
Sensibles Cover des bürgerlichen Meinungsmagazins Nr.1 während der Pogrom-Zeit Anfang der 1990er : Der Spiegel, 37/1991
Die selbsternannte Mitte der Gesellschaft gibt sich überrascht. Häusliche Gewalt und Rassismus sind pfui. Dabei ist das alles gar nicht so überraschend.
Liebe Freundinnen und Freunde, in der letzten Zeit wurde ich vermehrt darauf hingewiesen, dass ich mich doch auch zum Fall Bushido in Zusammenhang mit dem Thema häusliche Gewalt äußern solle.
Ich frage mich nur, was man dazu sagen soll. Dass häusliche Gewalt ein ernstes Problem ist. Dass häusliche Gewalt schrecklich und schändlich und zu verurteilen ist? Dass rapztv.de allen Ernstes eine Umfrage startete, in der gefragt wurde, ob es korrekt sei, wenn jemand seine Frau schlägt? Was also soll man darüber schreiben, wenn das, was wirklich passiert ist, zur Zeit sowieso nur die BILD Zeitung weiß? Das Springer-Blatt scheint tatsächlich bestens informiert zu sein und so hatte das andere Kampfblatt des Verlagshauses auch schon am letzten Sonntag eine Begründung parat, warum Bushido so ist, wie er anscheinend ist.
„Bushido – ein ganz normaler Proll“ hieß es da auf der Titelseite der B.Z., mit Verweis auf die Unterschichtenherkunft des Rappers, ganz so als wäre häusliche Gewalt ausschließlich ein Neuköllner Hartz IV Problem. In den gutsituierten Bildungsbürger-Haushalten der Zeitungsredakteurswelt hat Gewalt gegen Frauen natürlich keinen Platz, auch wenn das erstens gar nicht stimmt, und man zweitens am alten Weltbild der männlichen Überlegenheit gnadenlos festhält. Gerade bei Springer und seinen Schmutzblättern. Häusliche Gewalt ist ein Problem, das sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht und auf einem Weltbild beruht, in dem der Mann sich nach wie vor der Frau überlegen wähnt. Eine Philosophie, die sich augenblicklich wieder größerer Beliebtheit zu erfreuen scheint, wie die zahlreichen Publikationen der sogenannten Pickup Artists beweisen, in denen Frauen lediglich als Beute beschrieben werden, die es zu erlegen gilt. Rap Musik ist in diesem Zusammenhang übrigens nicht unbedingt die beste Methode, um sich wirklich kritisch mit diesem männlichen Dominanzverhalten auseinander zu setzen. Entspricht aber auch nicht unbedingt dem Trend, wenn man sich anschaut, dass eine Partei wie die AfD mit einer Kampagne wie „Ich bin kein_e Feminist_in“ (ohne Gendergap versteht sich) Punkte sammeln kann oder sich im Wahlprogramm gegen den „Genderwahnsinn“ aus Brüssel stark macht.
Abgesehen davon, dass weite Teile der männlichen CDU/CSU sehr
darunter leiden, dass sie in ihrer Partei nicht mehr so klar Kante in Sachen Männlichkeit zeigen dürfen, würden all die Vertreter der männlichen Vorherrschaft selbstverständlich leugnen, dass häusliche Gewalt aus so einem Denken entspringt, und diese ebenfalls aufs schärfste Verurteilen. Im Falle von Bushido würde dann wahrscheinlich eher die orientalischen Herkunft des Beschuldigten herhalten müssen und die Mentalität: „Die sind halt so“, was dann auch gleichzeitig als Beweis herhalten müsste, dass genau solche Leute hier nicht herpassen.
Und so wird fleißig einsortiert, nach den unterschiedlichsten Kriterien, die zwar nicht unbedingt zueinander passen und auch nichts miteinander zu tun haben aber je nach Lust und Laune und Weltbild, zu einen oder anderen Erklärung taugen. Unten – oben, gut – schlecht, Morgen – Abendland, Herkunft, Geschlecht, behindert oder nicht, schwul – lesbisch – hetero. Was auch immer. Auch wenn nichts von alle dem stimmt, dem braven Normalbürger gefällt es, weil irgendeine Ordnung muss ja schließlich sein.
Das bringt dann wiederum auch das Phänomen Pegida zum Ausdruck, dem großen Erfolgsmodell der neuen Rechten, die den montäglichen Stadtspaziergang in Dresden mittlerweile schon als gesunde Immunreaktion des Volkskörpers gegen die Krankheit der Überfremdung feiert. Die Bewegung selbst verkauft sich als Aufstand der Gerechten, gegen die politisch korrekte Mainstream-Presse und die etablierten Parteien, denen sie vorwerfen, den Volkstod zu betreiben. Sie geben sich als unerschrockene Kämpfer, die mutig gegen den linksalternativen-Multikulti-Terror anmarschieren. Die Politik gibt sich geschockt und spricht auf der

Spricht sich gegen PEGIDA aus, vertritt aber zum Teil ähnliche Positionen: Bundeskanzlerin Angela Merkel
einen Seite von einer „Schande für Deutschland“ und von einer „unappetitlichen Schmutzkampagne“. Auf der anderen Seite kommen aber wie selbstverständlich all jene aus ihren Löchern gekrochen, die auf die „berechtigten Ängste der besorgten Bürger vor Überfremdung“ eingehen müsse und man könne ja nicht alle, die da mitlaufen als „Nazis diffamieren“. Recht hat in diesem Zusammenhang keiner, weil keiner wirklich verstehen will, was da wirklich passiert.
