Die Weltrettung für nur 29,95€

28. November 2019

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Gastbeitrag

Fridays for Future ruft zum Massenevent im Berliner Olympiastadion auf

29,95 € kostet der Spaß: Fridays for Future Berlin und Scientists For Future wollen am 12. Juni 2020 ein Event im Olympiastadion veranstalten. Das ganze ist aber kein Konzert: Bis zu 90.000 zahlende Zuschauer*innen sollen Vorträgen von Expert*innen zuhören und Petitionen unterschreiben. Man könnte die Veranstaltung damit als eine aufgrund des Eintrittspreises etwas elitäre Informationsveranstaltung betrachten. Die den Aufruf begleitenden Videos, Texte und Statements der Veranstalter halten sie aber für viel wichtiger, wichtig „für die Zukunft der Zivilisation“. Daher ist es nötig sich mit den Gedanken der Initiatoren, der gewählten Sprache und der Bedeutung der Veranstaltung 12062020olympia zu beschäftigen.

Vorbild Menstruationssteuer

Das vierminütige Video begründet die von den Initiator*innen gewählte Strategie, Petitionen zu unterschreiben, um dadurch Veränderungen zu erzwingen. Folgendes Beispiel dient zu Beginn des Videos als Beweis für den Erfolg einer Petition: „Es ging um die Senkung der Mehrwertsteuer auf Menstruationsprodukte. Sie wollten die Steuer von 19 auf 7 Prozent senken. Sie waren erfolgreich.“ Menstruationsprodukte gelten nun (natürlich gerechterweise) als Grundbedarf und könnten aufgrund der sinkenden Produktionskosten günstiger verkauft werden. Aber nur, falls sich die Unternehmen entschließen, die Preise tatsächlich für Konsument*innen zu senken; auf jeden Fall profitieren aber natürlich die Produzent*innen, die nun weniger Knete an den Staat abdrücken müssen. Zwei dieser Profiteure sind Philip Siefer und Waldemar Zeiler, Gründer des Startups Einhorn für nachhaltige Kondome und Menstruationsprodukte. Diese zwei sind nun auch als Mitinitiatoren des Videoaufrufs für 12062020olympia im Video zu sehen, außerdem Charlotte Roche, Elisa Naranjo und Luisa Neubauer, letztere die vielleicht bekannteste Vertreterin von Fridays for Future in Deutschland. Trotzdem, die positive Erfahrung des revolutionären Schritts der Senkung der Steuer führt bei den Macher*innen des Videos zur Erkenntnis: „Wir spürten die geballte Power des geilen Systems Demokratie.“

Und an diese Demokratie wird ein wichtiges Anliegen herangetragen: „Es geht um die Zukunft unserer Zivilisation. Wie wir zusammen die größte Krise der Menschheit lösen können. Die Lösung gibt es jetzt bei Startnext zu kaufen. Für nur 29,95€ könnt ihr euer Ticket zur größten Krisensitzung Deutschlands kaufen. So billig war die Weltrettung noch nie. Und das pünktlich zu Weihnachten. Bitteschön.“ Scheinbar ironisch entlarven diese Sätze das Denkmuster der Veranstalter*innen. Sie zeigen, dass aus Sicht von Roche, Naranjo, Neubauer und Co. die Lösung der größten Krise der Menschheit ausdrücklich nicht in einer revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft und ihrer Verhältnisse zu finden ist – sondern in einem konsumierbaren Event. .

Weltrettung im Sonderangebot

Das Video ist ein Werbevideo für eine Ware. Zum Produktkauf soll der Konsument zum psychologisch gebrochenen Preis von 29,95 Euro gebracht werden und das Produkt selbst ist ein sehr beliebtes, wenn auch nicht genauer benanntes Produkt, nämlich die „Weltrettung“. Ein marxistischer Kulturkritiker könnte dies wohl als wahrhaft letzte Stufe des Kapitalismus interpretieren, indem auch die das System überwindende Revolution der Vermarktungs- und Konsumsphäre einverleibt wird. Dass es der Kapitalismus und sein auf grenzenloses Wachstum ausgelegter Charakter ist, der die Welt überhaupt erst an die Grenzen der Zerstörung gebracht hat, scheint egal. Die Veranstalter haben damit kein Problem, in Sachen Weihnachtsgeschenkeindustrie reihen sie sich bereitwillig in den Wettbewerb ein, der in dieser Hinsicht nicht von einem Media-Markt-Werbespot zu unterscheiden ist.

