Von Kurdistan nach Hanau: Das Problem heißt Rassismus

15. März 2020

„Wenn Sie etwas unternehmen können, zumindest für die anderen Jugendlichen. Bitte… Mein Sohn soll nicht für nichts gestorben sein“, sagte die Mutter von Ferhat Unvar, einem der neun Menschen, die am 19. Februar in Hanau bei einem rassistischen Attentat ermordet wurden. Was meinte sie mit „für nichts“? Wie konnte der Tod „für nichts“ gewesen sein? In einem anderen Interview fragt sie „warum?“ und es herrscht einige Sekunden Stille. Diese Frage ist zutiefst erschütternd. Welche Antwort könnte den Schmerz lindern? Dass Tobias R. psychisch krank war? Dass – wie auch die Bundesregierung einräumte – die Tat einen „fremdenfeindlichen“ Hintergrund habe? Ein kranker weißer Deutscher, mit “fremdenfeindlichen“ Motiven rückt die Morde in ein falsches Licht.

Die Rolle der AfD im Attentat Hanau

Welche Rolle spielt die AfD in dieser Tat? Sie sitzt in allen Landesparlamenten und im Deutschen Bundestag. Die Partei, die immer wieder Shisha-Bars kritisiert? Nein, es ist keine Kritik, sondern Hetze gegen die Menschen, in Shisha-Bars gehen; überwiegend mit einem Migrationshintergrund. Trägt die AfD eine Mitschuld? Am 28. Januar veröffentlicht der AfD Abgeordnete Dimitri Schulz, dass es in Shisha-Bars es Vergewaltigungen gäbe; mehrere Syrer und Iraner seien festgenommen worden. Die AfD in der Landtagsfraktion NRW veröffentlicht auf ihrer Homepage ein Bild mit der Parole „Ausreichende staatliche Kontrolle von Shisha-Bars?“ Auch der Abgerordnete Stephan Bothe hetzt: „Vergiftungen in Shisha-Bars. Im Zweifel muss der Betrieb untersagt werden!“

Das sind nur einige Beispiele, die aber klar machen, dass die AfD mit den Reden den Boden für Radikalisierung und Gewalt bereitet. Der Fall in Hanau hat viele daran erinnert, dass Rassismus tötet – und das überall. Auch in Deutschland. Auch? Für Menschen, die in Deutschland Schutz gesucht haben und meinten, sie könnten hier friedlich leben, ist das vielleicht ein Schock. Für diejenigen, die schon länger hier leben ist spätestens seit den Morden des NSU klar, dass Faschismus und Rassismus in Deutschland zutiefst verankert sind; -„dank“ der AfD ist das offentsichtlicher als zuvor.

Kurz nach dem Attentat in Hanau gab Robert Lambrou (Fraktionsvorsitzender der AfD in Hanau) ein Statement ab, dass seiner Meinung nach der Täter Tobias R. nicht die AfD gewählt hätte und niemals Mitglied gewesen sei. Doch Lambrou und seine Partei werden von Tobias-ähnlichen Menschen unterstützt. Nicht nur Mitglieder der AfD sind mit Schuld an rassistischen Attentaten, sondern auch diejenigen, die durch die AfD, Rassismus in Parlamenten salonfähig gemacht hanben; diejenigen, die sie mitdiskutieren lassen, wenn in den Talkshows der Zustand der Demokratie thematisiert wird.

Fakt ist: Neun junge Menschen sind aus rassistischen Gründen niedergeschossen worden. Neun Hanauer starben, weil sie nicht den völkischen Vorstellungen von Tobias R. Entsprachen. Völkischen Vorstellungen davon, wer hier dazugehört, die mal mehr, mal weniger offensichtlich von der AfD propagiert werden.

Wer ist ein*e Migrant*in?

