip hin: „Sie befinden sich auf zapatistischem Gebiet. Hier befiehlt das Volk und die Regierung gehorcht.“

Es ist die Basis der Bewegung, die in regelmäßigen Versammlungen demokratisch über die Politik entscheidet. Innerhalb der Autonomieregion bestehen zudem Rechte und Pflichten für die Zapatistas, die sie sich selbst gegeben haben. Hierzu zählen z.B. das revolutionäre Frauengesetz für gleiche Beteiligungschancen und Selbstbestimmung der Frauen, das Verbot staatliche Gelder anzunehmen, oder Alkohol zu konsumieren. Das Alkohol- und Drogenverbot hat mehrere Gründe. Zum einen wurde es eingeführt, da sich Mitglieder der EZLN mit Zugang zu Waffen stets unter Kontrolle haben sollen. Des Weiteren forderten Frauen ein Ende der Gewalt gegen sie, welche durch Alkohol üblicherweise größere Ausmaße erreicht (vgl. Kerkeling, Luz. „Die Frauen in der zapatistischen Bewegung.“ Resistencia! Südmexiko: Umweltzerstörung, Marginalisierung und indigener Widerstand, Unrast Verlag, Münster, 2013, S.383).

Es sind die Prinzipien der zapatistischen Bewegung, die diese Selbstverwaltungsstruktur füllen und die sie zu einem emanzipatorischen Prozess machen. Die alternativen Selbstverwaltungsstrukturen, die zahlreichen autonomen Schulen, Krankenhäuser, Kooperativen und Verwaltungszentren wurden von unten entwickelt – und damit ausgehend von den Bedürfnissen und Interessen der Basis. Dieses Prinzip ermöglichte 1994 den basisdemokratisch legitimierten Aufstand und heute, über 27 Jahre später, die bereits gestartete Reise der zapatistischen Delegation zum europäischen Kontinent.

Der eigene Alltag und die eigene Politik sind in der Autonomieregion aufs engste miteinander verknüpft. Schließlich gibt es hier keine Stellvertreter:innen-Politik und getroffene Entscheidungen können nur durch das eigene Handeln umgesetzt werden. Und der Idee des „Kampfs für das Leben“ folgend ist jeder Lebensbereich geprägt von der Vision und dem Kampf für eine andere Welt. Ihre politische Praxis und Theorie verbindet außerdem einzelne Kampffelder wie Feminismus, Antikapitalismus oder Ökologie in einer umfassenden, radikalen Systemkritik. Gemäß der basisdemokratischen Organisierung ist die Politik der Zapatistas somit nicht beschränkt auf eine „Feierabend-Politik“, sondern ist Teil des alltäglichen Lebens. Entsprechend ist die Politik tief in den eigenen Lebensrealitäten verankert. Diese Lebensrealitäten werden von den Zapatistas jedoch nicht identitär betrachtet, in dem Sinne, dass sie sich selbst auf eine vermeintlich homogene (indigene) Identität reduzieren würden, von der aus sie das bestehende System angreifen. Vielmehr brechen die companer@s Identitätskategorien auf und suchen davon unabhängig nach Gemeinsamkeiten – so wie sie es auch für die Delegationsreise angekündigt haben: „Wir werden keine Verschiedenartigkeit suchen, keine Überlegenheit, keine Konfrontation, noch viel weniger Vergebung und Mitleid. Wir werden finden, was uns gleich macht.“

Anstatt auf der Grundlage von unterschiedlichen Positionierungen trennende Mauern zu errichten, schlagen die Genoss:innen basierend auf der kollektiven Sehnsucht nach einer anderen Welt vor, dass wir uns gemeinsam von unten organisieren. Die Zapatistas verwehren sich somit einem ökonomistischen Klassenreduktionismus, demzufolge die (materiellen) Interessen der einen den (kulturellen) Interessen der anderen entgegengestellt seien. Vielmehr gehört die Kritik an den verschiedenen Formen von Unterdrückung, Entfremdung und Ausbeutung in Theorie und Praxis miteinander verbunden. Es sind diese Gemeinsamkeiten der unterschiedlich Ausgebeuteten und Unterdrückten, aus denen sich die radikale Kritik am patriarchal-kapitalistischen System speist, sowie der kollektive Drang zur Erschaffung einer anderen Welt.