Festzuhalten bleibt, dass es tatsächlich in ihrer überwiegenden Mehrheit keine Nazis sind, die da marschieren, auch wenn sich organisierte Nazi-Strukturen beteiligen. Die meisten von ihnen haben keine nationalsozialistische Weltanschauung und mit Hitler wenig am Hut. So etwas wie in Dresden kann dieser Staat Bundesrepublik Deutschland schon ganz alleine hervorbringen. Festzuhalten bleibt dann aber auch, dass die unerschrockenen Abweichler vom Mainstream gar keine Abweichler sind. Die braven Bürger von Dresden sind vielmehr das Produkt eines Staates, der selber ganz gern die Grenzen dicht macht und der selber daran glaubt, dass man die Leute einsortieren muss, nämlich danach, ob sie von Nutzen sind oder nicht.
Auch die offiziellen Vertreter der Bundesrepublik Deutschland sind fest davon überzeugt, dass jeder genau den Platz in dieser Gesellschaft bekommt, den er verdient. Dass da dann manche eben keinen Platz haben, versteht sich von selbst und so finden sich in der aktuellen Flüchtlingsdebatte zahlreiche Statements, die sich in keinster Weise von den „unappetitlichen“ Forderungen der Dresdner Wutbürger unterscheiden.
So erklärte Frau Dr. Merkel, immerhin Bundeskanzlerin unserer nationalen Veranstaltung namens Bundesrepublik Anfang November im Rahmen eines Gottesdienstes in Templin zur Aufnahme von Geflüchteten: „Es ist vielleicht noch weniger christlich, wenn wir zu viele aufnehmen und dann keinen Platz mehr finden für die, die wirklich verfolgt sind.“
Die CSU warnt immer noch vor Armutszuwanderung und malt das Schreckgespenst von unkontrollierbaren Flüchtlingsströmen an die Wand, die sich wahlweise in unsere soziale Hängematte legen oder uns die Arbeitsplätze klauen wollen (manchmal kommt man da durcheinander) und allerorten wird die Unterbringung von Geflüchteten zu einer unüberwindlichen Aufgabe erklärt.
Und auch mit der Angst vor dem Islam befinden sich die patriotisch-europäischen Kreuzritter von Dresden in der guten Gesellschaft des Mainstreams. Heiner Geißler erklärt die Angst vor dem Islamismus für berechtigt und auch wenn die politisch-korrekt-lackierte und von den Demonstranten so verachtete „Systempresse“ das selbst gar nicht wahrhaben will, so machen sie die Propagandaschlacht,

Und ratlos fragen sich die Kommentatoren, woher PEGIDA nur die Idee einer Islamisierung Deutschlands nimmt
„wir“ gegen „die“ fast eins zu eins mit. Man braucht sich ja nur mal die Spiegeltitel des letzten halben Jahres anzusehen, die allwöchentlich an den Zeitungskiosken der Republik ausgestellt werden. Ganze sieben Titelblätter beschäftigen sich mit der feindlichen Bedrohung aus dem Morgenland und in einem Falls aus Afrika: „Das neue Gesicht des Terrors“, „Der Staat Erdogan“, „Der Staat des Bösen“, „Ebola, die entfesselte Seuche“, „Allahs gottlose Armee“, „Allein gegen den Terror / Der IS Vormarsch und der einsame Kampf der Kurden“ und „Der Dschihad Kult“ (mit einem Jugendlichen im IS-Hoodie).
Pegida, Hogesa und all die anderen Nein-zum-Heim-Fackelmärsche, Lichtelläufe oder wie der Dreck auch immer genannt wird, diese ganzen Veranstaltungen sind alles andere als revolutionär und unkonventionell. Das passt alles ganz gut ins Konzept der offiziellen Politik, die sich jetzt nur noch auf die Sorgen und Nöte ihres Staatsvolks stützen muss, um neue, schärfere Gesetze durchzusetzen. Denn wenn sich nun die Damen und Herren aus den Oberen Etagen der Macht auf zum Volk machen, um mit diesem zu reden, dann reden sie ja nicht über fehlende Kindergartenplätze, mangelnde Finanzierung der Schulen, den Personalnotstand in den Krankenhäusern oder die kümmerlichen Renten. All das ja auch Forderungen, die immer wieder von den ach so sozial engagierten Anti-Islam- und Asylbewerber-Aktivisten ins Feld geführt werden, mit der Begründung „Die Flüchtlinge kriegen‘s in den Arsch geschoben, und hier verrotten die Kindergärten und unsere Oma muss hungern.“ Nein darüber sprechen die Damen und Herren Politiker natürlich nicht mit den besorgten Bürgern. Sie sprechen lieber über die „berechtigten Ängste vor Überfremdung“ und versprechen die ohnehin schon geplanten und anstehenden Asylrechtsverschärfungen auch möglichst zügig umzusetzen. Ansonsten wird das Konzept der notwendigen weil nützlichen Zuwanderung verteidigt, dem sich im Übrigen auch die AfD anschließen kann.
Selbst wenn an den EU Außengrenzen noch zehn Mal mehr Geflüchtete im Zaun hängen bleiben und elendig krepieren, selbst wenn sich die Katastrophe von Lampedusa verhundertfacht. Mehr Geld im Sozialbereich wird es trotzdem nicht geben, mehr Rente, mehr Hartz IV und mehr Arbeitsplätze auch nicht. Da müsste man sich dann schon mal umdrehen und gegen ganz andere Verhältnisse demonstrieren – wäre ja eine Überlegung wert.


