Corona-Proteste: Willkommen im Mainstream

10. Mai 2020

In den letzten Jahren kommt es öfter mal zu Demonstrationen, in denen Anliegen thematisiert werden, die völlig legitim sind, aber so bis zur Unkenntlichkeit verzerrt werden, dass am Ende irgendwas Reaktionäres bis Faschistisches rauskommt. In der Spaltung der Friedensbewegung war das der Fall, bei den jetzigen Corona-Protesten verhält es sich ähnlich. Bei vielen, die da mitlaufen, spielt das vage Gefühl eine Rolle, dass die da oben uns hier unten nichts Gutes wollen; dass die auflagenstarken Medien auch nicht „objektiv“ berichten; und dass man irgendwie verarscht wird. Dass derlei Eindrücke im Kapitalismus entstehen, ist völlig normal und korrekt. Die Frage bleibt aber dann immer: Wie erklärt man sich, was einen stört? Wen oder was macht man als Schuldigen aus? Und wie will man´s ändern?

Die aktuellen Erklärungen der Corona-Krise gehen zum Teil ins Skurrile bis Pathologische über, aber sie haben einen gemeinsamen Kern. Der lässt sich nicht so gut verstehen, wenn man die ganze Zeit die Facebook-Seiten irgendwelcher Leute nach den schrägsten Fundstücken durchforstet, sondern die Frage ist ja vielmehr: Was ist denn das materielle Interesse, das die Leute jetzt auf die Straße treibt.

Und das ist recht simpel: Die Teilnehmer der Demos wollen schnell zurück zur „Normalität“, an die Gefährlichkeit von Corona glauben sie nicht, oder wenn ja, ist sie ihnen egal. Sie meinen, dass der Staat über Corona ein Regime der politischen Kontrolle einführt, eine Diktatur. Und manche von ihnen meinen, dieses Vorgehen des Staates (oder von Bill Gates etc.) folge einem langfristigen Plan. Dazu kommen dann noch individuell sehr unterschiedliche Grade an Verwirrung, bis hin zu quasi-religiösen und antisemitischen Verschwörungstheorien.

Das mag alles schräg aussehen. Aber es kommt zutiefst aus der „Mitte“ dieser Gesellschaft. Es ist genauso wenig „alternativ“ wie die „Alternative für Deutschland“. Es ist nicht rebellisch, sondern zutiefst konservativ. Das Fundament dieser Proteste ist ein liberaler Freiheitsbegriff, der den Einzelnen gegen die Gesellschaft richtig: ICH will dieses und jenes tun, da darf MICH keiner hindern, auch wenn es allen anderen schadet. Das hat nicht Ken Jebsen erfunden. Das ist das Credo kapitalistischer Ideologie seit eh und je. Es ist Mainstream schlechthin.

Komplementär dazu geht man genau für den Zweck auf die Straße, den eine Fraktion des Kapitals gegen die Statthalterin des ideellen Gesamtkapitalisten Staat, Angela Merkel, schon seit Wochen mittels diverser Medien durchdrücken will – allen voran in den Schmutzblättern des Springer-Verlags. Dort werben die Reichen und Mächtigen für die Öffnung „der Wirtschaft“ und nun hat man endlich – wie in Trumps USA, wo der verarmte White Trash gegen die eigene Krankenversicherung zum Sturmgewehr greift – Leute gefunden, die auch willig sind, für „den Standort“ die eigene und die Gesundheit aller anderen zu opfern. Wo ist das “alternativ”. Wer könnte mehr “Mainstream” sein als Springer, die diversen Konzernchefs und Lobbyisten oder jemand wie Ulf Poschardt?

Dass genau die, die ständig „cui bono“ fragen, nicht in der Lage sind, zu verstehem wem sie denn hier grade bono machen, dafür darf man getrost den Verschwörungsideologen aller Couleur danken. Diese reaktionären Kleinbürger sind es, die diejenigen, die nach Antworten suchen per total undergroundigen Telegram-Kanälen und Facebook-Gruppen eine einfache Erklärung bieten. Die abgefahrenen Stories haben dann mit der Wirklichkeit gerade noch so viel zu tun wie nötig ist, um jemanden zu verblöden. Die Sprecherinnen und Sprecher dieser Proteste sind Unternehmer, Journalisten, B-Promis, Anwälte, gelegentlich mal ein Arzt oder ein Hipster-Fraß-Unternehmer. Es ist eine typische Kleinbürger-Nummer und eigentlich, ja eigentlich sollte es ein Leichtes für die Linke – parlamentarisch wie nicht – sein, dem etwas auf der Straße und in den Köpfen entgegenzusetzen.

