Chiapas: Organisierung gegen die schlechte Regierung

25. Dezember 2019

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Gastbeitrag

Am 21.12.2019 begann das zweitägig Forum zur Verteidigung des Territoriums und der Mutter Erde. Hunderte Teilnehmer*innen aus allen Ecken Mexikos sind in der Versammlung im Caracol Jacinto Canek zusammengekommen, begleitet von internationalen Gästen aus aller Welt. Ivana Benario berichtet von dort.

An einer kleinen Metalltür stehen Wachen die kontrollieren, wer eintreten darf. Nicht verwunderlich, da Aktivist*innen regelmäßig verhaftet und von mafiösen, paramilitärischen Strukturen ermordet werden. Wir wollen zum Kongress „Forum zur Verteidigung des Territoriums und der Mutter Erde“, das im Caracol Jacinto Canek stattfindet. Das Jahresende ist traditionell ein Zeitraum der Versammlungen und Aktionen der zapatistischen Bewegung im Süden von Mexiko. Es war Neujahr, als die EZLN mit einem bewaffneten Aufstand die Bühne der Geschichte detrat und das Jahr 1994 mit der simultanen Besetzung von fünf Bezirkshauptstädten in Chiapas im Süden Mexikos einläutete. Die Stärke der Bewegung ist ungebrochen: Am 21. Dezember 2012 zogen 20.000 vermummte Zapatistas in San Cristobal und 26.000 weitere in Altamirano, Ocosingo, Las Margaritas und Palenque ein, ohne dass die staatlichen Sicherheitskräfte davon Wind bekommen hatten oder etwas dagegen unternehmen konnten.

Das Caracol Jacinto Canek am nördöstlichen Rand der Stadt San Cristobal umfasst ca. 1 km² und liegt in den wild bewachsenen Anhöhen, wie sie typisch sind für die Region. Caracoles, „Schneckenhäuser“ sind Zentren in den autonom regierten Gebieten der Zapatisten. Dort, wo die Gebäude der Stadt enden, welche die Anfänge dieser Anhöhen empor gewachsen sind. Der Zugang ist durch ein großes Metalltor in einem Zaun aus Meter hohen Holzpfählen versperrt. Hinter dem Zaun befindet sich ein ganzes Dorf bunter einstöckiger Gebäude aus Stein errichtet – mit großen Säälen, Gärten, Gemeinschaftsküchen und allem, was dazu gehört. Die Gebäude wurden nach der Besetzung des Landes errichtet und waren bis vor fünf Jahren eine Universität der Zapatistas bis sie dann zu einem Caracol wurde, wie uns berichtet wird. Am hinteren Ende des Geländes erheben sich die von Wald bewachsenen Hügel. Die Versammlung findet in einem geräumigen Gebäude statt, dass nur aus einem einzigen Saal besteht, und wird später auch über Lautsprecher und Bildschirme in andere Sääle übertragen. Frontal gegenüber der Versammlung und vor dem großen Hochglanz-Transparent mit dem Titel des Forums befindet sich ein länglicher Tisch, hinter dem maskiert Repräsentant*innen der EZLN sitzen, darunter etwa auch der Subcomandante Insurgente Moisés, die Symbolfigur der Zapatisten. Sie werden heute noch nicht selbst sprechen sondern nur zuhören. Im oberen Teil des Raumes, am höchsten Punkt und hinter der übrigen Versammlung sitzen im Block mehrere Dutzend Zapatistas in der üblichen schwarzen Vermummung, zu einem grossen Teil junge Frauen. Der Raum ist selbstverständlich reich geschmückt mit Bildern, Symbolen und Sprüchen der Bewegung.

Spiegel der Widerstände Mexikos

Nacheinander treten Sprecher*innen neben den Tisch der zapatistischen Repräsentant*innen und berichten von der Situation und den Kämpfen in den Gebieten aus denen sie zur Versammlung angereist sind. Viele der Sprecher*innen sind Mitglieder der CNI. Der CNI wurde 1996 von der Komandantin Ramona der EZLN gegründet und ist eine überregionale Struktur, mit über das ganze Land verteilten Ortsgruppen. Im Wahlkampf vergangenen Jahres hat der CNI zum ersten Mal mit Marichuy eine Präsidentschaftskandidatin in den Wahlkampf geschickt, die auch die erste indigene Frau war, die für dieses Amt kandidierte Nicht, um zu regieren, sondern um die Themen und Forderungen der Indigenen und Frauen zu verbreiten und bekannt zu machen.

Viele der Sprecher*innen auf dem Kongress vertreten aber auch Gruppen, die unabhängig vom CNI sind Auch die Führung einer Organisation innerhalb der Gewerkschaft staatlich angestellter Lehrer*innen SNTE ist darunter; die Organisation umfasst 80.000 Arbeiter*innen der insgesamt 400.000 Mitglieder der gelben Gewerkschaft SNTE, und sprengt deren Grenzen, indem sie ernsthaften kämpferischen Widerstand organisiert gegen die Angriffe der Regierung auf das Bildungssystem. Zwar gilt die die Regierung des neuen als links, geltenden Präsidenten López Obrador, führt aber die neoliberalen Angriffe auf die Bevölkerung fort.

Die zahlreichen Berichte, die sich allein am ersten Tag über zehn Stunden erstreckten, ergeben zusammen genommen ein beeindruckendes konzentriertes Bild der vielfältigen Kämpfe aus allen Teilen des Landes. Es gibt Berichte über Kämpfe gegen die Ausbeutung in den Minen, gegen die Enteignungen lokaler Bevölkerung zwecks Bau von Tourismus-Attraktionen und gegen Privatisierung von Bildung und Stromnetzwerken. Während im Norden des Landes Kämpfe gegen den Bau der Mauer an der Grenze zu den USA geführt werden, wird in mehreren Gebieten des Landes der Bau von Industrieparks geplant. Die Planung dieser findet dabei komplett ohne die auf dem Gebiet elbenden Menschen statt.

Drei Großprojekte der „schlechten Regierung“, wie die Zapatistas sie bezeichnen, prägen einen großen Teil der Kämpfe, von denen berichtet wird. Eine neu zu errichtende Zugstrecke von 1.525 km quer durch den Südosten des Landes soll in Zukunft Tourist*innen zwischen den historischen Stätten der Maya-Völker hin und her karren. Über den Legitimisierungsversuch der Regierung mittels einer Umfrage schütteln Teilnehmer*innen des Forums im Caracol verärgert den Kopf und erklären, dass an dieser Umfrage gerade Mal 9 % teilgenommen haben. Wohl noch deutlich weitreichender ist das Vorhaben, weiter nördlich im Land eine Industriestrecke zu bauen die, wie der inzwischen überlastete Panamakanal, den Pazifischen Ozean und den Atlantischen Ozean für den internationalen Handel verbinden soll. Ein Projekt an dem also so einige Mächte des globalen Monopolys ein Interesse haben und das außerdem mit dem geplanten Bau zahlreicher neuer Industrieparks in Verbindung steht. Das dritte Projekt ist das Vorhaben zum Bau von Kraftwerken, welche den betroffenen Gemeinden das Wasser abgraben würden.Und das während Mexiko bereits heute 40% mehr Energie produziert, als das Land selbst benötigt.

Vor diesem Hintergrund kann also damit gerechnet werden, dass der Druck auf die Bevölkerung in den kommenden Jahren eher steigen als zurück gehen wird. Der Widerstand dagegen aber genauso.

# Text: Ivana Benario

# Titelbild: radiozapatista

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