Afrin-Solidarität: Der Hauptfeind steht im eigenen Land

Wie weiter für Afrin? Zu den Aufgaben des Widerstands nach der Einnahme der Stadt Afrin durch die türkischen Besatzer

Dschihadistische Banden ziehen, plündernd und mordend, durch den gesamten Kanton Afrin – inklusive der gleichnamigen Provinzhauptstadt. Die Lage ist unübersichtlich, klar ist aber bislang, dass sich die Hauptkampfverbände der Verteidiger*innen Nordsyriens aus der Stadt zurückzogen, wohl um den verlustreichen Kampf Straße um Straße, Haus um Haus zu vermeiden. Viele tausende Zivilist*innen wurden evakuiert, es verbleiben aber auch noch Menschen in dem besetzten Gebiet. Sie sind dem Terror diverser dschihadistischer und nationalistischer Kräfte ausgeliefert.

YPG und YPJ haben das Gebiet nicht vollends aufgegeben. Sie fahren eine Strategie der Nadelstiche mit gezielten Guerilla-Aktionen. Einige davon finden – wie gestern bei Bilbile – weit im Hinterland der Besatzer statt.

Der türkische Autokrat Erdogan hat indes angekündigt, schon bald weiter vorrücken zu wollen, nannte Kobane und Qamislo als weitere mögliche Ziele. Sowohl Russland wie auch die USA – als die beiden Hauptkräfte im Syrienkrieg – scheinen ihren protürkischen Kurs dennoch beizubehalten. Deutschland, ohnehin traditionell einer der engsten Partner Ankaras, macht ebenfalls keine Anstalten jenseits des Ausdrückens verbaler „Besorgnis“ irgendwelche Konsequenzen ziehen zu wollen.

Wertet man die bisher gelaufene Kampagne zur Verteidigung Afrins in Deutschland aus, so muss man selbstkritisch feststellen, dass es nicht gelungen ist, eine gesellschaftlich breite, unterschiedliche Widerstandsformen einschließende, gemeinsame Front zu bilden. Die Proteste werden weitestgehend getragen von der kurdischen Bewegung selbst und einem Großteil der linksradikalen und linken außerparlamentarischen Gruppen. Letzteres ist positiv zu bewerten. Jedoch blieb eine Beteiligung gewerkschaftlicher Kreise, der früheren Friedensbewegung oder bürgerlich-liberaler Schichten weitgehend aus.

Ebenfalls in Teilen positiv zu bewerten ist aus unserer Sicht die militante Kampagne #fight4afrin. Die – immer noch laufende – Kampagne hat Druck erzeugt, sie ist auch unter den Kämpfenden in Afrin sehr positiv aufgenommen worden. Insbesondere direkte Aktionen gegen deutsche Kriegsprofiteure – Rüstungskonzerne, Banken und die herrschenden Parteien – sind praktische Signale internationaler Solidarität.

Medial ist es uns nicht ausreichend gelungen, unsere Positionen in die Gesellschaft zu tragen. Die großen Tageszeitungen und Medienanstalten haben seit Beginn dieses Krieges auf eine Mischung aus Verschweigen und Desinformation gesetzt, wobei mit der Besetzung Afrins deutlich letztere in den Mittelpunkt rückt, da ein Verschweigen kaum noch möglich ist.

Was könnten wir nun tun, als Genoss*innen jener Revolution, die gerade in die Mangel genommen wird? Zunächst einmal: Nicht verzweifeln. Die Bilder sind schwer zu ertragen, all das Leid und all die Toten. Aber umso mehr dürfen wir nicht klein beigeben. Umso mehr können wir uns nicht zurückziehen und Trübsal blasen. Denen, die diese Verbrechen verursachen, können wir nicht kampflos weichen.

(1) Wir sollten darauf setzen, jenen Quellen der kurdischen Bewegung, die von vor Ort berichten, mehr Reichweite zu verschaffen. Darunter fallen vor allem die Seiten des „Information Center of Afrin Resistance“, aber auch Nachrichtenagenturen wie ANF oder ANHA sowie die Veröffentlichungen von YPG/YPJ und anderen Gliederungen der kurdischen Bewegung. Natürlich sind auch diese zu kontextualisieren, aber im Moment werden diese Quellen im Unterschied zu klar parteiischen wie der in London betriebenen „Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ oder der staatlichen, türkischen Anadolu Ajans zu wenig gehört.

(2) Die Gesamtlosung des Widerstands muss sein: Die Türkei und ihre befreundeten Dschihadisten müssen raus aus Nordsyrien. Der Krieg muss nicht nur beendet werden, sondern die Besatzung muss rückgängig gemacht werden. Das aber ist keine durch die deutsche Linke auch nur irgendwie durchsetzbare Forderung. Die einzigen, die das erreichen können, sind die Freund*innen im Norden Syriens.

