[Szenetagebücher – Episode III] Hallo, wir sind´s, die Guten

29. August 2014

Fährst du zur Arbeit, zünd´ ich Dir die S-Bahn an. Kritik einer  entgleisten Form von Militanz

feuerundflammeEs ist nicht das erste Mal, dass einige Autonome meinen, einen Stromverteiler der Berliner S-Bahn anzünden zu müssen, um den „Normalbetrieb“ zu stören. Bereits im Mai 2013 fand eine derartige Aktion statt, vorgestern nun wieder. Ich will zwei Dinge vorweg schicken: Erstens, ich finde Militanz für eine radikale Linke unerlässlich. Zweitens: Militanz hat gewisse Kriterien zu erfüllen, will sie beanspruchen können, ein ernstzunehmender politischer Akt zu sein. Diese Aktion tut das nicht. Die Aktion – und mit ihr ihre Begründung, die immer notwendig ein Teil der Aktion ist, ja ohne die (egal ob sie explizit geäußert wird, oder implizit in der „Tat“ enthalten ist) die Aktion sinnlos ist – ist kontraproduktiv und schlecht begründet.

Sehen wir uns das „Bekennerschreiben“ an. Die Aktion wird in den Kontext der Refugeeproteste gestellt, was allerdings eine äußerliche Bezugnahme ist, denn es geht den AkteurInnen schlichtweg darum, dass es zu wenig „Betroffenheit“ gibt: „der pressesprecher der deutschen bahn drückte heute sein unverständnis über diese aktion aus und sprach davon, dass diejenigen, die getroffen wurden, die einfachen bürger*innen berlins und brandenburgs seien. diese sind es, die getroffen werden sollten. Getroffen deshalb, weil niemand mehr betroffen ist, weil wir in einer gesellschaft ohne verständnis und solidarität leben. es fehlt an betroffenheit für die dinge, die außerhalb der eigenen kleinen lebensrealitäten passieren. etwas, was dazu fehlen könnte, ist zeit.“ Deshalb wolle man jene, die „tagtäglich lethargisch in reih und glied [stehen], um auf ihre S-bahn zur arbeit, in die schule oder zum einkaufen zu warten“, aus ihrer Lethargie reißen und gleichsam zur Betroffenheit zwingen.

Es funktioniert nicht. Man hätte das wissen können, denn man sabotagekannte die Reaktionen auf den Kabelbrand im Mai 2013. Die übergroße Mehrheit der Betroffenen reagierte nicht mit der erwünschten „Betroffenheit“, sondern übernahm die Interpretationen, die die Massenmedien vorgaben: Ein Haufen ChaotInnen stört euch in eurem Leben. Euch, die ihr brav arbeitet, wollen die Faulenzer noch Steine in den Weg legen auf eurem ohnehin so harten Weg.

Das Bekennerschreiben suggeriert: Wir wollen den Fluß des kapitalistischen Alltags durchbrechen, damit die Leute innehalten und nun das „Macht- und Ausbeutungssystem“ als solches (Begründung 2013) oder die beschissene Situation der Flüchtlinge (Begründung 2014) erkennen. Nun haben wir keinen Grund zu glauben, dass das damit je erreicht wurde. Aus persönlichen Gesprächen, Kommentaren im Internet und der Einschätzung wie wir selbst reagieren würde, wären wir als unpolitische Arbeiterin gerade um 7 Uhr morgens auf dem S-Bahn-Gleis und hätten Stunden blöd in der Gegend rumzustehen, nur um dann später in einen dafür umso stressigeren Arbeitstag entlassen zu werden, wissen wir: Der Effekt, der angeblich erwünscht ist, tritt nicht ein. Niemand wird durch so eine Aktion AntikapitalistIn, niemand beginnt über die Situation der Refugees nachzudenken, niemandem öffnet so eine Aktion die Augen über die kapitalistische Ökonomie der Zeit oder den Charakter von Lohnarbeit.

