Warum „Linksradikal-Sein“ kein Hobby ist

17. November 2020

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Gastbeitrag

Der folgende Text soll eine Erneuerung, bzw. Anknüpfung einer Veröffentlichung von Nürnberger Genoss*innen darstellen, die im Jahr 2013 unter dem Titel „Mein Hobby: Linksradikalsein!“ in der barricada erschienen ist. Das zentrale Thema ist keine neue Entwicklung, scheint uns aber zur Zeit ein akutes, schwerwiegendes Problem der radikalen Linken sowohl in Hamburg als auch deutschlandweit zu sein. Vom Roten Aufbau Hamburg

Ob durch einen Vortragsabend einer ortsbekannten Gruppe zum G20-Gipfel, einen Lesekreis von Freundesfreunden zur Einführung in die Kapitalismuskritik, direkt agitiert auf der Frauenkampfdemo am 8. März oder sogar durch Gespräche mit Kolleg*innen im Betrieb – wir alle sind auf unterschiedlichste Arten und zu verschiedenen Zeitpunkten in das Gefüge der sogenannten „linken Szene“ gelangt.

So unterschiedlich unser Zugang zu linker Politik zu Beginn war, so verschieden sind auch unsere Lebenssituationen während unseres Treibens in organisierten Strukturen. Der Eine macht sein Abi nach und muss sich nebenbei um seine jüngeren Geschwister kümmern, die Andere macht eine Ausbildung zur Friseurin und arbeitet abends in einer Kneipe, um sich ihr WG-Zimmer leisten zu können und wiederum Andere setzen sich in ihrem Studium ohnehin fortlaufend mit namenhaften Philosophen und wissenschaftlichen Thesen auseinander oder bangen seit der letzten Aktion wegen der frisch auferlegten Bewährungsstrafe um ihren Arbeitsplatz als Erzieher*innen. Wir alle haben unterschiedlich viel Kapazitäten – ob zeitlich, finanziell oder einfach kräftemäßig (physisch) – um uns politisch zu engagieren.

Was uns aber eint, ist das Bewusstsein darüber, dass uns die bestehenden Verhältnisse ankotzen und wir etwas verändern wollen, weil es so wie es ist, nicht bleiben kann. Wir wollen den Kapitalisten, die sich auf unseren Nacken, durch den Mehrwert unserer Arbeitskraft, ein schönes Leben machen, nicht weiter in die Karten spielen. Wir wollen nicht hinnehmen, dass anständige Bildung eine Frage von Klassenzugehörigkeit bleibt. Wir wollen nicht, dass es der Status Quo bleibt, dass Frauen neben ihrer ohnehin schlechter bezahlten Lohnarbeit noch nahezu alleinig die unbezahlte Reproduktionsarbeit verrichten müssen.

Um diesen und den anderen unzähligen Auswüchsen des kapitalistischen Systems effektiv entgegen zu wirken, halten wir es natürlich für den sinnvollsten Weg, sich in einer revolutionären Gruppe zu organisieren. Man lernt gemeinsam und voneinander die Missstände in der gegenwärtigen Gesellschaft zu erkennen, zu analysieren und Lösungsansätze und revolutionäre Strategien zu entwerfen, beziehungsweise zu hinterfragen und gegebenenfalls zu kritisieren oder umzusetzen.

Mit dem steigenden Grad der Organisation wird natürlich auch die Verantwortung für das politische Handeln größer und die Aufgabenbereiche der Genoss*nnen werden zahlreicher. Zwischen endlosen Treffen und kräftezehrender Arbeit – neben der Lohnarbeit – sind die Gelegenheiten, daraus neue Energie und Motivation zu beziehen, jedoch allzu oft selten.

Es ist naheliegend, sich also einen „Ausgleich“ zu dieser aufreibenden Arbeit zu suchen – sei es Sport, Reisen oder einfach mal „andere“ Leute zu treffen. Das ist soweit auch richtig, denn auch wir brauchen Regenerationsphasen, die man eben nicht immer mit einer Lektüre von Genosse Lenin erlangen kann.

Wichtig ist dabei nur, dass wir nicht beginnen, uns in diese Freizeitbeschäftigungen, zwischenmenschliche Beziehungen oder Ähnliches zu flüchten. Denn nichts ist schlimmer, als wenn sich eines Tages die Medaille wendet und die Politik im Gegensatz zur „ersten großen Liebe“ (sei es eine amouröse Beziehung, Fußball oder Briefmarkensammeln) nur noch eine fade Nebenrolle spielt. Wir neigen dazu, diesen eben beschriebenen Worst-Case als „Rückzug ins Private“ zu kritisieren. Diese Bezeichnung ist jedoch insofern kritisch zu betrachten, als dass sie auf den ersten Blick den Anschein erweckt, dass das Private getrennt von dem Politischen stehen würde. Als Kommunist*innen sehen wir das allerdings ganz und gar nicht so. So sollte unser politisches Selbstverständnis stets auch unser Handeln im Privaten durchdringen und wir uns dementsprechend fortlaufend selbst reflektieren. Soll das also heißen, dass mein Klassenbewusstsein mir also doch immer wie ein Geist vorschweben und mir den Spaß im Leben vom Leibe halten soll? – Auf gar keinen Fall!