Was aber ist ein erreichbares Ziel für uns hier? Die deutsch-türkische Kollaboration so sehr zu schwächen, wie es in unserer Macht steht. Indem wir sie öffentlich bloßstellen, in dem wir sie überall zum Thema machen, wo wir können, aber auch, indem wir direkt den reibungslosen Ablauf des Waffenbetriebes in diesem Land stören, wie auch immer wir können.

(3) Die bisher bereits bestehende Aufgabe, breitestmögliche Bündnisse zu schaffen, bleibt bestehen. Allerdings ist darauf zu achten, dass nicht liberale, den Protest befriedende Mentalitäten überhand gewinnen. Der Minimalkonsens, andere Aktionsformen als die eigene zumindest nicht öffentlich schlecht zu machen, sollte auch in dieser Bündnisarbeit bestehen.

Es sind außerdem auch nicht wir, die diesen Konflikt zugespitzt haben oder derzeit zuspitzen. Es ist der deutsche Staat, mit dessen Waffen unsere Genoss*innen ermordet werden, der ihn zugespitzt hat. Bunte Wände, kaputte Scheiben, brennende Bundeswehrfahrzeuge sind da noch eine sehr gemäßigte Reaktion. Wenn die Öffentlichkeit über Gewalt reden will, sind wir die letzten, die davor zurückscheuen. Die wirkliche Gewalt, der Massenmord, liegt in Afrin offen zu Tage. Alle können ihn sehen.

(4) Der Kampf wird ein sehr lange andauernder. Wir haben in Deutschland den Nachteil, dass wir nicht schon in den Jahrzehnten zuvor eine gut verankerte, gesellschaftlich relevante Linke aufgebaut haben, auf die wir jetzt zurückgreifen könnten. Nichts desto weniger sollten wir jetzt nicht darauf verzichten, genau das zu tun. Wir schlagen zudem vor, das mit dem Kampf um Rojava zu verknüpfen und auch hier auf das Modell von „Kommunen“ mit verschiedenen Komitees zurückzugreifen, um spektrenübergreifende Institutionen direkter Demokratie in Nachbarschaften, Städten, Dörfern ins Leben zu rufen.

(5) Ohne Selbstverteidigung gibt es keine Selbstbestimmung. Wir müssen in der Lage sein, uns gegen unsere Feinde zu verteidigen. Angesichts des Apparats von Spitzeln, Schlägern und bezahlten Mördern, die der türkische Staat in Deutschland unterhält, sollte das selbstverständlich sein. Dasselbe gilt für die hier heimischen Staatsdiener.

(6) Der Zusammenschluss der verschiedenen Solidaritätszirkel und -Gruppen zu „Afrin-Verteidigungskomitees“ sollte in allen Städten vorangetrieben werden. Sobald es eine ausreichende Anzahl gibt, sollte überlegt werden, auf einem Kongress ein bundesweites Verteidigungskomitee zu schaffen, das als permanente Soli-Struktur weiterbesteht, egal wie die militärische Lage gerade ist. (möglichweise dann bereits als „Rojava-“ oder „Kurdistan-Verteidigungskomitee“, je nachdem, wo der nächste Angriff droht.)

In jedem Fall sollte uns diesmal gelingen, die jetzt möglichen Organisierungsprozesse zu nutzen. Während der Kobane-Solidarität ist es kaum bis gar nicht gelungen, die temporäre Aufmerksamkeit zu einer langfristigen zu machen – was sich während des Städtekrieges in Bakur schmerzlich bemerkbar machte. Die Afrin-Solidarität bietet jedenfalls die Möglichkeit, der internationalistischen Solidarität eine langfristige Basis zu schaffen, die Konjunkturen der medialen Hypes überdauert. Die Chance sollten wir nicht vertun.

Sehid namerin.

Biji berxwedana Afrine

An serkeftin an serkeftin

# Einige Internationalist*innen aus Deutschland

6 Gedanken zu „Afrin-Solidarität: Der Hauptfeind steht im eigenen Land“

  1. schräger weise sehe ich das größte problem „breitestmöglicher“ bündnisse nicht in „liberale(n), den Protest befriedende Mentalitäten“, sondern in gruppen, die unter dem deckmantel der kurdistan-solidarität versuchen, islamistische banden wie die hamas per „freiheit für palästina“ zu pushen. und so breit kann ich gar nicht sein, ein bündniss mit antisemit_innen einzugehen. biji berxwedana afrine!

  2. „Jedoch blieb eine Beteiligung … der früheren Friedensbewegung … weitgehend aus.“
    Einspruch: Am Ostermontag gab es bei der Demonstration gegen das Gefechtsübungszentrum Altmark (Colbitz-Letzlinger Heide) einen fundierten Redebeitrag von Leuten aus dem Wendland zu genau diesem Thema. Dreihundert Menschen haben zugehört und zugestimmt.
    Andererseits: Bürgerliche Medien sehen es schon lange nicht mehr als ihre Aufgabe an, über derartiges zu berichten. Deshalb tue ich es hier. Und es darf schon davon ausgegangen werden, dass die vielen anderen Ostermarsch-Aktionen ebenfalls nicht ohne Wortmeldungen zu Afrin abgelaufen sind.

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