Vergangen Sonntag ist in Thessaloniki das zehntägige No-Border-Camp zu Ende gegangen. Der gewählte Ort – Thessaloniki in Nordgriechenland – hatte dabei durchaus mehrfache Symbolkraft. Kein anderes Land in Europa steht so ambivalent für die aktuellen Kämpfe der europäischen Linken und ihre dringendsten Fragen. Im kaputtgesparten Griechenland sind die Folgen der europäischen Austeritätspolitik deutlich zu erkennen. In Griechenland hatten sich die Menschen gegen die europäische Sparpolitik behauptet. Später knickte hier das Linksbündnis Syriza vor den Forderungen aus Brüssel ein. Griechenland ist außerdem oft das erste europäische Land das Geflüchtete auf ihrer Fluchtroute betreten und, seit die Grenzen der Balkanroute geschlossen wurden, ist es für viele auch das letzte. Hier sitzen sie in Auffanglagern, ungewiss wie es für sie weitergeht. Ganz in der Nähe von Thessaloniki, an der mazedonisch-griechischen Grenze war erst im Mai diesen Jahres „Idomeni“ mitsamt seiner Infrastrukturen geräumt worden.

No Border Demo in Kastanies auf dem Weg zum Grenzzaun
Welche Themen auf der Agenda standen, war also klar. Eine der spektakuläreren Aktionen der ersten Tage des Camps war die Besetzung des Staatssenders ERT3, bei der durchgesetzt wurde, dass Geflüchtete in verschiedenen Sendungen selber von ihrer Flucht, der Situation in ihren Heimatländern, aber vor allem von den unwürdigen Lebensbedingungen in den verschiedenen Lagern berichten können. Später machten sich einige GenossInnen in einem großen Konvoy bestehend aus Reisebussen, Autos und Vans auf den Weg zu verschiedenen Lagern in Paranesti und Xanthi in der Nähe von Thessaloniki , einerseits um Solidarität zu zeigen, aber vor allem auch um mit den Geflüchteten direkt zu kommunizieren, was die griechische Polizei zeitweise verhinderte. In der ganzen Zeit während des Camps wurden immer wieder Akteure der Flucht-Repression, wie Frontex-Unterfirmen und das deutschen Konsulat, von AktivistInnen markiert.
Das Camp selber fand an der zentral in der Innenstadt gelegenen Universität statt, die eigens dafür besetzt worden war. In den dort stattfindenden Workshops konnte man auch immer wieder deutlich die vorherrschende Hilflosigkeit erkennen. Abseits von Aktionismus und Symbolpolitik zeigte sich, wie schwer es fällt, handlungsfähig zu sein und wie sehr stabile Organisationsstrukturen fehlen. Besonders groß war die Hilflosigkeit in einem Workshop, in dem GenossInnen über die Situation in der Türkei nach dem Putschversuch berichteten. Auf die Frage, wie man praktisch helfen könnte, hatte niemand eine Antwort, außer eben einer weiteren symbolischen Demonstration durch Thessaloniki. Auch die vielleicht größte Frage des Camps blieb unbeantwortet: Wie macht man mit Geflüchteten gemeinsam Politik? Wie erreicht man weitgehendend entrechtete Menschen, die in Lagern weit weg von Städten und solidarischen Strukturen untergebracht sind?
Doch es gab auch schöne, ermunternde Momente: Am letzten Donnerstag fand abends die „Migrant Pride“-Demonstration mit ungefähr 5000 TeilnehmerInnen statt. Tagelang hatten AktivistInnen des Camps die Lager in Nordgriechenland besucht um das nötige Vertrauen aufzubauen und die Geflüchteten zum Demonstrieren zu ermuntern. Zum Sonnenuntergang hin liefen AktivistInnen gemeinsam mit Geflüchteten durch Thessaloniki. Es war eine im besten Sinne bunte Demo, gut gelaunt, wütend und mit klarer Ansage: „Open the Borders“!
Einen Tag später wurde ein Soziales Zentrum für Geflüchtete besetzt. Das Haus „Hurriya“ liegt mitten in der Stadt am zentralen Aristoteles Platz und in direkter Nähe zu Uferpromenade. Schon drei Tage später konnten die ersten Geflüchteten einziehen: Es fehlten nur noch ein paar Stromanschlüsse, ein paar Leitungen mussten repariert werden, aber die meisten Wohnungen waren sauber und auch sofort bewohnbar. Bis zum letzten Tag des Camps hatte sich der Vermieter nur einmal kurz blicken lassen und

Das Orfanotrofio nach der Räumung. Später wurde es komplett abgerissen.
signalisiert, dass es von seiner Seite keinen Stress geben würde. Die Polizei blieb bis dahin ebenfalls fast unsichtbar.
Das änderte sich heute Morgen: Drei Tage nach dem Ende des Camps, also zu dem Zeitpunkt als wirklich auch die letzten
AktivistInnen die Stadt verlassen hatten, ließ die Stadtregierung ein großes Polizeiaufgebot anrücken und räumte nicht nur das frisch besetzte Haus, sondern auch noch das Refugee Squat „Orfanotrofio“ und das besetzte Wohnprojekt „Nikis“, in dem ebenfalls Geflüchtete leben. „Orfanotrofio“ wurde mittlerweile von Bulldozern zerstört und ist, so sagen Kontakte vor Ort, nicht mehr bewohnbar. Die Besetzer vom „Niki“-Hausprojekt werden morgen Mittag dem Richter vorgeführt, von den anderen abgeführten Bewohnern gibt es bis jetzt noch keine Neuigkeiten. Die ungefähr 50 Geflüchtete aus den drei Häusern wurden erst zurück in Lager und dann wegen Platzmangel wieder zurück nach Thessaloniki gebracht. Seit heute Mittag besetzen GenossInnen in Thessaloniki die Büros von Syriza und planen auch mindestens bis morgen Mittag dort zu bleiben.

Ein besetztes Syriza-Büro
Es bleibt also die Frage wie es jetzt nach dem Camp weitergeht. Gestern hätte der Artikel vielleicht noch mit einem anderen Tonfall geendet, vielleicht sogar mit einem hoffnungsvolleren Ausblick. Gestern war das Haus noch besetzt und es gab zumindest das Gefühl eines ganz praktischen Teilerfolgs. Heute bliebt nur eins zu sagen: das No-Border-Camp hat gezeigt, dass es uns noch gibt. Wir sind frisch vernetzt, frisch motiviert, wir haben neue Ziele im Visier und die alten nochmal abgestaubt. Wir machen weiter mit linksradikaler Politik und kämpfen weiter für richtige Alternativen. Gerade die Räumung der drei Hausprojekte unter einer vermeintlichen Linksregierung hat nochmals gezeigt, dass nur eine linke Politik abseits von Parteien und Parlamenten das Ziel und der Weg sein können. Es geht nach dem Camp also weiter wie davor: Wir stolpern, wir stehen mit dem Rücken zur Wand, aber wir geben nicht auf und vor allem aber sind wir sind stinksauer.
– Aleksandra Gold