Aber die Geschichte endet ja hier leider nicht. Denn das Komplement zu dieser Art Mainstream ist der andere, der linksliberale Mainstream. Eine Menge an Leuten aus Medien, Stiftungen, Parteien und Jugendorganisationen, deren täglich Brot in nichts anderem besteht, als sich in der Abgrenzung zu dieser wild zusammengewürfelten Masse zu suhlen. Eigene politische Strategie? Fehlanzeige. Wenn die sagen, Deutschland wird Diktatur, dann sagen wir: Deutschland ist das beste Land der Welt genauso wie es ist. Wenn die auf die Straße gehen, dann fragen wir die Polizei, warum sie das dürfen! Und wenn wir dann noch Zeit haben, dann erklären wir denen, die genauso emanzipiert sind wie wir selber, warum wir die Gebildeten und die anderen die Dummen sind.

Wenn Studium und gewählte Ausdrucksweise nicht Eintrittskarte zum Linkssein wären, könnte man sich vielleicht eine eigene Strategie gegen dieses Staat, gegen Kapital und meinetwegen gegen Bill Gates überlegen. Aber als „linkster“ Teil des liberalen Establishments will man einfach, dass der Staat für einen die Aufgabe übernimmt, die Gesellschaft emanzipatorischer zu gestalten. Weil selber machen geht nicht. Und darüber hinaus will man mit dem Schmutz nichts zu tun haben, weil am Ende würde man noch selber dreckig.

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7 Kommentare

    Pierre Delorme 10. Mai 2020 - 13:49

    Vielen Dank für Ihren Artikel, Herr Schaber.

    Sie konstatieren also reaktionäre Einstellung im Klein- und Bürgertum, aber auch in der staatshörigen Linken selbst, bzw. bei den Linksliberalen. Aber sind nicht gerade heute auch einige Teile der radikalen Linken in seltsame Lethargie und Übereinstimmung mit dem Staat verfallen? Als ob tatsächlich Staat und Polizei hier den Faschismus trockenlegen werden…die jW und auch andere Artikel auf dem LCM beteiligen sich an der Attacke auf verschiedenste Gegner der Corona-Maßnahmen. Freilich ist Vereinnahmung von Rechts schonungslos aufzudecken, ist essentiel, nur ist die Abfällig- und Überheblichkeit (nicht in Ihrem Artikel) vieler Schreiber doch kein Ersatz für eine Analyse. Denn gegen die Maßnahmen sind nicht nur Rechte und Spinner. Und ist es nicht ein außgewiesener Fortschritt, wenn selbst vorgeblich Reaktionäre für Freiheitsrechte und Demokratie einstehen??? Manche instrumentalisieren das. Die Nasen sowieso. Aber manche vielleicht auch nicht. Das ist doch erstmal gar keine so schlechte Nachricht, oder?

    Aber die rein abfällige Behandlung aller Demonstranten weckt zumindest den Verdacht, das viele Linke die Proteste für Freiheits- und Bürgerrechte per se ablehnen. Und das wäre vielleicht fatal für die Linke und ihren Ruf. Sie würde, v.a. auch die außerparlamentarische Linke, die sich nicht gegen den autoritären Coup der Exektuive auspricht, einen massiven Imageschaden einbringen. Und den Widerstand aus mangel an Alternative den Nazis überlassen, sollte es ganz schlecht kommen.

    Denn das 1789 ein Forschritt über das Vorher war, auch wenn es nur Freiheit für den Bonzen war, sollte doch auch in der nicht-romantisierenden Linken Konsens sein, denn sie will diese Rechte für alle minus Eigentumsrecht usw., muss ja nicht ausgeführt werden.

    Der kleinbürgerliche Autoritäswahn hat sich also auch durchaus bis an den linken Rand fortgefressen…bzw. der linke Rand ist selbst eingelullt und hat sich an die Verhältnisse gewöhnt.

