Einmal Rache am Patriarchat bitte

20. Februar 2020

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Gastbeitrag

Am 14.02. fand in Berlin eine Demo unter dem Aufruf „My Body is not your Porn – Rache am Patriarchat“ statt. Bis zu 2.000 Menschen gingen dafür auf die Straße.

Die Idee war es, auf die Straße zu gehen, „um gegen die patriarchalen Zustände zu demonstrieren, die sexualisierte Gewalt möglich machen.“ Das war zumindest der Aufruf dem wir als Frauen unserer Gruppe folgten. Was wir damit verbunden haben, war an die traditionellen feministischen Aktionen im Sinne von „take back the night“ anzuknüpfen. Diese Aktionen dienten in den letzten Jahrzehnten immer wieder dazu, sich die Straße/ die Nacht symbolisch zurück zu nehmen. Kern dieser Aktionsformen ist, das Thema (sexualisierte) Gewalt an Frauen zu enttabuisieren und sich selbst zu ermächtigen, in dem kollektiv gehandelt wird.

Der konkrete Anlass der Demo ist, dass – wie Anfang des Jahres öffentlich wurde – auf den Festivals Fusion und MonisRache Frauen mittels versteckter Kameras in Toiletten/Duschen gefilmt wurden. Die Videos wurden anschließend auf Porno-Plattformen hochgeladen, getauscht und zum Verkauf angeboten. Betroffen scheinen potentiell alle Besucherinnen dieser Festivals zu sein. Während das Fusion Festival direkt nach bekannt werden an die Öffentlichkeit ging, war die Aufarbeitung vom Organisationsteam von MonisRache eine Katastrophe. Es selbst sagt, sie seien zunächst überfordert gewesen einen Umgang mit der Situation zu finden. Sie wollten das Problem mit dem Ansatz der „transformative justice“ aufarbeiten, um nicht mit Polizei oder Strafbehörden zusammen zu arbeiten. Der Ansatz dient nicht nur zu Täterarbeit, sondern orientiert sich vor allem an der Betroffenenperspektive. Blöd nur, dass mit den Betroffenen niemand auch nur ein Wort gewechselt hat, während man sich mit dem Täter auseinandersetzte. Daher vernetzten sich die Betroffenen selbst über eine Chatgruppe, die in kürzester Zeit mehr als 1.000 Mitglieder zählte. Ziel war die Erfahrung kollektiv aufzuarbeiten und sich gegenseitig zu supporten. Dem folgten Treffen in Berlin und Leipzig, die u.a. diese Demo zum Ergebnis hatten.

Im Vorfeld der Demo waren nur einzelne Stimmen in der Presse zu lesen, die vor allem an den Staat appellierten und mehr Repression forderten. Kaum sichtbar wurde dabei, dass im Betroffenenkreis selbst formuliert wurde, dass es wichtig ist „das Thema sexualisierte Gewalt zum Politikum zu machen.“ Daher wollen wir in diesem Beitrag dazu Position ergreifen. Diese Vorfälle haben vor allem sichtbar gemacht, dass Gewalt an Frauen verschiedene Dimensionen hat und allgegenwärtig ist.

Allem voran wollen wir klar stellen, dass jede Betroffene selbst darüber entscheidet, ob sie Strafanzeige stellt oder nicht. Es ist ein erster Schritt des Umgangs, über individuelle Erfahrungen und Handlungsmöglichkeiten zu sprechen. Ein zweiter Schritt eine Sichtbarkeit zu schaffen. Es bleibt aber notwendig – um das Thema ernsthaft anzugehen – den eigenen Mikrokosmos zu verlassen und zu schauen, wie das was erlebt wurde mit der Gesellschaft zu tun hat, in der wir leben. Nur so können wir Strategien entwickeln, die über Forderungen an den Staat hinaus gehen.

Jeden Tag erleben Frauen1 Gewalt. Jede dritte Frau in Deutschland hat mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt. Laut Bundeskriminalamt wird in Deutschland jeden Tag eine Frau Opfer eines Mordes oder Mordversuchs durch ihren Partner oder Expartner. Im letzten Jahr waren 114.393 Frauen von Gewalt durch einen Partner betroffen und 122 Frauen wurden von diesen getötet. Und das sind nur die offiziellen Zahlen; wie viele Fälle im Verborgenen bleiben, bleibt offen. Erst letzte Woche Montag wurde abends eine wohnungslose Frau tot in ihrem Schlafsack in Mitte gefunden. Ein Feminizid, ein Frauenmord, ein Ausdruck patriarchaler Gewalt. Und obwohl dieser Fall in der Lokalpresse war, gab es bis auf eine Ausnahme keine Bezugnahme in den Redebeiträgen der Demo vom 14.02. dazu. Gewalt gegen Frauen scheint nur dann ein Thema zu sein, wenn sie in der eigenen sozio-kulturellen Blase stattfindet.

