Der Sozialdemokrat und die Hitler-Fans

23. Juli 2019

Warum der freundschaftliche Besuch des deutschen Chefdiplomaten in Indien, Walter Lindner, beim Führer der hindufaschistischen „Rashtriya Swayamsevak Sangh“ gefährlich ist .

Vergangene Woche, am 17. Juli 2019 hat der Sozialdemokrat Walter Linder, deutscher Botschafter in Indien, den Hauptsitz der hindu-faschistischen Organisation Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) in Nagpur, Maharashtra besucht.

Auf einem Foto wurde festgehalten, wie Lindner der Statue des Mitgründers und ehemaligen Führer der RSS, K.B. Hedgewar, Respekt erweist, und die Füße der Skulptur berührt. Darüber hinaus wurden Bilder von Lindner veröffentlicht, die ihn mit einem Portrait von Hedgewars Nachfolger, M.S. Golwalkar zeigen. In Kombination ist das ist brisant. Denn M.S. Golwalkar hat begeistert die Rassenpolitik der Nazis unterstützt. Die RSS ist vom Hitler-Faschismus sowie dem italienischen Faschismus unter Mussolini inspiriert und fordert zu deren Nachahmung auf.

Pieter Friedrich, Experte für Südasien-Angelegenheiten, veröffentlichte noch am selben Tag eine Petition zur Abdankung von Walter Lindner aus seinem Amt als Deutscher Botschafter, die mittlerweile von 2500 Personen unterzeichnet wurde. Zentrale Forderung ist dabei „dass Botschafter Walter Lindner, zurücktritt“ und, „falls dies nicht gelingt, zurückgerufen wird.“ Außerdem wird „die sofortige Intervention von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Heiko Maas, um dieses Ziel zu erreichen“ gefordert.

In der Folge entwickelt sich dieses Treffen zwischen Walter Lindner und der RSS zu einem Skandal, woraufhin Pieter Friedrich am 21. 07. 2019 ein Video hochgeladen hat, in dem er das ideologische Bündnis zwischen RSS und Hitler-Deutschland aufzeigt und zu mehr Teilnahme an der Petition aufruft.

Der faschistische Charakter der RSS

Um zu verstehen, wieso dieses Treffen gefährlich ist, ist es notwendig in die Geschichte der RSS einzutauchen und dieses Treffen im Kontext indischer sowie deutscher Geschichte zu betrachten .

Als Indien noch unter britischer Kolonialherrschaft (1858-1947) stand, wurde 1925 die radikal-hinduistische Organisation RSS ins Leben gerufen. Diese zunächst kleine Gruppe aus 17 Mitgliedern, wurde von dem Arzt Keshav Baliram Hedgewar in der zentralindischen Stadt Nagpur gegründet. Aktuell ist sie mit 5 Millionen Mitgliedern eine der größten Freiwilligenorganisationen weltweit. Die RSS ist eine hierarchisch strukturierte paramilitärische Organisation, die von einer Person, dem sarsanghachalak geführt wird. Die Führung ist meistens von einem Brahmanen besetzt, einem Mitglied der höchsten Kaste.

Ihre Ideologie basiert auf der Hindutva, einem politisches Konzept, das Indien zu einer Hindu-Nation formieren möchte. Vinayak Damodar Savarkar hat 1923 in Nagpur, die Schrift „Hindutva: Wer ist ein Hindu?“ verfasst, in der er erstmals die Idee einer Hindu-Nation, Hindu Rashtra, formulierte, die Hindus als ursprüngliche Bevölkerung Südasiens sieht. Das Konzept geht von einer frühen geeinten Hindu-Gesellschaft aus, die nun in Indien durch religiöse Minderheiten wie Muslime und Christen bedroht ist. Damit ist Hindutva eine Gegenbewegung zum säkularen Staatsmodell, weclhes von Mahatma Gandhi zur Lösung des Konfliktes zwischen Hindus und Muslimen vorgeschlagen wurdet und das heute in der Verfassung manifestiert ist.

