„Rote Nazis?“ Zur Debatte um den Jugendwiderstand

11. Juni 2019

Das Sommerloch mit einer Prise Totalitarismustheorie zu stopfen, gehört zu den vornehmsten Aufgaben jener Art von Clowns, die sich Journalist*innen nennen. Und was könnte da mehr gelegen kommen, als das Auflösungspapier des Neuköllner Jugendwiderstands.

Fördern alle zum Thema erschienen Artikel den allgemeinen Wunsch nach einem rascheren Fortschritt des Zeitungssterbens, kann man schon eine Zeitung hervorheben, die an Dumm- wie Dreistigkeit hervorsticht: Der Tagesspiegel. In der Printausgabe titelt er irgendwas von „roten Nazis“, online sind die vermeintlichen Wiedergänger der Strasser-Brüder dann nur noch „Maos Schläger“, die aber „in ihrer maoistischen Militanz“ “wirken” wie Nazis. Das Kriterium dafür, „Nazi“ zu sein, ist für den Autor dieses Stücks offenbar „Straßenmilitanz“. Ein bisschen NS-Verharmlosung ist wohl in Ordnung, solange sich die Seiten zwischen der Werbung auch im Juni irgendwie füllen lassen.

Ist an den bürgerlichen Medien nur interessant, wie breiten Raum die ansonsten nicht besonders recherchefreundlichen Blätter einer doch recht überschaubaren Gruppe aus Neukölln widmen, gleitet die linke Beteiligung an der Stilisierung des Jugendwiderstand zum Zivilisationsbruch schlechthin vollends ins Absurde ab. Nicht, dass nicht auch aus einer revolutionären Position ausreichend Kritik an der Gruppe formuliert werden könnte: die völlige Ablehnung irgendwelcher selbstkritischen Ansätze zum eigenen Verhalten; die Verengung der Theoriebildung auf das Wiederholen von Phrasen; die Fetischisierung eines zutiefst patriarchalen (und kapitalistischen) Selbstbildes junger Männer; die Fixierung auf Israel/Palästina als nahezu einziges Themenfeld politischer Arbeit; die Unfähigkeit, sich mit irgendeiner anderen Gruppe auch nur verständigen zu können; die völlige Abwesenheit von allen realen Klassenkämpfen im Mieten- oder Gewerkschaftsbereich und, und, und.

Aber, wenn Linke ankommen, und nun den Jugendwiderstand als „Nazis“ / „Faschisten“ oder ähnliches bezeichnen und sich an Verbotskampagnen beteiligen, weil die bösen Maoisten „in Reih‘ und Glied“ auf Demos laufen, weil sie Kampagnen gegen Drogengebrauch und Alkoholismus anstoßen, Sport als Organisierungsfeld von Jugendlichen begreifen oder den Kampf der Palästinenser unterstützen, muss man sich schon fragen, was hier eigentlich schon wieder geraucht wurde. Ohne jetzt – es ist ja eine Kolumne – auf die Inhalte einzugehen, aber wer diese Kriterien anlegt, müsste so ziemlich alle anarchistischen oder kommunistischen Organisationen (und antikoloniale, sozialdemokratische, sozialistische dazu) außerhalb des deutschsprachigen Raums als „Nazis“ bezeichnen.

Der Jugendwiderstand ist eine Reaktion. Er ist eine Reaktion auf eine ideologieferne linke Szene, die zutiefst bürgerlichen Kram in bunten Farben wiederkäut und sich dabei als über die “dummen Prolls” erhabene moralische Instanz sieht. Er ist eine Reaktion auf eine linke Szene, die von Organisation, Disziplin und Arbeit in der Bevölkerung nichts wissen will, aber panisch auf das Erstarken des Faschismus starrt. Er ist eine Reaktion auf eine Linke, die ihre eigenen Traditionen, anarchistische ebenso wie kommunistische, vor vielen Jahren aufgegeben hat zugunsten einer postmodernen Wohlfühlbeliebigkeit, die weniger denn je in der Lage ist, irgendwen zu überzeugen, der nicht ohnehin schon den bevorstehenden Job in der Linkspartei oder der NGO des Vertrauens im Blick hat.

Und: Er ist (oder war, wie auch immer) eine falsche Reaktion auf diesen desolaten Zustand der Linken in diesem Land. Aber der wilde Furor dieser ganzen Szene, der weder ein Jemen-Krieg noch ein imperialistischer Angriff auf Venezuela noch irgendein Körnchen Emotion entlocken können, sagt eher etwas über diejenigen, die sich an zwei Dutzend Neuköllner Jugendlichen abarbeiten, als würden die Geschicke der westlichen Welt davon abhängen – und das auch gerne im Bund mit bürgerlicher Presse und lokaler Regierung.

Die eigentliche Frage, die sich diejenigen stellen müssten, die da jetzt in Jubel und Spott verfallen ist doch die: Wenn Ihr nicht einmal in der Lage seid, die arabischen und deutschen Jugendlichen aus dem Jugendwiderstand von eurem Projekt zu überzeugen, in welcher Gesellschaft wollt ihr denn eigentlich arbeiten? Oder reicht euch der Beifall von B.Z., Senat und Tagesspiegel schon als politisches Projekt?

PS: Dem Autor ist vollkommen bewusst, dass das zu einem immensen Shitstorm führen wird, zur Exkommunizierung aus Kreisen, in denen er ohnehin nichts zu suchen hat, und zu irgendwelchen Aufforderungen sich doch jetzt aber mal endlich zu jeder Militäroperation Israels in den vergangenen Jahrzehnten einzeln zu bekennen. Aber what can you do sometimes, wie Fatih Terim immer zu sagen pflegte.

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