Schwarz und Rot: Sozialismus und Antirassismus in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts

15. Mai 2020

Buchbesprechung: „Klassenkampf und die color line. Amerikanischer Sozialismus und die Rassenfrage 1900-1930

Paul Heideman, legte 2018 ein umfangreiches Buch mit ausgewählten Originalschriften, von Reden, Briefen, veröffentlichten Artikel und internen Parteidokumente der Socialist Party of America (SP), der Industrial Workers of the World (IWW) und der Communist Party of America (CP) vor. Bei color line, wortwörtlich Fablinie, handelt es sich um die Frage von Rassismus / Antirassismus vor allem bezogen auf Anti-Schwarzen Rassismus, welche unter diesem Schlagwort in den USA der 1900er bis 1930er in linken Kreisen verhandelt wurde. In fünf Abschnitten führt Heideman jeweils kurz in die entsprechende Zeit und die zentralen Konfliktlinien innerhalb der Partei bzw. Gewerkschaft ein, um dann die historischen Dokumente für sich selber sprechen zu lassen.

Einen Rahmen gibt Heideman dem Ganzen durch seine detaillierte Einleitung (S. 1-37), in der er Lesende Schritt für Schritt in die allgemeinen Auseinandersetzungen mit Fragen der Verbindung von Marxismus und Antirassismus, sowie den Diskussionen der Zeit unter Sozialist_innen und Kommunist_innen, einführt.

Heideman versucht zuerst mit einigen falschen Mythen über das Verhältnis von Marx bzw. Sozialist_innen und Kommunist_innen und Antirassismus aufzuräumen. Er zitiert zum Beispiel den viel diskutierten Kritiker Cedric Robinson, Autor des einflussreichen Buches Black Marxism. The Making of the Black Radical Tradition, von 1983. Robinson, wie viele andere Schwarze, postkoloniale und feministische Theoretiker_innen, behauptetet darin, dass für Marx Fragen von ‚Rasse‘ und Geschlecht – unter anderen Themen – irrelevant gewesen wären:

Marx hat Rasse, Geschlecht, Kultur und Geschichte in den Mülleimer geworfen. Im vollen Bewusstsein des konstanten Platzes, den Frauen und Kinder in der Arbeiterschaft einnahmen, hielt Marx ihren Anteil in der Lohnarbeit für so unwichtig, dass er sie zusammen mit Sklavenarbeit und Bauern in den imaginären Abgrund warf, der durch die präkapitalistische, nichtkapitalistische und primitive Akkumulation gekennzeichnet ist“ (Robinson zitiert in Heideman, S. 3-4).

Die langen, detaillierten Ausführungen, die Heidemann von Marxscher Schriften allein zum Thema ‚Rasse‘, Sklaverei, Ausbeutungsverhältnissen bzw. Spaltung der Arbeiterklasse basierend auf Nationalität oder ‚Rasse‘ in der Einleitung vornimmt, zeichnen ein völlig anderes Bild. Ein Bild eines zu internationalen Geschehnissen seiner Zeit (wie des U.S. amerikanischen Bürgerkriegs 1861-1864) durchaus gut belesenen und hoch interessierten europäischen Revolutionärs mit vielen Weiterentwicklungen seiner eigener politischer Analysen in Laufe seines Lebens. Für Marx war die Auseinandersetzung mit der Sklaverei, vor allem gen Ende seines Lebens, kein Nebenschauplatz, sondern im Gegenteil eines der zentralen Dreh- und Angelpunkte für den Kampf des weltweiten Proletariats:

Die direkte Sklaverei ist der Angelpunkt der bürgerlichen Industrie, ebenso wie die Maschinen etc. Ohne Sklaverei keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Nur die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben; die Kolonien haben den Welthandel geschaffen; und der Welthandel ist die Bedingung der Großindustrie. So ist die Sklaverei eine ökonomische Kategorie von der höchsten Wichtigkeit.

Ohne die Sklaverei würde Nordamerika, das vorgeschrittenste Land, sich in ein patriarchalisches Land verwandeln. Man streiche Nordamerika von der Weltkarte, und man hat die Anarchie, den vollständigen Verfall des Handels und der modernen Zivilisation. Laßt die Sklaverei verschwinden, und ihr streicht Amerika von der Weltkarte“ (Marx und Engels in Das Elend der Philosophie S. 132 zitiert in Heideman auf S. 4).