Eines der bekannten RSS-Mitglieder war der Hindu-Extremist Nathuram Godse, der mit Gandhis Bemühungen den Konflikt zwischen Hindus und Muslime zu schlichten, nicht einverstanden war und den 78-Jährigen auf dem Weg nach Neu-Delhi, am 30. Januar 1948 ermordete. Daraufhin wurde die RSS verboten. 1949 wurde dieses Verbot jedoch aufgehoben, da die RSS die Regierung überzeugte, Kultur- und Freiwilligenprojekte zu fördern.

Danach betrat die RSS erneut die politische Bühne und versuchte durch Kultur- und Hilfsprogramme für Dalits (die niedrigste Kaste), Menschen für sich zu gewinnen. Die RSS gründete zahlreiche Unterorganisationen, die Frauen, Jugend und Studenten repräsentieren soll. Auch leitet die RSS tausende von Schulen in Indien, um das Hindu-Sein zu verbreiten und die Erziehung von Kindern und Jugendlichen möglichst früh zu beeinflussen.

Prof. Dr. Parnal Chirmuley, Professorin für Deutschlandstudien an der Jawaharlar Nehru University (JNU) Delhi, erklärt in ihrem englischsprachigem Artikel „Far from being indigenous, RSS has championed chauvinist ideas from Europe“ (2018), wie fasziniert RSS tatsächlich von europäischen Faschismus war. Die RSS und die hindunationalistische Bharatiya Janata Party (BJP) stellen sich jedoch als wahrhaftig indigen dar, als der Kern Indiens – während linke Intellektuelle, Frauen-, Dalit- und Bürgerrechtsbewegungen von westlichen Gedanken beeinflusst seien und dabei das „wahre Indische“ unterdrücken.

All jene Gruppen seien deshalb, so die RSS, anti-national, anti-indisch und müssten beseitigt werden, da sie eine Gefahr für Indien darstellen. Kavita Krishnan, Sekretärin der All India Progressive Women‘s Association sowie Mitglied des Politbüros der Communist Party of India (Marxist-Leninist) beschreibt in ihrem ihrem ebenfalls englischsprachigem Artikel „Getting India Wrong“ (2017), wie die RSS mit britischen Kolonialisten kollaborierten. Beispielsweise hat Savarkar der britischen Besatzung während seines Gefängnisaufenthaltes versprochen, loyal zu britischen Kolonialmacht zu sein (aus einem Brief von November 24, 1913). Auch Shyama Prasad Mukherjee, Minister von Bengal, hat den Briten geholfen das Quit India Movement (eine Unabhängigkeitsbewegung gegen die Briten) zu bekämpfen.

Die ideologische Verbundenheit der RSS mit dem europäischem Faschismus zeigt auch ein Treffen zwischen B.S. Moonje, ein früher Verbündeter und Mentor von K.B. Hedgewar und der erste Präsident der 1915 entstandenen Rechtspartei Hindu Mahasabha, und Benito Mussolini. Moonje besuchte Mussolini in Italien und schaute sich faschistische Militärakademien an. Dies alles ist in Moonj’s Tagebuch dokumentiert, Teile davon sind online zu lesen. Moonje beglückwünscht Mussolini für die heranwachsende faschistische Jugend und die Militärorganisation. Indien bräuchte ähnliche Organisationen. Zurück in Indien propagierte er eine Militarisierung der hinduistischen Gesellschaft Indiens, orientiert am Beispiel der faschistischen Jugendorganisationen in Deutschland und in Italien.

Besonders in den 1930er-Jahren war die Diskussion um eine Hindu-Militarisierung sehr prominent. Hedgewar organisierte 1934 eine Konferenz mit Mussolini, in der Moonje die abschließende Rede hielt. Die Militarisierung und Faschisierung sollte schon sehr früh in der Jugend beginnen.

Madhav Sadashiv Golwalkar, der 1940 der zweite sarsanghachalak der RSS wurde, sprach sich mit Faszination für die Nazis aus. Besonders begeisterte ihn die NS-Rassenpolitik gegenüber Jüd*innen. Dies wäre ein Model, von dem Indien profitieren könnte, suggerierte er. Die drei größten internen Bedrohungen für ihn waren Muslime, Christen und Kommunisten. Er lobte Nazi-Deutschland als Vorbild für „Rassenehre“, an dem Indien sich ein Beispiel nehmen sollte.

