Feminismus und die Befreiung des Mannes

Im Rahmen der Vorbereitungen des Internationalen Frauenstreiks, welcher zum 8. März 2019 auch in Deutschland in allen Lebensbereichen möglichst kraftvoll umgesetzt werden soll, kommt es immer wieder zu Debatten um die Rolle von Männer in diesem Streik. Unsere Autor/innen haben sich dazu einige grundlegende Gedanken gemacht.

Männer haben schon immer ein widersprüchliches Verhältnis zum Feminismus gehabt. Die einen haben ihn als Gefahr für ihre patriarchale Autorität und damit der herrschenden Gesellschaftsordnung wahrgenommen. Andere haben ihn als »liberal« oder »bürgerlich« abgelehnt und behauptet, er würde im Gegensatz zu den Klasseninteressen der Arbeiter*innen stehen.

Komplizierter wird es, wenn wir anerkennen, dass Kämpfe von Frauen nicht immer feministisch sind, und, dass Kämpfe mit anti-patriarchalem Charakter sich nicht immer affirmativ auf Feminismus beziehen. Tatsächlich lässt sich nicht von der Frauenbewegung und dem Feminismus sprechen. Fest steht aber: Feministische Kritiken wurden in breiteren sozialen und politischen Bewegungen erst dann ernst genommen, wenn Frauen sich aus Protest autonom organisierten oder genügend Männer für feministische Positionen eintraten.

Entstehung des Patriarchats und der Klassengesellschaften

Bereits 1884 legte Friedrich Engels eine anthropologische Studie zur Entstehung der Klassengesellschaften und des Patriarchats vor. Trotz Berufung auf Untersuchungen, deren Autoren ihr Wissen häufig aus Büchern kolonialer Forscher hatten, lassen sich einige wichtige Gemeinsamkeiten in verschiedenen vor-industriellen Gesellschaften erkennen. Engels schloss, dass die Entstehung patriarchaler Gesellschaftsformen, also Gesellschaften in denen das Vater-Recht herrscht und eine Gruppe von älteren Männern über die Produktionsmittel und Produkte einer Gemeinschaft bestimmt, mit der Entstehung der Klassengesellschaften zusammenfällt.

In dem Moment, als die Frauen kollektiv von der Kontrolle über die gemeinschaftlichen Produktionsmittel ausgeschlossen wurden, entstand ein Abhängigkeitsverhältnis gegenüber den Männern, welches so zuvor geschichtlich nicht existierte. Die Eigentümer*innen der Produktionsmittel waren also nicht mehr diejenigen, die diese für z.B. das Weben oder Verarbeiten von Fellen nutzen, sondern diejenigen, die dann die überschüssigen Endprodukte durch Handel tauschten und sich das durch den Tausch Erworbene aneigneten. Der Wandel von auf Mutter-Recht basierten gemeinschaftlichen Lebensformen hin zu patriarchalen Gesellschaften hing also direkt mit den sich verändernden materiellen Produktionsbedingungen zusammen.

Patriarchat und Männer

Wenn wir vom Patriarchat sprechen, meinen wir nicht eine zeitlose Gesellschaftsform, die sich durch beliebige Geografien und durch alle Zeiten zieht. Wir verorten patriarchale Strukturen immer geografisch und geschichtlich konkret. Genau so gibt es auch kein vorgesellschaftliches Geschlecht. Körper mit bestimmten Merkmalen werden binär, also gegensätzlich aufgetrennt und ihnen werden spezifische Eigenschaften gesellschaftlich zugeschrieben und beigebracht. Wir verwenden bewusst die Begriffe »Frau« und »Mann«, da sie im Kapitalismus Träger von Arbeitsfunktionen und nicht rein diskursive Konstrukte sind, wie bestimmte postmoderne Strömungen behaupten.

Es gibt also eine materielle Realität für »Frauen« und »Männer«. In diesem Rahmen verstehen wir patriarchale Unterdrückung, welche immer auch einen materiellen und damit ausbeuterischen Charakter hat, als Regulierungs- und Kontrollform von Körpern und ihrer (re-)produktiven Funktionen in Klassengesellschaften. Daher betrifft patriarchale Ausbeutung und Entmenschlichung nicht allein Frauen, sondern uns alle.

 

Schon die Durchsetzung der elterlichen Autorität, der kindlichen Unterordnung und der jeweiligen geschlechterspezifischen Rollenzuteilungen erfolgt über psychische und physische Gewalt. Eine frühkindliche Traumatisierung, durch die Söhnen antrainiert wird, sich ihrer Gefühle und Bedürfnisse zu schämen und diese zu unterdrücken, ist die Grundlage einer patriarchalen Erziehung.

