Arbeitskampf im Wombat‘s Berlin: Enteignet die Hostel-Besitzer!

29. April 2019

Um unbequeme Beschäftigte loszuwerden, will die Geschäftsführung der Wombat‘s Hostels ihre Berliner Niederlassung zumindest temporär schließen. Darin aber liegt auch eine Chance: Der Betrieb könnte unter Arbeiter*innenkontrolle weitergeführt werden.

Am 31. August soll es, geht es nach den Geschäftsführern der Wombat‘s Hostelkette, so weit sein: Die Berliner Niederlassung des Unternehmens in der Alten Schönhauser Straße soll schließen. Nun könnte man als tourismusgeplagte*r Berliner*in sagen: Sehr gut, 350 Betten weniger, ciao. Doch die Betriebsschließung hat ihre Geschichte – und die hat viel mit dem entschlossenen Widerstand einer aufmüpfigen Belegschaft zu tun.

Angefangen hat die Story im April 2015. „Da haben wir einen Betriebsrat gegründet“, erklärt Ruth, die als Rezeptionistin im Wombat‘s arbeitet, gegenüber dem lower class magazine. „Davor hatten wir drei Jahre auf eine Gehaltserhöhung gewartet, als die dann endlich kam, lag sie bei 29 Cent oder so. Wir waren angepisst und dachten, jetzt müssen wir was tun.“ Am Anfang hatte außer ihrem Kollegen Milenko niemand so richtig Ahnung, wie das funktioniert. Und Ruth war das einzige Gewerkschaftsmitglied.

Heute liegen vier Jahre Kampf hinter ihnen, rund 80 Prozent der Belegschaft sind in die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, NGG, eingetreten. Sieben Hausleiter*innen wurden in der Zwischenzeit verschlissen, bilanzieren Milenko und Ruth nicht ohne Lächeln auf den Lippen. „Die bekommen Druck von oben und Druck von unten“, sagt Milenko. „Und wenn man den Druck von unten hochschraubt, dann werden die da zerrieben.“

Weil es den wechselnden Manager*innen nicht gelang, die Belegschaft unter die Knute des Konzerns zu zwingen, will die Wombat‘s GmbH nun offenbar mit dem Holzhammer ran: Das Hostel soll, obwohl es Gewinn abwirft, dicht gemacht werden.

Penis-Mobber außer Kontrolle

Dieser atomaren Lösung gingen unzählige Schikanen, Einschüchterungen und juristische Versuche des Union-Bustings voran. Dabei agierte das ungeschulte, aber machtgeile Management teilweise unfassbar skurril. Im Normalfall kommt ein Gespräch über einen Streik ohne das Wort „Penis“ aus. Wer sich aber mit Ruth und Milenko trifft, zwei der Betriebsrät*innen des Berliner Wombat‘s Hostels, wird erstaunlich oft vom männlichen Glied erzählt bekommen. Nicht, weil die beiden eine besondere Obsession mit dem Lörres verbände, sondern weil das Management ihres Betriebes in den vergangenen Monaten durch einen Arbeitskampf offenkundig an die Grenze der Zurechnungsfähigkeit getrieben wurde.

Eine der größeren Penis-bezogenen Mobbing-Aktionen durch die Hostel-Chefs schaffte es in die Bild-Zeitung: Am 1. März malte (mutmaßlich, aber beobachtet durch eine Kollegin im Nachtdienst) die Hausleitung Schwänze und Beleidigungen gegen den Betriebsrat vor den Arbeitsplatz. „Aber das war ja bei weitem nicht der erste solche Vorfall. Das Büro der Chefs war voll von gemalten Penissen, ein Dildo stand auf dem Schreibtisch. Und auf meiner Arbeitszeitmappe tauchte auch einer auf“, sagt Ruth.

