Stuttgart: Wir sehen genau, bei welcher Gewalt ihr schreit

21. Juni 2020

Es ist wieder einmal so weit. Deutschland hat eine „Gewalt“-Debatte. Derlei Gewaltdebatten entzünden sich stets an der Gewalt von Marginalisierten, an der Gewalt von „unten“ – und ganz besonders, wenn man meint „Fremde“ unter den „Gewalttätern“ ausmachen zu können. Ich will im folgenden nicht über diejenigen Reden, die jetzt ein Fest des Rassismus feiern, denn sie sind so elend, dass es keiner Beschreibung bedarf. Es sind Leute, die bei jeder Gelegenheit ein Pogrom verüben würden, aber bei „Ausländergewalt“ zum liebevollen Wahrer gesellschaftlichen Friedens werden; Leute, die zuhause die „eigene“ Frau halb tot prügeln und dann mit dem Finger auf die “Fremden” zeigen, um sich als Retter des weiblichen Geschlechts aufzuspielen. Man muss ihnen nicht zu viele Zeilen widmen.

Ich möchte aber über etwas anderes reden: Die ganz normale, ganz durchschnittliche Empörtheit der ansonsten auch ganz progressiven Mitte. Die Saskia Eskens dieser Republik. Die SPD-Vorsitzende formulierte direkt nach den Auseinandersetzung: „Was für eine sinnlose, blindwütige Randale in #Stuttgart, die so viele verletzte Polizist*innen und zerstörte Ladengeschäfte zurücklässt. Die Gewalttäter müssen ermittelt & hart bestraft werden. Unbegreiflich, wie die Situation derart eskalieren konnte.“

Die liberale bis linksliberale Reaktion auf spontane Riots fragt nicht: Was sind die Gründe? Warum kommt es zu der Gewalt? Um welche Art der Gewalt handelt es sich, wessen Gewalt ist es? Leute wie Esken wollen das Bild vermitteln: Wir sind die, die immer gegen Gewalt sind. Ist das schlecht? Jede*r ist gegen Gewalt. Noch der letzte genozidale Militär wird aufrichtig glauben, sein Morden dient dem Ende irgendeiner Gewalt oder Not. Gewalt ist nicht die „Ausnahme“ in der Welt, in der wir leben, sie ist der Normalfall. Es ist so trivial und eigentlich weiß es jeder: Krieg ist Gewalt, Vertreibung ist Gewalt, das Europäische Grenzregime ist Gewalt, Rassismus ist Gewalt, Feminizide sind Gewalt. Mehr noch: Ein Leben in Prekarität und Unsicherheit, im schlimmsten Fall Hunger ist Gewalt. Und das Iphone, auf dem ihr diesen Text lest, ist vergegenständlichte Gewalt, in Form gegossen in Kobaltminen und Menschenschinderfabriken. Libysche Folterlager sind Gewalt, bezahlt von der Bundesregierung. Türkische Angriffskriege mit bundesdeutschem Kriegsgerät sind Gewalt. Handelsverträge sind Gewalt, Austeritätsmaßnahmen sind Gewalt. Die Liste ist endlos – und es ist trivial, jeder Mensch weiß das.

Aber die Gewalt dieses Systems ist man gewohnt, seit man das Licht der Welt erblickte. Und wieder und wieder und wieder und wieder wird einem gesagt, man könne sie eben nicht ändern, sie sei unveränderlich, notwendig oder das kleinere Übel. Man begegnet ihr mit einem Schulterzucken, oder wenn man progressiv und links ist, dann mit einer allzeit gemäßigten Kritik, zu deren Überbringung an die zuständigen Stellen man sich doch bitte auch das Zugticket zu lösen hat.

Aber wehe es kommt zur „außerordentlichen“ Gewalt. Zur Gewalt derer, die man selber nicht kennt, denn sie kommen so selten in den Bundestag, die Zeitungsredaktion und die hübschen Restaurants, in denen man zu Abend isst. Selbst in die Clubs nicht, in denen man ganz cool feiert, schon wegen der Türsteher. Diese „außerordentliche“ Gewalt, die zeiht man des Zivilisationsbruchs. Und beschwört die Härte genau jenes Systems, das man zuvor noch wohlfeil kritisiert hatte.

