Durchs wilde Taz-istan

12. September 2019

Die taz druckt viele schlechte Texte. Gerade unter ihren Kolumnen und Kommentaren findet sich so dermaßen viel Schmarren, dass man sich eigentlich schämen müsste, eines dieser Machwerke herauszugreifen und als besonders grauenvoll auszuzeichnen. Dennoch, ein Textchen hat es sich heute mal wieder verdient.

Der Auftakt einer neuen Kolumnenreihe der Autorinnen Cemile Sahin und Ronya Othmann beschäftigt sich mit (um es gleich zu sagen: erfundenen) Projektionen der deutschen Linken auf das Revolutionsprojekt in Nordsyrien, kurdisch: Rojava.

Das Fazit der Autorinnen am Ende des Textes: „Die Kurden sind keine kämpfende Folkloretanzgruppe, sondern eine politisch, religiös und gesellschaftlich heterogene Ethnie im Nahen Osten.“ Nein? Echt? Krasse, steile These. Dass nie irgendwelche deutsche Linken, die vor dieser bahnbrechenden Erkenntnis vierzig Zeilen lang beschimpft und gedemütigt werden, irgendwas anderes behauptet haben, stört die beiden renommierten Middle-East-Kennerinnen nicht. Im Gegenteil widerlegen sie sogar ihren eigenen Blödsinn in einem Nebensatz, wenn sie bemängeln, dass deutsche Linke eben Barzani-Kurdistan nicht mögen. Warum wohl? Ja, weil man eben nicht mit einer Ethnie, sondern mit einer politischen Bewegung solidarisch ist.

Aber derlei Kritik geht ohnehin fehl. Denn um kritische Bewertung von linker Politik geht es dergleichen taz-Kolumnen nicht. Das Beweisziel des ganzen Bla-Blas ist nicht die sensationelle Einsicht, dass Kurden eine „heterogene Ethnie im Nahen Osten sind“. Sondern dass „die deutsche Linke“ (e.V.) gar nicht wirklich solidarisch ist, weil sie sich nur wahlweise ein „Pfadfindercamp für Ferienkommunismus“ wünscht, „antiimperialistische Sehnsüchte“ hegt und eigentlich gar nicht anders ist als die AfD, die vom „wilden Kurdistan“ in Berlin fabuliert.

Das Geschreibsel ist so inhaltsleer wie überheblich. Der Platz zwischen den Werbeeinschaltungen wird gefüllt mit Knallerweisheiten aus dem postmodernen Intellello-Satzbaukasten: „Krieg ist nicht eindimensional lesbar“, man muss „zuallererst die festgeschriebenen Narrative verstehen“ und: „Zuschreibungen gibt es nicht nur von links, sondern auch von rechts.“

Man liest das, versteht, die beiden Autorinnen haben weder von Kurdistan, noch von der deutschen Linken irgendeine Ahnung (oder verstecken beides gekonnt) und merkt: Darum geht es auch nicht. Denn das arrogante Geraune hat zum einzigen Ziel, sich selbst durch die Konstruktion einer Popanz-Linken irgendwie als besonders cool zu inszenieren. Es geht nicht um eine Kurskorrektur eines tatsächlich vorhandenen Mangels. Es geht nicht darum, zu diskutieren oder zu streiten. Es geht darum, sich irgendeine eigene Projektionsfläche zu basteln, die Leute anklicken. Und „die deutsche Linke“ ist da ein so billiger wie willkommener Hans Wurst.

Bis dahin ist das alles Business as Usual im Hipster-Laden an der Dutschke-Straße. Und eigentlich nicht der Rede wert. Aber der Text ist leider nicht nur das übliche billige Linkenbashing, das zum Kerngeschäft der taz gehört. Er ist auch unterirdisch schäbig. Denn indem er die gesamte deutsche Linke über einen Kamm schert, greift er direkt auch jene an, die im Kampf für die Revolution in Rojava oder in den Bergen Kurdistans in den letzten Jahren gefallen sind: Ivana Hoffmann, Günter Hellstein, Kevin Jochim, Anton Lesek, Sarah Handelmann, Jakob Riemer, Michael Panser.

Sie alle waren keine Kurd*innen. Sie alle waren Teil dieser Revolution, die eben – auch wenn die kurdische Befreiungsbewegung in ihr eine Avantgarde-Rolle spielt – keine ethnische Angelegenheit ist. Was man auch lernen könnte, indem man gelegentlich Verlautbarungen aus der Region liest – wenn einem schon die Verpflichtungen am Deutschen Literaturinstitut Leipzig oder an der Akademie der Künste Berlin nicht die Zeit lassen, mal hinzureisen.

Ivana, Günter, Kevin, Anton, Sarah, Jakob und Michael sind Beispiele für einen Internationalismus, der das verstanden hat. Und sie sind nicht aus Spaß „durch die Berge gehoppelt“, wie die Design-Studentin aus Wiesbaden und die Dichterin aus Freising in der mittelmäßigen deutschen Scheißzeitung unken. Sondern sie sind mit der Waffe in der Hand in Verteidigung von etwas gefallen, was ihnen wichtig war. Sie für ein paar Clicks und eine Runde Aufmerksamkeit mit Zeilengeld zu beleidigen, ist ekelhaft.

#Titelbild: wikimedia commons

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