Die Versuche der Verhinderung jedweder Interessensvertretung der Beschäftigten durch die wechselnden Führungen der Berliner Wombat‘s Niederlassung waren dabei in den vergangenen Jahren nicht auf obszönes Geschmiere beschränkt. „Bis zum Konflikt bist du per du mit deinen Chefs, die tun so, als wäre man befreundet. Du hast dieses Familiaritätsprinzip, dein Chef ist dein bester Freund und wir mögen uns doch alle“, erinnert sich Milenko. „Aber wenn es hart auf hart kommt, dann kehrt sich das um.“ Für die beiden Betriebsrät*innen bedeutete das auch eine immense psychische Belastung. „Alle Manager versuchen es unterschiedlich: Die eine meinte, tu es mir zu liebe, zieh doch dein Gewerkschafts-T-Shirt aus. Andere bedrohen, beschimpfen, beleidigen einen offen, bis hin zu Aufforderungen zum Oralverkehr.“ Kündigungen nach Streiks, offene Briefe zur Einschüchterung der Belegschaft, Gerichtsverfahren gegen Betriebsrät*innen – das Repertoire war groß. Während sich die Hausleitung in mehr oder weniger unprofessionellem Psychoterror übte, übernahmen die für ihre Union-Busting-Strategien bekannten Kanzleien Squire Patton Boggs und Buse Heberer From die professionelleren Angriffe auf die Beschäftigten.

Doch alles half nichts. „Auch die beißen sich die Zähne aus“, sagt Milenko. „Wir haben ein widerstandsfähiges Team, das sich davon eher noch angespornt fühlt.“ Anstatt sich auf Kompromisse einzulassen, blieben die Geschäftsführer der Kette, Marcus Praschinger und Alexander Dimitriewicz (der gelegentlich als Sascha Dimitriewicz, Alexander Böck, Sascha Böck auftrtitt) stur. Jetzt soll also geschlossen werden.

Und nun? Enteignen!

Ob die Betriebsschließung eine „echte“ ist oder einfach ein Konstrukt, um die Belegschaft auszutauschen, ist bislang nicht abzusehen. Milenko und Ruth vermuten letzteres. Denn schon bei der kürzlich vollzogenen Ausgliederung unliebsamer Reinigungskräfte habe Dimitriewicz ganz offen gesagt, dass ihm da ein Freund einen Gefallen getan habe. „Würde mich nicht wundern, wenn sich auch nach der Betriebsschließung Freunde finden, die ihm einen Gefallen tun“, deutet Milenko an. Das könnte dann bedeuten, dass nach neun Monaten anstatt eines Hostels ein Appartmenthotel oder ähnliches neu aufmacht – und die Arbeiter*innenvertretung weg ist.

„Sollte das eintreten, sind wir der Meinung, das so eine unternehmerische Willkür gestoppt werden muss. Und das bedeutet: enteignen“, sagt Ruth. „Wir prüfen gerade, was juristisch möglich ist.“ Vorbild für die Betriebsrät*innen ist die Kampagne „Deutsche Wohnen & Co. Enteignen“, die seit Monaten Furore macht. Wichtig sei dafür der öffentliche Druck, meint die Betriebsrätin.

Pläne für die dann entstehende Herberge unter Arbeiter*innenkontrolle jedenfalls haben Milenko und Ruth schon. „Die Stadt Berlin soll das enteignen. Und dann an die Beschäftigten übergeben. Dann machen wir da was rein, was nicht dieses klassische Hostel-Ding ist. Also nicht diese Absteige für Sauftouris, die niemand in Berlin möchte, sondern ein politisches Hostel“, wünscht sich Ruth. Mit Seminarräumen für gewerkschaftliche Schulungen. Und der schönste Raum würde zum Pausenraum für die Belegschaft umgestaltet.

#Bildquelle: Aktion/Arbeitsunrecht

#Für den 17. Mai und den 12. Juni, jeweils 16 Uhr vor dem Hostel ruft die Belegschaft des Wombat‘s Hostel Berlin zu Protesten auf.

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