Selbstorganisierung gegen Rassismus

23. Februar 2020

Autor*in

Gastbeitrag

Unser Gastautor Osman Oğuz hat nach Hanau über seine eigenen Rassismuserfahrungen geschrieben – und was nötig wäre, um gegen Rassismus anzugehen. Der Text soll aber keine theoretische Idee bleiben. Gelüchtete und Migrant*innen, Nachfragen, Diskussions- oder Kontaktbedarf in Dresden haben, können sich gerne beim Verfasser melden (oseoguz@gmail.com, Twitter: @osmanooguz)

Rassismus ist kein Burn-Out des Volkes und kein Wutausbruch der besorgten, benachteiligten Menschen. Er ist keine geistige Störung und kein abweichendes Verhalten, sondern gehört zur Normalität. Er ist ein Ausdruck von Ungleichheiten, die durch den historischen und gegenwärtigen Kolonialismus und die kapitalistische Entwicklung zustande kommen. Er ist eine Spiegelung der Machtverhältnisse, unter denen wir leben. Somit ist er nicht etwas Individuelles. Er ist strukturell, also systematisch. Rassistische Haltungen sind auch nicht extrem, sie sind eine gleichsam natürliche Folge der gegenwärtigen Verhältnisse. Extrem ist die Naivität von manchen, die Rassismus nur durch liebevolle Sätze zu verhindern versuchen. Doch der Rassismus ist nicht nur eine Sache von einer “extremistischen” Szene, sondern eine der gesamten Gesellschaft.

Rassismus gehört zu unserem Alltag. Er übt nicht immer körperliche Gewalt aus, aber ist immer gewalttätig. Die Kommunikation zwischen den “Eigentlichen” und “Anderen” beinhaltet fast immer eine Gewalt, die die Deutungshoheit einer Partei unterstreicht. Hannah Arendt sprach von einer Welt, in der der Flüchtling auch beim Einkaufen von Lebensmitteln politisch denken muss. Eine Welt, die uns immer wieder zu unendlichen Verhören führt und in der wir uns jeden Tag beweisen müssen.

Ich lebe in Dresden, einer der Brutstätten des derzeitigen Rassismus, der sich in der Öffentlichkeit immer mutiger und selbstsicherer verbreitet. Was Hannah Arendt meint, erlebe ich jeden Tag am eigenen Leib. Die Mehrheitsgesellschaft wird immer mehr zu einem bedrohlichen Inspektor, der sich berechtigt fühlt, alle Bewegungen von Menschen zu beobachten und zu bewerten, die eine dunklere Hautfarbe haben. Insbesondere sind die Straßenbahnen und Supermärkte Orte solcher Begegnungen. Ich erwische mich immer wieder dabei, mit einer übertriebenen Vorsicht zu vermeiden, Fehler zu machen. Ich denke mir, wenn ich Fehler mache, mache ich es im Namen von allen anderen. Ich bin nicht nur Ich, ich bin “der Flüchtling”, mein Wesen ist politischer als die, die ganz selbstverständlich zu den „Eigentlichen“ gehören. Wenn ich aus einem blöden Versehen irgendeinen Fehler mache, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es auf meine Herkunft zurückgeführt wird. Man würde “natürlich” nicht von der Rasse sprechen, sondern von den “kulturellen” Unterschieden. “Kultur” ist für unseren Alltag die neue Rasse. Oder wie Adorno formuliert: Es tritt das „vornehme Wort Kultur […] anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch.”

Ich frage mich immer, wie ich damit umgehen sollte. Wie reagiere ich denn darauf? Worauf sollte ich dieses Verhalten zurückführen? Wie kann ich beispielsweise das kleine Kind verstehen, das den Rucksack in der Kiste auf dem Hinterrad festhielt, als es mich mit dem Fahrrad kommen sah? Warum sind denn diese Menschen so misstrauisch?

Diese Fragen verfolgen mich immer und beim Nachdenken fällt mir eines auf: Wir sind eher darauf fokussiert, wie die Befindlichkeit der Weißen aussehen. Warum sind sie so verärgert? Was hat ihnen denn das Herz gebrochen? Was ist verdammt nochmal das Problem, durch das sie sich derart komisch verhalten? Dann überlegen wir uns, wie wir die Weißen wieder zur Vernunft bringen können, wo sie ja hingehören. Almans sollen verstanden werden, sie sollen gehört werden, sie sollen geheilt werden.