Einige Passagen in dem Papier der Gruppe, die ihre Aktion erläutert, weisen auch darauf hin, dass ihnen das egal ist. Jedenfalls aber zeigt die „Analyse“ derer, die sie da treffen, dass das Weltbild, das sie antreibt, jedenfalls jede Menge Projektionsflächen und Klischees enthält.

In weiter Ferne das Übel

sabotage2„wer nicht in der lage ist zu denken, zu reflektieren, wer nicht versteht warum die eigene situation in absolutem zusammenhang mit dem übel der menschen in „weiter ferne“ steht, um die ist es nicht schade (…)“ – Die Passage lässt tief blicken. Wie die deutschen Romantiker des 19. Jahrhunderts das Gute in übergroßer Distanz vermuteten, so unsere autonomen Romantiker das „Übel“. Ähnlich wie Charity-Shows und Betroffenheitssendungen im Massen-TV meinen sie offenbar, dass Ausbeutung und Unterdrückung nur weit, weit, weit weg, irgendwo im Trikont existieren. Hierzulande existiert dagegen nur eine träge Masse wohlstandssatter Profiteure, die man triezen und pieksen muss, wo es geht, damit sie die eigene Privilegierung einsehen. Die in der S-Bahn zur Arbeit Fahrenden sind für die sich Bekennenden ein homogener Block, Teil einer „reichen Gesellschaft“. Gesellschaftliche Klassen gibt es in diesem Weltbild zumindest hierzulande keine.

An dieser Stelle etwas Empirie, wenn auch nur die Eingeschränkte meines persönlichen Blickes: Ich fahre jeden Morgen mit der S-Bahn in jene Scheisse, die man Lohnarbeit nennt. Ferner könnte man dem Reichtum dieser Gesellschaft zumindest hierzulande nicht sein. Putzfrauen, Büroangestellte, BauarbeiterInnen, manchmal Studenten, wenn sie früh dran sind, sitzen in diesen Bahnen. Und man wird sich wundern: Es ist nicht so, dass die Gespräche, die da geführt werden, von völliger Gedankenlosigkeit zeugen, wie das die BekennerInnen gerne hätten. Diejenigen, die nicht ohnehin noch halb schlafen oder in Erwartung eines weiteren sinnlosen Tages dahindämmern, reden über die viel zu hohen Mieten, über die Scheisse, dass man schon wieder in einen Job fährt, den man hasst, darüber, dass am Monatsende kein Geld mehr da ist, oder darüber, dass es einem schwer fällt der Tochter beim Studium zu helfen. Sicher gibt es da Leute mit Ressentiments und falschem Bewusstsein, sicher werden auch viele RassistInnen S-Bahn fahren. Aber die Menschen, die morgens zur Arbeit fahren, als homogene Masse verblödeter, zum Nachdenken unfähiger Maschinen zu stilisieren, die „ausschließlich (!!) rassistische stereotype“ im Schädel haben, ist schon sehr verwegen.

Es kommt dabei etwas zum Ausdruck, was in weiten Teilen der Überreste der einstigen autonomen Bewegung verbreitet ist: Man sieht sich selbst als eine Art erleuchtete Gemeinschaft, die im Unterschied zur schwachköpfigen Masse der Menschen den Durchblick hat. Man müsse den „deutschen Mehrheitspöbel in seiner Gesamtheit als Feind betrachten“, schreibt einE KommentatorIn auf Linksunten. Wir sind die Guten, die anderen sind die Dummen, zwischen uns und „denen“ ist eine unüberbrückbare Kluft. Sie sind der Feind.

