Endgegner Student:in – Sahra Wagenknechts “Die Selbstgerechten”

30. April 2021

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Gastbeitrag

Die Talkshow-Königin der Linkspartei Sahra Wagenknecht hat ein viel diskutiertes Buch herausgebracht. Unserem Gastautor Stella Bugatti gefällt es nicht so gut.

Bist du kürzlich aus einem zehnjährigen Koma erwacht? Wenn ja, dann ist das neue Buch „Die Selbstgerechten“ von Sahra Wagenknecht das perfekte Buch für dich. In diesem wird sie nicht müde, sämtliche Entwicklungen der letzten Jahrzehnte darauf zurückzuführen, dass studierte Menschen in Berlin-Mitte veganen Cappuccino trinken. Dabei muss man sich immer wieder daran erinnern, dass hier eine Politikerin der Linken schreibt und man nicht etwa aus Versehen bei einem wütendem Post eines AfD-Kreisverbands auf Facebook gelandet ist. Denn hat das Buch äußerlich den Charme der DB mobil, bekommt man inhaltlich altbackene Klischees, formuliert im Duktus einer Person, die die Wahrheit gepachtet hat und sie nun endlich mit uns allen teilt. Natürlich nicht, ohne schon im Vorwort zu witzeln, dass nun die cancel culture über sie herfallen wird. Aber natürlich hält sie das nicht davon ab, sich hier zu positionieren. Stunning and brave.

Im Prinzip handelt es sich bei den „Selbstgerechten“ um zwei separate Bücher. In dem einen analysiert Wagenknecht die aktuellen Zustände und Entwicklungen durchaus treffend und zeigt wirkliche Problemlagen auf. In dem anderen lamentiert sie in bester rechter Stammtischmanier über die abgehobene studierte gutverdienende Elite in den Stadtzentren, die nicht anderes tut, als den Kapitalismus bunt anzustreichen. Ab und zu nehmen diese Kapitel Bezug aufeinander, eine Kritik wird trotzdem nicht daraus. Am Ende geht es um Datenschutz, doch passt dieses Kapitel nicht wirklich in das Buch und scheint nur dazu sein, um tatsächlich einmal ein aktuelles Thema ansprechen zu können.

Sahra Wagenknecht will die Anwältin des armen weißen Mannes sein. Sie zeigt, wie er seit den 1960ern seine Würde und seinen Wohlstand durch die neoliberale Politik verloren hat und wie die Linksliberalen nichts beizutragen haben, außer wirren Diskussionen um Sprechverbote und Soßennamen. Die liberalen Linken sind auch dafür verantwortlich, dass die Rechte überhaupt so stark werden konnte. Für Wagenknecht spielen einzig und allein wirtschaftliche Aspekte eine Rolle, alles andere ist Identitätspolitik. Mit wirren Erklärungen und saloppen Beispielen untermauert sie, warum der Kampf gegen Rassismus, Sexismus und Inklusion nicht nur vollkommen absurd ist, sondern noch dafür sorgt, dass der Arbeiter sich dadurch nach rechts gedrängt fühlt.

Dabei ist der Arbeiter im Buch dumm, fett und ignorant. Den ganzen Tag am Arbeiten, ist er unfähig, sich selbstständig weiterbilden zu können. So plump wie möglich entwirft Wagenknecht die eigentliche Konfliktlinie im Land: Arbeiter gegen Studierte. Wo der Arbeiter im Kapitalismus leidet, jubelt das gutverdienende studierte Pack. Man sollte mitdenken: All das schreibt eine promovierte Millionärin. Clown-Emoji. Das Buch ist eine Ansammlung aller rechten Klischees und Strohmänner, die sie genüsslich auf die linksliberale Elite loslässt. So wundert sie sich beispielsweise darüber, dass „inmitten linker Texte immer wieder dubiose Sternchen“ vorkommen. Nicht umsonst wird ihr Buch am rechten Rand gefeiert. Ideen für neue Politik hat sie nicht. Starker Staat, geschlossene Grenzen, Ausländer raus. Nach ihrer Definition sind das die Tugenden der echten Linke.