Es sind dieselben Leute, die sich noch vor zwei Wochen – man will ja auch sein Profil schärfen – Martin Luther King in die Timelines geschwungen haben: a riot is the language of the unheard. Und die „radikaleren“ von ihnen, die hießen gar die Aufstände gut: solange sie weit weg sind und die involvierten Personen einfach „Schwarze“ sind, aber keine konkreten Menschen. Nur je näher etwas kommt, desto wirklicher ist es. Und eigentlich schaut man auf den Pöbel herab. Was in den USA noch ein mit dem Fernglas zu beobachtender Schwarzer Jugendlicher, der für seine Rechte kämpft, war – im eigenen Backyard ist es ein sinnloser Gewalttäter, ohne politische Gesinnung, gar nicht progressiv. Ja hatte der denn überhaupt die neuesten Studien zur Funktion der Polizei gelesen, bevor er sich an dem Streifenwagen verging? Es ist ein altes Phänomen in Teilen der Linken: Der Refugee ist super welcome – außer der konkrete, der dann bei einem einziehen will, weil der ist für Palästina oder gar Gaddafi oder redet anders als man selber, im schlimmsten Fall ist er sogar Muslim. Man mag die konkreten Menschen nicht, wenn ihnen die Etikette fehlt. Man glaubt auch gar nicht, dass es so etwas wie politische Überzeugungsarbeit geben sollte. Man will mit denen sein, die denselben „Diskurs“ pflegen, die „im Rahmen“ sind und die das Einmaleins des progressiven Humanismus auch dann noch aufsagen können, wenn ihnen eigentlich schon längst zum Heulen ist.

Die abstrakten Menschen, die in der Türkei, wenns hart kommt in den USA, die dürfen sich gelegentlich wehren. Aber doch nicht DIESE HIER. Die language of the unheard, sie muss schon gestochenes, akademisches Hochdeutsch sein, ansonsten versteht das doch keiner. Und wenn die language of the unheard dann Unterschichtsslang oder gar irgendwas ausländisches ist, dann lieber mit der anderen language übertönen: tatütata, Hier spricht die Polizei.

Aber was heisst denn dieses Martin-Luther-King-Zitat, das alle kennen eigentlich? Es heißt nicht: Fetischisiert jeden Riot, weil das ist so super geil – ein wenig die Kehrseite von dem linksliberalen Quatsch. Es heisst: Menschen, die jeden Tag getreten werden, auf dem Amt, in der Schule, auf Arbeit, Menschen, die jeden Tag von den Bullen getriezt werden, dann nach Hause kommen und sich noch von den Eltern anhören können, „was hast du wieder gemacht, Junge?“, weil an allem müssen sie Schuld sein, der Staat, der Chef, der Lehrer, die sind ja integer – diesen Menschen reicht es an einem Punkt. Das ist nicht hübsch und zielgerichtet. Im schlimmsten Fall richtet die Wut sich gegen Ihresgleichen. Im besseren Fall gegen ein paar Scheiben von McDonalds oder Autos der Polizei. Führt das zur Revolution? Nein. Sollten deshalb Leute, die 10 000 Euro als Abgeordnete einer Regierungspartei verdienen und schulterzuckend sagen, na mehr als drei Dutzend Kinder konnte ich leider nicht aus Moria in die Bundesrepublik holen, Lektionen über „Gewalt“ verteilen und gleichzeitig die Gewalt des Staates gegen diese Jugendlichen beschwören? Sicher nein.

Eine proletarische Linke muss sich mit den Problemen in der eigenen Klasse auseinandersetzen. Sie kann spontane Wutausbrüche nicht fetischisieren, sondern muss sich Gedanken machen, in welcher Form sie die Wut organisieren kann. Aber sie sollte wissen, auf welcher Seite sie steht.

Denn die liberale Linke weiß das ganz sicher. Sie glaubt an diesen Staat, seine Polizei, seine Gesetze, seine Ökonomie. Sie will sie nicht ändern, sondern im besten Fall einige wenige Symptome abmildern, um ihr eigenes Geschäftsmodell in der kommenden Wahl bestätigt zu bekommen. Und sie wird stets, wenn irgendeine Gewalt von unten kommt, auf der Seite der Gewalt von oben stehen.

# Bildquelle: rbrammer // flickr

Schreibe einen Kommentar Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

9 Kommentare

    Barbara Gundermann 21. Juni 2020 - 15:02

    Danke für die klaren Worte. 10.000ende waren auf der Straße für BLM – die Moral vor sich her tragend. Vor der Haustür will es niemand. Sehr heuchlerisch das Ganze.