Golwalkar schrieb in seinem Buch „We or Our Nationhood Defined“ (1939): „Die fremden Rassen in Indien müssen entweder Hindu-Kultur und -Sprache annehmen, die hinduistische Religion respektieren und als Referenz betrachten, sie müssen alle Ideen fallen lassen, außer jener der Verehrung für die Hindu-Rasse und Hindu-Kultur, also für die Hindu-Nation und so ihre separate Existenz aufgeben und sich in die Hindu-Rasse verschmelzen, oder sie können zwar im Land bleiben, aber der Hindu-Nation völlig unterworfen, ohne etwas zu fordern, ohne irgendwelche Privilegien, viel weniger noch irgendwelche Vorteile, ja nicht einmal Bürgerrechte. (…) Der deutsche Rassenstolz ist heute das Thema des Tages geworden. Um die Reinheit seiner Rasse und Kultur zu erhalten, schockierte Deutschland die Welt durch die Säuberung des Landes von der semitischen Rasse – den Juden. Rassenstolz zeigt sich hier in seiner höchsten Form. Und Deutschland hat auch gezeigt, wie unmöglich es für Rassen und Kulturen, deren Differenzen bis an die Wurzel gehen, ist, in ein vereintes Ganzes assimiliert zu werden – eine gute Lektion für uns in Hindustan, von der wir lernen und profitieren können.“

2006 versuchte die RSS sich von diesen Schriften Golwalkar’s zu distanzieren, doch ihre Taten sprechen nicht dafür. Die Organisation führt Kampagnen durch – beispielsweise die Kampagne „inner faith love“ -, die sich an Nazi-Ideologie und den Rassengesetzen der Jim-Crow-Ära anlehnen.

Einfluss in der Regierungspartei

Der Hindunationalist Narendra Modi wurde 2014 mithilfe von RSS-Kampagnen zum 15. Premierminister Indiens gewählt. Islamophobe Gewalt war für seinen Erfolg und seine Wahl ein großer Faktor. Durch die hindu-nationalistische Bharatiya Janata Partei (BJP), die Partei Modis, versucht die RSS die Politik zu bestimmen. Der Premierminister Modi, der Präsident Ram Nath Kovind und einige Mitglieder des Indischen Kabinetts sind ebenfalls RSS-Mitglieder. Schon 2001 machte die RSS Wahlkampagnen für Modis Wahl als Chief Minister für den Bundesstaat Gujarat.

Modi lässt sich in politischen Angelegenheiten von der RSS beraten, die folglich effektiv Einfluss nehmen kann. Bis Juli 2015 hat sich die RSS aus der Politik öffentlich zurückgehalten. Man wollte eher als eine moralische Kraft gesehen werden, denn als politische. Doch als Modi Premierminister wurde, wuchs der RSS-Einfluss und die Gruppe heizt heute Lynchmorde von Muslimen unter verschiedenen Vorwänden an. Modi beteuerte, dass er ein stolzes Mitglied der RSS sei. In den Parlamentswahlen von April-Mai 2019 in Indien gewann die BJP-Partei landesweit die absolute Mehrheit der Wahlkreise (303 von 543) und eine absolute Mehrheit der Sitze im Unterhaus (545 Sitze). Damit gewinnt die RSS an Bedeutung und ihr politischer Einfluss befindet sich momentan auf dem Höhepunkt.

Die RSS hat jetzt das Ziel, mehr Befürwortung, Legitimation und Respekt zu erlangen. Krishnan beschriebt dies im Gespräch mit dem LCM: „Sie laden zahlreiche wichtige politischen Personen ein, um sie zu besuchen, wie beispielsweise den ehemaligen indischen Präsidenten Pranab Mukherjee, Nobelpreisträger Kailash Satyarthi, und nun den deutschen Botschafter!“

Mit dem wachsenden Einfluss der RSS in der Politik und Modi als stolzem RSS-Mitglied fühlen sich religiöse Minderheiten in Indien, Christ*innen und Muslim*innen, eingeschüchtert. Mehr als 14 % der Inder*innen bekennen sich zum Islam. Sie sind die größte religiöse Minderheit in Indien.

