30 Jahre Annexion der DDR: Die Wende in der Bahnhofstraße

5. Oktober 2020

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Gastbeitrag

Die Nation feiert: Am 3. Oktober 1990 schluckte die BRD die besiegte Deutsche Demokratische Republik. Die ostdeutschen Landschaften blühten auf: Treuhand, Deindustrialisierung, Zerstörung von Millionen Leben und bis heute andauernde Dauerdiffamierung jenes Teils Deutschlands, der zumindest versuchte, ein anderes Deutschland zu sein.

Anlässlich des Jahrestages des Wiedererstehens der geeinten imperialistischen deutschen Nation rufen die Proletarische Autonomie Magdeburg und weitere Einzelpersonen dazu auf, Erinnerungen an die Wende, die DDR und die ostdeutsche Nach-Wende-Gesellschaft einzusenden. Einen der Texte, einen Essay von Georg Hoppe, veröffentlichen wir vorab – und die Aufforderung, auch weiterhin Texte einzusenden (an: reader_endeoktober@systemli.org)

Mein Großvater wurde 1908 geboren. Er hat den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik als Kind und Jugendlicher erlebt. Er ist Kommunist geworden, wurde durch Verrat kurz vor seinem Gang in die Illegalität verhaftet und saß während der Herrschaft des Faschismus zwölf Jahre lang in Zuchthäusern und KZs. Er wurde 1945 befreit, kurz bevor er in Mauthausen ermordet werden sollte.

In der DDR sprach er in Schulen von seiner Haftzeit und von dem Kampf, den er geführt hatte und führte. Eine meiner ersten Erinnerungen an ihn ist, wie er von politischen Versammlungen kam, mit seinen Ansteckern auf dem Jackett, aufgewühlt und schimpfend. Er musste erst einmal Rauchen in seinem Zimmer, in dessen Wände und Bücher sich der Qualm eingefressen hatte.

Mein Großvater war der ernsteste und zugleich lustigste und gütigste Mann, den ich kannte.

Als die Mauer fiel, da war er 82, sagte er zu meiner Mutter, die mich schon hatte: “Es tut mir so leid, aber die ganze alte Scheiße wird wiederkommen und ihr werdet alles vorn vorne durchmachen müssen: Kapitalismus, Faschismus, Krieg.” Meine Mutter erzählte mir das viel später und erst noch viel später kapierte ich es.

Mit fünf Jahren kapierte ich natürlich gar nichts. Ich erlebte einfach eine spannende Zeit: Ich lernte meine Freunde kennen und spielte mit ihnen in den verkommenden Fabriken am Bahnhof, die kurz zuvor dichtgemacht worden waren. Ich stopfte all das Essen in mich hinein, das es überall gab und ich wollte alles haben, was ich in der Werbung sah. Ich fand mein Glück in Super-Soaker-Wasserpistolen, Punica 7plus4 und Panzermodellen von Tamiya. Ich spielte die halbfaschistischen Vietnamfilme nach, die im Fernsehen kamen oder die ich bei Freunden sah. Die Söldner wurden meine Vorbilder. Als meine Eltern wieder Arbeit hatten, sah ich stundenlang Fernsehen. Ich wurde heimisch in den Wohnzimmern kleinbürgerlicher Familien von New York bis Los Angeles, lachte mit der Menge im Off und aß dazu die Frosta-Pfanne Bami Goreng und später am Nachmittag After Eight und Toffifee und dann die Big American Pizza. Ich erinnere das als eine Zeit großer Gemütlichkeit und Geborgenheit.

Wir waren Kinder und erlebten die Gegenwart als alternativlos und unvergänglich. Doch zum Glück gab es noch Überbleibsel einer anderen Gegenwart: Bücher wie “Nackt unter Wölfen” von Bruno Apitz, welches unsere Lehrerin meinem Freund Ronny gab, nachdem er einen Mitschüler “Türkenschwein” genannt hatte. Bücher wie “Die Abenteuer des Werner Holt”, das mir meine Mutter gab, als die Grundschule sich dem Ende neigte. Die blauen Bände in unserem Wandschrank, die ich natürlich nicht las, aber von denen in der Familie immer so gesprochen wurde, dass sie mir äußerst wichtig zu sein schienen und mich neugierig machten – eine Neugier, der ich später nachging. Und es gab Menschen wie meinen Großvater.

