Landtagswahl Hamburg: Von Sozen, Cum-Ex und Verdrängung

21. Februar 2020

Kommentar

Sorry, aber ich kann die Fresse von dem Mann nicht mehr sehen! Egal, wo man sich in Hamburg bewegt, durch welches Viertel man geht, in welcher S-Bahn oder welchem Bus man sitzt – immer wieder guckt dich überdimensional das bebrillte Gesicht von Peter Tschentscher an. „Die ganze Stadt im Blick“ steht auf den Wahlplakaten neben seinem Konterfei. Die Sozis verkaufen ihren Ersten Bürgermeister und Spitzenkandidaten bei der Bürgerschaftswahl am kommenden Sonntag als seriösen Landesvater, der für alle da ist. Aber dieser Herr, der so staubtrocken daherkommt, als wollte er alle Klischees vom Beamten erfüllen, ist bestenfalls der Prokurist der Pfeffersäcke, wie die herrschende Klasse an der Elbe verniedlichend genannt wird.

Als waschechter Hamburger und radikaler Linke darf ich das sagen: Irgendwie habe ich die Stadt immer für vieles geliebt, für den Michel, die Hafenschlepper unten am Elbrand, für die Atmosphäre auf St. Pauli oder Altona, wo sie von der Gentrifizierung noch nicht völlig gekillt worden ist. Aber in den letzten Jahren halte ich die Stadt kaum noch aus, ja sie kotzt mich immer mehr an. Hamburg, meine Perle, was haben sie aus dir gemacht, diese Sozis und Grünen?! Oder besser: Was haben sie aus dir werden lassen – denn natürlich wird diese Stadt ebenso wenig von Politikerin beherrscht und geprägt wie andere Metropolen. Sie wird vom großen Geld regiert, die Reichen und Einflussreichen haben das Sagen.

Schlaglichtartig hat das der Skandal um die Warburg-Bank und die Kungeltreffen des Warburgs-Chef mit Hamburger SPD-Spitzen allen vor Augen geführt, die sehen wollen. Olaf Scholz, der Hamburg dieses Protzding namens Elbphilharmonie aufs Auge gedrückt hat, hat sich in seiner Zeit als Erster Bürgermeister mit dem Chef dieser tief in die kriminellen CumEx-Geschäfte verwickelten Bank getroffen. Jener Bank, der die Finanzbehörde mal eben 47 Millionen Euro geschenkt hatte. Die ganze Stadt im Blick hatten die Sozis tatsächlich noch nie. Die im Dunkeln, die sehen sie nicht, die wollen sie nicht sehen.

Es ist in einer der reichsten Metropolen Europas mit mehr als 45.000 Millionären so wie anderswo: Die bürgerlichen Parteien sind letztlich nur den Kapitalisten verpflichtet – selbst da, wo sie glauben, etwas für den Ausgleich tun zu müssen und zu können. Weil sie mit Zähnen und Klauen das Privateigentum und die skandalöse Eigentumsverteilung verteidigen. Weil sie dem Irrglauben anhängen, sie müssten „die Wirtschaft“ am Laufen halten, dann würde es allen besser gehen. Das tut es aber nicht. Das Geld landet am Ende immer bei den Aktionären, den Anlegern, bei denen, die schon reichlich davon haben. „Und die Kohle fällt nach oben“, sang einst Klaus Lage, „an solchen Herrn hat sich allein schon mancher einen Bruch gehoben.“

In Hamburg ist die soziale Segregation – oder sollte man nicht besser von einer sozialen Apartheid sprechen – mit Händen zu greifen, die Spaltung der Stadt, das Auseinanderfallen nicht zu übersehen. Ich spüre das jedes Mal, wenn ich vor die Tür gehe. Ein tiefer Ekel überkommt mich, wenn ich mich durch die Quartiere der Reichen bewege, durch Harvestehude, Blankenese, Ohlstedt oder Rissen, mit ihren Protzvillen und Schuhkartonhäusern in sterilem Weiß. Oder wenn ich in Innenstadt bin, wenn ich die Bürohochhäuser sehe, die etwa südlich der Reeperbahn hochgezogen worden sind. In einer brachialen Architektur, die eine beängstigende Kälte verströmt.

Vor und nach Dienstschluss und in den Mittagspausen kann man sie hier herumlaufen sehen, die Leute mit dem Siegergrinsen im Gesicht, Herrenmenschen neuen Typs. Und die vielen kleinen Angestellten, die ihnen nacheifern und sich ihnen zugleich unterwerfen. Allesamt strahlen sie diese Borniertheit, diese Ignoranz aus. Ihre Gedanken und Gespräche kreisen um Geldanlagen, die nächste Kreuzfahrt, ihre dicken SUVs, ihre Häuser oder Eigentumswohnungen. Es sind soziale Autisten. Das Schicksal der Marginalisierten geht ihnen im Großen und Ganzen am Arsch vorbei. Vor sich selbst und anderen gibt man sich durchaus liberal und sozial. Die leergetrunkene Flasche Beck’s stellt man selbstverständlich neben den Mülleimer, um den Flaschensammlern die Arbeit zu erleichtern.

Diese Stadt ist überhaupt nur noch da erträglich, auf die das große Geld mangels Renditeaussichten nicht seine unappetitliche Pranke gelegt hat. Also in den Vierteln deren Bewohner „einkommensschwach“ genannt werden: Wilhelmsburg, Jenfeld, Billstedt zum Beispiel. Statt schicker Boutiquen gibt es hier Ein-Euro-Läden und Billigfriseure, aber ich fühle mich in diesen Stadtteilen hundertmal wohler als in Volksdorf oder St. Georg. Beim Lidl triffst du Leute, deren Gesichter vom Leben gezeichnet sind. Sie leiden am Leben, aber sie leben wenigstens. Für diese Leute, diese Viertel, liebe ich die Stadt noch immer. Die Politiker, die diese Stadt dem Kapital in den Rachen werfen, haben nur Wut und Verachtung verdient. Daran wird der Wahlsonntag nichts ändern.

Titelbild: Aliasdoobs; Steffen Prößdorf; Frank Schwichtenberg/CC BY-SA 4.0; Montage LCM

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