    […] lowerclassmag.com… vom 22. Juni […]

    Vincent Schmidt 22. Juni 2020 - 13:44

    Ich stell immer wieder fest, dass die Linke Szene nicht bei allen Menschen konkret schlechtes Verhalten kritisiert und anprangert. Ich rede jetzt nicht von einer spontanen Aktion

    Vincent 22. Juni 2020 - 13:53

    Sorry, ich fahr noch nicht fertig… Ich wollte sagen, dass ich nicht das Verhalten in Stuttgart allgemein meine, sondern dieses prollige, zum Teil homophobe, antisemitische und frauenverachtende Verhalten, das man tatsächlich nicht nur bei Nazis, sondern eben auch leider bei vielen Migranten.. Nein ich behaupte nicht dass es sowas nicht auch in Deutschland gibt, keinesfalls. Aber ich sehe es nicht ein mich mit Leuten zu solidarisieren, die ideologisch mit den Drecksnazis viel gemeinsam haben. “Nazis auf’s Maul” ist berechtigt, aber genauso berechtigt ist es, wenn man dem Proll, der hier als Migrant lebt, die Fresse zu polieren wenn er menschenfeindliche Äußerung macht.

    Pele 22. Juni 2020 - 16:31

    Aber woher weißt Du denn, dass das Jugendliche aus der Unterschicht waren? Vielleicht waren das auch (ich war nicht dabei, ich wohn’ in Hamburg…) verzogene linkeradikale Mittelschichtskinder, die dem Missverständnis unterlagen, es gehe hier darum, einen von Rassismus und Polizeigewalt Betroffenen im Stile der jüngsten riots in den USA zu schützen und zu unterstützen? Oder einfach Drogenuser, die die Schnauze voll davon hatten, von der Polizei kontrolliert zu werden?
    In offiziellen Berichten hieß es ja nur: 17 jähriger Drogendealer, ein weißer Deutscher.
    Für die Unterschichtsthese hätte ich doch gerne mehr an “Beweis” als die bloße Behauptung.

    Boris P. 23. Juni 2020 - 11:05

    Leute, sorry. Man kann und sollte ja über die hier als Formen von Gewalt dargestellten Praktiken in unserer Gesellschaft diskutieren und diese verbessern bzw. ganz abschaffen. Jedoch bin ich immer wieder frustriert über solche Versuche, keinesfalls akzeptable Gewaltausbrüche von vermeintlich unterdrückten Menschengruppen (zu denen offenbar nur einige der Gewalttätigen in Stuttgart gehörten) zu rechtfertigen. Vor allem wenn diese Gewalt zum Teil andere Menschen betrifft, die selbst zu unterdrückten Gruppen gehören/gehörten, z.B. Einzelhändler und Kleinunternehmer, die sich durch eigene Mühe und nicht etwa durch angeborene Privilegien sich ein besseres Leben aufgebaut haben oder gerade dabei sind. Vor allem finde ich bei allem gedanklichen Aufwand die Prämisse, in unserem (durchaus reformbedürftigen, jedoch nicht nur von Gewalt und Unterdrückung geprägten) Rechtsstaat anhand von Gewalt Veränderungen entfachen zu wollen, weder legitim noch nachvollziehbar. Ja, dieser Rechtsstaat mag ja (noch) bestimmte Formen der Gewalt in der Praxis tolerieren. Dennoch haben wir ein (vor allem im Vergleich zu anderen Ländern weltweit) freiheitliches politisches System, das sich trotz einer gewissen verlangsamenden Trägheit durch legitimere Wege umgestalten lässt. Wir haben genug Mechanismen, die nichts mit Gewalt zu tun haben, um diesen Staat und diese Gesellschaft zu verbessern. Diese Mechanismen und keine anderen sollen wir nutzen.

    mensch 14. Juli 2020 - 17:37

    geht runna wie öl. sehr treffend formuliert. thx!

    […] Stuttgart: Wir sehen genau, bei welcher Gewalt ihr schreit […]