Und auch in unserer Gegenwart taten sich Risse auf – der eine konnte in den Urlaub fahren und der andere nicht, der eine hatte Arbeit, der andere nicht, der eine kam aufs Gymnasium, der andere auf die Hauptschule – Risse, die sich vertiefen und später zu Einsicht führen sollten.

Ich habe das folgende Erlebnis lange Vergessen gehabt, obwohl es damals für mich eine starke Erschütterung gewesen war. Jahrelang hatte ich nicht daran gedacht und doch muss es dagewesen sein, auf Abruf, bereit, gedeutet zu werden. Es kam mir wieder in dem Moment, als ich zu der Erkenntnis gelangt war, dass mein Großvater recht gehabt hatte. Da konnte ich es als das erkennen, was es war: nämlich der Moment, indem ich persönlich erlebte, wie die ganze Scheiße wiederkam, in einem kleinen Ausschnitt, in der Köpenicker Bahnhofstraße.

Meine Mutter und ich liefen die Bahnhofstraße lang, so wie immer wenn wir einkaufen oder beim Arzt gewesen waren. In der Bahnhofstraße waren viele kleine Läden: Der Fleischer zum Beispiel, bei dem es auf der Vitrine ein Glas mit weißen Schaummäusen gab. Die meisten hatten schwarze Augen und nur ganz wenige rote. Ich freute mich jedes Mal riesig, wenn ich eine Maus mitnehmen durfte. Ich wartete oft lange, knetete sie und roch an ihr, bis ich sie endlich im Mund zergehen ließ.

Hier war auch der Spielzeugladen, in dessen Schaufenster die Spielzeuge lockten. Manchmal bekam ich etwas Kleines, wenn es beim Arzt sehr lange gedauert hatte, aber oft guckten meine Mutter und ich auch einfach durch die Scheibe und ich zeigte auf Sachen und wir lachten viel. Überhaupt lachten wir viel, wenn wir durch die Bahnhofstraße liefen und auch sonst.

Aber an diesem Tag war irgendetwas anders. Zuerst waren es Kleinigkeiten. Die Leute schienen schneller zu laufen, waren mehr mit sich selbst beschäftigt. Ich guckte zu meiner Mutter hoch. Sie hatte eine Falte auf der Stirn und war Ernst. Das war etwas, das mich in Alarmbereitschaft versetzte. Die Falte auf ihrer Stirn, ihr ernster Ausdruck, ließen mich ihre Hand fester drücken und auch meinen Schritt beschleunigen. Je näher wir dem Bahnhof kamen, desto seltsamer wurde alles. Es schien alles durcheinander zu sein, grauer, dunkler, irgendwie bedrohlich. Selbst ein fremder Geruch lag in der Luft.

Ich sah, dass auf dem Bürgersteig Leute standen und sich misstrauisch umsahen. Vor ihnen stand eine Packung Zigeretten. Das war neu.

“Was sind das für Leute?”, fragte ich meine Mutter.

“Das sind Vietnamesen”, sagte meine Mutter. “Sie verkaufen Zigaretten, aber das ist so nicht erlaubt.”

An der Bushaltestelle saßen Männer in Lumpen. Dort, wo sonst die Gemüsehändler gestanden hatten, waren jetzt Stände mit allem möglichen Zeug. Ich sah einen Tisch mit vielen Messern und erschrak. Zwischen den Ständen drängten sich die Leute, soviele Leute, wie ich es noch nie auf der Bahnhofstraße gesehen hatte. Ich hielt mich dicht an meine Mutter.

Dann sah ich, wo der Geruch hergekomen war. In einer Nische vor einer Baracke, auf dem Fußboden zwischen dem Gewimmel, saß eine Familie um eine kleines Feuer in einer Schale herum. Eine schmaler Rauchfaden schängelte sich in die Luft und verströmte diesen fremden Geruch, verbrannt und würzig. Es waren nur Frauen und Kinder da. Sie hatten seltsame Kleider an, um sie herum standen Taschen und Beutel und sie sprachen in einer Sprache, die ich nicht verstand. Ein Feuer mitten auf der Bahnhofstraße, das allein irritierte mich. Dann sah ich einen Jungen in meinem Alter und unsere Blicke trafen sich. Er hatte nur ein Tuch um die Lenden gewickelt und war barfuss. Es war Herbst und es war kalt. Der Anblick verwirrte mich, er machte mir Angst, er entzog sich meinem Verständnis: Ein Junge in meinem Alter, ein Mensch, mit den nackten Füßen auf dem kalten Asphalt, während ich warme Schuhe anhatte, seine Haut in der Kälte, während ich eine warme Jacke trug, sein Blick, den ich nicht deuten konnte. Das einzige, was mir gewiss war, war, das hier etwas nicht stimmte, dass es so nicht sein konnte, nicht sein durfte, aus einem Gefühl tief in meinem Innern heraus. Aber es war real. Die Welt war mit einem Schlag verändert – die Welt, mein Bild von ihr und mein Bild von meinem Platz darin.

