Boris Herrmann: Anker lichten fürs Kapital

5. Februar 2021

„Hamburgs neuer Held“ jubelte das Hamburger Abendblatt und harfte: „Boris Herrmann ist ein Segler, der allein die Welt umrunden wollte, und dabei unfassbar viele Menschen berührte und bewegte.“ Als der Segelsportler und Wahl-Hamburger Boris Herrmann am 27. Januar mit seiner Yacht „Seaexplorer“ in die französische Hafenstadt Les Sables-d’Olonne einlief, gab es endgültig kein Halten mehr bei den Lohnschreibern der Medien. Obwohl er kurz zuvor trotz aller Technik an Bord des Bootes mit einem Fischtrawler zusammengestoßen war und damit die Chance auf den Sieg bei der Regatta Vendée Globe eingebüßt hatte, wurde der bärtige Hipster mit dem Dauergrinsen auf allen Kanälen gepriesen, als habe er eben als erster Deutscher den Mond betreten oder das Gegenmittel gegen Covid-19 entdeckt. Der Hamburger Sozialdemokrat Nils Annen, Staatsminister im Auswärtigen Amt, schlug allen Ernstes vor, dem Segler das Bundesverdienstkreuz zu verleihen, mit dem seine „herausragende sportliche Leistung und zugleich seine gesellschaftlichen Anliegen“ gewürdigt werden sollten.

Der Hype um Herrmann ist tatsächlich durch nichts gerechtfertigt und ein gutes Beispiel dafür, wie das Bürgertum einen der Seinen zum Vorbild und zur Identifikationsfigur erklärt und verklärt, weil es sich in ihm wiederfindet und er zugleich als Bestätigung und Überhöhung des eigenen Lebensstils dient. Mit seinem groß herausgestellten Engagement für den Klimaschutz kann der Segler geradezu als Prototyp des sich als liberal und fortschrittlich wähnenden Bourgeois gesehen werden. Vermutlich wird er nur deshalb so gehypet, weil er wie kaum ein anderer die Hoffnung der Ober- und Mittelschicht verkörpert, alle Annehmlichkeiten, die der Kapitalismus ihnen garantiert, beibehalten zu können und dennoch den Klimawandel zu stoppen, also das Klima ohne Verzicht auf Wachstum und Wohlstand zu retten. „No climate change, no system change“, ist das heimliche Motto dieser Leute.

Wie echt und wie effektiv der Einsatz von Boris Herrmann für den Klimaschutz wirklich ist, lässt sich nicht ohne weiteres beantworten. Dass er sein sportliches Talent aber bereits in jungen Jahren zu vermarkten wusste und sich früh in den Dienst des großen Geldes gestellt hat – das lässt sich nicht bestreiten. Der Segelsport ist, zumindest ab einer bestimmten Bootsklasse, ein Hobby für Reiche und Superreiche respektive deren Laufburschen. Dass das Handelsblatt kürzlich einen langen Bericht über Herrmann brachte, ist kein Zufall. Da gehört das Thema nämlich hin, in ein Wirtschaftsblatt.

Mit Sport haben Regatten dieser Preisklasse wenig zu tun, sie sind vor allem Medienereignisse, die von großen Konzernen für PR genutzt werden zum Beispiel von der französischen Banque Populaire, dem japanischen Maschinenbauer DMG Mori oder dem Luxusschneider Hugo Boss. Wie das Handelsblatt weiß, nutzten auch der Wasser- und Energiekonzern Véolia oder die Versicherungsgruppe Generali die Vendée Globe in der Vergangenheit „zur imageträchtigen Präsentation des eigenen Firmennamens“. Die Teilnahme an der Vendée Globe ist auch wegen des großen Aufwands, der dafür nötig ist, ohne Sponsoren nicht möglich. Das Handelsblatt zitiert eine Schätzung des Fachmagazins Yachting World, es würden zehn bis 15 Millionen Euro gebraucht, um bei der Regatta „vorne mitzusegeln“. Wenn man nicht gerade aus einem reichen Elternhaus kommt, muss man sich also an Millionäre und Konzerne verkaufen, um als Segler ganz nach oben zu kommen. Herrmanns Vater aus Oldenburg war, wie zu lesen ist, zwar auch Segler und hat den Sohn für diese Aktivität begeistert, war aber als Lehrer vermutlich nicht wirklich begütert. Bei Wikipedia werden herzerwärmende Geschichten aus seiner Kindheit dargeboten. Der kleine Boris sei schon mit drei Jahren wegen Atemwegsproblemen auf ärztlichen Rat hin oft aufs elterliche Boot mitgenommen worden und habe auf Sandbänken in der Nordsee gespielt. Solche Anekdoten sind für eine Heldenbiographie natürlich unverzichtbar.