Es gibt Phasen im Leben, in denen man sich mehr oder weniger ungewollt „Zeit für sich“ einräumen muss – seien es beispielsweise familiäre Schicksalsschläge oder gesundheitliche Umstände. In solchen Zeiten ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass wir uns in einer Phase des Kampfes befinden (zumindest hier in Deutschland im frühen 21. Jhd.), in der es völlig legitim und wichtig ist, auch anderen Dingen neben der politischen Arbeit zeitweise Prioritäten einzuräumen, um danach gestärkt aus einer schwierigen Lebenssituation hervorzukommen.

Und danach? Woher sollen wir die Motivation zum Weiterkämpfen dann fortan beziehen? Diese oder ähnliche Fragen hat sich mit Sicherheit jede*r von uns schon mal nach der einen oder anderen Durststrecke gestellt. Darauf eine Antwort zu finden, ist gar nicht mal so einfach – ansonsten wäre die gesamte Problematik wohl auch wesentlich weniger schwerwiegend. Weder halten wir die absolute Enthaltsamkeit und die asketischen Züge so mancher linken Strömungen für richtig, noch können wir den glitzernden Partyhedonismus manch anderer Szenegruppierungen ernstnehmen und wollen auch in keinem dieser Auswüchse einen gelungenes Beispiel für eine linksradikale Lebensführung sehen. Linken Askeseideolog*innen oder linken Hedonismusprediger*innen ist nämlich am Ende eines gemeinsam: der Fokus auf das Individuelle, und das im schlimmsten Fall losgelöst von der Reflektion des Verhältnisses von individueller Lebensführung und Gesellschaft.

Weder ist es für unsere politische Arbeit von Nutzen, wenn wir uns für sie bis auf den letzten Nerv und Funken Kraft aufopfern und uns jeglichen Spaß versagen, noch wenn wir Teile fressend durch die Weltgeschichte tingeln und davon ausgehen, dass wir den Kapitalismus durch Raven überwinden könnten. Während die Einen mit ihrem Stolz auf ihre Enthaltsamkeit und ihrem Streben nach einem gestählten Körper bestenfalls die neoliberalen Ansprüche der bürgerlichen Gesellschaft in Form der Selbstoptimierung erfüllen, driften die Anderen gänzlich in ihre kunterbunte Drogenblase ab und verlieren jeglichen Bezug zur Realität, geschweige denn der Gesellschaft.

Die Revolution werden wir weder bei McFit vorm Spiegel mit der 100kg Langhantel im Anschlag, noch nach 72 Stunden Durchfeiern im Berghain starten. Denn erinnern wir uns daran, dass wir davon ausgehen, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt – spätestens dann wird mehr als deutlich, dass bei beiden Beispielen etwas gewaltig schief läuft. Nicht um zu sagen, dass es nicht wichtig sei, Körper und Geist am Laufen zu halten und auch nicht, dass man nicht auch mal einen draufmachen darf – bloß wollen wir eben weder zu neoliberalen körperfixierten Fitnesslarries noch zu degenerierten hedonistischen Partyleichen verkommen.

Wir haben leider keine Anleitung namens „Mehr Spaß an linksradikaler Politik in drei einfachen Schritten“ und ebenso wenig wollen wir an dieser Stelle in Konsumkritik-Geschwafel verfallen. Eines wollen wir aber ganz klar an den gegenwärtigen Entwicklungstendenzen der Linksradikalen in Deutschland kritisieren und das ist ihr Verfall gegenüber dem bürgerlichen Individualismus. Jede Person, die wir an die Drogen, die Karriereleiter, die Hantelbank, das Eigenheim, die romantische Beziehung, Instagram und Co verlieren, ist eine zu viel.

Unser Kampf ist keine „rebellische Phase“ zwischen der Jugend und dem Erwachsenwerden. Unser Kampf ist ein alltäglicher, den es solange es diese Herrschaftsverhältnisse nötig machen, zu bestreiten gilt. Und damit sind wir niemals allein. Wir haben keinen Feierabend von unserer politischen Arbeit, solange ein System vorherrscht, in dem unsere Klasse die unterdrückte ist.

Titelbild: Gemeinfrei

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2 Kommentare

    […] Bei­trag War­um „Links­ra­di­kal-Sein“ kein Hob­by ist erschien zuerst auf Lower Class […]

    lavanda@systemli.org 19. November 2020 - 16:50

    ich finde den artikel gut und teile viele der ansichten, aber darin, wie in vielen ähnlichen perspektiven vermisse ich genau das, was er selber kritisiert, strukturelle und kollektive perpektiven auf das problem. es reicht nicht zu sagen wir verlieren leute an den bürgerlichen individualismus wenn wir nicht auch versuchen orte, strukturen zu schaffen, die mehr sind, als eine lesekreisatmosphäre. ich denke wir müssen ausgehend von dieser kritik weiterdenken. wir brauchen kollektive orte, nicht nur plenumsräume, wir brauchen gemeinsame analysen, nicht nur orgatreffen, die frage ist für mich nicht was ist das problem, sondern was braucht es, was brauchen wir, um diesem zu begegnen.

    ich fände es spannend, diesen text weiter zu denken. bin auch gerne bereit in austausch zu gehen, weil ich mir selber schon viele gedanken dazu gemacht habe.