Aber, wenn man so will unterscheidet sich die Sache ja von einem reinen Konsumprodukt und die Veranstalter*innen wollen ja auch keinen Mehrwert generieren, sondern nur die Kosten decken: „Wir haben alles ready bis auf eine Kleinigkeit. Das Stadion kostet Miete. Wir müssen mindestens 60.000 Tickets verkaufen, um die Kosten von circa 1,8 Millionen Euro zu decken. Wir brauchen ne Bühne, Security, Technik, ich hab nie gedacht dass das alles soviel kostet.“ Anstatt sich eigene Strukturen jenseits des Marktes zu erkämpfen, dafür zu kämpfen dass 60 oder 90 Tausend Leute auf einem Ort zusammen kommen, ohne dass man fremde Unternehmen dafür bezahlen muss, werden die Mechanismen des Systems durch den ganzen Ablauf der Veranstaltung einfach reproduziert. Denn wenn man keine 30€ bezahlen will oder kann um an der historischen Veränderung teilzunehmen, ist man von der Güte der Spender*innen abhängig, die freiwillig einen höheren Preis bezahlen, um ein paar Tickets umsonst unter den Armen verlosen zu können. Nur auf dem rein organisatorischen Teil ist die Veranstaltung daher ein absolut unbeispielhaftes Vorgehen für eine Protestbewegung.

Mittel zum Zweck: Petition

In der zweiten Hälfte des Videos geht es kurz um die Themen der Veranstaltung: „Klimakrise, Soziale Ungerechtigkeit, Rassismus, Diskriminierung und all die Probleme, die uns so auf der Seele liegen.“ Die benannten Probleme sind nicht tatsächliche Probleme, sondern werden moralisch aufgeladen zu einem persönlichen Problem, dass die hehren Weltretter*innen umtreibt. Ein Satz in Missachtung der täglichen Realität, dass oft noch vor der Seele der Magen der Antrieb für den Menschen ist, der Hunger, der Zwang Geld zu verdienen. Überhaupt ist die Frage, wofür genau die Veranstaltung stehen soll, welche Petitionen unterschrieben werden sollen, offen.

Bei 12062020olympia beschränkt sich die demokratische Mitbestimmung bisher darauf eine Petition unterschreiben zu dürfen, von deren Inhalt man noch gar nichts weiß. Vor Ort sollen dann also 90.000 Menschen darum betteln, dass die Herrschenden gegen ihre eigenen Interessen gegen die „Klimakrise“ vorgehen. Aber für die Unterschrift unter der ominösen Petition gibt es auch eine Gegenleistung: Auf der Homepage wird angekündigt, dass die Reden „großartig“, die „Persönlichkeiten“ „spannend“ und die „Experten“ „renommiert“ sein werden. Die Show wird angepriesen, die Inhalte sind unklar.

Insofern wäre es spannend zu sehen, was für Petitionen eingereicht werden sollen und welche Chancen diese dann wiederum auf eine positive Abstimmung haben. Denn zumindest von den Verlautbarungen her spricht sich schon jetzt eine Mehrheit im Bundestag gegen die Klimakrise, Soziale Ungerechtigkeit, Rassismus usw. aus. Und der Druck der Straße wird durch die Kanalisierung in abgezählte 90.000 zahlende Kund*innen nicht da sein, außerhalb der Ortsgruppe Berlin haben sich viele Fridays for Future Gruppen anderer Städte von der Veranstaltung distanziert und das offenbar so geschätzte Mittel der direkten Demokratie, der gleichberechtigten Abstimmung hat zumindest unter dem Youtube-Video schon sein Urteil gefällt. Ein paar Tage nach Veröffentlichung wurde das Video magere 20.000 mal angeklickt, 200 Daumen hoch stehen 800 Daumen runter entgegen, das meiste Geld wurde von ein paar Großspendern generiert und von den regulären Tickets wurden bisher nur rund 2000 verkauft (auf der Homepage kann man sich die aktuellen Verkaufszahlen ansehen). Innerhalb der Klimabewegung scheint sich die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass man große gesellschaftliche Veränderungen nicht ins Olympiastadion buchen und einsperren kann, sondern dass sie in der richtigen Welt passieren. Vielleicht sickert das ja bis zu den Veranstalter*innen durch.

Luisa Neubauer von FFF-Berlin, der Gruppe die im ursprünglichen Aufruf explizit als Veranstalter stand, meint nun plötzlich „wir sind weder Initiator*innen noch Organisator*innen, wir begleiten das Projekt unterstützend, kritisch und beratend“ und für das Video sei sie nur „eingesprungen“. Das hört sich nicht mehr nach dem „wir“ und „alle“ von vor ein paar Tagen an, sondern ziemlich unsolidarisch. Während die Basis die Problematik solcher Veranstaltungen also schon erkannt hat, rudern die Veranstalter*innen nun in bester Politikermanier zurück.

# dirtyboots97

#Titelbild: Collage: LCM, Olympiastadium: Thomas Wolf, CC BY-SA 3.0 DE

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