1860 erklärte Marx in einem Brief an Friedrich Engels sogar:

Meiner Ansicht nach ist das Bedeutsamste, was heute in der Welt geschieht, die Sklavenbewegung […]. Ich habe gerade in der Tribune gesehen, dass es einen weiteren Sklavenaufstand in Missouri gegeben hat, der natürlich niedergeschlagen wurde. Aber das Signal ist jetzt gegeben worden“ (Brief von Marx an Engels in Manchester Januar 1860 zitiert von Heideman auf S. 5).

Marx argumentierte auch, dass das Ergebnis des u.s.-amerikanischen Bürgerkrieges die Zukunft des Klassenkampfes weltweit ausmachen würde, da die Sklavenhaltergesellschaft des Südens „den allgemeinen heiligen Kreuzzug von Eigentum gegen Arbeit“ ausmachen würde (Marx 1862 zitiert von Heideman auf S. 7). Außerdem half Marx selber z.B. dabei eine Demonstration von britischen Arbeiter_innen gegen die Beteiligung der britischen herrschenden Klasse an dem Bürgerkrieg zugunsten der Südstaaten zu organisieren.

Heideman zeigt sehr gut auf, wie nicht nur Marx, sondern auch viele Marxist_innen des U.S. Sozialismus 1900 bis 1930 durchaus ein Verständnis davon hatten wie rassistische Ideologie das Bewusstsein der Arbeiterklasse formte. Weitere Auseinandersetzungen mit diesem Zeitraum von Marxisten wie Hakim Adi und David Roediger unterstreichen dies.

Heideman betrachtet historische Figuren des U.S. Sozialismus wie Eugene V. Debs (1855-1926), Gründungsmitlied und Anführer der SP und fünfmaliger Präsidentschaftskandidat, in einem komplizierteren Licht, als gängig in marxistischen Kreisen der Fall ist. Debs, der seine politische Laufbahn als Eisenbahn-Gewerkschaftler begann, wird oft mit einem Satz aus seinem Aufsatz Der Neger im Klassenkampf (Englisch: The Negro in the Class Struggle) von 1903 zitiert um zu beweisen, dass Sozialist_innen selber gesagt hätten, Schwarzen Arbeiterinnen nichts ‚besonderes‘ anbieten zu können. Was Debs in diesem kurzen Pamphlet jedoch tatsächlich tut ist es sich gegen den Chauvinismus und Rassismus der Südstaaten-Delegierten zu richten (s. 42). Sein Rassismusverständnis war jedoch unterentwickelt; er dachte, außer eine formale Gleichstellung mit weißen Arbeiter_innen im Kampf um die Befreiung der Klasse, die Partei tatsächlich Schwarzen zu seiner Zeit nichts besonderes – lies: explizit antirassistisches im Programm, Selbstorganisierung etc. – anzubieten hätte. Im gleichen Pamphlet sagt er jedoch auch:

Sozialisten sollten mit Stolz ihre Sympathie und Loyalität gegenüber der schwarzen Rasse verkünden, und wenn es welche gibt, die zögern, sich angesichts ignoranter und unvernünftiger Vorurteile zu bekennen, dann fehlt ihnen der wahre Geist der sklavereizerstörenden revolutionären Bewegung“ (S. 47).

In seiner politischen Praxis verweigerte Debs vor segregierten Publikum in den Südstaaten zu sprechen und kann daher bei weitem nicht als Beispiel für den Rassismus der SP herangezogen werden.

Heideman zeichnet eine widersprüchliche, spannende und auch schmerzvolle Geschichte von nicht-weißen und weißen Kommunist_innen in den USA, die sich versuchten über die Trennlinie von Herkunft und ‚Rasse‘ zu organisieren, sowie die manchmal durchaus auch separatistische Schwarze Räume schufen um den Klassenkampf gezielter angehen zu können. Dabei schafft es Heideman mit seiner eindrucksvollen Auswahl an historischen Dokumenten, wenig bekannte Episoden des U.S. Sozialismus aufzuzeigen, wie z.B. 1915 als eine ganze Reihe Schwarzer Prediger in die SP aufgenommen wurden, um unter Schwarzen Kirchengänger_innen sozialistische Ideen zu verbreiten (S. 16). Ein wichtiges Buch für alle die sich mit Rassismus und Marxismus beschäftigen.

Paul Heideman (Hg.): Class Struggle and the Color Line. American Socialism and the Race Question 1900-1930. Haymarket Books, 2018. 458 Seiten, 19€. Bei Veröffentlichung noch ein paar Tage 50% Rabatt.

#Von Eleonora Roldán Mendívil

# Titelbild: Archiv der CPUSA

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