Sicher, es gibt ein Gefälle zwischen den Unterdrückten in Ländern des Trikonts und der Peripherie und jenen in den Metropolen des Kapitals. Das haben von Lenin bis hin zu den sympathischen Bankräubern der Blekingegade-Gruppe zahlreiche anarchistische und kommunistische TheoretikerInnen gesehen und unterschiedlich reagiert. Diese aus ökonomischen wie sozialen Ungleichzeitigkeiten stammende Asymmetrie aber zu einem absoluten Bruch zu stilisieren – die „reiche Gesellschaft“ hier, das „Übel in weiter Ferne“ da – ist nicht nur falsch, es hat auch folgenden Effekt: Es wird nicht mehr möglich, die Situation der ReinigungsarbeiterInnen und prekär beschäftigten SelbstausbeuterInnen auf der einen Seite und die der Geflüchteten oder immer noch in ihren Heimatländern darbenden Habenichtse des Trikonts auf der anderen Seite als (potentiell) Grundlage ein und desselben Kampfes zu verstehen. Die Schiebetür der S-Bahn trennt die Welten. Die kroatische Putzfrau, neben der ich jeden Tag zur Arbeit fahre, sitzt in der S-Bahn und wird ob sie will oder nicht zum Teil des dummen, unreflektierten, „reichen“ und „rassistischen“ Kollektivs. Der Refugee muss wie immer draußen bleiben, auch aus der S-Bahn, darf dafür aber zur Projektionsfläche einiger Autonomen werden.

Militanz mit Fundament

zwille23Militanz sollte dabei das genaue Gegenteil leisten und derartige Kämpfe im Rahmen eines allgemeinen politischen Konzepts miteinander vermitteln. Militanz kann Sinn machen, schon weil sie den Ohnmachtserfahrungen gegenüber einer übermächtigen Staatsgewalt den Aufschrei derer, die genug davon haben, entgegensetzt. Wenn sie überlegt ist, und nicht der Selbstbestätigung dient, kann Militanz vieles und es gibt ihrer viel zu wenig, egal ob als massenhafter Widerstand oder in Kleingruppenaktionen.

Aber: Die Erfahrungen von Gruppen, die wesentlich mehr getan haben, als wir uns derzeit erträumen könnten, zeigen auch, wo die Knackpunkte liegen. „Man darf dem Gegner nie den Ausgang einer Operation überlassen“, erkannte die baskische ETA, nachdem sie „versehentlich“ bei einem Anschlag auf einen Supermark Unbeteiligte getötet hatte. Klar, man hatte bei den Bullen angerufen und gesagt, das Gebäude muss geräumt werden. Die Bullen haben´s nicht gemacht. Also: Nie eine Aktion, die man nicht von vorne bis hinten in der Hand hat. Aber auch: Das, was man tut, muss denen, die man gewinnen will, denen man zeigen will, dass es Widerstand gibt, vermittelbar sein. Man kann eine Aktion selber noch so schön finden, wenn sie sonst keiner versteht – aus welchen Gründen auch immer – ist sie nicht mehr als Selbstbefriedigung. Man geht nachhause, stellt sich vor den Spiegel und sagt sich: Du geiler Typ, du bist der letzte Aufrechte.

Ich will nicht unsolidarisch sein: Die Leute, die hier an den S-Bahn-Kabeln gefummelt haben, nehmen ein großes persönliches Risiko in Kauf. Und sie setzen sich einer von Massenmedien genüsslich betriebenen Hetzjagd aus, die sicher auch kein Spaß ist. Ich will nicht in den Chor einstimmen, der sich jetzt gegen sie erhebt. Ich will lediglich sagen: Denkt nochmal über das theoretische Fundament dessen nach, was ihr da fabriziert habt. Vielleicht kommt ihr ja auch zu dem Schluss, das schon dieses Fundament bröckelig ist. Sartre hat einmal gesagt: Wer die Menschheit liebt, muss hassen, was sie unterdrückt. Den zweiten Teil des Satzes habt ihr schon verstanden, jetzt könnte man damit anfangen, den ersten zu verstehen, nämlich auch jene zu lieben, die um 7 Uhr morgens mit der S-Bahn zur Arbeit fahren müssen.

– Von Fatty McDirty

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