Da »große Jungs nicht weinen«, werden die dabei erlittenen Schmerzen als notwendiger Prozess der Mannwerdung verklärt. Gewalt, Stärke und Rücksichtslosigkeit erscheinen dadurch als Ausdruck männlicher Durchsetzungsfähigkeit. Emotionalität, Verletzlichkeit und Fürsorge werden gleichzeitig zu Eigenschaften weiblich konnotierter Schwäche.

Die durch Zwang und Konsens hergestellte Hierarchie zwischen den Geschlechtern findet sich auch unter Männern wieder. Durch rassifizierte, sexualisierte und weiter segregierte Klassenzusammenhänge werden Männer in ein gegenseitiges Konkurrenz- und Unterdrückungsverhältnis gesetzt. Nicht-heterosexuelle Praktiken sowie nicht hegemonial männliche Identitäten werden als »verweiblicht« oder gar als (körperlich oder geistig) »krank« dargestellt und brutal unterdrückt. Besonders in der deutschen Mehrheitsgesellschaft wird patriarchale Gewalt rassifiziert (Stichwort »Ehrenmorde«) und als Ausdruck einer »rückständigen Kultur« außerhalb des weißen deutschen männlichen Selbst gestellt.

Erst durch diese vielfältigen Unterscheidungen entsteht ein vorherrschendes männliches Handlungs- und Orientierungsmuster. Zwar entsprechen nur wenige Männer diesem hegemonialem Männlichkeitsbild – weiß, körperlich stark, rational, durchsetzungsfähig, emotionslos – doch profitieren viele indirekt von den Ausschlussmechanismen, die hierdurch geschaffen werden. Die Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen von Männern verschwinden so unter dem naturalisierendem Schleier der verinnerlichten Geschlechtsidentität.

Staat, Gewalt und Klassenkampf von oben

Ob die selbsternannten »Lebensschützer*innen«, die Verschärfungen der globalen Grenzregime durch Regierungen oder die faschistischen Vorstellungen von einem »gesunden Volkskörper«: Allen gemeinsam ist eine patriachal-heterosexistische Norm, die sich mit anderen Diskriminierungsformen verbindet, um die Überausbeutung bestimmter Körper – weiblich, rassifiziert etc. – global zu bestimmen.

Die Vorstellung von Frauen als »schwaches Geschlecht« führt zu ihrer Entrechtung und der kapitalistischen Herrschaft über weibliche (Re-)Produktion. In Kombination mit rassistischen Stereotypen, die nicht-weiße männliche Körper durch die westliche Übersexualisierung auch als patriarchale Gefahr wahrnimmt, wird so die Diskriminierung und Ermordung von migrantischen und/oder schwarzen und/oder braunen Männern ideologisch legitimiert.

All das entspringt der Notwendigkeit des Kapitalismus, Menschen zu vereinzeln, um den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit zu verschleiern. Denn Gewalt ist Männern nicht inhärent, sondern ist als Normalfall tief verwurzelt in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Diese bringt notwendigerweise gewaltvolle, toxische Männlichkeiten durch ihre gesamten Institutionen systemisch hervor.

Zwar existierte patriarchale Gewalt schon vor kapitalistischen Gesellschaften, doch wandelte sich ihre Form und Funktion im Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus entschieden. Die herrschende Klasse hat in dieser Phase verschiedenste Spaltungsformen zur Unterdrückung der Menschen – wie Geschlecht – entscheidend verschärft.

Dabei diente patriarchale Gewalt der Etablierung der männlichen Herrschaft über alle Bereiche des Lebens und befördert damals wie heute jegliche Form von Gewalt bis hin zum Mord. Der zugrundeliegende Mechanismus ist an sich noch derselbe und global wirksam. Einigen Menschen werden Vorteile im System zugestanden, damit sie an der Ausbeutung und Unterdrückung anderer teilnehmen. Silvia Federici beschreibt dies besonders eindringlich in „Caliban und die Hexe“ (1998). Insgesamt werden durch die patriarchale Strukturierung der Gesellschaft einige Männer in eine privilegiertere Position gehoben, allerdings mit einem tödlichen Boomerangeffekt für die Mehrheit der Männer: von Aggressivität und Konkurrenz im Alltag bis zu gegenseitiger Tötung im Krieg. Die dominante Sozialisierung von Männern tötet nicht nur Frauen und Kinder, sondern auch sie selbst.