Die Rolle der EZLN in der zapatistischen Bewegung

Die Selbstverwaltungsstrukturen der Zapatistas werden weltweit bewundert – und damit einhergehend oft auch idealistisch verklärt. Schließlich besteht die Bewegung nicht nur aus den zivilen Strukturen und den dort aktiven Mitgliedern, sondern es gibt parallel auch noch die politisch-militärische EZLN. Es ist einleuchtend, dass ihre Selbstverwaltung nicht vom Himmel gefallen ist. Auch wenn hiermit an in den indigenen Gemeinden bestehende Traditionen angeknüpft werden konnte, bedurfte es einen intensiven Prozess der Basisorganisierung, um zu den heutigen Strukturen zu gelangen. Diese Strukturen sind nicht nur nicht von allein entstanden, sondern mussten auch gegen mächtige Feinde durchgesetzt werden: Immer wieder werden zapatistische Gemeinden von (para-)militärischen Einheiten angegriffen, versuchen Unternehmen sich mit Desinformationskampagnen und Bestechungen das Land anzueignen oder übersät die Regierung die Bewegung mit Repressionen. Es war daher die Funktion der EZLN die heute bestehenden Selbstverwaltungsstrukturen aufzubauen und zu ermöglichen und gegen die verschiedenen Formen der Aufstandsbekämpfung zu verteidigen.

Die EZLN ist in der Vergangenheit nach und nach in den Hintergrund getreten und spielt in der alltäglichen Selbstverwaltung eine untergeordnete Rolle. Innerhalb der demokratischen Selbstverwaltung hat die Organisation keine Privilegien und in der Regel nur noch eine beratende Funktion. Dies verdeutlichen beispielsweise das Motto „todo para tod@s, nada para nosotr@s“ (alles für alle, nichts für uns) und das Prinzip des „servir y no servirse“ (dienen und nicht sich bedienen/bereichern). Die Kader genießen keinerlei Privilegien, außer des Privilegs, der Gemeinschaft zu dienen. Auch heute noch kommen von der EZLN aber immer wieder Vorschläge für politische Initiativen (wie z.B. für die Delegationsreise), welche dann diskutiert und ggf. umgesetzt werden können. Historisch betrachtet wäre die heutige Autonomie ohne die EZLN nicht möglich gewesen. Dies nicht nur wegen ihrer Rolle im militärischen Aufstand oder der Aufgabe der Selbstverteidigung, sondern auch zugunsten des Aufbaus der Selbstverwaltungsstrukturen.

Revolutionäre Stadtteilarbeit

Die zapatistische Bewegung ist für uns ein wichtiger Bezugspunkt, vor deren Hintergrund wir seit einigen Jahren versuchen auch hier in der BRD eine revolutionäre Praxis zu entwickeln, nachdem wir uns eingestehen mussten, dass unsere bisherige Praxis uns unseren Zielen nicht wirklich näherbrachte. Auch zum Beispiel in den kurdischen Selbstverwaltungsstrukturen in Rojava lassen sich Ähnlichkeiten finden. Sie sind ein weiterer wichtiger Bezugspunkt für viele in der Debatte um eine Neuausrichtung linksradikaler Politik und um Ansätze der Basis- oder Stadtteilarbeit.

Wir sind der festen Überzeugung, dass uns die Befreiung nur als Selbst-Befreiung gelingen kann, von unten und von links – ganz so wie die Zapatistas dies für ihre Region seit Jahrzehnten machen. Für uns in der BRD bedeutet dies, dass wir zunächst gegen die Strukturen und Mechanismen des (kaum noch Sozial-)Staates und der neoliberalen Ideologie solidarische Beziehungen herstellen müssen. Wir müssen ein politisches Bewusstsein ermöglichen, welches erkennt, dass die verschiedenen Unterdrückungen und Ausbeutung sich zu einem gemeinsamen Widerstand wandeln können. Dies erreichen wir leider durch keinen Flyer und auch nicht durch einen besonders guten Demo-Aufruf, sondern nur indem wir uns in langfristige politische Prozesse mit unseren Mitmenschen begeben. Dies ist es, was wir unter Basisarbeit verstehen.