Was ist aber mit uns, Leute? Wie sieht denn unsere Befindlichkeit aus? Worauf sollten wir beispielsweise unsere Wut zurückführen? Wie sollen wir mit unserer Verletzlichkeit umgehen? Was brauchen wir denn überhaupt, um die Wunden des Rassismus dieser Gesellschaft zu heilen? Welcher Hintergrund ist verantwortlich für unsere soziale und psychische Situation und unsere Stellung in dieser Gesellschaft und auf diesem Arbeitsmarkt? Wie können wir die strukturellen Hürden überwinden, uns ermächtigen und unsere Subjektposition erkämpfen?

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“Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich als Jude verteidigen”, sagte noch Hannah Arendt. Dasselbe gilt heute für uns. Wir brauchen Selbstorganisationen, durch die wir unsere eigene Politik machen können, im eigenen Namen zu Wort kommen. Wir dürfen nicht mehr von der Mehrheitsgesellschaft erwarten, dass sie uns einen Raum gewähren, durch den wir unsere Forderungen sichtbar machen, uns ermächtigen. Diese Aufgabe ist unsere.

Viele von uns sind jedoch in einer vorgeschriebenen Opferrolle gefangen. Viele sind verwirrt wegen des bestehenden Integrationsbegriffs, der uns immer wieder sagt, dass wir unsere berechtigte Wut vergessen und ständig lächeln müssen, damit die Mehrheitsgesellschaft zufrieden ist. Soziale Arbeit macht uns zu bloßen Hilfsobjekten und versucht nur, uns an das Bestehende anzupassen. Es kommt nicht selten vor, dass wir den Almans als Migrant*in zum Anfassen vorgeführt werden, damit sie ihre vermeintliche Wut, ihre Vorurteile, ihre rassistischen Ansichten abbauen, geheilt werden. Viele von uns versuchen, ihr Menschsein zu beweisen. Viele stecken in einer Identitätskrise fest, in der es schwer ist, sich überhaupt zu orientieren.

Sich in bestehenden “alternativen” Räumen zu bewegen, reicht aber auch nicht aus, um als Subjekt auftreten, sich sichtbar und hörbar machen zu können. Anerkennung bedingt in erster Linie das Kennen und Erkennen und Wiedererkennen. Während wir als Personen erkannt werden, die sich den Weißen zu beweisen versuchen, dass sie auch Menschen sind wie die Weißen, sehen wir uns selbst nicht mit unseren eigenen Augen, sondern mit den Augen der Almans. Wir haben Angststörungen, weil es uns total wichtig ist, wie die Almans uns bewerten, ob wir die Prüfung der Zivilisation bestanden haben. Wir rutschen in die Depression hinein, weil wir oft keine Möglichkeit haben, zu sprechen.

Eine solche Diskussion brauchen wir unter Migrant*innen und insbesondere Geflüchteten. Am Anfang sollten wir erkennen, in welchem Raum wir leben, zu welcher Identitätskrise wir gezwungen sind. Um diese Diskussion zu führen, brauchen wir aber erst einmal almanfreie Räume, in denen wir zu den Eigentlichen gehören, in denen wir unsere Wunden aufmachen können, ohne einer Hierarchie unterworfen zu sein oder uns umschreiben lassen zu müssen. Das muss identitätsstiftend gestaltet sein, dadurch sollten wir ein demokratisches Wir erreichen, ein Wir, das auch politikfähig ist.

Wir brauchen unsere eigene Politik und niemanden, der unsere Geschichten für Almans umschreibt, uns thematisiert, instrumentalisiert, dem es egal ist, wie wir uns dabei fühlen und dem es nur darum geht, wie die Almans auf unsere Wunden reagieren würden. Wir müssen fähig werden, unsere Geschichten selber zu erzählen und zwar mit einer vollkommenen Offenheit. Der Sache müssen wir in die Augen gucken und dadurch auch uns selbst. Wir müssen kein Niveau der Weißen erreichen, um erfolgreich zu sein, um eine Identität zu gewinnen, uns zu integrieren, Anerkennung zu bekommen. Auch um im bestehenden Wir wirklich existieren zu können, brauchen wir ein eigenes Wir. Nur dann kann Solidarität stattfinden. Sie kann nicht existieren, solange kein Kontakt auf Augenhöhe möglich ist. In den Kontexten, in denen wir als Klient*innen auftreten, als hilfloses Objekt wahrgenommen werden und nie selber zu Wort kommen, besteht keine Solidarität, das ist ein Machtverhältnis, das uns kaputt macht.

Schluss mit dem ständigen Lächeln, Schluss mit der “Integration”. Unsere Wut dürfen wir nicht mehr verdrängen, wir müssen ihr eine Bedeutung geben, sie politisieren und zu unserer Identität hinzufügen. Wir müssen uns vernetzen und verstärken.

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