Der Junge lief zu uns und hielt seine Hände auf.

“Bitte, bitte!”, sagte er.

Ich schaute meine Mutter an. Mein Herz klopfte.

“Nein.” sagte sie. Sie drückte meine Hand und ging noch schneller, die Falte in ihrer Stirn war noch tiefer.

“Bitte!”, sagte der Junge und lief rückwärts vor uns. Er zeigte auf die Tasche meiner Mutter.

“Nein habe ich gesagt!”, schrie sie fast und zog ihre Tasche weg. In ihrer Stimme war Verwirrung, Angst, Unsicherheit – etwas, das ich noch nie bei ihr gehört hatte. Wir liefen schnell, ich guckte auf meine Schritte und wir drängten den Jungen weg, der sich in der Menge der Fußgänger verlor.

Wir gingen durch die S-Bahnbrücke, vorbei an der Boilerfabrik, vorbei an den Garagen, in deren Labyrinth hin und wieder einer der Zigarettenmänner verschwand, vorbei an der Minoltankstelle mit dem gelben Minol-Pirol, und ließen den Bahnhof hinter uns. Es wurde ruhiger und grüner. Wir kamen zum Wuhleweg. Es roch jetzt nach Wuhlewasser und Schilf, Algen und Enten. Hinter dem Zaun war die Gärtnerei mit den schönen Bäumen und Pflanzen. Hier schien sich nichts verändert zu haben. Wir verlangsamten den Schritt.

Ich schaute meine Mutter an. Die Falte war noch da, aber sie war nicht mehr ganz so tief.

“Was war mit dem Jungen los?”, traute ich mich schließlich zu fragen. Ich spürte eine tiefe Scham, weil ich es nicht wusste und weil ich offenbar anders war als der Junge, mehr hatte, in einer sichereren Postition war. Ich hatte Angst vor der Antwort.

“Er war arm”, sagte meine Mutter. “So etwas gibt es leider.”

“Warum haben wir ihm nichts gegeben?”, fragte ich.

Meine Mutter seufzte.

“Ach, ich weiß es doch auch nicht”, sagte sie. “Weil man nicht weiß, ob das echt ist, oder ob man betrogen wird. Weil man heutzutage gar nicht mehr weiß, wie man sich verhalten soll.”

Sie streichelte mir über den Hinterkopf. Es war eine Erleichterung, das sie das gesagt hatte. Es war raus. Aber was es bedeutete, war kein Grund zur Erleichterung.

Weil man nicht weiß, wie man sich heutzutage verhalten soll – diesen Satz hörte ich öfter in der folgenden Zeit. Wir lachten immer noch, aber nicht mehr so oft. Den Jungen sah ich nie wieder, aber er ging nicht mehr weg aus meinem Kopf, wenn ich in meinem Zimmer saß und mit meinen Sachen spielte. Die Bettler, die Zigarettenmänner und die Messerverkäufer gingen nicht mehr weg aus der Bahnhofstraße. Auch die Falte auf der Stirn meiner Mutter ging nicht mehr weg. Sie war jetzt immer zuhause und hörte mit mir in der Küche Radio. Ich mochte “Another Day in Paradise”. Wenn wir in die Bahnhofstraße gingen, hatten wir nun immer ein paar Pfennige dabei.

Die Fabrik am Bahnhof machte zu, die Gärtnerei machte zu, die Tankstelle machte zu. Die Läden in der Bahnhofstraße verschwanden ein paar Jahre später, als man die Garagen wegriss und das neue “Forum”-Einkaufszentrum gebaut wurde. Mein Vater musste auch nicht mehr auf Arbeit. Mein Kumpel Ronny sagte, jeder brauche heutzutage ein Messer und ich solle mir auch eines am Bahnhof kaufen. Mein Kumpel Martin wurde ab der dritten Klasse komisch und wir hänselten ihn manchmal deswegen. Erst am Ende der Grundschule erfuhren wir, dass er seinen Vater erhängt im Schuppen gefunden hatte.