Seit einigen Jahren machen wir revolutionäre Stadtteilarbeit, als eine besondere Form der Basisarbeit. Wir beziehen uns dabei auf einen Stadtteil als räumliche Größe, indem wir uns gemeinsam organisieren wollen. In der kapitalistischen Stadt sind die Nachbarschaften meistens stark nach class und race segregiert, sodass wir uns zunächst für einen Stadtteil mit vielen Arbeitslosen, Armen und Migrant:innen entschieden haben. Auch wenn wir einen ökonomistischen Klassenreduktionismus ablehnen, müssen die materiellen Interessen der Ausgebeuteten und Unterdrückten doch eine zentrale Rolle im Aufbau einer anderen Gesellschaft einnehmen. Durch die Anbindung der Basisarbeit an den Stadtteil als Ort, wo verschiedene Lebensrealitäten und Rollen zusammentreffen, wollen wir zudem eine umfassende Perspektive entwickeln und der hier stattfindenden Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung gemeinsam entgegentreten.

In unserem Stadtteil bemühen wir uns nun um den Aufbau einer solidarischen und kämpferischen Gemeinschaft. Dafür brauchen wir gemeinsame Orte des Zusammenkommens, an denen Menschen sich begegnen und wo über die eigenen Interessen hinaus eine Kollektivität und Solidarität zwischen unterschiedlich Unterdrückten entstehen kann. Ein Ort, an dem die einzelnen Kämpfe, die im Stadtteil geführt werden, in Gesprächen miteinander in Verbindung gesetzt werden und sich somit eine umfassendere politische Perspektive für den „Kampf für das Leben“ sowie Verständnis zwischen Menschen mit verschiedenen Erfahrungen herausbilden kann. Wir entwickeln also eine möglichst ganzheitliche Politik in Theorie und Praxis, die die unterschiedlichen Kampffelder miteinander verbindet. Denn die verschiedenen Bereiche existieren nicht getrennt voneinander, sie sind miteinander verbunden und müssen auch so betrachtet werden. In jedem Menschen überschneiden sich Rollen und Bedürfnisse (als Frau, PoC, Person auf dem Land oder in der Stadt, als alter Mensch…). Eine Politisierung des Alltags ist deshalb notwendig, um Menschen und ihr Leben in ihrer Ganzheit anzusprechen und das ausbeuterische System, in dem wir leben, im Ganzen zu überwinden.

Gleichzeitig ist aber auch das Arbeiten an konkreten Themen oder abgesteckten Bereichen notwendig, um bestimmte Probleme in ihrer Tiefe erkennen und verändern zu können. Wie viele andere Stadtteilgruppen auch führen wir daher z.B. konkrete Kämpfe um das Thema Wohnen. Ausgehend von vorhandenen Unzufriedenheiten haben wir in einem basisdemokratischen Prozess gemeinsame Ziele entwickelt und uns auf gemeinsame Kampfformen geeinigt. Diese Kämpfe werden weitgehend von den Nachbar:innen getragen, während wir uns um das Prinzip bemühen keine Stellvertreter:innen-Politik zu machen.

Eine zentrale Rolle kommt innerhalb der Basisarbeit der politischen Bildung zu: Menschen anzuregen und zu ermutigen das Gegebene zu hinterfragen und zu kritisieren, zu diskutieren, zu widersprechen und Verantwortung zu übernehmen. Zudem muss es auch darum gehen Wissen und Fertigkeiten weiterzugeben und so die eigene Rolle (als linke Initiativkräfte) Stück für Stück abzugeben. Eine gemeinsame Bildung hilft gegen Hierarchien und ermächtigt dazu gesellschaftsverändernd zu handeln.