Welchen Konzernherren sich Boris Herrmann angedient hat, um „ganz oben“ mitzusegeln, ist kein Geheimnis und mit ein wenig Internetrecherche herauszufinden. In einem Porträt in der Fachzeitschrift Yacht aus dem Jahr 2008 ist nachzulesen, dass der Segler sich als junger Mann einen Namen bei Regatten der 505er-Bootsklasse gemacht hat. Dadurch sei Hasso Plattner, Mitbegründer des IT-Konzerns SAP, selbst Segler und Sponsor des Sports, auf Herrmann aufmerksam geworden, habe ihn und seinen Partner zu Trainingseinheiten eingeladen. „Aus dem Held vom Mittelfeld wird ein Sieger. Katalysator ist Hasso Plattner“, schreibt Yacht. Plattner ist ein Milliardär, er wird unter die 20 reichsten Deutschen gezählt. Seine sozialdarwinistische Einstellung hat er mehrfach deutlich gemacht. Zum Beispiel als er 2017 Kritik an zu hohen Bonuszahlungen für Manager zurückwies oder Ende 2019 die Vermögenssteuer ablehnte und damit drohte, das Land zu verlassen, wenn sie Wirklichkeit werden sollte.

Wer glaubt, dass Segelsportler nur das Geld von ihren Sponsoren nehmen, um in Ruhe ihren Sport ausüben zu können, weiter aber nichts mit diesen zu tun haben, muss grenzenlos naiv sein. „Wes’ Brot ich ess, dess Lied ich sing“ gilt hier wie überall im real existierenden Kapitalismus. Für Boris Herrmann, der Betriebswirtschaft studiert hat, ist das vermutlich nicht mal ein Problem. Zumal mit dem Aufstieg in die oberen Etagen des Segelsports ja auch Annehmlichkeiten verbunden sind. „Per Privatjet geht es auf die Bermudas, nach San Francisco und Annapolis“, heißt es in der Yacht über Herrmanns Start in Plattners Team. Und weiter: „Die Nähe zu Plattner, mit dem er über Studieninhalte fachsimpelt, prägt Boris Herrmann.“ Dass der Oldenburger „so schnell das Vertrauen eines Geldgebers gefunden hat“, begründet das Fachblatt so: „Die Mischung aus strategischem BWL-Wissen, grundlegender Hochsee-Erfahrung, authentischer Liebe zum Meer und überdurchschnittlichen Jollen-Erfolgen dürften genau die Zutaten sein, die in der Einhandszene gefragt sind.“

Nach dem Entdecker Plattner fand sich auch noch ein anderer steinreicher Unternehmer, der Herrmann unter seine Fittiche nahm: Niels Stolberg, Gründer und Eigner der auf Projektladungs- und Schwerguttransport spezialisierten Beluga-Reederei, damals gern als „Vorzeigeunternehmer“ der Stadt Bremen bezeichnet, in der Herrmann sein BWL-Studium absolviert hatte. „Stolberg ist begeistert von Motivation und Ehrgeiz seines Schützlings“, heißt es im Yacht-Porträt von 2008. Wenig später war Stolberg kein Vorzeigeunternehmer mehr, da herausgekommen war, dass er in Betrügereien und dubiose Waffengeschäfte verwickelt war. Im März 2018 wurde Stolberg wegen gemeinschaftlichen Kreditbetrugs in 18 Fällen sowie Untreue in einem besonders schwerem Fall zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Boris Herrmann kann das alles egal sein. Er ist ja Sportler und kann sich immer damit herausreden, er könne schließlich nicht wissen, aus welchen schmutzigen Geschäften das Geld kommt, mit dem er finanziert wird. Inzwischen verkehrt er ohnehin in Kreisen, die unantastbar sind. Im Januar 2014 lernte er in Kapstadt einen Mann kennen, gegen den Stolberg ein armer Schlucker ist: Pierre Casiraghi, Sohn von Caroline von Monaco und Mitglied der monegassischen Fürstenfamilie, die so reich ist, dass sie die Straßen von Monaco vermutlich auf eigene Kosten mit Gold pflastern könnte. Über Pierre Casiraghi ist zu lesen, er sei Mehrheitseigentümer der Baufirma Engeco, die sein Vater Stefano Casiraghi vor seinem Tod gründete. Dieser sei wiederum „mehr als einmal der Kollaboration mit der Mafia bezichtigt“ worden. Aber wie gesagt, wer fragt unter Seglern danach, wo das Geld herkommt. Pierre Casiraghi ist auch Segler und Präsident des „Yacht Clubs von Monaco“. Er gründet mit Boris Herrmann das Yachtsyndikat „Team Malizia“, die beiden sind Betreiber des Boots, mit dem Herrmann die Vendée Globe bestritten hat.