    […] „Stutt­gart: Wir sehen genau, bei wel­cher Gewalt ihr schreit“ von Peter Scha­ber am 21. Juni… zum The­ma, wer sich wann wor­über empört (und wor­über nicht): „… Ich will im fol­gen­den nicht über die­je­ni­gen Reden, die jetzt ein Fest des Ras­sis­mus fei­ern, denn sie sind so elend, dass es kei­ner Beschrei­bung bedarf. Es sind Leu­te, die bei jeder Gele­gen­heit ein Pogrom ver­üben wür­den, aber bei „Aus­län­der­ge­walt“ zum lie­be­vol­len Wah­rer gesell­schaft­li­chen Frie­dens wer­den; Leu­te, die zuhau­se die „eige­ne“ Frau halb tot prü­geln und dann mit dem Fin­ger auf die “Frem­den” zei­gen, um sich als Ret­ter des weib­li­chen Geschlechts auf­zu­spie­len. Man muss ihnen nicht zu vie­le Zei­len wid­men. Ich möch­te aber über etwas ande­res reden: Die ganz nor­ma­le, ganz durch­schnitt­li­che Empört­heit der ansons­ten auch ganz pro­gres­si­ven Mit­te. Die Saskia Eskens die­ser Repu­blik. Die SPD-Vor­sit­zen­de for­mu­lier­te direkt nach den Aus­ein­an­der­set­zung: „Was für eine sinn­lo­se, blind­wü­ti­ge Ran­da­le in #Stutt­gart, die so vie­le ver­letz­te Polizist*innen und zer­stör­te Laden­ge­schäf­te zurück­lässt. Die Gewalt­tä­ter müs­sen ermit­telt & hart bestraft wer­den. Unbe­greif­lich, wie die Situa­ti­on der­art eska­lie­ren konn­te.“ Die libe­ra­le bis links­li­be­ra­le Reak­ti­on auf spon­ta­ne Riots fragt nicht: Was sind die Grün­de? War­um kommt es zu der Gewalt? Um wel­che Art der Gewalt han­delt es sich, wes­sen Gewalt ist es? Leu­te wie Esken wol­len das Bild ver­mit­teln: Wir sind die, die immer gegen Gewalt sind. Ist das schlecht? Jede*r ist gegen Gewalt. Noch der letz­te geno­zi­da­le Mili­tär wird auf­rich­tig glau­ben, sein Mor­den dient dem Ende irgend­ei­ner Gewalt oder Not. Gewalt ist nicht die „Aus­nah­me“ in der Welt, in der wir leben, sie ist der Nor­mal­fall. Es ist so tri­vi­al und eigent­lich weiß es jeder: Krieg ist Gewalt, Ver­trei­bung ist Gewalt, das Euro­päi­sche Grenz­re­gime ist Gewalt, Ras­sis­mus ist Gewalt, Femi­ni­zi­de sind Gewalt. Mehr noch: Ein Leben in Pre­ka­ri­tät und Unsi­cher­heit, im schlimms­ten Fall Hun­ger ist Gewalt. Und das Ipho­ne, auf dem ihr die­sen Text lest, ist ver­ge­gen­ständ­lich­te Gewalt, in Form gegos­sen in Kobalt­mi­nen und Men­schen­schin­der­fa­bri­ken. Liby­sche Fol­ter­la­ger sind Gewalt, bezahlt von der Bun­des­re­gie­rung. Tür­ki­sche Angriffs­krie­ge mit bun­des­deut­schem Kriegs­ge­rät sind Gewalt. Han­dels­ver­trä­ge sind Gewalt, Aus­teri­täts­maß­nah­men sind Gewalt. Die Lis­te ist end­los – und es ist tri­vi­al, jeder Mensch weiß das. Aber die Gewalt die­ses Sys­tems ist man gewohnt, seit man das Licht der Welt erblick­te. Und wie­der und wie­der und wie­der und wie­der wird einem gesagt, man kön­ne sie eben nicht ändern, sie sei unver­än­der­lich, not­wen­dig oder das klei­ne­re Übel. Man begeg­net ihr mit einem Schul­ter­zu­cken, oder wenn man pro­gres­siv und links ist, dann mit einer all­zeit gemä­ßig­ten Kri­tik, zu deren Über­brin­gung an die zustän­di­gen Stel­len man sich doch bit­te auch das Zug­ti­cket zu lösen hat. Aber wehe es kommt zur „außer­or­dent­li­chen“ Gewalt. Zur Gewalt derer, die man sel­ber nicht kennt, denn sie kom­men so sel­ten in den Bun­des­tag, die Zei­tungs­re­dak­ti­on und die hüb­schen Restau­rants, in denen man zu Abend isst. Selbst in die Clubs nicht, in denen man ganz cool fei­ert, schon wegen der Tür­ste­her. Die­se „außer­or­dent­li­che“ Gewalt, die zeiht man des Zivi­li­sa­ti­ons­bruchs. Und beschwört die Här­te genau jenes Sys­tems, das man zuvor noch wohl­feil kri­ti­siert hat­te…“ […]