Walter Lindners Besuch

Deutschland hat nach wie vor ein Problem mit Rassismus, mit Faschismus, mit Neonazis. Über die Pogrome der 1990er-Jahre über den NSU-Terror bis zum gegenwärtigen Erstarken offen rassistischer Kräfte zieht sich das deutsche Versagen, seiner Verantwortung aus dem Imperativ „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“ gerecht zu werden.

Ein deutscher Diplomat für Indien, der Deutschland mitsamt seiner brutalen Geschichte repräsentiert, besucht – während daheim Neonazis erstarken und sich im halben Staatsapparat festgesetzt haben – die Hauptzentrale der RSS, die Nazi-Ideologie verherrlicht. Auf einem von Lindner hochgeladenem Foto auf Twitter ist zu sehen, wie er sich vor der Statue M.S. Golwalkars verbeugt und seine Füße berührt. Sich in Indien vor jemandem zu verbeugen und die Füße zu berühren, demonstriert außerordentlichen Respekt, da die Füße als das unreinste Körperteil gelten und man bereit ist, selbst diese Stellen zu würdigen. Die Geste Lindners ist außerordentlich inakzeptabel.

Aber mehr als das: Die RSS bezieht aus genau solchen Besuchen europäischer Diplomat*innen ihre Legitimation und verschafft sich dadurch Respekt. Es geht nicht wirklich um die Personen an sich, um Walter Lindner, oder die Person Mohan Bhagwat. Diese Personen halten ein bestimmtes Amt inne, das an Macht gekoppelt ist. Sie sind verantwortlich für die Repräsentation dieser Postionen und Ämter. Der deutsche Botschafter ist nicht frei von Verantwortung. Für ein Land wie Deutschland, das immer noch seine Vergangenheit aufarbeiten muss, ist es sehr beunruhigend, einer Organisation Legitimation zu verschaffen, die historisch nachweisbar Nazi-Ideologien und faschistische Charakterzüge haben. Dies bewirkt nur, dass solches faschistisches, menschenfeindliches Gedankengut weiterhin unterstützt und toleriert wird.

Zudem aber bestärkt Lindner damit auch jenes Klima des Terrors, das die Hindunationalist*innen schaffen wollen. Vor allem seit der absoluten Mehrheit der BJP verspüren viele Minderheiten Angst, dem faschistischen Hindunationalismus ausgesetzt zu sein. Die antimuslimische Rhetorik war schon immer da, doch sie hat jetzt einen Höhepunkt erreicht, erklärt Dr. Chirmuley gegenüber dem LCM. Öffentliche Lynchmorde von Muslim*innen in Indien werden toleriert, wie kürzlich der Mord an Tabrez Ansari im Juni 2019, der von einer Gruppe von Männern zu Tode geprügelt wurde, die ihn davor zwangen, rechte hinduistische Parolen zu rufen.

Es bleibt nicht nur bei einem Treffen zwischen einem deutschen Botschafter und dem RSS-Führer. Dieses Treffen wird Konsequenzen haben. Die Legitimation und der Respekt für solche Organisationen, die Genozide von Minderheiten befürworten und öffentliche Lynchingmorde zu verantworten haben, wird wachsen. Dafür ist auch Walter Lindner verantwortlich.

Und wenn letzterer nun versucht, sich zu verteidigen, indem er bekundet, er habe nur das „indische Mosaik verstehen“ wollen und sei rein aus Bildungszwecken bei den Faschisten zu Besuch, ist dem die Antwort Krishnans entgenzuhalten: „Warum sind Faschisten Teil eines „Mosaiks“, wenn es um Indien geht? (…) Sie hätten Dalits, Arbeiter*innen, Frauenbewegungen treffen müssen. Das haben sie nicht. Sie haben sich Nazis ausgesucht. (…) Ist Deutschland offiziell einverstanden, einen Nazi-liebenden, Muslimen-hassenden Fanatiker zu ehren?“

# Chandrika Yogarajah

#Titelbild: Aufmarsch der RSS, Quelle: Wikipedia

Anmerkung

Dieser Artikel ist aus Gesprächen mit Kavita Krishnan, Sekretärin der All India Progressive Women‘s Association sowie Mitglied des Politbüros der Communist Party of India (Marxist-Leninist), sowie Prof. Dr. Parnal Chrimuley der Jawaharlar Nehru University (JNU) des Zentrums für Deutschlandstudien entstanden.

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