Aufsteigen, damit die anderen die Fresse halten – Das Problem mit Repräsentationspolitik

22. Juni 2020

Autor*in

Bafta

Die tödliche Polizeigewalt gegen George Floyd und die anschließenden Black Lives Matter Demonstrationen haben auch in Deutschland eine Debatte über Rassismus und Polizeigewalt entfacht. In den meisten Medien beschränken sich die Beiträge auf Schwarze und andere nicht-weiße Menschen, die ihre persönlichen Rassismuserfahrungen schildern sollen. Den Begriff „struktureller Rassismus“ haben dabei zwar viele auswendiggelernt, aber die vorgeschlagenen Lösungen bleiben dann doch individualistisch. So werden etwa mehr Migrant_innen bei der Polizei und in den politischen Parteien gefordert, die dann – so die Idee – über ihre Positionen den Rassismus zurückdrängen könnten.

Das Problem an dieser Form der Repräsentationspolitik lässt sich an einer aktuellen Anekdote sehr gut herausarbeiten: Während eines Interviews mit Der Welt wurde Cem – Ich bin Deutscher – Özdemir von einen vorbeilaufenden Mann, der rief wir würden in einer Polizeidiktatur leben, unterbrochen. Özdemir pöbelte verbal zurück, er solle die Fresse halten und wir würden hier in Deutschland leben. Was einige, unter anderem er selbst, als sympathischen Anflug von authentischer Emotionalität abtun, bezeichnen andere, vor allem ich, als performativen Akt vor der Springerpresse und seinem Publikum die eigene Integriertheit vorzuführen.

Durch maximale Härte gegen Polizeikritik, soll die maximale Distanz von den Randalierern in Stuttgart demonstriert werden. Jemand, der sich so klar für Deutschland einsetzt und diese asozialen Migrant_innen verurteilt, die wegen so erfundenen Kleinigkeiten wie rassistischer Polizeigewalt Sachbeschädigung begehen und Widerstand gegen die Staatsgewalt leisten, der muss auch ein guter Politiker sein, wenn nicht sogar einer der als künftiger Minister regierungsfähig ist. So in etwa stelle ich mir die Logik seiner Projektion auf die deutschen Wähler_innen und ihre Werte vor.

Dieses zugegebenermaßen extreme Beispiel, führt einen konkreten Punkt vor Augen: Dass jemand selbst von Rassismus betroffen ist, macht ihn noch lange nicht solidarisch mit anderen Betroffenen. Man kennt dasselbe Phänomen auch aus dem Bereich Polizeigewalt. Frauen* oder migrantische Polizist*innen sind keineswegs per se “netter” – und oft genug sogar das Gegenteil, weil sie gezwungen sind, ihre Loyalität zu dem, was sie da tun, ständig zu beweisen. Die Logik ist die gleiche wie bei Özdemir: Um nicht mit den anderen Migrant_innen vermengt zu werden und sich zu beweisen, wird gegen diese viel krasser ausgeteilt.

In der bürgerlichen Gesellschaft sind rassisfizierte Identitäten funktional notwendig, um nicht über das darunter liegende Ausbeutungsverhältnis zu sprechen. Deshalb hört auf, zu fordern, man brauche PoC-Quoten in Politik und Medien, fordert stattdessen antirassistische Perspektiven, radikale Perspektiven, revolutionäre Perspektiven. Aus der Natur der Sache wird ohnehin hervorgehen, dass sich selbst von Rassismus Betroffene angesprochen fühlen. Man tut umgekehrt linken Schwarzen keine Gefallen, wenn man sie auf ihre reine Existenz als Opfer von Rassismus reduziert, statt sie über ihre widerständigen politischen Perspektiven zu identitfizieren. In den Diskussionen um die Riots in den USA wurden nicht selten „weiße Anarchisten“, mit dem Ziel den Staat zu destabilisieren, für die Randale und Plünderungen verantwortlich gemacht. Weiße Menschen sind in diesem Weltbild ausdifferenziert in radikal, liberal, konservativ, während Schwarze ein monolithischer Block aus Opfern sind.

Neben dieser rassistischen Vermengung besteht das Problem, dass es mittlerweile ein migrantisches Kleinbürgertum gibt, das mit Repräsentationspolitik seinen stinknormalen Karrierismus als antirassistische Politik verkaufen kann. Für diese beschränkt sich Rassismus vor allem auf die eigene erlebte Diskriminierung bei dem Versuch sozial aufzusteigen. Das zugrundeliegende soziale Verhältnis von Ausbeutung und Enteignung ist dabei gar nicht so relevant. Die bloße Existenz von Betroffenen in Politik und Medien bedeuten dabei weder antirassistische Inhalte, noch ist davon auszugehen, dass in einer Gesellschaft in der struktureller Rassismus nun mal funktional ist, Repräsentation irgendwas anderes erreichen könnte als Opportunismus wie bei Özdemir, oder Frustration bei denen die es zumindest gut meinen, weil ein Antirassismus, der sich auf kleinbürgerliche Antidiskriminierungspolitik beschränkt Sisyphusarbeit bleiben muss.

#Titelbild: wikimedia.commons

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4 Kommentare

    JeWu 24. Juni 2020 - 15:12

    “There is no such thing as a non-violent revolution!”
    Malcolm X

    HeFe 28. Juni 2020 - 8:14

    Wieso wird hier angenommen, dass die Randalen in Stuttgart irgendeinen Zusammenhang mit Protesten gegen Polizeigewalt hätten? Ich finde es nicht gerechtfertigt das, was dort passiert ist, in einen Zusammenhang zu bringen mit den größtenteils friedlichen Protesten hier in Deutschland und es gibt in meinen Augen auch nichts, was darauf hindeutet, dass hinter dieser Zerstörungswut eine Botschaft stecken sollte.

    […] statt nur mit gendergerechter Sprache. Auch betrachte ich den Diversitätsbegriff kritischer, da Repräsentationspolitik alleine keine diskriminierenden Strukturen ändert. Eine wissenschaftliche und feministische Haltung bedeutet immer auch Selbstreflektion, […]

    […] than just gender fair language. I also take a more critical view of the concept of diversity, since representation policy alone does not change discriminatory structures. A scientific and feminist attitude always means self-reflection, the ability to criticize and […]