Non una di meno und der Kampf gegen Frauenmorde in Italien

16. Februar 2019

Nach einem brutalen Mord an einer jungen Frau formierte sich im Juni 2015 in Argentinien die Bewegung »Ni Una Menos«. Sie fordert mit ihrem Namen: Keine einzige weitere Frau soll getötet werden! Die Bewegung wuchs und wuchs. Ni una menos weitete sich von Südamerika über Italien und Spanien bis nach Deutschland aus, wo unter dem Titel »#keinemehr« mobilisiert wird. In Italien heißt die Bewegung »Non una di meno«. Der Blick nach Italien lohnt sich: Non una di meno ist eine erfolgreiche Massenbewegung im politisch düsteren Klima und kann vielleicht auch die feministische Basisbewegung in Deutschland inspirieren.

Non una di meno gründete sich 2016 nach einer Demonstration in Rom, die auf einen Aufruf argentinischer Genossinnnen anlässlich des Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen am 25. November stattfand und beeindruckende 250 000 Menschen auf die Straße brachte. »Das war die größte Demonstration in Italien seit vielen, vielen Jahren«, erzählt Laura Romana, eine 32jährige Grafikdesignerin, die bei Non una di meno in Bologna aktiv ist. »Gleich am Tag danach gab es die erste Versammlung von Non una di meno in Rom. Und da wurde auch schon entschieden, einen Plan zu schreiben«. Tausende Frauen verfassten daraufhin kollektiv das Manifest der Bewegung. »Abbiamo un piano«, Wir haben einen Plan, wurde Ende 2017 veröffentlicht. Letztes Jahr wurde das Manifest auch ins Deutsche übersetzt. Frauen mit ganz verschiedenen Lebensrealitäten waren am Schreibprozess beteiligt, Rechtsanwältinnen genauso wie Hausfrauen. Das Manifest beschreibt die gewaltvollen Verhältnisse in Italien und stellt präzise politische Forderungen.

Das Thema Frauenmorde ist in Italien deutlich präsenter als in Deutschland. Dabei unterscheiden sich die Zahlen kaum. Sowohl in Deutschland wie auch in Italien wird an jedem dritten Tag eine Frau von ihrem Mann, Freund oder Ex-Mann umgebracht. Von dem Klischee, dass in Deutschland womöglich weniger Frauen als in Italien getötet werden, da Italien eher mit Machismo in Verbindung gebracht wird, kann man sich also verabschieden. Laura Romana sieht die öffentliche Berichterstattung in Italien kritisch: »Leider wird das in den Medien immer wieder so dargestellt, als ob Frauenmorde wegen komplizierten Beziehungen passieren. Es werden nur Einzelschicksale gesehen, nicht dass diese Morde mit unserem sozialen und ökonomischen System zusammenhängen«.

Frauenmorde werden deswegen von Feministinnen international unter den Begriffen Femizid und Feminizid diskutiert. Den Begriff Femizid hat die südafrikanische Soziologin Diana E. H. Russell bereits in den 1970er Jahren verwendet, um das Töten von Frauen, weil sie Frauen sind, zu beschreiben. Das etwas sperrige Wort macht die strukturelle Gewalt deutlich, die in ansonsten häufig genutzten Begriffen wie »Eifersuchtsdrama« oder »Familientragödie«, aber auch in formelleren Begriffen wie »Partnerschaftsgewalt« oder »häusliche Gewalt«, nicht benannt wird. Marcela Lagarde, eine feministische Aktivistin aus Mexiko, schlug darauf aufbauend vor, das Wort Feminizid zu nutzen und mit diesem leicht veränderten Wort nicht nur die strukturelle Gewalt, sondern auch eine Rechtsstaatlichkeit, die Gewalt gegen Frauen begünstigt, mit zu benennen.

Es sind nicht alle Frauen auf gleiche Weise von struktureller Gewalt betroffen. Sexarbeiterinnen und Transfrauen zum Beispiel sind unter den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen besonders gefährdet, Ziel einer Gewalttat zu werden. Ausreichende Zahlen gibt es dazu nicht, da Statistiken Transfrauen häufig nicht gesondert erfassen.