In der konkreten Arbeit in unserem Stadtteil haben wir viele Erfahrungen gemacht, die uns in unserer Nachbarschaft verwurzeln. Wir haben zahlreiche Beziehungen aufgebaut und dazu beigetragen erste konkrete Verbesserungen im Alltag der Menschen zu erkämpfen. In persönlichen Gesprächen und durch Befragungen haben wir gemeinsame Interessen wie z.B. Probleme mit der im Stadtteil dominanten Wohnungsgesellschaft erkannt und darauf aufbauend Menschen auf Treffen und Versammlungen zusammengebracht. Wir tauschten uns über unsere Probleme aus und formulierten gemeinsam Forderungen. Viele Nachbar:innen machten ihre ersten Erfahrungen mit kollektivem Protest und Selbstorganisierung beim Planen von Versammlungen, dem Sammeln von Unterschriften oder auch kürzlich einer ersten Demonstration.

Wir stehen mit unserer Basisorganisierung nach wenigen Jahren noch am Anfang – und haben durch unsere ersten Schritte bereits einen Weg geschaffen, den wir weitergehen wollen. Aktuell arbeiten wir daran den Besuch der Zapatistas auch in unserer Nachbarschaft vorzubereiten. Die Möglichkeit dieses unwahrscheinlichen Zusammentreffens gibt uns viel Hoffnung.

Was die Rundreise der Zapatistas für uns bedeutet

Dass die Zapatistas sich nun tatsächlich auf den Weg zu uns machen, stellt eine große Chance für eine linke Organisierungs-Offensive dar. Wir sollten ihren Besuch als Anstoß und klare Aufforderung verstehen, auch hier in Europa eine organisierte Autonomie zu errichten. Dafür müssen wir uns sowohl als Linke besser organisieren, als auch endlich gesellschaftlich werden: Die Zapatistas bezeichnen sich selbst als „normalistas“ – als „normale“ Menschen, die rebellieren und täglich für eine bessere Welt kämpfen. Emanzipatorische Politik, Utopien und konkrete Organisierung müssen radikal und anschlussfähig in der Gesellschaft entwickelt und verankert werden.

Dabei werden der Austausch mit den compañer@s sowie all die Vernetzungs- und Organisierungsprozesse, die schon zur Vorbereitung der Reise angestoßen wurden, sicherlich eine starke Inspirationsquelle sein, die uns Hoffnung, Motivation und Schwung bringen. Diese neuen Impulse sollten wir unbedingt langfristig nutzen, um unsere Organisierung untereinander auch nach dem Besuch voranzutreiben und unsere politische Praxis nachhaltig zu stärken. Für diesen Weg sollten wir den Besuch der Delegation auch ernst nehmen als einen Anstoß, uns strategisch mit Fragen zum Aufbau von Gegenmacht, Selbstverwaltung und Ansätzen der Rätedemokratie auseinanderzusetzen und dann konkrete Schritte dorthin zu entwickeln. Seit vielen Jahren zeigt uns u.a. die zapatistische Bewegung, wie wichtig diese Aspekte für eine erfolgreiche linksradikale Praxis sind.

Und zu guter Letzt: Die zapatistische Vorhut von sieben Menschen, die über den Atlantik gesegelt sind, kommen in einem Segelschiff zu uns, welches den Namen „La Montaña“ (der Berg) trägt. Dies sollten wir nicht nur als Ausdruck ihrer Verbundenheit zu den Bergen verstehen, in denen sie leben und kämpfen, sondern vor allem als einen freundlich-bestimmten, solidarischen Arschtritt für uns Linke in Europa: Denn wenn die Prophet:innen nicht zum Berg kommen, kommt der Berg eben zu den Prophet:innen.

# Wir freuen uns über Kontaktaufnahme, Kritik, Feedback und Gespräche: bergfidel-solidarisch@riseup.net

# Die AG Basisorganisierung erreicht ihr hier: basisorganisierung@riseup.net

# Bildquelle: https://www.flickr.com/photos/orianomada/62573326/in/photostream/

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