    Nur woher rührt diese Anfälligkeit. Warum agieren die Menschen gegen ihr Interesse? Und wie macht man sich Ihrer Ansicht nach richtig schmutzig? Was ist dagegen zu tun?

    Sind Sie gegen den Coup gegen Parlament und Verfassung und lamentieren die Umnachtung von Teilen der radikalen Linken ?

    Ihre Beschreibung ist treffend, aber auf die Ursachen gehen Sie vielleicht nur zu andeutungsweise ein, wirkliche Handlungsvorschläge leiten Sie nicht wirklich ab. Es bleibt bei einem – freilich wichtigem – Appell.

    Vielleicht könnten Sie das in einem Folgeartikel weiter ausführen. Das würde mir gefallen als jemandem, der ihre Artikel schätzt und regelmäßig zur Kenntnis nimmt.

    Soldarische Grüße,

    P. Delorme

    Lydia 10. Mai 2020 - 13:59

    Corona-proteste: Willkommen im Mainstream

    Ich habe gerade deinen Artikel gelesen.
    Selbst wenn dein Artikel absolut brilliant wäre (was ich nicht beurteilen kann weil ich zu wütend bin), ist er in dem Moment für mich gestorben wo marginalisierte Menschen als White Trash bezeichnet werden!!!
    Das ist derselbe Mechanismus wie Menschen die sozialbenachteiligt/ausgegrenzt/diskriminiert sind, als sozialschwach zu bezeichnen und damit gleich nochmal zu stigmatisieren!!!

    Vielleicht wäre das der richtige Moment sich einmal Gedanken darüber zu machen warum so wenig Menschen, die tatsächliche einen lowerclass-backround haben, in der Linken zu finden sind.

    Und wenn ihr gerade dabei seit, könnt ihr gleich noch die eigenen Vorurteile hinterfragen…

    Wütende und solidarische Grüße

    Lydia

    Igor Komentarovic 10. Mai 2020 - 14:27

    Ein Zitat aus Wilhelm Reichs Massenpsychologie des Faschismus:

    “Dieser zweite Weltkrieg bestätigt wieder einmal, was jeher allgemeines Wissen war: Der politische Reaktionär unterscheidet sich vom echten Demokraten grundsätzlich (hervg. im Org.) durch seine Stellung zur Staatsgewalt. An dieser Stellungkann man den sozialen Charakter eines Menschen objektiv (herv. i. Org.) beurteilen, gleichgültig welcher politischen Partei er angehört. Entsprechend dieser Beurteilung gibt es echte Demokraten unter den Faschisten und echte Faschisten unter den Partei-Demokraten. Wie die Charakterstruktur geht auch diese Stellung zur Staatsgewalt kreuz und quer durch alle politische Gruppierungen. Auch hier ist Schwarzmalerei, also mechanische Zuordnung von Gesinnungen, falsch und sozialwissenschaftlich unzulässig.”

    Anderer Max 11. Mai 2020 - 8:46

    Hallo, mal ein Kommentar von außen:
    Die Radikalen sind es, die mich aus linken Strömungen gedrängt haben. Leute, wie Lydia, Kommentar 2. Deren Emotion ist das Wichtigste. Wer deren Emotion nicht 115%ig nachvollziehen kann, gehört zu den Bösen. Wer kein Binnen-I verwendet und wer auch nur einen Menschen einmal generalisiert, ist sofort unten durch. Darf nicht mehr mitspielen.
    Das Problem mit diesen linken Fundamentalisten ist deren Kompromissunfähigkeit. Auch ein Grund, warum es die Linke so schwer hat momentan: Das Potential ist da, aber man müsste man sich von 30 Jahren gepflegter Vorurteile trennen. Vielleicht sogar mit der FDP reden. Igittigitt.

    “Vielleicht wäre das der richtige Moment sich einmal Gedanken darüber zu machen warum so wenig Menschen, die tatsächliche einen lowerclass-backround haben, in der Linken zu finden sind.”
    r/selfawarewolves
    Fragen Sie sich das mal Lydia. Sich selbst. Ergebnisoffen. Ne Moment, reden Sie doch mal mit einem “lowerclass-backgound-Menschen” (viel besseres Wort, als “white trash”, sooo viel besser). Kennen Sie einen oder sind alles Studenten um Sie herum? Fragen Sie dort mal, wie wichtig dem lowerclass-Jochen Ihr binnen-I ist. Oder ob sich Schweißer-Klaus und Putzen-Ulla durch die Erwähnung des Wortes “white trash” in einem Privaten Blog beleidigt fühlen, oder ob nur Sie sich beleidigt fühlen, obwohl Sie gar nicht adressiert waren.

