Ob es auf der Fusion einen Zaun geben darf, oder nicht, ist die falsche Frage. Richtiger wäre die Frage: Wie verblödet ist eine Linke, die sich die Fusion zu einem politischen Projekt verklärt?
Wir wagen die steile These: So mies wir im internationalen Vergleich auch abschneiden mögen, geht es um Riots, Besetzungen, direkte Aktionen und Verankerung in der Bevölkerung, in einem Bereich sind wir dennoch Weltmeister. Kein Land hat mehr „Soliparties“ als Deutschland. Die „Soliparty“ ist die der Organisationsform „Szene“ entsprechende politische Praxis.
Das Statistiker-Team von lower class magazine hat in monatelanger Rechenarbeit herausgefunden: Im Schnitt werden täglich (!) vier Solitresen, Parties und Konzerte allein in Berlin von linken Gruppen oder in sogenannten Szenelocations veranstaltet (das sind nur die im Stressfaktor angekündigten, die Dunkelziffer ist wesentlich höher). Vier mal 365 ergibt 1460. Mindestens eineinhalbtausend Mal wird also jährlich auf Einladung der radikalen Linken Berlins gesoffen, gezubbelt und gekotzt.
Nehmen wir an, Veranstaltungen dieser Art ziehen im Durchschnitt
100 Besucher an (das ist eine Schätzung, dürfte aber durchaus hinkommen, zieht man in Betracht, dass es Parties mit über 1000 Gästen gibt), und gehen wir weiter davon aus, dass jede und jeder Anwesende im Mittel 5 Bier konsumiert (auch das ist eine – übertrieben – konservative Schätzung. Schnaps, Likör und Benzin wurde hier aus Gründen der Vereinfachung in Bier umgerechnet). Es ergibt sich ein Jahresverbrauch von 365 000 Litern Bier.
Nun sind wir keine Kostverächter, auch keine Mönche, und finden an einer guten Party nichts auszusetzen. Die „Soliparty“ ist aber nicht einfach eine Party. Sie ist das zur politischen Aktion verklärte Komatrinken. In der Szene säuft man nicht einfach, man ist schließlich kein Proll mit Goldkettchen und McFit-Body, Man säuft soli und kann sich dessen gewiss sein, dass das individuelle Glücksgefühl nach der vierten Line Speed und dem zehnten „Soli-Cocktail“ schon der Vorschein des künftigen Glücks aller ist.
Kein Event verkörpert diese Einstellung besser als die Mutter aller Soliparties, die Fusion. Hier erreicht die pseudo-revolutionäre Verbrämung alltäglicher hedonistischer Drogen- und Saufkultur ihren Höhepunkt: „Vier Tage Ferienkommunismus ist das Motto der Fusion. (…) So verschieden wie die Menschen, die sich hier zusammenfinden, ist das, was sie hier suchen und erleben. Was sie vereint, ist die Freiheit, sein zu können wie sie sein wollen: Zwanglos und unkontrolliert.“ Der bürgerlich-individualistische Irrglaube, „zwanglos und unkontrolliert“ das sein zu dürfen, was man ohnehin schon ist, Konsummonade auf Ecstasy, kommt hier zusammen mit der Einsicht, dass es den richtigen Rausch im Falschen doch geben kann, wenn es einem gelingt, sich ausreichend weit in eine „Parallelgesellschaft“ zu entrücken: „Fernab des Alltags entsteht für vier Tage eine Parallelgesellschaft der ganz speziellen Art. Im kollektiven Ausnahmezustand entfaltet sich an einem Ort ohne Zeit ein Karneval der Sinne, in dem sich für uns alle die Sehnsucht nach einer besseren Welt spiegelt.“
Nicht in der gemeinsamen Praxis kämpfender RevolutionärInnen, sondern im chemieinduzierten „Karneval der Sinne“, dem Wunschzustand sämtlicher Esoterikgurus, erscheint uns die zukünftige Gesellschaft, samt rosa Elefanten und Kaninchen mit Teekanne. „Weil es aber keinen Ort nirgends gibt, wo die Menschen frei sind, ist es gerade die Vereinigung der FusionistInnen aller Länder und der Ferienkommunismus, der uns spüren lässt, dass wir mehr wollen, als das, was uns in diesem Leben geboten wird.“ So leicht sind wir zufrieden zu stellen. Das „Mehr“, das wir wollen, ist der „Karneval der Sinne“, den wir uns im Görlitzer Park jede Woche für nen Zehner kaufen können.
Die Verklärung der Fusion ist ein Marketing-Gag, der zieht. Andere Parties werben mit Wet-T-Shirt-Contests, Schlagersängerauftritten oder Flatrate-Saufen, wir machen eben in Ferienkommunismus. Weil es aber nun viele gibt, die die Verkaufsstrategie Ferienkommunismus tatsächlich ernst nehmen, entbrannte dieses Jahr eine Debatte im Vorfeld der Fusion, die doofer kaum sein könnte. Die Fusion hat nämlich ihren Zaun und ihr Wachpersonal verstärkt, weil sie wie jedes normale Festival auch eben kommerzielle Interessen hat und das tausendfache Über-den-Zaun-Klettern unterbinden wollte. Prompt gab das einen Aufschrei derer, die meinen, dass die „Parallelgesellschaft“ auch ohne Ticket erreichbar sein müsse und die sich durch Zäune an das europäische Grenzregime erinnert fühlten. Hunderte Poster kritisierten im Forum der Fusion den „Todesstreifen“, der sie von nun an vom Karneval der Sinne abschnitt.
Aber auch die, die per 100-Euro-Ticket den Wall überwanden, zeigten sich unzufrieden: „atzen, prolls, sexisten und kartoffeln…bin ich wirklich der einzige, der vom größten teil des diesjährigen publikums geschockt wurde!? nicht mal vom fußball hatte man seine ruhe, donnerstag abend, irgendwo im östlichen campingbereich, plötzliches lautes jubeln aus allen ecken, später erfuhr ich dann, dass deutschland da wohl ein tor geschossen haben muss…ekelhaft, die fusion ist tot, schon lange! und der zaun war nur der gnadenstoß“, schreibt User „Rosapowerranger“. Also wenn schon Parallelwelt, dann sollen die Widersprüche der moralisch widerwärtigen Lumpen da draußen einen auch nicht stören, während man sich in den Kommunismus zubbelt.
Wer trägt da nun Schuld? Die Veranstalter, die sich und anderen ein Festival zum Vorschein des Kommunismus verklären? Oder die, die oft genug gezubbelt haben, um das auch noch zu glauben? Würde man „Soliparties“ und Fusion nicht politisch verklären, gäbe es gar nicht so viel an ihnen zu kritisieren, denn sie sind ja nicht Ursache, sondern nur Ausdruck davon, dass die Schwäche der radikalen Linken hierzulande eben auch zur Flucht in den Rausch einlädt. Drückte man ihnen nicht auch noch das Siegel auf, irgendwas Politisches oder gar Emanzipatorisches zu sein, blieben sie schlichtweg Aktionen zur Finanzierung linker Strukturen. Irgendwie muss man Geld beschaffen, um Politik zu machen. Die FARC verkauft Koka, die Roten Brigaden überfielen Banken, wir sind eben als brave Deutsche im Gastgewerbe. Sich aber einzureden, dass der Party-Hedonismus in sich selbst schon eine politische Dimension hat, wirkt lächerlich.
– Von Fatty McDirty