Fressen, Saufen, Kaufen – es weihnachtet sehr

23. Dezember 2019

Eine Polemik zu Weihnachten

Von drauß’ vom Weihnachtsmarkt komm ich her, ich muss euch sagen, ich kotz gleich… Liebe Kinder, dieses Gedicht fängt eigentlich ganz anders an, aber ich möchte Euch heute diesmal keine Märchen erzählen, sondern die Wahrheit über Weihnachten. Und da will ich auch nicht verschweigen, welches das hauptsächliche Vergnügen der Erwachsenen in dieser Zeit ist, nämlich der Besuch eines Weihnachtsmarktes, und wie übel mir geworden ist, als ich mir das kürzlich angetan habe. Nein, nicht weil ich zu viel Glühwein getrunken habe. Beileibe nicht! Ich habe ja gar nichts runtergekriegt bei meiner Runde, so angewidert war ich. Kein Glühwein, keine Bratwurst, kein Crepes, rein gar nichts.

Ganz im Ernst: Weihnachten ist für die meisten Linken kein Thema, weder die eigentliche Feierei, noch das Fest als Gegenstand theoretischer Reflexion. Das ist schade, denn die Advents- und Weihnachtszeit ist prima geeignet, um etwas über die Wirkungsweisen des gemeinen Konsumismus und andere gesellschaftliche Realitäten zu lernen. In keiner Zeit des Jahres tritt die Verlogenheit und Heuchelei der bürgerlichen Gesellschaft deutlicher zu Tage. Ein Gang über den Weihnachtsmarkt kann das illustrieren.

Was heißt hier über einen Weihnachtsmarkt?! Vom Hamburger Hauptbahnhof, wo ich gestartet bin, bis zum Gänsemarkt ist die ganze Hamburger Innenstadt vollgestopft mit Weihnachtsmärkten, eine Bude neben der anderen. Spitaler Straße, Gerhart-Hauptmann-Platz, vor der Petrikirche, Rathausmarkt, Jungfernstieg und eben Gänsemarkt. Und da stehen sie herum und saufen und fressen. Sie kommen vom Shoppen oder aus den umliegenden Büros und geben sich richtig die Kante. Wir sind gut drauf, wir haben’s weit gebracht. Es wird gelacht und gefeixt, denn Amüsieren ist Pflicht.

Hey, lass sie doch, höre ich Kritiker sagen, ein Glas Glühwein zwischendurch oder eine schnelle Bratwurst im Stehen, das ist doch ein fast proletarisch zu nennendes Vergnügen. Aber das gespreizte Gehabe der Leute, die da abhängen, spricht eine andere Sprache. Weihnachtsmarkt ist Kult, man steht da vor allem herum, um sich zu zeigen, um dabei zu sein. Wer genauer hinschaut, kann die Trostlosigkeit, das Dumpfe und Sinnlose dieses Treibens nicht übersehen. Hinter dem gigantischen Trubel, all dem Lichterglanz und Klingeling lauert die Depression einer Gesellschaft, die alle Traditionen und Werte über Bord geworfen hat, um sich hemmungslos dem Luxus hinzugeben.

Verlogen und heuchlerisch ist das, weil es nichts mit dem zu tun hat, was man da zu feiern vorgibt. Die Adventszeit zum Beispiel ist in christlicher Tradition ursprünglich eine Fastenzeit, so wie die Wochen vor Ostern. Also eine Zeit des Verzichts, der Besinnung und der Vorbereitung auf das Fest. Aber damit kann der Kapitalismus nun wirklich nichts anfangen. Verzicht?? Das ist Gift für die Umsätze. Der Konsum kennt nur Vollgas. Die Leute sollen in die Geschäfte laufen und konsumieren. Süßer die Kassen nie klingeln.

Weihnachten ist eine Orgie, nur noch Fressen, Saufen, Kaufen. In der Werbung werden uns Bilder von harmonischen Familien und allgemeiner Empathie vorgespielt, aber all das ist nur Fassade. Den Vogel schießt Amazon ab mit einem TV-Werbespot, in der die Pakete singen, und zwar ausgerechnet den 60er-Klassiker „Everybody Needs Somebody to Love“, und in der eine fröhliche Paketbotin vom Amazon-Lieferdienst fröhlich mit einstimmt. Angesichts der Arbeitsbedingungen bei Amazon im allgemeinen und der von Paketzustellern zu Weihnachten im Besonderen ist das mehr als zynisch.

Das Weihnachtsfest demonstriert uns, wie komplett der Kapitalismus die Gesellschaft im Würgegriff hat, wie umfassend und unhinterfragt seine Tyrannei ist. Weihnachten zeigt, wie sich der Kapitalismus alle Traditionen und Überlieferungen aneignet und für seine Zwecke pervertiert. Für eine Zurichtung des Menschen zum Konsumjunkie sind Ruhe, Verzicht, Besinnung auf das Wesentliche nur hinderlich. Wer erst mit dem Nachdenken anfängt, könnte zu unangenehmen Schlüssen kommen. Folglich werden Advent und Weihnachten in ihr Gegenteil verkehrt. Saufen und Fressen, bis der Arzt kommt! Und Silvester geht die Party erst richtig los.

# Titelbild: John Jones

Schreibe einen Kommentar Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.