„Mein Sohn hat vor drei Wochen seine Ausbildung absolviert. Er wollte arbeiten, auch für Deutschland“ sagt Serpil Temiz in einem Interview mit Susana Santina vom ZDF. In einem anderen Interview mit Cosmos sagt sie „Keiner von ihnen war arbeitslos.“ Auch in ihrer Verzweiflung betont sie, dass ihr Sohn ein Teil der deutschen Gesellschaft war und im Gegensatz zu den immer wieder geäußerten Vorwürfen, Migrant*innen und Flüchtlinge würden sich auf Kosten des Staates ein schönes Leben machen, beweisen möchte, wie „deutsch“ ihr Sohn eigentlich war.

Wie lange bleibt ein Mensch ein Migrant? Wie wird man migriert? Mein Opa, beispielsweise kam 1965 nach Deutschland. Drei Jahre vor der Geburt meines Vaters. Wie viele aus meiner Familie sind Migrant*innen? Wie viele haben einen Migrationshintergrund und wie viele sind deutsch? Ich bin nicht migriert! Mein Vater auch nicht. Mathematisch gesehen, dürfte ich keine Zielscheibe für Tobias R. und seine Gesinnungsgenossen sein. Bin ich aber! Denn ich habe mit Ferhat Unvar vieles gemeinsam: Ich bin in Deutschland geboren, habe kurdische Eltern, habe eine abgeschlossene Ausbildung, spreche überwiegend deutsch und rauche gerne Shisha. Ich bin nicht Teil des „Wir“, wenn davon geredet wird, dass der Anschlag „uns allen“ galt. Ich werde zu einem „Ihr“ gemacht. „Ihr“ Migranten, „Ihr Ausländer“.

Du bist kein Kurde, du bist Türke

Zu wem die Opfer von Hanau gehören ist auch zwischen der kurdischen und türkischen Community Bestandteil von Auseinandersetzungen um Identität. Der Kampf um das Kurdisch-Sein. Türkische Faschisten gehen gegen Faschismus auf die Straße. Sie instrumentalisierten die Opfer. Gleichzeitig führte allein das Erwähnen der kurdischen Herkunft von zwei der Ermordeten zu tausenden Hasskommentaren im Netz. Ein Kurde sollte, auch wenn er stirbt, als Türke bezeichnet werden. Demos mit türkischen Fahnen und „Allahu akbar“-Rufen zeigen den Riss, der auch durch die Gemeinden der Opfer von Hanau geht. Aus „Ihr“ wird ein „Wir“, das genauso falsch ist wie das „Ihr“. So wie die Vorstellungen des türkischen Staatspräsidenten Erdogan, der immer wieder den Satz „ein Volk, eine Sprache, eine Flagge, ein Staat“ wiederholt. Es ist nicht egal, dass mindestens zwei der Opfer von Hanau Kurden waren, auch nicht den vielen türkischen Nationalisten. Sie wollen ihr Kurdisch-sein negieren.

Doppelter Repression gegen Kurd*innen

Und während Nazis und Rassisten morden, sind Kurd*innen nicht nur deren Gewalt ausgesetzt, sondern auch Repression durch den türkischen und deutschen Staat. Kurd*innen werden von allen Seiten kriminalisiert, angegriffen und verfolgt. Von deutschen Faschisten für ihr „anders“ sein, von türkischen Faschisten und und dem deutschen Staat für ihr kurdisch sein. Kurdische Oppositionelle, werden in den Knast gesteckt und ihre Organisationen verboten und verfolgt. Wenn morgens um 6:00 Uhr mehrere Polizist*innen deine Tür einschlagen und die Wohnung durchsuchen, nur weil über Social Media eine neu kriminalisierte Flagge gepostet wurde, ist auch das Gewalt; die Fortsetzung der rassistsichen Politik des türkischen Staates gegen Kurd*innen. Dieselbe rassistische Logik, die Menschen, die hier seit Generationen leben zu Fremden erklärt, erklärt Kurd*innen zu Türk*innen, bildet die Grundlage für den Staatsterror der Türkei und die Fortsetzung dessen hier durch den deutschen Staat.

# Titelbild: Demo 07.03.2020 in Hamburg zu Seebrücke Rasande Tyskar CC BY-NC 2.0

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