Es stimmt dementsprechend, dass Männer im Kapitalismus mehr Zugänge zu Weiterbildung, Jobs sowie zu einem sichereren (Über-)Leben haben als viele Frauen. Doch geschieht dies zum Preis der Aufgabe ihrer Klassensolidarität und dem Verlust ihrer kollektiven Macht als Arbeiter*innenklasse, welche auch von Frauen, nicht-binären Menschen und Kindern ausgemacht wird. Der Preis ist die Selbstentfremdung als Menschen, denn solange sie andere (mit)unterdrücken, sind sie nicht wirklich frei.

Männern heraus zum Frauenstreik!

Da uns patriarchale Geschlechterrollen gesellschaftlich vermittelt werden, halten wir es für falsch in individualisierten Schuldzuweisungen zu versinken. Es entbindet uns aber nicht von unserer Verantwortung, gegen jegliche Unterdrückung auch individuell zu kämpfen, indem wir immer wieder Verantwortung für unser Verhalten übernehmen und aktive Transformationsprozesse eingehen.

Frauenräume sind nach wie vor wichtig und ermöglichen es Frauen, anders mit der eigenen Biografie umzugehen bzw. Gemeinsamkeiten der erlebten sexistischen Realität herauszuarbeiten, zu analysieren und kollektive praktische sowie politische Handlungsmöglichkeiten für Widerstand zu finden. Die Vorstellung, Männer hätten keine eigene Subjektivität in feministischen bzw. anti-patriarchalen Kämpfen ist für uns analytisch falsch und taktisch verheerend.

Denn eine gesamtgesellschaftliche Veränderung kann nur stattfinden, wenn – neben nicht binären Menschen – auch Männer eine klare anti-patriarchale, klassenkämpferische Position finden und die eigene Subjektivität im Kampf gegen Patriarchat und Kapital entdecken.

Der am 8. März 2019 anstehende Frauenstreik in Deutschland ist eine unter vielen Möglichkeiten dies konkret zu tun. Flyerverteilen, Poster kleben und die Kinderbetreuung sowie die Schaffung von Infrastruktur während der mittlerweile sich wöchentlich treffenden Frauenstreik-Komitees zu übernehmen, sind notwendig und wünschenswert, reichen aber unserer Meinung nach nicht aus.

Männer können am 8. März gemeinsame Betriebssitzungen mit Frauen organisieren oder Frauen-Betriebssitzungen teilnehmend unterstützen. In politischen Zusammenhängen können Männerversammlungen organisiert werden, um zu diskutieren, was das Patriarchat mit Männern, in all ihren Unterschieden macht. Welche Rolle kommt dabei den dominanten Vorstellungen von Sport, Pornografie und Wettbewerb zu? Welchen Einfluß haben patriarchale Geschlechterrollen auf das eigene Verständnis von Beziehungen, Liebe, Sexualität und Sorge? Und wie können nachhaltige Transformationen aussehen, die Männer bestärken mit dieser Subjektposition als Kämpfer gegen patriarchale Spaltungsversuche einzutreten?

Vom Reflektieren der eigenen Denk- und Handlungsmuster, über Diskussionen im Freundes- und Bekanntenkreis, um patriarchale Solidarität aufzubrechen und andere Männer zur Verantwortung zu ziehen, bis hin zu einer aktiven Rolle in kollektiven Kämpfen: auch Männer haben eigene feministische und anti-patriarchale Interessen und müssen an Kämpfen zu unserer aller Befreiung teilnehmen. Dabei dürfen sie nicht auf die Frauen warten, die ihnen fertige Aufgaben übergeben. Es ist auch für sie Zeit sich eigenständig zu organisieren.

 

# Von Eleonora Roldán Mendívil und Bahman Wardasbi

Ein Gedanke zu „Feminismus und die Befreiung des Mannes“

  1. „Trotz Berufung auf Untersuchungen, deren Autoren ihr Wissen häufig aus Büchern kolonialer Forscher hatten, lassen sich einige wichtige Gemeinsamkeiten in verschiedenen vor-industriellen Gesellschaften erkennen.“

    Wieso „trotz“?
    Wollen die Autoren dieses Artikel etwas behaupten, dass die Eigenschaft „kolonialer Forscher“ gemeinhin richtige Erkenntnisse verunmöglicht?

    Das ist so saudumm, ich mag garnicht weiterlesen…

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