Intensivpflege: „Ich will nicht systemrelevant sein, ich will faire Arbeitsbedingungen“

26. Januar 2021

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Gastbeitrag

Wegen der Coronapandemie sind die Arbeitsbedingungen auf den Intensivstationen der Krankenhäuser immer schlimmer geworden. Eileen C. Mit einem Erfahrungsbericht.

„Ich arbeite auf einer Intensivstation in Berlin. Das heißt acht bis neun Stunden am Tag Herzrasen unter der Schutzkleidung, riskante Bauchlagerungen der Erkrankten, stundenlanges Arbeiten im Stehen, das Gefühl eines Rippenbruchs unter meinen Händen bei Reanimationen, der ständige Geräuschpegel von Medizingeräten, der bis in die freie Zeit im Ohr widerhallt. Diese Beispiele und viele weitere prägen meinen Arbeitsalltag. Vor ein paar Tagen zum Beispiel wollte ich den ganzen Frühdienst über nichts trinken, damit ich nicht auf Toilette gehen muss, um ja keine Sekunde abwesend zu sein, auf meine instabilen Patient:innen aufpassen zu können und die Arbeit des Tages nicht für den nächsten Dienst liegen zu lassen. An eine halbe Stunde Pause ist an solchen Tagen nicht zu denken.

Diese starke Arbeitsbelastung führt dazu, dass ich sogar anfange an mir und meinen eigenen Fähigkeiten zu zweifeln – dass ich nicht stark genug bin, dass ich das ganze Leid vielleicht nicht aushalten kann.

Mittlerweile habe ich wenigstens meine erste Impfung erhalten. Ich bin bis jetzt eine der wenigen Geimpften des Personals, die für die Pflege am Bett zuständig ist. Bei uns im Krankenhaus hatte es wohl erstmal Priorität, die komplette Röntgenabteilung durchzuimpfen, bevor die Menschen mit stundenlangem Kontakt zu Coronainfizierten an der Reihe sind. Danke für nichts.

Vor einigen Wochen infizierten sich einige der Mitarbeitenden meines Teams aufgrund von qualitativ schlechten, kaffeefilterähnlichen FFP-Masken. Ich hab keine Lust mehr Angst zu haben. Denn momentan komme ich jeden Tag mit der Sorge zur Arbeit, dass wieder eine Kollegin oder ein Kollege positiv getestet wurde und wir unterbesetzt sind. Das heißt mehr Arbeit für alle, potentiell fahrlässige Patient:innenbetreuung und die Befürchtung, dass man die nächste Person sein könnte, die sich während der Arbeit infiziert. Unterdessen wird Personal aus dem Frei geholt, lang geplante Urlaube fallen aus. Uns bleibt nichts außer der Arbeit – denn Kontakte sollen wir bis zur sozialen Isolation vermeiden, um weiteren Ausfällen vorzubeugen. Wenn wir Kontakt zu einer infizierten Person hatten und in häusliche Quarantäne müssen, so bezieht sich das auch nur auf den privaten Bereich. Erst letzte Woche hatte ich durch einen Fehler des Krankenhauses unzureichenden Schutz bei Kontakt zu einer positiv getesteten Patientin. Zur Arbeit musste ich natürlich trotz Coronaverdachts weiterhin gehen. Nach dem Dienst musste ich mich dann in meinem Zimmer einsperren.

Wir kommen uns durch die Verschärfungen der Kontaktbeschränkungen und dem Lockdown so verarscht vor. Denn die Infektionszahlen und vor allem Todesraten steigen weiter an. Unsere Arbeitsbelastung ist seit Monaten gleichbleibend auf extrem hohem Niveau. Wen wundert es auch, wenn sich die neuen Beschränkungen fast nur auf den privaten Bereich beziehen, während Wirtschaft und Industrie weiter laufen. Und das Beste was der Regierung einfällt, ist die neue Vorschrift, medizinische Masken in den Öffis zu tragen?!

Die Konsequenzen von dieser Politik müssen wir ausbaden und die Leute, die dann auf der Intensivstation landen. Ich habe eigentlich keine Lust mehr ständig zu meckern und mich immer nur aufzuregen, weil meine Arbeit zum absoluten Mittelpunkt meines Lebens geworden ist, ohne Ventil, ohne Freizeit. Ich verbringe aber die meisten Stunden des Tages im Krankenhaus am Bett von schwerstkranken und sterbenden Coronapatient:innen.

Dafür will ich keine scheiß Dankbarkeit, kein kurzzeitiges Geklatsche, kein Mitleid. Ich will nicht systemrelevant sein, nicht als Heldin bezeichnet werden. Ich will einfach nur meinen Job machen – unter fairen Arbeitsbedingungen, mit ausreichendem Lohn und eigener gesundheitlicher Sicherheit. Das wäre mal eine angemessene Form der Wertschätzung. Und genauso – behaupte ich – geht es vielen anderen Menschen in genau diesem Moment und den restlichen 24 Stunden des Tages im Krankenhaus in dem ich arbeite.

Deswegen fordern wir: mehr Personal in der Pflege, sichere und ausreichende Arbeitskleidung für den Schutz der eigenen Gesundheit; anständige Pausen- und Regenerationszeiten; engmaschige Testungen der Mitarbeitenden; sofortige, angemessene Belastungszulagen für alle Beschäftigten und Maßnahmen gegen jede weitere Überlastungssituation. Denn die Missstände in den Krankenhäusern bestehen verdammt nochmal nicht erst seit Beginn der Pandemie, sondern wurden durch sie nur noch schmerzlich deutlich. Wann fängt man endlich an, diese Umstände tatsächlich ernstzunehmen?“

Eileen C. Ist 24 Jahre alt und arbeitet in einem Berliner Krankenhaus als Pflegekraft auf der Intensivstation. Sie ist in der Frauen*kommune Wedding (Kontakt: frauen-wedding@kiezkommune.org) organisiert

# Titelbild: SnaPsi Сталкер, CC BY-NC-ND 2.0, Intensivstation, Symbolbild

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