Allerdings wurde das Boot dafür von „Malizia II“ in „Seaexplorer“ umbenannt, weil der neue Sponsor, der für die Teilnahme an der Regatta gewonnen wurde, dies so wollte. Es handelt sich um den Hamburger Logistikkonzern Kühne + Nagel, der dem Milliardär Klaus-Michael Kühne gehört, bekannt vor allem durch sein Sponsoring des Hamburger SV. Kühne musste bisher zwar anders als Stolberg noch nicht in den Knast, sein Gebaren ist aber zumindest moralisch fragwürdig. Vor Jahren hat er bereits seinen Wohnsitz in ein Schweizer Steuerparadies für Superreiche verlegt. Im Mai 2019 gab es Berichte, dass sein Unternehmen, wie es damals hieß, die etablierten Konzernsteueroasen Luxemburg, Schweiz und Bermuda miteinander zu einem „hochkomplexen Finanzierungsmodell“ verquickt hatte, dessen Wirkung „nur in einer aggressiven Vermeidung von Steuern“ bestehen könne.

All das wird natürlich in den zahlreichen aktuellen Medienberichten über den deutschen Starsegler nicht erwähnt. Viel lieber rufen die Medien in Erinnerung, dass Herrmann im August 2019 die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg in einer zweiwöchigen Reise über den Atlantik nach New York zum Klimagipfel während der UN-Generalversammlung segelte. Doch auch diese Aktion war zumindest fragwürdig und es ging, wie bei Boris Herrmann offenbar üblich, wohl mehr um den PR-Effekt. Medienberichten zufolge verursachte die Reise einen deutlich größeren Treibhausgasausstoß, als wenn Greta Thunberg mit ihrem Vater in die USA geflogen wäre.

Noch ein Wort zum sportlichen Aspekt des Themas: Auch hier fragt es sich, wo die große Leistung von Herrmann liegen soll, die ihn zum Helden macht, der mit dem Bundesverdienstkreuz auszuzeichnen wäre. Die Boote, die an der Vendée Globe teilgenommen haben, sind mit High tech vollgestopft. Bei Golem.de heißt es dazu, die Yacht werde von einem Autopiloten gesteuert, habe eine Datenverbindung per Satellit zum Senden und Empfangen, sei „gespickt mit Sensoren, deren Daten ein Bordcomputer auswertet“. Man habe gar keine Zeit, das Boot zu steuern, wird ein Skipper zitiert. Mit Sport oder einer Seefahrt, wie man sie sich so allgemein vorstellt, hat diese Form des Segelns mithin wenig zu tun. Als eine Leistung Herrmanns ließe sich höchstens anerkennen, dass er monatelang allein auf dem Boot ausgeharrt und zwischendurch immer wieder dieselben dümmliche Fragen von Medienvertretern beantwortet hat.

Es gibt wahrlich genug Menschen, die zu Helden oder Vorbildern erklärt werden könnten. Zum Beispiel die Seeleute und Aktivisten, die Tag für Tag auf dem Mittelmeer unterwegs sind, um Geflüchtete aus Seenot zu retten. Aber ein Mann wie Boris Herrmann, ein Laufbursche der Superreichen, der Milliardären und Konzernen hilft, sich mit Sport und vermeintlichem Klimaschutz-Engagement einen weißen Fuß zu machen – der muss es wirklich nicht sein.

# Titebild: Claudia Somm, J70 Battle 2017, CC BY 2.0

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