    Und googlen Sie mal “Elfenbeinturm”.

    Weber 11. Mai 2020 - 11:39

    Kleines Versehen im vierten Absatz: “Das Fundament dieser Proteste ist ein liberaler Freiheitsbegriff, der den Einzelnen gegen die Gesellschaft richtig: […]” — Da sollte wahrscheinlich ein “richtet” am Ende stehen.

    Thomas 11. Mai 2020 - 14:03

    Danke für den ausgewogenen Artikel. Ich denke jeder mit etwas Statistikverständnis kann inzwischen zumindest sagen, dass die zur Begründung der Maßnahmen angenommene Gefährlichkeit um mindestens eine Größenordnung überschätzt wurde. Und auch dem letzten Linken sollte es langsam dämmern, dass die zu rettende “Wirtschaft” von der wir hier reden, hauptsächlich Sozial- und Kulturwirtschaft, Selbstständige sowie KUM sind, während Konzerne den größten Teil des “Rettungsschirm”-Kuchens abbekommen, fette Dividenden auszahlen und die genannten nun in Schieflage geratenen KUMs billigst schlucken können. Es ist nichts anderes als eine verdeckte Umverteilung riesigen Ausmaßes. Das Kapital ist der ganz große Gewinner dieser Krise. Man scheint zu Anfang jedoch oft genug wiederholt zu haben, dass diese Einschränkungen ein notwendiger, zutiefst solidarischer Akt unserer Gesellschaft seien, so dass viele Linke noch immer überzeugt sind, Kritik daran sei unsolidarisch, und daher auch kategorisch abzulehnen. Die Kommunikationsstrategie des Innenministeriums hat somit voll und ganz gegriffen. Diese macht aber wiederum nur Sinn, wenn man von einem außerordentlich gefährlichen Virus ausgeht. Die Gefährlichkeit anzuzweifeln wäre aber unsolidarisch. Man dreht sich im Kreis.

    Danny 12. Mai 2020 - 10:30

    Stimme Thomas zu,

    vielleicht war der anfangs aus Vorsicht verständliche Gedanke, sich als vernünftigen Akteur positionieren zu wollen auch nicht falsch. Inzwischen ist er das nach allen Daten und Berichten, die wir haben, wohl nicht. Sich aber aus opportunistischen Gründen auf eine nun erwießermasen nicht begründbare Position zu versteifen, das ist eine politische Dummheit. Die Linke, zur Erinnerung, ist nicht an der Macht. Und auch so sollte eine Linke die Selbstkritik immer an erste STelle setzten…statt aus Eitelkeit an ihrem ersten Entschluss festzuhalten.

    Dass die Maßnahmen zur Erhaltung der Großmonopole dienen, dass sie vorsoglich Maßnahmen der Aufstandsbekämpfung darstellen, dass an einer tatsächlichen Bekämpfung des Virus vielleciht gar kein so großes Interesse besteht, dass das eine Attacke, und eine sehr gut platzierte, im Klassenkampf von oben ist, das dürfte doch echt langsam mal den meisten aufgehen.

    Klar ist weiterhin vernüftiges Verhalten angebracht. Aber nicht nur im Umgang mit Risikogruppen, die ja in der Regel alle sind außer ARBEITER, sondern überhaupt.

    Andere linke Medien scheinen hier weiter als das LCM…z.B. Perspektive Kommunismus, Nicht auf unserem Rücken, oder auch Perspeltive und teils Autoren auf TElepolis:

    https://perspektive-online.net/2020/05/corona-rebellen-und-rechte-rattenfaenger/

    https://www.heise.de/tp/features/Corona-Massnahmen-Fehlende-inhaltliche-Auseinandersetzung-4718119.html

    https://perspektive-kommunismus.org/corona/

    Das wichtigeste aber ist, das man weiter offen streitet und eben sich und seine Eitelkeiten und Gefühle zurückstellt. Freilich braucht die Linke auch eine Politik der Gefühle, aber eine vernüfntige.

    Viele Grüße,
    D