Bemerkenswert ist, dass bei Non una di meno in Italien Frauen verschiedener Generationen und mit ganz unterschiedlichen Feminismen zusammen politische Arbeit machen. Etwas, das in Deutschland selten passiert. Dafür gibt es oft auch gute Gründe, zum Beispiel wenn die Jungen den Alten eine biologistische Vorstellung von Geschlecht oder wenig Aufmerksamkeit für Rassismus vorwerfen. »Auch wir streiten uns und das ist auch gut so. Darum geht es. Konfliktlinien laufen dabei quer durch die Generationen», berichtet Romana. »Unser Grundkonsens ist aber, dass Non una di meno antikapitalistisch und antirassistisch ist und Zusammenhänge intersektional denkt« stellt Romana klar. Migrantische Kämpfe werden mitgedacht und sich einer rassistischen Spaltung offensiv entgegen gestellt. Das Ziel von Non una di Meno ist nicht einfach, mehr Geld für die extrem prekäre Notfallhilfe für Frauen zu bekommen, sondern grundlegende Veränderungen zu erreichen, die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit ermöglichen. »Wir fordern zum Beispiel ein bedingungsloses Grundeinkommen, das Selbstbestimmung für alle ermöglicht und das nicht an Staatsbürgerschaft oder familiärem Status geknüpft ist«.

Non una di meno macht die Begriffe männliche Gewalt und geschlechtsbasierte Gewalt stark, die im Deutschen bislang nicht verwendet werden. Mit dem Begriff der männlichen Gewalt wird der Täter adressiert und die Gewalt im Zusammenhang mit patriarchalen Strukturen gesetzt. Es gibt zwar auch eine kleine Anzahl an männlichen Opfern häuslicher Gewalt, aber die überwiegende Mehrheit der Täter sind Männer. Der andere Begriff, geschlechtsbasierte Gewalt, entspricht dem im Deutschen gebräuchlichen Begriff der geschlechtsspezifischen Gewalt nicht. Bei geschlechtsbasierter Gewalt geht es nicht Gewalt gegen Menschen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit, sondern spezifisch um Gewalt gegen Personen, die nicht der Norm zugeordnet werden, also aus der zweigeschlechtlichen Logik fallen.

In Deutschland wird Gewalt gegen Frauen insbesondere dann diskutiert, wenn sie rassistisch instrumentalisiert werden kann. Dabei hatte bei den 147 Frauen, die in Deutschland 2017 getötet wurden, die Mehrheit der Täter eine deutsche Staatsbürgerschaft. Dass auch weiße deutsche Männer Täter werden, möchten Rechte gerne unsichtbar machen. So organisierte die AfD am 17. Februar 2018 in Berlin eine Demonstration für »Frauenrechte«, interessiert sich jedoch nicht für die Rechte asylsuchender Frauen und propagiert ein reaktionäres Familienbild. Der öffentliche Debatte hat sich in Deutschland insgesamt nach rechts verschoben, was man zum Beispiel daran sieht, dass überregional über eine tote Frau bei Bonn berichtet wird, weil die Tote in einer Flüchtlingsunterkunft gefunden wurde und man so (fälschlicherweise) davon ausgehen konnte, dass sie von einem Asylsuchendem getötet wurde. Eine Nachricht, die sonst niemals Schlagzeilen machen würde. Die Zeit berichtete.

»Auch in Italien wird viel rassistisch instrumentalisiert. Nicht nur von rechten, sondern auch von anderen Parteien«, erzählt Romana. Non una di meno ist eine parteiunabhängige Bewegung und hat keine Verbindungen zu Parteien. »Die Linke ist in der italienischen Parteienlandschaft sehr schwach«, erklärt Romana. »In Italien müssen wir gegen unsere rechte Regierung angehen. Es gibt immer wieder neue Gesetze oder Vorschläge für Gesetze, die extrem konservativ und rechts sind und wir müssen uns dagegen wehren«. Seit letztem Sommer regieren in Italien die populistische »5 Sterne« zusammen mit der rechtspopulistischen »Lega Nord«.

Momentan mobilisiert Non una di meno vor allem für den 8. März und den Internationalen Frauenstreik. »Es ist nicht einfach den Leuten zu erklären, wir machen einen Streik, aber das ist ein feministischer Streik. Die erste Reaktion ist dann oft: Warum, was ist das?«, sagt Romana. Am 8. März wird auch in Deutschland gestreikt. An dem Tag können wir daran denken, dass auch Laura Romana und ihre Genossinnen auf der Straße sind: »Dass wir auch geografisch so viele Verbindungen haben, macht unsere Stärke aus«.

# Johanna Montanari
# Titelbild: Demonstration von Non Una Die Meno zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen am 24. November 2018 in Rom.  Camelia.boban /CC BY-SA 4.0

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