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2 Kommentare

    […] Bei­trag 30 Jah­re Anne­xi­on der DDR: Die Wen­de in der Bahn­hof­stra­ße erschien zuerst auf Lower Class […]

    stmielke 13. Oktober 2020 - 13:44

    Ich möchte gerne hier nochmal meinen Facebook Kommentar wiederholen und ich werde nichts schönreden wie die öffentlich/rechtlichen Medien ihrer imperialistischen Rechtsstaatlichkeit gerecht werden müssen weil sie anderenfalls in ihrem eigenen Dreck umkommen:

    “Ich bleibe der DDR und ihrer Verfassung – und allen die zu ihrer Entstehung beigetragen hatten – treu ergeben.

    Wie mein Vater auch, kämpfte man nicht für die DDR um konterrevolutionären Montagsdemonstranten zuzusehn welche – die Drecksarbeit der Imperialisten ausführten – die DDR mit imperialistischer “Außenhilfe” geplant zu untergraben und die Gerichtsbarkeit und Souveränität der DDR auszuhebeln versuchten. Eine teilweise Unwissenheit gegenüber dem faschistischen System mute ich den Konterrevolutionären zu. Allerdings wußten auch jene was es bedeutet wenn man den Klassenfeind hereinläßt um dann auch noch die Handhabe auf dem Silbertablett zu überreichen – da gibt es KEINE Entschuldigung dafür.

    Es gelang den Imperialisten für mittlerweile 30 Jahre – auf hinterlistige weise auch sehr erfolgreich – die DDR auszuhebeln und sie sich temporär unter den Nagel zu reißen.

    Wie mit allen Dingen, und bezüglich der verfassungswidrigen Einigungs/2+4 Verträge, sei eins gesagt:

    “Wie gewonnen so zerronnen.”

    Der antifaschistische Schutzwall wird irgendwann in Zukunft wieder stehen und die Arbeiter und Bauernmacht wird wieder vereint den Klassenfeind und den Imperialismus ein für allemal auf immer und ewig besiegen. Ich werde es nicht mehr miterleben. Ich habe mein Leben gelebt auf beiden Seiten der Münze. Ich versuche meine letzten Tage einigermaßen gut gemeinsam mit meiner lieben Frau zu verbringen. Deshalb sei mir gestattet offen zu reden, mit einigen Dingen noch ins “Reine” zu kommen mit mir selber meiner Familie und der Welt. Vieles ist nicht einfach wenn Schweigen oder Haß das einzige ist was man hört.

    Mit entschiedener Sicherheit und Überzeugung kann ich jedoch sagen:

    Die DDR war das Beste was jemals aus deutschem Boden empor stieg. Viele unserer Väter gingen für euch in Haft der Imperialisten, wurden verurteilt, gedemütigt oder gar ermorded. Falls irgendwann mal einige von Euch sich dieser Tatsache besinnen, wünsche ich euch alles Gute das Beste daraus zu machen und zu lernen die Fehler nicht nochmal zu machen; dem Imperialismus zu trauen. Der Imperialismus ist das Gift der Erde und der Zivilisation denn er wird euch noch heute zerstören mit Panzern und Bomben so wie ihr es jetzt ÜBERALL im Fernsehn oder in der Zeitung sehen könnt.

    Ein Zitat aus dem Kinderbuch: Wie der Stahl gehärtet wurde

    „Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muss es so nützen, daß ihn sinnlos verbrachte Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer kleinlichen, inhaltslosen Vergangenheit ihn nicht bedrückt und daß er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten in der Welt – dem Kampf für die Befreiung der Menschheit – geweiht. Und er muß sich beeilen, zu leben. Denn eine dumme Krankheit oder irgendein tragischer Zufall kann dem Leben jäh ein Ende setzen.“

    – Nikolai Ostrowski –

    Für alle jene die es auch wollen sei gesagt, lebt wie ein Tschekist, mit kühlem Kopf, heißem Herzen und sauberen Händen.

    Nehmt euch diese Weisheit zu Herzen.

    Seit klug und mutig wie Marx, Engels, Lenin und Stalin.
    Aber reded nicht nur drüber sondern…

    Geht und macht Geschichte !”