Irritierend ist an diesem Buch, dass ihre Kritik teilweise weder unbegründet noch falsch ist. Der Kapitalismus drängt den Menschen zu Gunsten höherer Profite immer mehr ins Abseits und eine tatsächliche linksliberale Elite, die von diesen Prozessen (noch) nicht betroffen ist, erfreut sich an Maßnahmen, die keine reale Wirkung oder gar Veränderung bringen und die Zustände sogar noch festigen. Ganz im Stil von: We need more female drone pilots. Zwar existiert tatsächlich eine überdrehte Form der Identitätspolitk, allerdings überzeichnet Wagnenknecht diese als die dominierende Strömung und negiert ihren Nutzen damit komplett. Wenn sie schreibt, dass „[d]en Mindestlohn zu erhöhen oder eine Vermögenssteuer für die oberen Zehntausend einzuführen“ natürlich mehr Widerstand hervorrufen würde, „als die Behördensprache zu verändern, über Migration als Bereicherung zu reden oder einen weiteren Lehrstuhl für Gendertheorie einzurichten“, fragt man sich, warum nicht beides möglich sein soll. Wie so oft in ihrem Buch, spielt Wagenknecht hier Identitätspolitik und ökonomische Aspekte gegeneinander aus.

Auch streift sie immer wieder die Konsumkritik, die ebenfalls gerne vom linksliberale Milieu geäußert wird, welche tatsächlich ein Problem darstellt. Denn wer auf Sozialhilfe angewiesen ist, kann sich nicht das teure Bio-Fleisch leisten. Statt hier allerdings das tieferliegende Problem, wie z.B. HartzIV, aufzunehmen, attestiert sie der Elite eine Verachtung für den kleinen Mann. Statt dafür zu sorgen, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, hochwertige Nahrung zu sich nehmen zu können, solle man einfach aufhören, über Aldi zu lächeln. Auch an diesem Punkt verfehlen Wagenknecht und die von ihr kritisierten Linksliberalen gleichermaßen den Kern des Problems.

Die Identitätspolitik ist Sahra Wagenknechts größter Feind. Das ist alles von der Umbenennung einer Soße bis zum Genozid in Ruanda. Die prominente Linkspartei-Funktionärin interessiert sich nicht für Sexismus, Rassismus, Polizeigewalt oder rechtsextreme Morde. All dies sind Anliegen skurriler Minderheiten, die in ihrer Opferparade vom tatsächlichen Problem ablenken: dem geringen Verdienst weißer, deutscher, männlicher Arbeiter. Diese sind für Wagenknecht das Klientel, das die Linke ansprechen und gewinnen muss. Da ihre Welt ein Nullsummenspiel ist, muss man sich entscheiden, ob man das Geld der deutschen Bevölkerung oder der islamistischen Parallelgesellschaft gibt. „Geld für die Oma, statt Sinti und die Roma“, tönte vor Jahren die NPD.

Ihre große Vision ist die Rückkehr in die BRD der 50er und 60er Jahre, als die Löhne für alle noch hoch waren. Dazu muss die Linke um jeden Preis den Arbeiter für sich gewinnen. Warum und was das bringen soll, wird nicht erklärt. Das Buch ist eine Bankrotterklärung der Linken in Deutschland und eine Liebeserklärung an die Rechte. Scheiß auf Ausländer, scheiß auf Frauen, auf Rassismus, auf den ganzen Kram, mit dem der weiße deutsche Mann eh nix am Hut hat. Keine Kritik am Kapitalismus, schon gar kein Wort der Überwindung des Systems. Wer so eine Linke hat, braucht keine Rechte mehr.

# Bildquelle: flickr Die Linke

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4 Kommentare

    […] Bei­trag End­geg­ner Student:in – Sah­ra Wagen­knechts “Die Selbst­ge­rech­ten” erschien zuerst auf Lower Class […]

    hihi 30. April 2021 - 22:45

    In einem Punkt muss ich Sahara aber Recht geben: der Kampf gegen Inklusion ist wirklich blöd.

    Jochen 1. Mai 2021 - 8:31

    “Ihre große Vision ist die Rückkehr in die BRD der 50er und 60er Jahre, als die Löhne für alle noch hoch waren.”

    Dazu eine kleine Anmerkung: in den 60ern und ganz sicher in den 50ern waren die Löhne ganz sicher nicht hoch, im Gegenteil, sie waren sehr niedrig. Statt mit steigenden Löhnen wurde der Konsum des “Wirtschaftswunders” mit ausufernden Konsumentenkrediten bezahlt.
    Erst später kam es zu deutlichen Lohnsteigerungen.

    Klaus Steinhaus 3. Mai 2021 - 17:38

    So schlimm ist doch noch nicht?!