Das Problem liegt aber tiefer. Denn ein Politikum wird Gewalt gegen Frauen aber auch sonst kaum. Gewalt gegen Frauen ist ein Familien- oder Beziehungsdrama, Ehrenmord und so weiter. Unterm Strich also als privates Problem oder, noch schlimmer, selber schuld weil den Falschen ausgesucht. Diese Einordnung ist die Kontinuität patriarchaler, kapitalistischer Strukturen in Form von Kontrolle und Dominanz von Männern über Frauen. Wie häufig rechtfertigen Täter ihre Handlungen mit plötzlichen Kontrollverlust – über sich selbst oder die Situation? Jedes Mal, wenn eine Frau vergewaltigt, geschlagen oder getötet wird, zeigt, dass Millionen von überlebenden Frauen: Es könnte dich treffen. So erfolgt Disziplinierung des Körpers, des Begehrens und des Verhaltens dieser.

Das sind die Zustände hier und heute – während sich allenthalben „Geschlechtergerechtigkeit“ auf die Fahnen geschrieben wird. Wie häufig ist zu hören, es sei übertrieben von Feminiziden zu sprechen? Es sei fernab der Realität zu glauben, in Deutschland würde ein Mensch auf Grund seines Geschlechtes Angriffe erleben oder ermordet werden. Und wenn es dann doch zum Thema wird, dann ist es ein Phänomen das entweder mit der fremden rückständigen Kultur der Migranten oder durchgeknallten Einzeltätern in Verbindung gebracht wird. Wie man beim frauenfeindlichen Attentäter von Halle 2019 sehen konnte, der willkürlich eine Frau ermorderte – weil sie eine Frau war.

Kein Angriff steht für sich allein. Wenn wir das verstehen, können wir kollektiv gegen die Verhältnisse vorgehen und uns von den patriarchalen Strukturen befreien. Generationen von Frauen haben gegen die Unterdrückung der Frau gekämpft. Viele Rechte, die heute selbstverständlich scheinen, sind das Ergebnis revolutionärer Kämpfe in Zeiten der sozialen und politischen Radikalisierung. Wenn jetzt Forderungen an einen patriarchalen Staat formuliert werden, der uns unterdrückt, ist das einzige was wir damit erreichen den Schein von Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit aufrecht zu erhalten. Gesellschaftliche Veränderungen werden dadurch nicht erreicht.

Das zeigt sich auch im Umgang mit dem Thema Gewalt an Frauen in den öffentlichen Diskussionen. Nach der berühmten Silvesternacht in Köln wurde das Thema Gewalt an Frauen vor allem dazu benutzt den Sicherheitsdiskurs und eine Verschärfung der Migrationskontrolle zu befeuern. Die rassistische Hetze trug maßgeblich zur Verunmöglichungeiner Auseinandersetzung mit der Erfahrung der Betroffenen bei. Die himmelschreiende Untätigkeit der Polizei nach Ritas Verschwinden und ihrer Ermordung hat noch ein Mal deutlich gemacht, was es für einen Unterschied macht, wer du bist und welche Hautfarbe du hast. Marias Ermordung hat gezeigt, dass die Polizei ihren Finger am Trigger hat und nicht unser Freund und Helfer ist. Warum beziehen wir uns in den Parolen auf Kapitalismus und Patriarchat, beschränken uns dann aber in der konkreten Auseinandersetzung auf ein Rufen an den Staat?

Dass es anders geht, zeigt sich beim Blick in andere Länder. Wir möchten kurz vor dem 8.März an den militanten feministischer Streik in Spanien erinnern, der viele von uns 2018 bewegte. Mehr als fünf Millionen Demonstrantinnen folgten dem Aufruf zum feministischen 24h Streik für „eine Gesellschaft ohne sexistische Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt […], für Rebellion und den Kampf gegen jenes Bündnis von Patriarchat und Kapitalismus, das uns gehorsam, fügsam und still sehen will“.Und auch die während des Kontexts der Aufstände in Chile vom Kollektiv „Las Tesis“ entwickelte Performance „Ein Vergewaltiger auf deinem Weg“, die auch während der Demo gemacht wurde, macht klar, dass Feminizide, Gewalt gegen Frauen, staatliche Gewalt und kapitalistische Ausbeutung nicht getrennt betrachtet werden können.

Um gegen dieses System zu kämpfen, brauchen wir Solidarität und die Gewissheit, dass keine mit ihrer Unterdrückung allein ist. International zeigen uns Frauen wie das aussehen kann. Die Demo vom Freitag war ein erster Schritt, es muss aber noch viel mehr passieren, damit wirklich klar ist, dass jede Form von Gewalt gegen Frauen uns alle betrifft. Dann können wir anfangen uns am Patriarchat zu rächen und eine andere Gesellschaft aufbauen.

#Titelbild: Transpi auf der Demo am 14.02., privat
#Text: Selma von Sabot 44

1 Wir haben uns in diesem Artikel dafür entschieden von Frauen und nicht von Lesben/Inter/Non-binary/Trans zu schreiben. Wir wollen die Menschen nicht unsichtbar machen, glauben aber, dass es nicht förderlich ist die Identitäten mit zu benennen ohne eine wirkliche Auseinandersetzung mit den realen Erfahrungen zu haben. Das bloße Mitnennen erweckt den Eindruck, dies sei anders. Das wollen wir nicht mittragen, denn so würden wir unsichtbar machen, dass es eine Auseinandersetzung damit braucht.

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